Ein Kanon der Literatur (zu griechisch kanon „Regel, Maßstab, Richtschnur“) ist eine Zusammenstellung derjenigen Werke, denen in der Literatur ein herausgehobener Wert beziehungsweise eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung zugeschrieben wird.Heike Gfrereis (Hrsg.): Kanon. In: Heike Gfrereis (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturwissenschaft. Metzler Verlag, Stuttgart / Weimar 1999, ISBN 978-3-476-10320-8, S. 97.

Mit dem Begriff des literarischen Kanons wird dabei normalerweise ein ideelles Korpus aus literarischen Texten bezeichnet, die eine bestimmte Trägergruppe, beispielsweise eine gesamte sprachliche oder nationale Kultur oder eine subkulturelle Gruppierung, für wertvoll beziehungsweise autorisiert hält und an deren Überlieferung sie interessiert ist („materialer Kanon“).

Daneben bezeichnet dieser Terminus aber auch ein Korpus von Interpretationen, in dem festgelegt wird, welche sozialen Normen, Wertevorstellungen oder Deutungen mit den kanonisierten Texten verbunden sind („Deutungskanon“).Simone Winko: Kanon, literarischer. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Metzler Verlag, Stuttgart / Weimar, ISBN 3-476-10347-1, S. 114.

Lange bevor das Konzept auf die Literatur angewendet wurde, hatte das mittelalterliche Christentum das Wort auf die Auswahl der anerkannten heiligen Schriften (Bibelkanon) und der autoritativen theologischen Schriften (z. B. Decretum Gelasii de libris recipiendis et non recipiendis, Liber pancrisis) bezogen.

Bedeutung hat ein Kanon der Literatur vor allem im Schulunterricht und in den Philologien als Prüfungsgrundlage – er notiert hier die Titel, deren Kenntnis vorausgesetzt wird. Auf dem Buchmarkt und in Diskussionen der Allgemeinbildung ist er als Feld der Titel von Interesse, deren Lektüre die Teilnahme an Diskussionen erleichtert. Die Zusammenstellung eines solchen Kanons ist fach-, orts- und bildungsabhängig, genauso wie die Frage, was Kenntnis dieses Kanons genau bedeuten soll.

Ein Kanon der Literatur entsteht grundsätzlich nicht dadurch, dass sich Texte aufgrund inhärenter zeitloser literarischer Eigenschaften oder Qualitäten durchsetzen, sondern ist vielmehr das geschichtlich und kulturell determinierte, variable Resultat komplexer Auswahl- und Deutungsprozesse, die sowohl durch innerliterarische wie auch außerliterarische (zum Beispiel soziale oder politische) Faktoren bestimmt werden.

Die Festlegung eines solchen Kanons erfüllt dabei verschiedene Funktionen für die jeweilige Trägergruppe: Sie stiftet Identität durch die Repräsentation der für diese Gruppe konstitutiven Normen und Werte; sie grenzt zugleich diese Gruppe gegen andere ab und legitimiert sie. Ebenso liefert der festgelegte Kanon Handlungsorientierungen, indem er ästhetische und moralische Werte wie auch Verhaltensregeln kodiert. Auf diese Weise wird ebenso die Verständigung über gemeinsame Gegenstände in der Trägergruppe gesichert. Je homogener eine Gesellschaft oder kulturelle Gruppe ist, desto wahrscheinlicher wird eine Kanonisierung bestimmter Texte.

Typisch für moderne, zunehmend differenzierte Gesellschaften oder Kulturen ist jedoch die Kanonpluralität: Unterschiedliche Kanones stehen dabei neben- und gegeneinander und erfüllen die Selbstdarstellungs- und Legitimationsbedürfnisse der verschiedenen Trägergruppen.

Geschichte Der Kanon der großen Werke der Weltliteratur ist eines nicht: die Liste der Werke, die über die Zeiten hinweg die Menschheit faszinierten und beschäftigten. Unser gegenwärtiger Kanon geht kaum bis ins 17. Jahrhundert zurück und begann dort weitgehend ohne Vorgeschichte. Bei seiner Einführung erregte er Befremden – wie Faszination.Das folgende nach Olaf Simons: Marteaus Europa, oder, Der Roman, bevor er Literatur wurde. Rodopi, Amsterdam, ISBN 90-420-1226-9, S. 85–95, 133–194 und 488–495.

