Der Platz der Vereinten Nationen ist ein Platz im Berliner Ortsteil Friedrichshain. Seine Vorgeschichte geht bis ins Jahr 1864 zurück, als er unter dem Namen Landsberger Platz angelegt wurde. Nachdem die umliegende Bebauung im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört worden war, wurde der Platz 1950 in Leninplatz umbenannt und ab 1968 nach Plänen von Hermann Henselmann durch Heinz Mehlan neu gestaltet. Er wird seitdem von einem Ensemble von Plattenbauten geprägt, das als einer der Höhepunkte des DDR-Städtebaus gilt, seit 1995 unter Denkmalschutz steht und zwischen 1995 und 2001 saniert wurde. 1992 erhielt der Platz seinen heutigen Namen.
Lage und Charakter Der Platz grenzt im Nordosten an den Volkspark Friedrichshain und geht im Südwesten in das bis zum Alexanderplatz reichende Wohngebiet Karl-Marx-Allee II über. Am nordöstlichen Ende wird er durch die Friedenstraße begrenzt, am südöstlichen durch die Strausberger Straße, im Süden endet der Platz an der Lichtenberger Straße bzw. Palisadenstraße. Über ihn verläuft in West-Ost-Richtung die Achse Mollstraße – Landsberger Allee, eine stark befahrene Hauptstraße.
Der Platz ist zentral gelegen und verkehrstechnisch gut erschlossen. Drei Straßenbahnlinien (M5, M6, M8) und eine Omnibuslinie (142) queren den Platz, etwa 600 m südlich befindet sich der U-Bahnhof Strausberger Platz der Linie U5.
mini|352px|links|Die fünf Gebäude 10px am Platz der Vereinten Nationen
Die an die Straßen angrenzenden Freiflächen vor den Gebäuden sind (mit teilweiser Ausnahme des Südwestabschnitts) als Grünanlagen mit einer Gesamtfläche von über 30.000 m² ausgeführt, denen stadtklimatisch hohe Bedeutung zukommt. Sie kühlen den Platz und führen zugleich von Norden aus dem Volkspark Kaltluftströme nach Süden. Die Auswirkungen des starken Verkehrs, darunter hohe Lärmbelastungen, mindern allerdings die Aufenthaltsqualität in den Grünanlagen, die daher im Wesentlichen als Übergangsflächen zwischen Wohn- und Straßenraum dienen.
Geschichte
Vorgeschichte – Landsberger Tor und Platz seit dem 19. Jahrhundert mini|Gegend vor dem Landsberger Tor, 1846
An der Stelle des heutigen Platzes befand sich seit dem 18. Jahrhundert das Landsberger Tor, für das 1802 mit dem Ausbau der Berliner Zoll- und Akzisemauer ein massives Torgebäude errichtet wurde. Die Gegend war traditionell ein Areal von Viehhandel und Schlachthöfen, seit 1825 auch Sitz des Quasimonopolisten Klaegerscher Viehmarkt. Auf Beschluss der Berliner Stadtverordnetenversammlung von 1840 wurde zwischen 1846 und 1848 vor dem Tor zu Ehren Friedrichs II. der Friedrichshain errichtet. Die Parkanlage, deren Haupteingang sich zum Tor hin öffnete, wurde (im Gegensatz zum gediegenen Tiergarten) vor allem durch die Arbeiter der nahen Königsstadt und der Stralauer Vorstadt genutzt. In einem Gedicht hielt Gottfried Keller Anfang der 1850er Jahre seinen Eindruck eines Sonntags im Friedrichshain mit den Worten fest: „Aus den Thoren summt und brummt es, / Und das Weichbild schwirrt von Geigen; / Fernhin watet in dem Sande / Staubaufregendes Volk Berlins.“
mini|Landsberger Platz um 1910. Rechts der Volkspark, Mitte links steht heute das Wohnhochhaus, am linken Bildrand beginnt der „Bumerang“
Nach der Demontage von Tor und Mauer erhielt der Platz zunächst den Namen Am Landsberger Thor. War die Gegend noch in den 1850er und 1860er Jahren nur wenig bewohnt, schob sich ab den 1860er Jahren die Bebauung von der Innenstadt her näher an den Platz heran. Anfang der 1870er Jahre bildeten sich am Platz illegale Barackenlager, in denen obdachlos gewordene Berliner, darunter auch zahlreiche Familien, Unterkunft fanden. Im AugustZum Monat: Jan Oberländer: Historische Häuserräumung in Friedrichshain: Rauswurf aus Barackia. In: Tagesspiegel vom 6. Februar 2011, zuletzt abgerufen am 17. April 2024. 1872 rückte in der Nacht Polizei an und räumte das Barackenlager,Axel Weipert: Krawall im Kiez. Wie es 1872 zu Unruhen in den Arbeitervierteln kam. In: Philipp Mattern (Hrsg.): Mieterkämpfe vom Kaiserreich bis heute – das Beispiel Berlin. Bertz + Fischer, Berlin 2018, S. 9–25, hier S. 22–23. die Bewohner sollten im Arbeitshaus am Alexanderplatz unterkommen.Florian Bielefeld: Am Rande Berlins. Das städtische Obdach „Palme“ 1887–1940. be.bra Verlag, Berlin 2021, S. 25. Ähnliche Ereignisse am Frankfurter Tor hatten kurz zuvor zu den Blumenstraßenkrawallen geführt.Hanno Hochmuth: Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin (= Geschichte der Gegenwart. Band 16). Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Berlin 2021, DOI:10.14765/zzf.dok-2749, S. 53.
