Das Mittelalter war für Paris die Zeit, in der die Stadt als Residenz der kapetinginischen Könige von Frankreich zur Metropole aufstieg, um sich gegen Ende des Hundertjährigen Krieges als administratives und wirtschaftliches Zentrum Frankreichs zu etablieren und vom Königtum zu emanzipieren.

Vorgeschichte

Lutetia wurde etwa im 3. Jahrhundert v. Chr. am Übergang einer von Norden nach Süden führenden Straße über die Seine, auf einer in diesem Fluss liegenden Insel, der Île de la Cité, die den Übergang begünstigte, gegründet. Diese Straße ist auf der Insel die heutige Rue de la Cité (im Folgenden werden die aktuellen Straßennamen benutzt), die nach Norden in die Rue Saint-Martin (weiter stadtauswärts Rue du Faubourg Saint-Martin) mündet und nach Süden in die Rue Saint-Jacques (weiter stadtauswärts die Rue du Faubourg Saint-Jacques).

An die holzbefestigte gallische Stadt auf der Seineinsel schloss sich in der gallorömischen Epoche am linken Ufer der Seine (Rive gauche) rund um die Rue Saint-Jacques eine offene Siedlung an, es entwickelte sich ein Hafen und Lutetia wurde zu einem regionalen Zentrum. Im 3. Jahrhundert fiel die Siedlung am linken Seineufer der Völkerwanderung zum Opfer. Die Cité erhielt daraufhin Ende des 3. Jahrhunderts eine gemauerte Umfriedung, bei der die römische Brücke, die die Cité mit dem rechten Seineufer (Rive droite) und der Rue Saint-Martin verband, an ihrem nördlichen Ende durch ein Kastell (Châtelet) geschützt wurde. In dieser Zeit nahm Lutetia den Namen Paris an.

Paris zur Zeit der Merowinger und Karolinger

In der fränkischen Zeit ragte Paris noch kaum über die Insel hinaus, nur einige Bauten wurden außerhalb errichtet. Die großen Klöster auf dem linken Flussufer entstanden, die Abtei Sainte-Geneviève (damals noch Saints Apôtres Pierre et Paul) und die Abtei Saint-Germain-des-Prés im Westen (anfangs Sainte Croix, später Sainte Croix et Saint Vincent). Chlodwig I. († 511) wählte Sainte-Geneviève aus, um begraben zu werden. Chlodwigs Sohn Childebert I. machte Paris zu seiner Residenz und Saint-Germain-des-Prés zur zweiten königlichen Nekropole (Details siehe unter Kirchen und Klöster). Beim Tod Chariberts I. 567 war Paris allgemeine Hauptstadt der merowingischen Könige, woran auch der Sturm, der 583 das Seinetal verwüstete – die erste große und dokumentierte Überschwemmung – nichts änderte. Die Synode von 614, die zum Edictum Chlotharii führte, fand hier statt. Dagobert I. († 639), der in der Festung auf der Cité residierte, gründete den Markt von Lendit, der einer der größten des Mittelalters werden sollte, und machte die Abtei Saint-Denis im Norden zu seiner, der dritten und endgültigen königlichen Nekropole. In dieser Zeit taucht die Bezeichnung Paris dank des heiligen Eligius (Éloi) erstmals auf Münzen auf. Ebenfalls in Paris vollzog sich die Wiedervereinigung der fränkischen Teilreiche unter Chlothar II. († 629/639). Das linke Flussufer war nun erneut besiedelt, hier fand man acht der dreizehn merowingischen Friedhöfe, während weitere fünf sich auf der Insel befinden, nur einer auf dem Nordufer, in der Nähe des heutigen Hôtel de Ville.

Unter den Karolingern, deren Bindungen eher in Austrasien zu suchen sind, lag Neustrien – und damit auch Paris – nicht mehr im politischen Zentrum: die Festung wurde lediglich von einem Grafen gehalten (siehe Grafschaft Paris). Dennoch fand 829 in Paris noch eine der Synoden statt, die Ludwig der Fromme einberief, um die Nachfolge Karls des Kahlen, seines Sohnes aus zweiter Ehe, vorzubereiten. Karl der Kahle selbst kam nur dann noch zwei Mal in die Stadt.

Der Aufstieg der Kapetinger mini|Die Belagerung Paris' durch die Normannen im Jahr 866 (Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert)

Das Schicksal der Stadt nahm eine entscheidende Wende mit der Ankunft der Normannen und mit den neustrischen Grafen, die die Verteidigung organisierten. Die Normannen tauchten erstmals im März 845 vor der Stadt auf, verwüsteten die Umgebung und zogen wieder ab, nachdem Karl der Kahle ihnen ein Lösegeld gezahlt hatte. Sie kamen 856, 865 und 866 zurück, besetzten die Stadt diesmal und verließen sie unter ähnlichen Konditionen wieder. Karl der Kahle befahl schließlich die Wiedererrichtung der römischen Stadtmauer der Cité und der Befestigung der Brücken.

