Als Kunstlied wird eine Gattung des Liedes bezeichnet, die ausschließlich aufgrund von Musiknoten interpretiert wird und sich Ende des 16. Jahrhunderts entwickelte. Das Kunstlied setzt eine klassische Gesangsausbildung voraus und unterscheidet sich durch den Aufführungsrahmen des Liederabends traditionell von der Arie in Oper und Oratorium sowie vom Theaterlied im Schauspiel (wie dem Wiener Couplet).

Nach einer gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten Ansicht bestand der Unterschied zum Volkslied darin, dass dieses mündlich tradiert werde und oft keinen bekannten Komponisten vorweisen könne, während Kunstlieder anspruchsvolle Vertonungen eines namentlich bekannten Komponisten seien. Kunstlieder werden generell auf Lyrik komponiert.

Begriff Definition Was Inhalt und Umfang des Begriffs betrifft, lassen sich drei Auffassungen unterscheiden:

Das Kunstlied im engeren Sinne ist ein europäisches Lied mit einer Entstehungszeit von 1810 (Beginn von Franz Schuberts Vertonungen) bis zu Werken von Richard Strauss und Arnold Schönberg, wobei der Schwerpunkt auf den deutschsprachigen Liedern liegt. Das Kunstlied im weiteren Sinne ist ein solistisches Lied aus der westlichen Welt mit (akkordischer) Instrumentalbegleitung seit der Einführung der Monodie um 1600. Das Kunstlied im allgemeinsten Sinne umfasst alle Lieder aller Zeiten, die einen gewissen „Kunst“-Anspruch für sich erheben.

Begriffsgeschichte

Vor dem 18. Jahrhundert ist keine explizite Schrift über das Lied in Deutschland erschienen. Das Lied hatte zu dieser Zeit einen deutlich geringeren Stellenwert als die Musik für Kirche und Theater. Es blieb an das Bürgertum gebunden und gelangte nicht in die Sphäre der höfischen Musik. Daher fand es bei den Musiktheoretikern der Zeit kaum Beachtung. In zeitgenössischen Lexika und Wörterbüchern wird auf die Ode oder auf ‚Musik und Poesie‘ verwiesen.Johann Christoph Gottsched: Versuch einer critischen Dichtkunst. Leipzig 1730, und Joh. H. Zedler: Universal-Lexikon. Bd. 17, Halle/Leipzig 1738, zit. in: Eine Aufwertung des vorher pejorativ verwendeten Begriffes geschah mit der Betonung der schlichten Qualitäten des Liedes:

Eine erste umfassende Liedästhetik verfasste Christian Gottfried Krause. Sein Traktat Von der musikalischen Poesie (1752) bildete die Grundlage für die erste Berliner Liederschule, wirkte aber auch über die zweite Berliner Liederschule, die sich am Volkslied orientierte, hinaus und bis ins 19. Jahrhundert hinein. Er betrachtete das Lied im Gegensatz zur Arie als leichtes Scherzlied, das von jedem mühelos angestimmt und ohne Flügel und Begleitung anderer Instrumente gesungen werden könne. Diese Forderung nach Sanglichkeit und Popularität erhielt sich bis in die Wiener Klassik hinein und fand ihre äußerliche Form in einem kurzen Strophenlied mit leichtem, eingängigem Text und begrenzten Tonumfang. Johann Georg Sulzer trennte erstmals den Begriff Lied in zwei Teile eines Artikels, in „Lied (Dichtkunst)“Johann Georg Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 713–718 (). und „Lied (Musik)“Johann Georg Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Band 2. Leipzig 1774, S. 718–720 ()..

Hans Georg Nägeli forderte in Die Liederkunst (1817) dagegen einen neuen Liederstil, in dem Sprache, Gesang und Begleitung zu einem höheren Ganzen verbunden würden.Hans Georg Nägeli: Die Liederkunst. In: Allgemeine musikalische Zeitung. 19, 1817, Sp. 766; vgl. dazu ausführlich W. Dürr 1984, zit. In:

Der Begriff des Kunstliedes ist zum ersten Mal 1841 bei Carl Koßmaly vorzufinden,Heinrich W. Schwab: Sangbarkeit, Popularität und Kunstlied: Studien zu Lied u. Liedästhetik d. mittleren Goethezeit. 1770–1814. Bosse, Regensburg 1965, S. 137, zitiert nach: der damit die in der Zeit der Romantik einsetzende Trennung von Volkslied und Kirchenlied vornahm.