1875 wurde der Platz in Landsberger Platz umbenannt. Julius Rodenberg, der noch 1872 die Gegend als "keine besonders fashionable Gegend" charakterisierte, die Leute lebten und wohnten dort in seinen Augen "nicht übel, aber es sind andere Leute als wir", besuchte 1880 den Landsberger Platz erneut und schwärmte vom „wirklich großstädtischen Anblick […]: Zu beiden Seiten ausgedehnt liegt eine prachtvolle neue Straße: die Friedenstraße – links, wo die Kommunikation am Königstor war, ihr vornehmerer Teil, mit wahrhaft herrschaftlichen Häusern an einer schönen Promenade, rechts, wo die Kommunikation am Landsberger Tor war, eine Straße, wie einer von den Pariser äußern Boulevards, in der Mitte mit Bäumen bepflanzt und so breit wie in Berlin etwa nur noch die Straße Unter den Linden. […]. Da fahren die Pferdebahnen, da kreuzen sich die Wagen und die Omnibusse, da drängeln sich die Menschenhaufen auf dem weiten, offenen Platz.“ Hingegen berichtete der Journalist Hans Richard Fischer nur acht Jahre später über einen Gang von der Büschingstraße hin zum Landsberger Tor vor Pfingsten: „Frohe, scherzende Paare, arme, für diesen Tag alles Leid vergessende Näherinnen, Männer der Arbeit mit ihren Frauen und Kindern wandelten langsam dahin. Und zwischen ihnen, je näher das Landsberger Thor kam, zerlumpte, in Fetzen gehüllte Proletariergestalten. Hier und da heruntergekommene, nach Möglichkeit den Schein noch wahrende Passanten, denen trotz alledem der Stempel der Obdachlosigkeit gleich einem Brandmal auf die Stirn eingegraben war.“
Vor 1937 zählten die Wohnverhältnisse in der Gegend um den Alexanderplatz zwischen Landsberger Allee und der späteren Karl-Marx-Allee mit 1500 Einwohnern pro Hektar, zahlreichen Hinterhöfen und Mietskasernen zu den am schlechtesten beleumundeten Berlins. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bebauung am Platz fast vollständig zerstört. Nachdem die Kriegstrümmer der Wohnhäuser am Landsberger Platz beseitigt waren, erhielt der Platz 1950 den neuen Namen Leninplatz nach Wladimir Iljitsch Lenin.Leninallee in Berlin. In: Neues Deutschland, 19. April 1950, S. 1; online. Zu dieser Zeit lag das Zentrum des noch kleinen Platzes wenige hundert Meter östlich der heutigen Position an der Kreuzung Friedenstraße/Leninallee.
Vom Leninplatz zum Platz der Vereinten Nationen
Planungshintergrund mini|Am Leninplatz im Juni 1952
Bereits 1953 hatte Karl Menzel, verantwortlich für den Berliner Raumordnungsplan, für den dem wiederaufgebauten Volkspark Friedrichshain mit seinen „Trümmerbergen“ vorgelagerten Platz eine „besondere städtebauliche Gestaltung“ festgelegt. Der 1961 neu aufgestellte Bebauungsplan für das Stadtzentrum sah den Leninplatz darüber hinaus als östlichen Eingang zum Stadtzentrum und Verkehrsknotenpunkt vor. Im November 1967 beschloss das Politbüro der SED dann die Neugestaltung des Leninplatzes, und ein Wettbewerb für dessen Gestaltung wurde ausgeschrieben. Er sollte städtebaulich an das neue Viertel (Karl-Marx-Allee II) zwischen und hinter dem Strausberger Platz und dem Alexanderplatz anknüpfen sowie den westlichen Teil des Volksparks Friedrichshain mit dem Trümmerberg einbeziehen.