Ab diesem Moment spielte der Graf von Paris eine derart wichtige Rolle im Westfrankenreich, dass Graf Konrad († nach 862) aus dem Haus der Welfen – gemeinsam mit Gauzlin († 886), dem Abt von Saint-Germain-des-Prés – in die Versuche Ludwigs des Deutschen (um 806–876) eingreifen konnte, den nach dem Tod Ludwigs des Stammlers (879) vakanten Thron zu übernehmen.

Die Normannen erschienen im November 885 erneut vor der Stadt und belagerten sie bis Oktober 886 (siehe Belagerung von Paris (885–886)). Die Stadt wurde von Gauzlin verteidigt, der seit 884 Bischof von Paris war, seinem Nachfolger als Abt von Saint-Germain-des-Prés, Ebalus, und von dem neuen Grafen Odo von Paris (um 865-898), der auf Empfehlung Gauzlins ernannt worden war, dem ältesten Sohn von Robert dem Starken (X 866) – die Kapetinger betraten die Bühne der Stadt. Am Ende erreichte Karl der Dicke (839–888) durch Zahlung von 700 livres den Abzug der Normannen.

In dieser Zeit entwickelten sich rund um die Klöster erste Vorstädte, Faubourgs. Der Faubourg Saint-Marcel im Südosten war ab dem 6. Jahrhundert befestigt, verschwand im 9. Jahrhundert wieder und wurde im 10. Jahrhundert neu gegründet. Der Vorort Saint-Germain-des-Prés weiter westlich entwickelte sich im 9. Jahrhundert. Am rechten Ufer wuchsen in der gleichen Zeit zwei Siedlungen heran:

Saint-Germain-l’Auxerrois westlich der Nord-Süd-Achse und unmittelbar östlich des Louvre, heute ein Quartier im 1. Arrondissement (Louvre), und Saint-Gervais, heute ein Quartier im 4. Arrondissement (Hôtel de Ville).

die vom Wiedererstarken des Flusshandels profitieren, der vor allem am rechten Ufer der Seine anlandete. Weiter an der Straße nach Norden entstand die Ortschaft St-Martin-des-Champs (heute im 3. Arrondissement (Temple)).

Die Wahl Odos zum König des Westfrankenreichs wurde zum Glücksfall für Paris. Die Stadt war nun gemeinsam mit Orléans einer der Fixpunkte der Domaine royal der Familie Hugo Capets (941–996). Ohne schon eine richtige Hauptstadt zu sein, wurde Paris die bevorzugte Residenz der Könige Odo, des früheren Grafen von Paris, Robert I. (866–923) und Hugo Capet. Gefährdet wurde die Entwicklung noch einmal, als Hugo Capet Paris aus Dankbarkeit für die Unterstützung bei seinem Aufstieg seinem wichtigsten Ratgeber übergab, dem Grafen Burchard dem Ehrwürdigen von Vendôme († 1007), der die Stadt an seinen Sohn vererbte, Rainald, Bischof von Paris seit 991. Mit Rainalds Tod 1016 fiel Paris dann endgültig an die Krone zurück. Ab nun gab es in Paris keine Grafen mehr, lediglich Vizegrafen (Vicomtes) und ab etwa 1060 Vögte (Prévôts).

Paris wird das politische Zentrum Frankreichs mini|Der alte Louvre nach Viollet-le-Duc mit dem Grosse Tour im Zentrum mini|Das Palais de la Cité nach Viollet-le-Duc mini|Plan des Palais de la Cité nach Viollet-le-Duc

Wie Aachen bei den Karolingern, war Paris nun das Symbol für die Kapetinger geworden – der Feldzug Kaiser Ottos II. (955–983) 978 richtete sich gegen Paris und brach vor der Stadt zusammen, als der Kaiser, der sein Feldlager auf dem Montmartre aufgeschlagen hatte, ergebnislos abzog. Die ersten Kapetinger machten aus Paris ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort, und es war auch die einzige Stadt, die sie so behandelten, da sie den Rest ihrer Zeit nicht in anderen Städten, sondern auf den Burgen der Domaine royal verbrachten. Das Palais de la Cité wurde zu Beginn des 10. Jahrhunderts von Robert dem Frommen (972–1031) neu errichtet. Zu dieser Zeit wurde dann auch die römische Brücke abgerissen. Es blieb nun am großen Seinearm lediglich etwas flussabwärts die befestigte Große Brücke (Grand Pont, heute Pont au Change), die vermutlich Ende des 9. Jahrhunderts, nach dem Ende der Normannenüberfälle, gebaut worden war.