17. Jahrhundert Siegeszug der „belles lettres“ Der Aufbau eines Kanons der Weltliteratur begann im Feld der „belles lettres“ – in jenem Bereich des Buchmarkts, der heute in der Belletristik fortlebt. Die „Literatur“ war gegenüber den „belles lettres“ bis in das 19. Jahrhundert das Feld der Wissenschaften. Sie umfasste die Theologie, die Jurisprudenz und die Medizin und baute ihren Kanon eher ab. Sie etablierte seit dem 17. Jahrhundert gerade die laufenden Fachdiskussionen als Ersatz für jeden alteingesessenen Kanon antiker Autoritäten.

Das, was heute „Literatur“ ist, existierte unter den Worten Poesie und Roman – beide Felder kannten keine nationalen Traditionen. Die Poesie war über die Oper mit der aktuellen Musik verbunden, der Roman griff in die Historie aus. Poesie der Antike – die Werke Vergils und Ovids – las man an den Gymnasien und im philosophischen Vorstudium in ausgewählten Passagen, um an ihnen Latein zu lernen. Im aktuellen Marktgeschehen blieb die Poesie Moden unterworfen und ohne eigene Geschichte. Alte Romane las man auf dem Markt billiger Bücher. Neue Romane waren dagegen elegant und nach einem Jahrzehnt bereits meist überholt. Im Lauf des 17. Jahrhunderts änderte sich dies mit der Bedeutung, die Cervantes’ Don Quixote (1605/15) gewann. Die Romane der Scudéry wurden Mitte des 17. Jahrhunderts Klassiker der Moderne. Der Roman, der bis dahin mit Geschichten von Rittern und Prinzessinnen als mittelalterliches Relikt verpönt war, kam zu Achtung. Auf dem Markt der „belles lettres“ wurden Cervantes und die Scudéry Klassiker der Gegenwart. Frauen wurden mit den „belles lettres“, berühmt. Töchter berühmter Gelehrter, Ehegattinnen berühmter Autoren erregten Aufsehen, wenn sie Latein verstanden und die Poesie der Römer im Original gelesen hatten – von den Universitäten blieben sie ausgeschlossen, doch im eleganten Leben von Paris unterhielten sie literarische Zirkel, in denen Liebhaber des modernen Geschmacks und einer neuen geschlechterübergreifenden Bildung zusammenkamen. Altgriechisch war ein heimliches Bildungsziel – kaum Männer beherrschten diese Sprache. Von „galanten Wissenschaften“ sprach man im Deutschen im Blick auf die „belles lettres“, was nebenbei notierte, dass dies eine Bildung war, die Männer und Frauen teilten.

Die „belles lettres“ wurden von Europas Lesern bevorzugt auf Französisch gelesen. Eine zweite landessprachliche Produktion kam in den 1680ern in England auf. Londons Buchmarkt war wie derjenige in Paris und Amsterdam am modischen Publikumsgeschmack orientiert. Antiquierter war das Verlagsangebot der Universitäten Oxford und Cambridge. Der deutsche Buchmarkt hatte sein Zentrum dagegen in Leipzig gerade im Geflecht der Universitätsstädte. Londons Markt ging auf die Kundenwünsche nach den „belles lettres“, nach „polite literature“ in englischen Ausgaben begierig ein. Im deutschen Sprachraum kam es einer Revolte gleich, wenn sich ein Universitätsdozent wie Christian Thomasius in den 1680ern zum neuen Markt bekannte und dessen Ausweitung auf die deutsche Sprache forderte. Die sofortige Übersetzung französischer Titel kam auf. Gleichzeitig begannen englische Autoren von Bildung den neuen kommerziellen Markt mit eigenen Angeboten aus den beliebten Feldern Roman, Geschichte, Memoires, Reiseberichte zu bedienen. In Deutschland importierte man dagegen aus Amsterdam und Den Haag die dort für den internationalen Handel produzierte französische Ware.