Richard Wagners Betrachtungen zum Deklamationsgesang verstärkten den Gegensatz zwischen einer formal ungebundenen, oft als kunstreicher betrachteten Durchkomposition des Gesangstextes und dem einfachen Strophenlied. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es auch Lieder mit Orchesterbegleitung wie Hector Berlioz’ Zyklus Les nuits d’été 1856.

Eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung von 2004 versucht, die Begriffe Lied, Kunstlied und Volkslied zu vermeiden, und schlägt stattdessen den Ausdruck Musikalische Lyrik als Oberbegriff vor, um sich von ideologischen Nebenbedeutungen und der Konzentration auf das deutsche beziehungsweise das europäische Schaffen zu befreien.Hermann Danuser (Hrsg.): Musikalische Lyrik. Lied und vokale Ensemblekunst. Teil 1: Von der Antike bis zum 18. Jahrhundert / Teil 2: Vom 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart – Aussereuropäische Perspektiven (= Handbuch der musikalischen Gattungen Bd. 8), Laaber-Verlag, Laaber 2004. ISBN 978-3-89007-131-2

Das Kunstlied hat einen Schwerpunkt im deutschen Sprachgebiet, was sich auch daran zeigt, dass die Bezeichnung Lied unverändert in andere Sprachen übernommen wurde. Es ist eng an die Emanzipation des deutschsprachigen Bürgertums im 19. Jahrhundert und seine geselligen Aktivitäten wie die Liedertafel gebunden, „in einer Zeit schmählicher Knechtung des Deutschtums“, wie es der Musikwissenschaftler Hugo Riemann 1882 formulierte.Hugo Riemann: Musik-Lexikon, Verlag des bibliographischen Instituts, Leipzig 1882, S. 523. Darin verbanden sich eine Haltung gegen Adel und Klerus als gesellschaftliche Oberschicht und gegen ausländische, damals vor allem französische Einflüsse im Umkreis der Befreiungskriege. Bildungsbürgerliche privat organisierte Konzerte und Abendgesellschaften boten eine Alternative zu repräsentativen Veranstaltungen im exklusiven Rahmen der Aristokratie oder den Vergnügungen für das breite Publikum im Theater. Deutsche Sprache in einer Zeit fehlender nationaler Einheit, bürgerliches Bildungsstreben mit der Hochschätzung einheimischer Dichter und Musiker trugen dazu bei, dass die intime Veranstaltungsform des Kunstlieds zum gesellschaftlichen Ideal wurde.

Formen

Einfache Strophenlieder Melodie und Begleitung sind in jeder Strophe dieselben. Die so erzeugte Gesamtstimmung erstreckt sich über das ganze Lied. Beispiel: Ruhe, C. F. Zelter. Stimmungswechsel haben keinen Einfluss auf die strophische Anlage.

Variierte Strophenlieder Melodie und Begleitung ändern sich in bestimmten Strophen. Beispiel: Der Lindenbaum aus dem Zyklus Winterreise, Franz Schubert. Stimmungswechsel haben nur einen geringen Einfluss auf die strophische Anlage (z. B. Wechsel von Dur nach Moll, Ausschmückung von Strophen, Ergänzung durch einen kleineren neuen Teil).

Durchkomponierte Lieder Dem Geschehen folgen stets neue Melodie und Begleitung. Beispiele: Mit der Njanja aus dem Zyklus Kinderstube, Modest Mussorgski. Diese Vertonungsart eignet sich vor allem für Texte, die nicht strophisch gegliedert sind, sondern eher den Charakter von Prosa oder gesprochenem Wort haben. Strophische Gedichte können aber ihrem Inhalt nach ebenfalls durchkomponiert werden.

Vertonungen von Lyrik sind für Kunstlieder charakteristisch und naheliegend. Zuweilen kommen aber auch andere Textgrundlagen vor, wie Zeitungsausschnitte im Tagebuch eines Verschollenen von Leoš Janáček oder nur Gedichtfragmente wie in Wolfgang Rihms Hölderlin-Fragmenten. Lieder, die gänzlich ohne Text auskommen, bezeichnet man als Vokalisen.

Kunstlieder werden auf Grundlage einer schriftlichen Fixierung oder Notation gesungen, Volkslieder dagegen mündlich tradiert. Bei vielen Volksliedern ist der Autor deshalb unbekannt. Es existieren aber auch Volkslieder, deren Autor bekannt ist, deshalb werden die Volkslieder in primär (Autor bekannt) und sekundär (Autor unbekannt) unterteilt. Zuweilen gehen Volkslied und Kunstlied ineinander über. Franz Schuberts Lied Der Lindenbaum aus seinem Zyklus Winterreise wurde z. B. durch eine Männerchorfassung von Friedrich Silcher, welche die dramatische Molltrübung in einer Strophe schlicht überging, als das Volkslied Am Brunnen vor dem Tore bekannt. Guten Abend, gut’ Nacht, das als Volkslied weit bekannt ist, wurde ursprünglich von Johannes Brahms komponiert. Umgekehrt verfassten Komponisten auch Bearbeitungen und Klavierbegleitungen zu bereits bekannten Volksliedern. Antonín Dvořák, Johannes Brahms und Robert Schumann sind nur einige Komponisten, die das Studium des Volksliedes als wichtige Forschungs- und Inspirationsquelle für ihr eigenes Schaffen ansahen.

