Die feline Hyperthyreose ist eine Störung des Hormonsystems bei Hauskatzen (feline, Adjektiv von lat. felis „Katze“), die durch eine Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) gekennzeichnet ist. Sie ist bei über zehn Jahre alten Katzen die häufigste hormonelle Störung (Endokrinopathie), bei anderen Haustieren, mit Ausnahme der Meerschweinchen (→ Hyperthyreose der Meerschweinchen), ist eine Hyperthyreose dagegen deutlich seltener anzutreffen. Die Erkrankung äußert sich häufig durch einen Gewichtsverlust trotz erhöhter Nahrungsaufnahme, wird in der Regel anhand von Blutuntersuchungen nachgewiesen und ist gut behandelbar.

Vorkommen Die feline Hyperthyreose wurde erstmals 1979 beschriebenM. E. Peterson u. a.: Spontaneous hyperthyroidism in the cat. In: Proc. Am. College Vet. Intern. Med. 1979, S. 108. und wird seitdem zunehmend bei Katzen diagnostiziert. Unklar ist, ob es sich wirklich um eine erst seit jener Zeit auftretende und im Zunehmen befindliche Erkrankung handelt oder ob die zunehmende Überwachung der Katzenpopulation hinsichtlich dieser Erkrankung zur Aufdeckung von mehr Fällen führt.R. Hämmerling: Die feline Hyperthyreose. In: Der praktische Tierarzt. 86(5), 2005, S. 320–324. Die Erkrankung ist die häufigste endokrine Störung bei Katzen, die älter als zehn Jahre sind. Es sind alle Katzenrassen betroffen, eine erhöhte Krankheitsneigung für bestimmte Rassen oder eine Abhängigkeit vom Geschlecht besteht nicht. Bei Katzen, die älter als neun Jahre sind, beträgt die Prävalenz 10 %.Anna Lena von Fircks, Jennifer von Luckner: Feline Hyperthyreose – Behandlung mit Hindernissen bei bestehenden Co-Morbiditäten. In: Kleintierpraxis Band 68, Nummer 6, 2023, S. 298–313.

Pathogenese Im Gegensatz zur Hyperthyreose des Menschen ist die Erkrankung praktisch ausschließlich auf gutartige Schilddrüsenvergrößerungen zurückzuführen. Am häufigsten treten drüsentumorähnliche Zellvermehrungen (adenomatöse Hyperplasien), seltener autonome Adenome auf.Eva Höfel, Thomas Rieker: Hyperthyreose – Aktuelles zur Pathogenese und Diagnose. In: Fachpraxis. Nr. 63, 2013, S. 6–11. In etwa 70 % der Fälle treten viele kleine Herde (multifokal) auf, in den übrigen Fällen ein einzelner Herd (unifokal). Schilddrüsenkrebs kann in seltenen Fällen ebenfalls eine Hyperthyreose auslösen, ist bei Katzen aber sehr selten (weniger als 5 % der Schilddrüsenerkrankungen). Immunbedingte Hyperthyreosen wie beim Menschen (Hashimoto-Thyreoiditis, Basedow-Krankheit) wurden bislang bei Katzen nicht beschrieben.

Infolge der Veränderungen kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung des Schilddrüsenhormons Thyroxin, in drei Vierteln der Fälle auch des Triiodthyronins (ein weiteres Hormon der Schilddrüse). Die Ausschüttung dieser Hormone ist bei erkrankten Katzen unabhängig vom die Schilddrüse normalerweise regulierenden Thyreotropin (TSH).

Was diese Adenome auslöst, ist bislang ungeklärt. Mutationen der Gene für den Thyreotropin-Rezeptor könnten für das unregulierte Wachstum der Zellen verantwortlich sein. Einen Einfluss könnten Ernährung und Umwelteinflüsse, aber auch genetische Faktoren haben.M. E. Peterson: Hyperthreodism. In: Stephen J. Ettinger, Edward C. Feldman: Textbook of veterinary internal medicine. 5. Auflage. Band 2, Saunders, 2000, ISBN 0-7216-7256-6, S. 1400–1419. Die Fütterung von kommerzieller Katzennahrung stellt laut epidemiologischen Studien einen Risikofaktor für die Entstehung der Krankheit dar, was auf den hohen Gehalt an schilddrüsenvergrößernden (strumigenen) Substanzen wie Sojaisoflavone oder Phthalaten zurückgeführt wird. Katzen, die mit Dosenfutter ernährt werden, haben ein 2,5–5fach erhöhtes Risiko, an einer Hyperthyreose zu erkranken.Thomas Graves: Aktuelle Aspekte der Hyperthyreose bei der Katze. In: Vet. Focus. 19.3, 2009, S. 2–5. Daneben sind auch Umweltfaktoren wie die Verwendung bestimmter Katzenstreus möglicherweise an der Krankheitsentstehung beteiligt.R. W. Nelson, C. G. Couto (Hrsg.): Feline Hyperthyreose. In: Innere Medizin der Kleintiere. 1. Auflage. Urban & Fischer, München/Jena 2006, ISBN 0-323-01724-X, S. 758–772.P. H. Kass u. a.: Evaluation of environmental, nutritional, and host factors in cats with hyperthyroidism. In: J. Vet. Int. Med. 13(4), 1999, S. 323–329. Auch polybromierte Diphenylether (PBDE), die als Flammschutzmittel in Textilien eingesetzt werden (in der EU und in einigen US-Bundesstaaten sind sie mittlerweile verboten), könnten durch ihre endokrine Wirkung an der Pathogenese beteiligt sein: Die chronisch erhöhte TSH-Produktion könnte zu einer Hypertrophie der Schilddrüsenfollikel führen.