Noch 150 Jahre später, unter Ludwig VII. (1120–1180) war Paris weder die Hauptstadt des Königreichs noch das geografische Zentrum der königlichen Domäne, die sich zu der Zeit bis ins Berry erstreckte. Das Vexin, die Normandie (unter englischer Hoheit), das Chartrain und die Champagne (unter Hoheit des Hauses Blois, den mächtigsten Konkurrenten der Könige) liegen eine halbe Tagesreise von Paris entfernt, und stellen damit eine permanente Bedrohung für die Kapetinger dar. Paris ist lediglich die bevorzugte königliche Residenz, an der der König am häufigsten seinen Hof versammelt.

Erst Philipp August (1165–1223) machte aus Paris innerhalb von zwanzig Jahren eine tatsächliche Hauptstadt. Er gründete die Keimzellen für die zentralen Institutionen und gab damit seinem Reich die einheitlichen Strukturen, die aus ihm einen modernen Staat machen sollten: die Kanzlei, den Rechnungshof, das Schatzamt, die er alle in Paris ansiedelte. Und als Rahmen und Symbol dieser Zentralisierung ließ er – nicht innerhalb der Stadt, aber auch nur wenig von der Stadt entfernt – den dicken Turm des Louvre (grosse tour du Louvre) errichten, von dem aus er den königlichen Besitz bewirtschaften wollte.

Doch der Louvre bewies rasch, dass er den Anforderungen buchstäblich nicht gewachsen war. Gleichzeitig Festung und Gefängnis, manchmal auch Schatzkammer, kam er bald nicht mehr als königliche Residenz in Frage, wurde zu klein, um die französische Aristokratie und gelegentlich auch die englische oder deutsche zu empfangen. Hatte Ludwig der Heilige das alte Palais lediglich um die Sainte-Chapelle erweitert, so ging Philipp der Schöne (1268–1314) daran, an gleicher Stelle einen völlig neuen Palast zu bauen, den er Pfingsten 1313 mit einem Fest einweihen konnte, bei dem der englische König Eduard II. (1284–1327) anwesend war und drei seiner, Philipps, Söhne zu Rittern geschlagen wurden. Zum Tour Saint-Louis (heute Tour Bonbec) kamen der Tour d’Argent und der Tour de César hinzu, die Salle des Gens d'Armes, ein vierschiffiger Bankett- und Theatersaal, 64 mal 27,5 Meter groß, war das Zentrum des Palais.

Der König wohnte im Louvre oder östlich der Stadt, im Schloss Vincennes, wobei Letzteres ihm immer dann zugutekam, wenn es in der Stadt gärte und die Nutzung eines Ausweichquartiers angezeigt war. Karl V. (1338–1380), der Vincennes vergrößerte, erweiterte gleichzeitig den Louvre um zwei Gebäude, in denen es sich angenehmer residieren ließ als im engen Donjon Philipps Augusts, ließ aber auch das Hôtel Saint-Paul (auch Hôtel Saint-Pol) am Ufer der Seine oberhalb der Place de Grève ausbauen, das ihm dann sein bevorzugter Aufenthaltsort wurde.

Zwischen den Zeiten Ludwigs VI. (1081–1137) und Philipps VI. (1293–1350) hatten sich die politischen Gewichte in der Umgebung des Königs, nicht zuletzt aufgrund der Maßnahmen Philipp Augusts grundlegend verschoben. Hatte am Anfang noch der niedere Adel der Île-de-France mit Namen wie Garlande, Montlhéry und Montmorency die Macht für sich vereinnahmt bzw. herausgefordert (Le Puiset), so verschwand er in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von der politischen Bühne. Er machte Platz für zwei Arten von Politikern, den hohen Adel zum einen, zum anderen den Technokraten, Juristen zumeist. Die Krone ist nun nicht mehr eine Sache der Île-de-France. Zur Zeit Philipps des Schönen, findet man in den Positionen in Paris den Diplomaten, Ludwig von Évreux (1276–1319), der ein Halbbruder des Königs ist, den normannischen Ritter Enguerrand de Marigny (um 1260–1315) und die südländischen Legisten Pierre Flote († 1302) und Guillaume de Nogaret (um 1260–1313). Verträge werden nun in Paris geschlossen. Wie selbstverständlich war es dann auch Paris, in das zu Beginn des 14. Jahrhunderts jene Versammlungen einberufen wurden, die die Generalstände werden sollten, sowie am Ende des Jahrhunderts die Versammlungen, die die Position Frankreich gegenüber dem Abendländischen Schismas festlegten.