Geschichte Mittelalter

mini|links|180px|Darstellung von Walther von der Vogelweide im Codex Manesse mini|250px|Einladung zu einer Zusammenkunft der Meistersinger mit der Unterschrift: Ihr Singer singt zu Gottes Lob / Beweist der Kunst heut eine Prob / wer das best thut / den wird man preisen / soll auch die best Gab davon reissen / Drumb ihr Singer thut euch befleissen. In der Mitte ein Porträt von Hans Sachs, ca. 16. Jh.

Die Tradition des ritterlichen Minnesangs aus dem Mittelalter bildet die Grundlage für das Kunstlied. Voraussetzungen für das Entstehen der Minnelieder waren das im Mittelalter dominierende christliche Weltbild und damit die Fähigkeit, natürliche Erlebnisse sprachlich in eine geistige, phantastische Sphäre zu rücken, sowie der Begriff der individuellen Persönlichkeit, die zu dieser Zeit nur von den Mitgliedern des adligen Standes gelebt und vertreten werden konnte. Troubadours (Provence), Trouvères (Nordfrankreich) und Minnesänger (Deutschland) sowie andere Ritter in ganz Europa vertonten eigene Texte, meist Liebeslieder und Naturlyrik, zu Ehren der adligen Frauen. Auch politisch-soziale Lieder, Lob- und Spottlieder, Tanzlieder und andere Werke wurden erdichtet und gespielt.

Die Minnesänger trugen ihre Schöpfungen in Personalunion von Komponist und Sänger selbst vor, meist begleiteten sie sich selbst auf der Laute. Weitere typische Instrumente, die von anderen Musikern zur Begleitung gespielt wurden, waren Fidel, Dudelsack oder Schalmei; Inhalte von Helden- und Preisliedern wurden auch mit der Harfe untermalt.

Neben der mündlich vorgetragenen Dichtung wurden Texte und einige wenige Melodien auch schriftlich notiert. Die wichtigsten Zeugnisse für die Entwicklung des Liedes bleiben heute die Liederhandschriften, z. B. der Codex Manesse, die Jenaer Liederhandschrift und die Kolmarer Liederhandschrift aus dem 14. und 15. Jh. In Deutschland entwickelte sich die dreiteilige Barform aus Stollen, Stollen und Abgesang zu einer der am weitesten verbreiteten Formen, die als Lied, Leich oder Spruch überliefert werden.

Bernart de Ventadorn, Richard Löwenherz und Blondel de Nesle, Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Heinrich von Meißen und Neidhart von Reuenthal sind als berühmte Dichter-Sänger ihrer Zeit zu nennen, von denen einige bei dem Sängerkrieg auf der Wartburg 1207 teilnahmen. Als letzter Minnesänger gilt Oswald von Wolkenstein, bevor das musikalische Leben von der adligen Welt im 13. Jh. in das Bürgertum überging.

In den Städten schlossen sich in dieser Zeit die Bürger zu mächtigen gemeinschaftlichen Bünden wie der Hanse zusammen oder entwickelten eine strenge Familienherrschaft wie z. B. die Fugger und entwickelten ihre eigene Kunst und neue Ausdrucksformen. Dennoch wurde der Gedanke des Sologesangs von der neuen bürgerlichen Kultur beibehalten, und nach dem Minnesang entwickelte sich die bürgerliche Form des Meistersangs.

Der Meistergesang organisierte sich, nachdem die ersten Sänger als Vaganten unterwegs waren, in festen Singschulen, die zuerst in Mainz (14. Jh.?), Augsburg (1449) und Nürnberg (1450) entstanden. Er wurde von einer stetig wachsenden Anzahl an künstlerischen Regeln begleitet und festgeschrieben, die eine künstlerische Weiterentwicklung zunehmend erschwerten. Zu den bekanntesten Meistersingern gehört Hans Sachs, der nach eigenen Angaben mehr als 4000 Meisterlieder gedichtet haben soll, darunter die Silberweise, die zwischen Minnesang und lutherischem Choral angesiedelt ist:

Reclams Liedführer. S. 30.