Die erhöhten Spiegel an Schilddrüsenhormonen führen zu einer Erhöhung der Zahl der Beta-Adrenozeptoren und Verminderung der Alpha-Adrenozeptoren unter anderem im Herz. Dies führt zu einer starken Aktivitätssteigerung des Herzens und letztlich zu einer Verdickung der Herzwand (Hypertrophe Kardiomyopathie). Umso länger die Krankheit unbehandelt besteht, umso stärker steigt das Risiko eines kongestiven Herzversagens. Triiodthyronin bindet zudem an Rezeptoren in der Muskelschicht der Gefäßwände, was zu einer Gefäßerweiterung (Vasodilatation) führt. Durch die Abnahme des Gefäßwiderstands wird das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System aktiviert, wodurch Natrium im Körper zurückgehalten wird und das Blutvolumen ansteigt. Dies führt zusammen mit der erhöhten Herzaktivität zu einem Anstieg des Blutdrucks (arterielle Hypertonie). Der Einfluss der Schilddrüsenhormone auf die Gefäßspannung führt zu einer Erhöhung der glomerulären Filtrationsrate in der Niere, was eine Nierenschwäche verdecken kann. Zudem kann der Bluthochdruck aber das Fortschreiten einer Nierenerkrankung beschleunigen.

Klinisches Bild Das klinische Bild ist sehr variabel und hängt auch vom Ausmaß der Überfunktion ab. Letztlich sind die meisten beobachteten Symptome Zeichen forcierter Stoffwechselvorgänge der erkrankten Tiere, welche durch das Übermaß an Schilddrüsenhormonen bedingt sind.

Das häufigste Anzeichen ist eine Gewichtsabnahme, die bei 88 % der hyperthyreoten Katzen auftritt. Weitere Anzeichen mit einer Häufigkeit von etwa 50 % sind eine tastbare Vergrößerung der Schilddrüse (die gesunde Schilddrüse ist bei der Katze nicht tastbar), Herzrasen und Herzgeräusche sowie eine erhöhte Nahrungsaufnahme bis hin zur Fresssucht.J. D. Broussard u. a.: Changes in clinical and laboratory findings in cats with hyperthyreodism from 1983 to 1993. In: J. Am. Vet. Med. Assoc. 206(3), 1995, S. 302–305. PMID 7751233. Das Überangebot an Schilddrüsenhormonen kann das klinische Bild einer hypertrophen (häufiger) oder dilatativen Herzmuskelerkrankung (selten) hervorrufen. Das Krankheitsbild wird auch als thyreotoxische Kardiomyopathie bezeichnet. Die hypertrophe Form ist nach erfolgreicher Therapie der Hyperthyreose häufig reversibel.

Weitere Symptome, die gelegentlich bei einer Schilddrüsenüberfunktion auftreten, sind ein vermehrtes Stuhlvolumen, Erbrechen, vermehrter Durst und vermehrtes Urinieren, eine erhöhte Aktivität (deutlich seltener auch eine verminderte mit schneller Ermüdbarkeit), Verhaltensänderungen (Ängstlichkeit oder gesteigerte Aggressivität), verminderte Futteraufnahme, Atemnot und Hautveränderungen (struppiges Fell, Haarausfall, vermehrtes Wachstum der Krallen). Bluthochdruck wird bei 5–20 % hyperthyreoter Katzen beobachtet, eine eindeutige Ursache-Wirkungsbeziehung ist aber bislang nicht belegt. Es gibt einen Fallbericht, bei dem eine Polyneuritis der Hirnnerven mit motorischen Ausfällen im Kopfbereich dominierte.C. T: Holland et al.: Multiple cranial nerve motor defects, resembling polyneuritis cranialis, in a cat with hyperthyreodism. In: Aust. Vet. J. Band 100, Nummer 4, 2022, S. 146–149.

