Nowaja Semlja ( ‚neues Land‘) ist eine russische Doppelinsel, die westlich der innereurasischen Grenze im Nordpolarmeer liegt und zu Europa gezählt wird. Sie ist Teil der Oblast Archangelsk.

Geographie Die leicht sichelförmige Doppelinsel bildet die östliche Begrenzung der Barentssee und die westliche der Karasee. Letztere ist das innereurasische Mündungsmeer der großen sibirischen Ströme Ob und Jenissei und ist bedeutsam für das feuchte Inselklima.

Die fast unbewohnte Inselgruppe besteht aus zwei großen Inseln (Nordinsel und Südinsel) und vielen kleinen Inseln und zahlreichen Eilanden. Zusammen haben sie eine Fläche von 90.650 km². Getrennt werden die beiden Hauptinseln durch die sehr schmale Meerenge Matotschkin Schar. Nowaja Semlja ist insgesamt knapp 900 Kilometer (Mittellinie) lang und liegt zwischen 470 und 1175 Kilometer jenseits des nördlichen Polarkreises:

Die Sewerny-Insel (Nordinsel), die aus dem Nordpolarmeer bis zu 1547 Meter hoch aufragt, ist mit 48.904 km² die viertgrößte Insel Europas. Sie ist – entsprechend ihrer Lage auf 73 bis 77 Grad (geografische Breite) – stark vergletschert: Das Eis ist bis zu 400 Meter mächtig.

Die Juschny-Insel (Südinsel), die aus dem Nordpolarmeer bis zu 1342 Meter hoch aufragt, ist mit 33.275 km² die sechstgrößte Insel Europas. Im Gegensatz zur Nordinsel besteht die Vegetation hier vorwiegend aus Tundra und Frostschuttwüsten.

Drittgrößte Insel des Archipels ist Meschduscharski im Südwesten. Als südliche Fortsetzung von Nowaja Semlja können die Waigatsch-Insel, die sich südöstlich der an die Südinsel grenzenden Karastraße („Meerenge von Waigatsch“) anschließt, das Pai-Choi-Gebirge, das südöstlich der an Waigatsch grenzenden Jugorstraße auf dem Festland liegt, und der Ural, der sich südlich der Karasee und direkt vom Pai-Choi-Gebirge ausgehend nach Süden erstreckt und die Grenze zwischen Europa und Asien bildet, angesehen werden.

Das Kap Flissingski ist der östlichste Punkt Europas.

Der höchste Berg Nowaja Semljas ist der Krusenstern, ein 1547 Meter hoher Gipfel auf der Nordinsel . Der größte See ist der Goltsowoje-See .

Die 685 Gletscher der Inselgruppe nehmen eine Fläche von 23.645 km² ein und bestehen aus 8100 km³ Eis.

Klima mini|Klimadiagramm von Malyje Karmakuly

Das Klima, das von der Karasee und den Strömen, die in diese münden, mitbestimmt wird, ist arktisch mit strengen Wintern und kühlen Sommern. Nur während einiger Wochen im Sommer ist die Westküste von Nowaja Semlja schneefrei.

Die jährliche Durchschnittstemperatur liegt bei der Wetterstation Malyje Karakuly an der Westküste der Südinsel bei −5,7 °C; die wärmsten Monate sind der Juli und der August mit jeweils 6,0 °C, die kältesten der Januar und der März mit −15,0 °C. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt 317 mm und ist über das Jahr recht gleichmäßig verteilt, mit einem leichten Maximum von August bis Oktober.

Wie die gesamte Arktisregion ist auch Nowaja Semlja von der globalen Erwärmung betroffen. Im Februar 2019 wurde etwa berichtet, dass sich vorübergehend 52 Eisbären nahe und in menschlichen Siedlungen wie Beluschja Guba auf der Südinsel aufhielten und auf Nahrungssuche waren. Als Grund wurde unter anderem der Mangel an Packeis rund um die Inseln vermutet, wodurch die Bären ihre eigentlichen Jagdgebiete nicht erreichen konnten und gezwungen waren, auf das Festland auszuweichen.Der Standard: Eisbärengefahr in Russland durch die Klimaerwärmung, 17. Februar 2019Der Standard: „Invasive Eisbären“ ziehen sich von sibirischer Insel zurück, 18. Februar 2019Sibirische Insel : Notstand wegen „aggressiver Eisbären“ orf.at, 9. Februar 2019, abgerufen am 10. Februar 2019.

Flora und Fauna mini|Küstenlandschaft im Sommer mini|Wiesentundra im Sommer

Die größte Pflanzengemeinschaft sind Moose und Flechten, deren Höhe oft 3 cm bis 4 cm nicht überschreitet. Die Flechten sind durch die Cladonia vertreten. Polar-Weide und Gegenblättriger Steinbrech sind charakteristisch für die Flora der Inseln. Auf der südlichen Insel wachsen auch Zwerg-Birken und Gräser sowie Pilze an den Seen und Flüssen.

Auf Nowaja Semlja sind 111 Vogelarten heimisch. Es finden sich große Vogelkolonien von Trottellummen, Papageientaucher und Möwen. Die häufigsten Vögel sind Küstenseeschwalben, Raubmöwen, Bussarde, Alpenschneehühner, Graugänse, Blässgänse, Schneeeulen, Eiderenten, Ohrenlerchen, Steinschmätzer, Schneeammern und verschiedene Watvögel wie etwa Sanderling und Thorshühnchen. Daneben gibt es auch Schwäne. Wasser- und Watvögel kommen hauptsächlich an Seen, in sumpfigen Niederungen und an Flüssen und Bächen vor. In der arktischen Tundra der Südinsel sind die Schneeammer, die Waldsaatgans und der Flussuferläufer vorherrschend. In den Polarwüsten der nördlichen Insel ist die Vogelpopulation äußerst arm. Die mangelnde Nahrungsversorgung und die extremen klimatischen Bedingungen führen zu einem starken Rückgang der Anzahl einiger Arten und zum vollständigen Fehlen anderer. Nur Arten, die auf die eine oder andere Weise mit dem Meer verbunden sind, können hier eine große Population aufrechterhalten; daher wird die Vogelwelt hier von Möwen wie der Eismöwe, der Elfenbeinmöwe, Raubmöwen und Küstenseeschwalben sowie den Watvögeln dominiert. Von den Singvögeln ist hier nur die Schneeammer heimisch. Polarfüchse, Lemminge und Rentiere sind weit verbreitet, Eisbären kommen mit dem Einsetzen der Kälte auf die Inseln und stellen dann eine Bedrohung für die Anwohner dar. Es gibt Robben, Bartrobben, Walrosse, Wale, einschließlich Belugawale. Im Goltsovoye-See leben Süßwasserfische, insbesondere Saiblinge.

Geschichte mini|Angebliche Reste des Behouden Huys im Jahr 1881 am Kap Flissingski

Nowaja Semlja wurde bereits in der Frühzeit bewohnt. 1997 wurden zwei Steinkreise dieser Kultur entdeckt.

Die Russen kennen Nowaja Semlja trotz seiner nördlichen Lage wahrscheinlich schon seit dem 11. und 12. Jahrhundert. Doch erst im 16. Jahrhundert wurden Westeuropäer auf die Doppelinsel (z. T. als Nova Zembla latinisiert, heute noch der niederländische Name) aufmerksam, als nach einer möglichen Nordostpassage von Europa zum Pazifik gesucht wurde. 1553 sichtete Sir Hugh Willoughby mutmaßlich die Insel als erster Westeuropäer, ging aber nicht an Land. Auf Gerhard Mercators großer Weltkarte von 1569 ist sie bereits als Nova Zemla verzeichnet. 1594–1597 erforschte der Niederländer Willem Barents die Inseln, unternahm dabei die erste Überwinterung in der Arktis und starb 1597 dort. Der Expeditionsteilnehmer Gerrit de Veer beobachtete dort den Nowaja-Semlja-Effekt, der erst in den 1990er Jahren eine Erklärung fand. Von den Holländern wurden die Inseln nach Jacques-Nicolas Bellin auf seiner 1758 in Paris erschienenen Inselkarte „Neu-Holland“ benannt.

Die erste Samojeden-Siedlung entstand 1872 am Kostin Schar an der Westküste der Südinsel. 1875 wurde eine Rettungsstation in Malyje Karmakuly gegründet, bald darauf auch die dortige meteorologische Station. 1894 wurde eine regelmäßige Dampferverbindung von Archangelsk nach Nowaja Semlja eingerichtet. Anfang der 1940er Jahre lebten auf der Doppelinsel etwa 350 Menschen in zehn Kolonien, davon eine an der Ostküste der Nordinsel.Leonid Breitfuss: Das Nordpolargebiet. Seine Natur, Bedeutung und Erforschung, Springer-Verlag, Berlin 1943, S. 101.

Von 1907 bis 1913 erkundete der russische Geologe Wladimir Alexandrowitsch Russanow das Gebiet in sechs Expeditionen. Er entdeckte die zahlreichen Rohstoffvorkommen auf den Inseln. 1908 gelang ihm die erste West-Ost-Durchquerung Nowaja Semljas, 1910 navigierte er erstmals rund um die Nordinsel, 1911 umschiffte er die Südinsel.

Im Sommer des Jahres 1943 brachte das deutsche U-Boot U 703 eine automatische Wetterstation nach Nowaja Semlja. Das Gerät mit dem Tarnnamen „Gerhard“ wurde südlich der Inostranzew-Bucht aufgestellt. „Gerhard“ erfasste selbstständig Wetterdaten und funkte sie verschlüsselt an den deutschen Marinewetterdienst. Ein Jahr später brachte U 387 ein weiteres Wetterfunkgerät nach Nowaja Semlja. Dieses trug den Codenamen „Erich“ und wurde an der Nordseite der Bucht eingerichtet.Franz Selinger: Von „Nanok“ bis „Eismitte“. Meteorologische Unternehmungen in der Arktis 1940–1945. Convent, Hamburg 2001, ISBN 3-934613-12-8, Seite 311. Am 28. August 1943 wurde U 639 östlich der Insel versenkt.

Als 1950 ein Atomtestgebiet eingerichtet wurde, wurden die auf Nowaja Semlja lebenden etwa 298 samojedischen Nenzen durch den Beschluss RSFSR Nr. 764 vom 27. August 1956 umgesiedelt.

Während des Kalten Krieges war Nowaja Semlja ein gesperrtes Militärgebiet. Die sowjetische Luftwaffe unterhielt einen Flughafen in Rogatschowo im südlichen Teil der südlichen Insel. Er wurde hauptsächlich für den Betrieb von Abfangflugzeugen eingesetzt, bot aber auch logistische Unterstützung für das nahe gelegene Atomtestgebiet.

Kernwaffentestgebiet mini|hochkant|Karte der Testgebiete auf Nowaja Semlja Bis 1955 führten die Sowjetunion ihre Kernwaffentests auf dem Kernwaffentestgelände Semipalatinsk in der Kasachischen SSR durch. Aufgrund der geringen räumlichen Ausdehnung und den angrenzenden Siedlungen konnten dort keine großen Kernsprengköpfe mit einer Sprengkraft von mehreren Megatonnen getestet werden. Bei der Suche nach alternativen Standorten im Sommer 1957 wurde Nowaja Semlja als Standort für atmosphärische Tests mit mehreren Megatonnen sowie für Tests unter Wasser ausgewählt.

Ab 1955 wurde Nowaja Semlja unter dem Codenamen „Objekt 700“ für Kernwaffenversuche der Sowjetunion genutzt. Auf der Insel gab es drei Hauptzonen für die Tests: Tschornaja Guba (Schwarze Bucht) Mitjuschkina Guba (Mitjuschkin-Bucht) & Matotschkin Schar Suchoj Nos

Tschornaja Guba In der Tschornaja-Bucht wurde der nukleare Sprengkopf des T-5-Torpedos getestet. Verwendet wurde der RDS-9-Nukleargefechtskopf, der ursprünglich in Kasachstan auf dem Testgelände Semipalatinsk getestet werden sollte. Auf Nowaja Semlja wurde am 21. September 1955 ein Test unter Wasser durchgeführt. Mehr als 30 Schiffe wurden in verschiedenen Entfernungen von 300 m bis 1600 m verankert. Darunter befanden sich vier Zerstörer, drei U-Boote, mehrere Minensuchboote und Wasserflugzeuge. Viele der Schiffe waren neu. Auf diesen Schiffen befanden sich mehr als 500 Ziegen und Schafe, etwa 100 Hunde und andere Tiere. Ein zweiter Test fand am 7. September 1957 statt. Hierbei wurde ein Sprengkopf mit 32 kt auf einem 15 m hohen Turm 100 m von der Küste entfernt installiert. Ziele wie Tiere, Kriegsschiffe und andere militärische Einrichtungen wurden sowohl im Wasser als auch an Land platziert. Die Explosion erzeugte einen Krater mit einem Durchmesser von 80 m und einer Tiefe von 15 m. Der Test führte zu einer erheblichen radioaktiven Kontamination. Eine Stunde nach der Explosion betrug die Intensität der Gammastrahlung in der Nähe des Nullpunktes 40.000 Röntgen/Stunde. Einen Monat später, am 10. Oktober 1957, wurde ein weiterer Unterwassertest mit 32 kt durchgeführt. Dabei wurde ein Nukleartorpedo vom U-Boot S-144 auf Ziele (drei Zerstörer, drei U-Boote, zwei Minensuchboote) in der Bucht geschossen und die Ziele versenkt. Am 27. Oktober 1961 schoss dasselbe U-Boot eine SS-N-3-Shaddock-Rakete mit einem Nuklearsprengkopf von 16 kt auf Ziele in der Bucht. Der letzte Test fand am 22. August 1962 mit einem Seezielflugkörper vom Typ AS-2 Kipper mit Kernsprengkopf statt. Die Rakete mit einem 6-kt-Gefechtskopf wurde in 200 km Entfernung von einer Tupolew Tu-16 abgefeuert. Sie explodierte in der Baschmatschnaja-Bucht auf der Wasseroberfläche.

+ Test des nuklearen T5-Torpedos Nummer Datum Typ Leistung (kt) Höhe (m) Position 1 21. September 1955 Unterwasser 3,5 −12 2 7. September 1957 Land 32 +15 3 10. Oktober 1957 Unterwasser 10 −30 4 23. Oktober 1961 Unterwasser 4,8 −20 5 27. Oktober 1961 Oberfläche 16 +1,1 6 22. August 1962 Oberfläche 6 0

Mitjuschkina Guba & Matotschkin Schar