1670: Erster Kanon der Weltliteratur miniatur|Der erste Kanon, die Vorrede zu Marie de LaFayettes Zayde, 1670

Der erste moderne Kanon der Weltliteratur erschien 1670 mit Pierre Daniel Huets Traitté de l’origine des romans – als Vorrede zu einem Roman und als Geschichte des Romans. Das gesamte Buch wurde unverzüglich ins Englische übersetzt, die Vorrede fand bald auch eigenständige Ausgaben. Die deutsche Übersetzung ließ bis 1682 auf sich warten und gewann – durch Eberhard Werner Happel vorgelegt – keinen größeren Einfluss. Deutschlands Leser lasen das französische Original oder, mit universitärer Bildung, lateinische Übersetzungen. Zur Geschichte des Romans gehörte für Huet die gesamte Geschichte der Fiktionen. Das schloss die Gleichnisse der Religionen, die Epen Homers und die Versepen des Mittelalters ein, von denen man nur noch die Titel kannte. Der Bischof von Avranches legte auf etwas über 100 Seiten eine Weltgeschichte der Literatur vor, noch bevor das Wort „Literatur“ dafür zur Verfügung stand.

Die meisten von Huet genannten Titel konnte man nicht im Handel erwerben. Der Buchmarkt reagierte jedoch auf die Kundennachfrage. Heliodor, Longus und Petron erschienen wenig später mit Vorworten, die klarstellten, dass Huet diese Bücher als Klassiker des Romans notiert hatte.

18. Jahrhundert Interesse an fremder Kultur Mit dem Aufkommen des Klassiker-Marktes gewann die Lektüre von Romanen und Poesie ganz neue Qualitäten: Romane des Mittelalters hatten ihre Leser in Traumwelten verführt, so die wiederkehrende Kritik an allen älteren Romanen. Romane der Gegenwart hatten dagegen Moral und Klugheit in Intrigen gelehrt und waren dabei eine skandalträchtige Lektüre geworden. Der Markt der Klassiker befreite von jeder solchen Kritik. Als Klassiker konnte man Romane der Antike, des Mittelalters oder der Gegenwart ganz ungefährdet lesen. mini|A Select Collection of Novels (1720–1722) Für den Buchmarkt waren Roman-Klassiker ein einträglicher Erwerbszweig, beispielsweise A Select Collection of Novels (1720–1722) auf dem englischen Markt des frühen 18. Jahrhunderts. Die sechsbändige Ausgabe bot „Novels“ von Machiavelli und Cervantes bis zu den Romanen LaFayettes. Huets Traktat über den Ursprung der Romane war ebenfalls Teil der Sammlung. Englische jüngere Klassiker wurden dagegen bewusst ausgespart. Man sucht 1720 gerade den internationalen Geschmack, nicht den nationalen.

Wer Huets Traktat verstanden hatte, der las den beliebigen Roman mit einem Interesse an der fremden Kultur und der vergangenen Zeit – und er las den Roman der Gegenwart mit gar keinem anderen Interesse. Huet interpretierte Romane und dachte über die Menschen nach, die dergleichen schrieben und konsumierten. Er begründete eine eigene Kulturwissenschaft mit der neuen Lektüre.

Dazu passte, dass der jetzt entstehende Kanon mit befremdenden Begegnungen aufwartete: Im frühen 18. Jahrhundert legte Anne Dacier Homers Odyssee und die Ilias in französischer Prosa vor. Europas Intellektuelle und das allgemeinere Publikum lasen die Bände mit Erschrecken und mit einem Gefühl des heimlichen Triumphs. In schlichte wortgetreue Prosa gebracht, erwies Homer sich als überaus ungeschliffen. Seine sprachlichen Bilder waren unelegant. 1699/1700 hatte François Fénelon seinen Telemach herausgebracht, einen Roman selben Stoffes in moderner französischer Prosa, und mit diesem zeigte sich deutlich, auf welcher sehr viel höheren Zivilisationsstufe das 18. Jahrhundert gegenüber der Antike stand.

Die erste europäische Übersetzung der Geschichten aus 1001 Nacht fiel in dieselbe Entdeckung des Fremden und des Kanons der Weltliteratur. Europa las mit Rührung die Geschichten Arabiens – sie schienen von einer menschlichen Authentizität durchdrungen, die die intrigenverliebte Leserschaft des modernen Europas sich längst abgewöhnt hatte.

Nationale Traditionen im internationalen Kanon Der Markt der Klassiker, wie er seit den 1670ern aufgebaut wurde, hatte nationale Traditionslinien. Dem Publikum ging es jedoch, wenn es Klassiker der „belles lettres“ las, bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem darum, Lektüre aus dem Ausland und der Vergangenheit zur Unterhaltung zu erhalten. Mitte des 18. Jahrhunderts war die Auseinandersetzung mit dem Fremden so weit gediehen, dass die nationale, möglicherweise fremde, Vergangenheit neues Interesse gewann.