Planung mini|Enttrümmerter Leninplatz 1968 vor Baubeginn, teils noch mit alter Bebauung; links die 1966 errichtete Doppelscheibe
Für die Gestaltung des neuen Platzes wurden sechs Entwürfe eingereicht. Der Siegerentwurf von Hermann Henselmann orientierte sich an der Achse zwischen Strausberger Platz und Volkspark Friedrichshain und erweiterte so den bisherigen Leninplatz leicht nach Westen. An der Kreuzung im Zentrum des Platzes war ein Bibliothekspavillon vorgesehen, der eine Fahne darstellen sollte, die sich spiralförmig vom Platz aufschwingt und steil in eine Vertikale übergeht, die vom dahinterliegenden, siebenfach von 9 bis 24 Stockwerken gestaffelten Wohnhochhaus aufgenommen und fortgeführt wird. Nördlich dieser Gruppe war an der Spitze des Platzes eine Kaufhalle mit rund 500 m² Fläche geplant. Dahinter sollte eine breite Treppe von der Nordspitze des Platzes durch den Volkspark direkt auf eine neu zu errichtende Aussichtsplattform auf dem Kleinen Bunkerberg führen und so die geforderte Brücke in den Volkspark schlagen.
Das Wohnhochhaus als Dominante sollte von zwei elfgeschossigen, lang geschwungenen Wohnbauten westlich und südlich eingerahmt werden. Auf der südwestlichen Freifläche, vor dem Übergangsbau zum Wohngebiet an der Karl-Marx-Allee, war bereits seit 1964 ein Parkhaus projektiert.
Bau mini|Bauarbeiten an der „Schlange“, April 1970
Der Entwurf von Henselmann wurde vom Kollektiv um Heinz Mehlan ausgeführt und zuvor vom Bezirksbauamt an einigen Punkten verändert. Das Hochhaus wurde aus Kostengründen statt siebenfach nun dreifach abgestuft und das Bibliotheksgebäude durch ein konventionelles Denkmal von Lenin ersetzt. Das Parkhaus im Südwesten wurde gestrichen, an seine Stelle wurde die Kaufhalle verschoben. Dem Wohnhochhaus wurde ein Flachbau vorgelagert, der Raum für Gaststätten und kleine Geschäfte bot. Der gebogene Bau im Südosten des Platzes („Bumerang“) wurde nach Süden gekürzt (später wurde die Lücke durch zwei WBS-70-Bauten geschlossen) und an seinem nordöstlichen Ende ein rechtwinkliges Abschlusselement gestrichen. Ebenfalls nicht verwirklicht wurden Treppe und Aussichtsplattform auf dem Kleinen Bunkerberg.
mini|Kurvung des „Bumerang“ mit den trapezförmigen Sonderachsen in Gelb, 2024
Der kurvige Grundriss der beiden rahmenden Gebäude wurde durch neu entwickelte trapezförmige Sonderachsen (entworfen von Wilfried Stallknecht) ermöglicht. Dies erlaubte den Bruch mit dem bisher stets rechtwinkligen Bauen und stellte neben der durchgängigen Bestückung der Wohnungen mit Loggien eine der wichtigsten Neuerungen der Bauten dar. Durch Farb- und Materialwechsel gelang eine „freundliche und fast verspielte“ Gestaltung der Fassaden. Die Raumtiefe der Schlafzimmerseite wurde vom bisherigen Standard von 3,60 m auf 4,80 m vergrößert, wodurch den Mietern mehr Raum gegeben wurde. Die Sonderachsen für Aufzüge und Kurven ermöglichten eine im Vergleich zum Standard rund 12 % höhere Belegung der Wohnungen.
Die Grundsteinlegung erfolgte unter Anwesenheit von Walter Ulbricht und des Ost-Berliner Oberbürgermeisters Herbert FechnerKarl-Heinz Hüter, Doris Mollenschott, Paul Sigel, Martin Wörner: 532. Wohnkomplex Platz der Vereinten Nationen, 1968–70, Hermann Henselmann, Heinz Mehlan. In: Architekturführer Berlin. 7. Auflage, Reimer Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-496-01380-8, S. 324. im Zuge einer politischen Massenveranstaltung am 7. November 1968, dem 51. Jahrestag der Oktoberrevolution. Bis 1970 entstand ein völlig neues Stadtquartier mit 1286 Wohnungen für rund 4200 Bewohner. Am 19. April 1970, dem Vorabend des einhundertsten Geburtstags von Lenin, wurde gleichzeitig mit der Enthüllung des Lenindenkmals im Rahmen einer Großkundgebung mit 200.000 Teilnehmern der neue Platz offiziell eingeweiht.Symbol der Kraft und des Sieges der Ideen Lenins. In: Neues Deutschland, 20. April 1970, S. 1; online.
Nach der Wende mini|Grünanlage am ehemaligen Standort des Berliner Lenindenkmals, 2024