Eine Hyperthyreose kann zudem Ursache für eine lebensbedrohliche arterielle Thromboembolie sein. Bei 1,7 % der Katzen mit einer Thromboembolie war die Schilddrüsenüberfunktion vorher nicht bekannt. Dabei treten eine plötzliche Hinterhandlähmung und starke Schmerzen auf.Kieran Borgeat et al.: Arterial thromboembolism in 250 cats in general practice: 2004-2012. In: Journal of veterinary internal medicine. Band 28, Nummer 1, 2014 Jan-Feb, S. 102–108, , PMID 24237457, .

Diagnose Aufgrund des klinischen Bildes kommen eine Reihe weiterer Krankheiten älterer Katzen wie Zuckerkrankheit, chronische Nierenerkrankung, Herzkrankheiten, Leberversagen, Verdauungsstörungen und chronische Darmentzündungen sowie Lymphome im Darm in Frage. Auch bei Katzen seltene Erkrankungen wie die exokrine Bauchspeicheldrüsen- oder Nebennierenunterfunktion sollten berücksichtigt werden. Die Diagnose kann daher sicher nur durch Hormonbestimmungen oder Szintigrafie (siehe unten) gestellt werden.

Laboruntersuchungen Im Blutbild zeigen sich infolge der Stressantwort auf hohe Thyroxinspiegel häufig eine Erhöhung der Zahl der weißen Blutkörperchen (Leukozytose) sowie eine Abnahme der eosinophilen Granulozyten (Eosinopenie) und Lymphozyten (Lymphopenie). Die Zahl der roten Blutkörperchen und der Gehalt an rotem Blutfarbstoff liegt im oberen Normalbereich. Im Serum lässt sich zumeist eine gering- bis mittelgradige Erhöhung der Aktivität verschiedener Enzyme (ALAT, ASAT, LDH, AP) nachweisen. Der Fructosaminspiegel ist aufgrund des erhöhten Eiweißstoffwechsels erniedrigt und liegt meist unter 200 µmol/l.

Infolge der häufig mit einer Hyperthyreose kombinierten Nierenfunktionsstörung können die Harnstoff- und Kreatinin-Gehalte im Blut erhöht sein. Bei gleichzeitigem Vorliegen einer Hyperthyreose und einer chronischen Nierenfunktionsstörung kann diese allerdings gewissermaßen maskiert sein, da Thyroxin Stoffwechsel und Herzleistung erhöht und somit die Durchblutung der Nieren verbessert. Dadurch wird die glomeruläre Filtrationsrate erhöht und somit die Ausscheidung giftiger Stoffwechselprodukte begünstigt. Paradoxerweise kann daher nach Behandlung der Hyperthyreose die Niereninsuffizienz klinisch manifest werden. Nach Egner und CarrBeate Egner, Anthony P. Carr: Hyperthyreose bei der Katze – Welche Rolle spielen ACE-Hemmer? In: kleintier konkret. 11, 2008, S. 11–14. sind diese Laborveränderungen zusammen mit einem positiven Tastbefund bereits beweisend für die Erkrankung.

Zur weiteren Diagnostik müssen spezielle Schilddrüsenfunktionstests durchgeführt werden.

Als erstes sollte eine Bestimmung der Serumkonzentration des Thyroxins (T4) erfolgen, wobei in der Tiermedizin derzeit zumeist nur die Gesamt-Thyroxin-Konzentration bestimmt wird und nicht die des freien (nicht an Proteine gebundenen) Thyroxins (fT4), obwohl letzteres sensitiver ist.M. E. Peterson: Measurement of serum concentrations of free thyroxine, total thyroxine, and total triiodothyronine in cats with hyperthyroidism and cats with nonthyroidal disease. In: J. Am. Vet. Med. Assoc. 218(4), 2001, S. 529–536. PMID 11229503. Der Normalbereich für T4 liegt bei Katzen zwischen 1,1 und 4,5 µg/dl, für fT4 bei Bestimmung mittels Gleichgewichtsdialyse zwischen 1,0 und 2,8 ng/dl. Bei etwa 20 % der Tiere ist der T4-Gehalt trotz bestehender Erkrankung normal, was durch Schwankungen des Hormongehalts im Tagesverlauf oder durch Senkung des T4-Gehalts infolge von anderen Folgeerkrankungen bedingt sein kann. Die Messung von fT4 hat eine Sensitivität von 95 %, allerdings haben auch 20 bis 30 % der schilddrüsengesunden Katzen erhöhte fT4-Werte. Daher muss bei erhöhten fT4-Werten auch das Gesamt-T4 erfasst werden, welches bei Tieren mit Schilddrüsenüberfunktion im oberen Referenzbereich liegen sollte.Stephanie Nather et al.: Hyperthyreose der Katze. In: Kompendium Kleintier 2017, S. 52–57. Außerdem können verschiedene Medikamente wie Glucocorticoide, NSAID, Phenobarbital oder Trimethoprim-Sulfonamid-Kombinationen den T4-Spiegel beeinflussen. Besteht ein klinischer Verdacht, sollte die Bestimmung zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden.