Das Kastell Schloßau war ein römisches Numeruskastell der älteren Odenwaldlinie des Neckar-Odenwald-Limes. Es befindet sich am nördlichen Rande des Ortszentrums von Schloßau, einem Ortsteil der Gemeinde Mudau im Neckar-Odenwald-Kreis in Baden-Württemberg. Durch die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts durchgeführten archäologischen Ausgrabungen ist der Vicus von Schloßau die derzeit besterforschte Zivilsiedlung eines römischen Kastells am Odenwaldlimes.
Lage mini|links|Lage des Kastells Schloßau(Grabung 1897) Das Kastell wurde in einem deutlichen Limesknick auf einer ausgedehnten Höhe errichtet, die im Bereich der römischen Grenzanlage westlich und nordwestlich große, steilabfallende Geländezungen bildet und an ihrem Fuß in schmalen Tälern mündet. Schloßau liegt auf einer flachen, nach Osten absteigenden Geländekuppe, die sich am Beginn eines nach Nordwesten gestreckten Bergsporns befindet. Aus noch etwas westlicherer Richtung kommend, lief der Limes quer über diesen Sporn und knickte am Kastell nach Süden ab. Die Besatzung konnte in westlicher Richtung den am höchsten Punkt der Geländekuppe stehenden Limeswachturm Wp 10/38 ausmachen und mehrere Türme im Süden sehen. Im Osten, bereits außerhalb des Reichsgebietes, war der Zugang zu einem kurzen, steil nach Nordwesten abfallenden Geländeeinschnitt in den Ernsttaler Grund einzusehen.
Durch die Ergebnisse der Ausgrabungen im zur Garnison gehörenden römischen Lagerdorf zwischen 2003 und 2007, ist der seit 1926 angenommene Limesverlauf bei Schloßau hinfällig. Er wäre sonst nicht nur direkt an der nordwestlichen Kastellecke, im Bereich des Grabens verlaufen, sondern hätte die südlich des Lagers liegende Siedlung quer durchschnitten. Man nimmt nunmehr an, dass die Grenzlinie rund 120 Meter östlicher als bisher gedacht verlief.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 115 (Zeichnung), 118.
Forschungsgeschichte mini|300px|Grundriss des Kastells Schloßau(Grabung 1897) Bereits der Flurname Burggewann deutet auf eine lange Überlieferungsgeschichte dieses Militärplatzes hin. Höchstwahrscheinlich ist der 1271 urkundlich als Slozzahe erwähnte Ort Schloßau noch mit dem alten Kastell in Übereinstimmung zu bringen, dessen Überreste möglicherweise bis ins Mittelalter bestanden. Noch für 1413 wird ein Heinrich uff der pfalcz zu Shoßauwe genannt. Diese Pfalz könnte im Bereich der antiken Garnison bestanden haben.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 115. Schon bei den ersten Ausgrabungen, die 1809 im Auftrag des Grafen Franz I. zu Erbach-Erbach stattfanden, konnten jedoch nur noch wenige Reste der römischen Anlage festgestellt werden. Weitere Ausgrabungen wurden 1863 und 1866 durch den Buchener Altertumsverein und um 1900 durch die Reichs-Limeskommission durchgeführt. Zwischen dem Lager und dem heutigen Ortskern befand sich der Kastell-Vicus, das für römische Militäranlagen typische Lagerdorf. In diesem Bereich, etwa 60 Meter südlich der Lagerumwehrung, deckte der Altertumsverein bereits 1863 das Kastellbad auf,Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 15. das 1897 nachuntersucht wurde. von 2003 bis 2007 fanden neuerliche Untersuchungen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg unter der Leitung von Britta Rabold im Bereich des Vicus statt. Die Ausgrabungsergebnisse weisen auf mindestens drei Bau- bzw. Nutzungsphasen hin. Durch diese Ausgrabungen ist der Vicus von Schloßau der besterforschte Kastellvicus am Odenwaldlimes.Britta Rabold: Der Odenwaldlimes im neuen Licht. Forschungsstand 2005 zum Kastellvicus von Mudau-Schloßau. In: Gabriele Seitz (Hrsg.): Im Dienste Roms. Festschrift für Hans Ulrich Nuber. Greiner, Remshalden 2006, ISBN 3-935383-49-5, S. 279–284.Britta Rabold: Fünf Jahre archäologische Ausgrabungen in Mudau-Schloßau, Neckar-Odenwald-Kreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2007 (2008), S. 105ff.
Baugeschichte Bei dem rechteckigen, 80 × 73 Meter (= 0,58 ha) großen Kastell Schloßau handelt es sich um ein typisches Numeruskastell. Einem in trajanischer ZeitDie konventionelle Anfangsdatierung auf das Jahr 100 (± 5) stützt sich auf die Ergebnisse der Ausgrabungen, die Dietwulf Baatz in den Jahren 1964 bis 1966 im Kastell Hesselbach vornahm. Sie basiert im Wesentlichen auf der Auswertung der dabei gefundenen Sigillaten (vgl. den entsprechenden Abschnitt im Hesselbach-Artikel und Dietwulf Baatz: Kastell Hesselbach und andere Forschungen am Odenwaldlimes. Gebr. Mann, Berlin 1973, ISBN 3-7861-1059-X, (Limesforschungen, Band 12), S. 85–96). In der jüngeren Literatur wird einer Anfangsdatierung des Kastells Hesselbach wie des gesamten Odenwaldlimes auf den Zeitraum 107/110 der Vorzug gegeben. Dieser Datierungsansatz stützt sich nicht auf neue Ausgrabungsbefunde, sondern auf eine statistische Neubewertung der Münzfunde aus allen Kastellen des Obergermanisch-raetischen Limes, die der Archäologe Klaus Kortüm 1998 erstmals vorgelegt hat und auf die sich inzwischen einige Autoren der jüngeren Literatur stützen. (vgl. Klaus Kortüm: Zur Datierung der römischen Militäranlagen im obergermanisch-raetischen Limesgebiet. In: Saalburg-Jahrbuch 49, 1998. Zabern, Mainz 1998, S. 5–65 und Egon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. Beck, München 2006, ISBN 3-406-48018-7, S. 49–52 sowie S. 54f.) erbauten Holz-Erde-Lager folgte an dieser Stelle später ein Steinbauwerk. Spätestens mit der Vorverlagerung des Limes um 159 n. Chr. wurde die Garnison aufgegeben.
Die einst sicherlich von Zinnen bekrönte Wehrmauer der Garnison wurde mit einer Breite zwischen 0,90 und 1,20 Metern vermessen. Der Grundriss besitzt die für Kastelle der mittleren Kaiserzeit typischen abgerundeten Ecken, in denen sich bei den Grabungen offenbar keine Spuren möglicher Steintürme zeigten. Einzig an der einspurigen Porta praetoria, dem Haupttor der Anlage, sowie am baulich sehr ähnlichen Südtor, der Porta principalis dextra, konnte zumindest noch Spuren der jeweils zwei flankierende Tortürme ausgemacht werden. Das Lager verfügte insgesamt über drei Tore; neben der nach Osten auf den Limes hin ausgerichteten Porta praetoria befand sich gegenüber dem Südtor an der Nordumfassung des Lagers die gleichfalls mit nur einer Zufahrt und zwei Türmen ausgestattete Porta principalis sinistra. Das Kastell wurde von einem fünf bis sechs Meter breiten und bei der Ausgrabung noch 1,5 Meter tiefen Graben umgeben. Der Aushub des Grabens wurde im Lagerinneren an die Wehrmauer geschüttet und in Form einer Erdrampe als Wehrgang verwendet. Um diese Rampe am Abrutschen zu hindern, legten die römischen Arbeiter am Fuß des Walls eine kleine Mauer an.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5. S. 116. Entlang dieses Mäuerchens wird in Schloßau die Via sagularis, die das Kastell vollständig umlaufende Lagerringstraße, vermutet.
Im Lagerinneren haben sich nur noch wenige Spuren der einstigen Innenbebauung erhalten. Wie für Militärbauten dieser Zeit üblich, wurde das Zentrum des Kastells von einem Verwaltungs- und Stabsgebäude, den Principia dominiert. Die Ausgräber konnten in Schloßau jedoch nur noch wenige Spuren dieses weitgehend normierten Bauwerks feststellen. So kann ein nach Osten offenes Mauergeviert als Abgrenzung des einstigen rechteckigen Innenhofs gesehen werden, der in römischer Zeit von längsstehenden Verwaltungstrakten umsäumt war. Einzig das westlich, im rückwärtigen Teil der Principia angeordnete 5 × 5 MeterEgon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Vom Main bis an den Neckar. Konrad Theiß Verlag, Stuttgart 1984. ISBN 3-8062-0328-8. S. 107. große und massiv gemauerte Fahnenheiligtum sowie die beiden links und rechts anschließenden Räume sind weitere bekannte Baureste. Zwischen dem Stabsgebäude und dem Osttor wurde ein Brunnen aufgedeckt. Ansonsten konnten nur geringe Spuren der einst in Fachwerkbauweise errichteten Innenbebauung festgestellt werden.
Heute zeigt sich das Kastell nur noch als schwache Bodenspur im Gelände.
Kastellbad mini|Therme des Kastells Schloßau(Grabung 1897) Das 25 Meter lange Badegebäude befand sich rund 60 Meter südöstlich der Porta principalis dextra. Die ergrabenen Überreste sind in der Art römischer Reihenbäder ausgeführt, wie sie in ähnlicher Form auch von anderen Grenzkastellplätzen bekannt sind. Die Kastellbäder wurden höchstwahrscheinlich auch von den örtlichen Bewohnern der Lagerdörfer mitverwendet. Bei seiner Ausgrabung wurden Ziegelstempel der in Mogontiacum (Mainz) stationierten Legio XXII Primigenia pia fidelis (22. Legion „Primigenia“, pflichtbewusst und treu) sowie der in Argentoratum (Straßburg) liegenden Legio VIII Augusta (8. Legion „Augusta“) gefunden. Es ist davon auszugehen, dass diese Legionen entweder mit Bautrupps vor Ort gewesen sind oder zumindest Baumaterial lieferten. Das Bad wurde von Norden betreten, ein mögliches Apodyterium (Umkleideraum) fehlt. Während der Grabungen des 19. Jahrhunderts war es zumeist noch nicht möglich, hölzerne Anbauten im Boden zu identifizieren. Aufgrund neuerer Grabungsmethoden ist heute bekannt, dass etliche Militärbäder teilweise Fachwerkanbauten besaßen. Vielleicht war auch dem Schloßauer Bad ein solcher Anbau mit Umkleidemöglichkeiten vorgelagert. Nach dem Eintritt stand der Erholungssuchende im rechteckigen Frigidarium (Kaltbad). Östlich gab es noch einen kleinen Annexraum, ebenfalls ein Kaltbad, westlich konnte eine große, beheizbare halbrunde Apsis, das Sudatorium (Schwitzbad) betreten werden. Weiter südlich folgte ein schmaler Flur, der quer zur Längsachse der Therme verlief. In seinem Untergrund verlief nach Osten ein großer Abwasserkanal aus dem Gebäude. Der nächste Raum war ein Tepidarium (Laubad), gefolgt von einem Caldarium (Warmbad). Hinter der Südwand des Caldariums befand sich das Praefurnium (Heizraum), von dem aus die Räume erwärmt wurden. Aufgrund der leichten Hanglage haben die Erbauer an der Ostfassade vier Stützpfeiler in Form von weitausragenden Wandpfeilern errichtet.
Truppe und Militärpersonal mini|Beim Römerfest 2005 in Schloßau kam auch dieser Nachbau einer römischen Ballista zum Einsatz Ein bemerkenswerter Fund ist ein 1850 entdeckter Weihealtar, der wertvolle Informationen über die in Schloßau stationierte Auxiliartruppe liefert. Er wurde laut Inschrift von dem Zenturio Titus Manius Magnus gestiftet, der aus Sinope, einer Schwarzmeerstadt in Paphlagonien stammte. Dieser Offizier war von der im niedermösischen Troesmis liegenden Legio V Macedonica (5. mazedonischen Legion) an der unteren Donau zur Legio XXII Primigenia nach Mainz (Mogontiacum) gekommen und wohl von dort als Kommandeur nach Schloßau abgestellt worden. Hier befehligte er die örtliche Besatzung, eine Hilfstruppe mit Namen Numerus Brittonum Triputiensium.