mini|Die Touro-Synagoge in Newport, Rhode Island: Die älteste noch bestehende Synagoge in Nordamerika, eingeweiht 1763 Die Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten beginnt im 16. Jahrhundert mit Joachim Gaunse, der an einer Expedition teilnahm, und im 17. Jahrhundert mit der niederländischen Besiedelung von Nieuw Amsterdam (später New York City). Nachdem sephardische Juden sich 1654 in Nieuw Amsterdam niedergelassen hatten, folgten weitere Gründungen jüdischer Gemeinden in Hafenstädten wie Newport, Philadelphia und Charleston. Obwohl sie Diskriminierungen ausgesetzt waren, fanden Juden in Nordamerika von Anfang an größere Freiheit zur Bewahrung ihrer religiösen und kulturellen Identität als in den meisten europäischen Ländern. Ihre formale Gleichstellung mit den christlichen weißen Bewohnern bekamen sie in Folge der Amerikanischen Revolution mit der Verabschiedung der Verfassung 1787 und der Bill of Rights 1789. Gleichzeitig spiegelt die Geschichte der jüdischen Einwanderung in die USA die Geschichte der antisemitischen Repressionen wider, denen Juden in Europa ausgesetzt waren.
Mit den kulturell und regional unterschiedlichen jüdischen Einwanderergruppen gelangten viele verschiedene Strömungen des Judentums in die USA. Dadurch wurde die Fortentwicklung bestehender und die Entstehung neuer Ausprägungsformen des Judentums gefördert, vor allem des Reformjudentums mit seinen verschiedenen Denominationen.
Ebenso wie die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen in den USA das religiöse Leben und das Selbstverständnis der amerikanischen Juden beeinflusst haben, haben jüdische Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer auch die kulturelle Identität der Vereinigten Staaten mitgeprägt.
Ende 2013 lebten in den USA zwischen 6 und 8 Millionen Juden, die damit je nach Zählart die größte jüdische Gemeinschaft der Welt bildeten, noch vor der jüdischen Bevölkerung Israels.
16. und 17. Jahrhundert Erster Einwanderungsschub: Niederländische Kolonialzeit Bereits aus der frühen Kolonialgeschichte Nordamerikas sind die Namen einzelner aus Europa zugereister und zugewanderter Juden überliefert. Der erste namentlich bekannte Jude in Nordamerika war der in Prag geborene Metallurge Joachim Gaunse, der 1584 mit einer von Sir Walter Raleigh geleiteten britischen Expedition das Gebiet von Virginia bereiste. Die ersten Juden, von denen bekannt ist, dass sie sich im kolonialen Nordamerika niederließen, waren Solomon Franco (1649), Solomon Pietersen und Jacob Barimson (beide 1654), niederländische Kaufleute, die im Dienste niederländischer Handelsunternehmen in den niederländischen und britischen Kolonien tätig waren.Joachim Gaunse. – Salomon Franco. – Arthur Hertzberg: The Jews in America. Columbia University Press, 1997, S. 21–22 und 9–10. – Jonathan D. Sarna: American Judaism: A History. Yale University Press, 2004. über Jacob Barimson: Costabel, The Jews of New Amsterdam. Atheneum, 1988. – Yitzchok Levine, Two Founding American Jewish Fathers. 3. August 2005. – Yitzchok Levine: Jews Settle In New York. 1. Juli 2005
Nachdem die Niederlande 1648 von Spanien unabhängig geworden waren und ihrer Bevölkerung größere religiöse Freiheit boten als jedes andere Land in West- und Mitteleuropa („Goldenes Zeitalter“), hatten dort Tausende von Juden eine neue Heimat gefunden. Die meisten waren Nachfahren der Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal vertriebenen sephardischen Juden. Als Kaufleute und Händler gingen viele von ihnen nach Pernambuco (heute: Recife, Brasilien), das Mitte des 17. Jahrhunderts der bedeutendste überseeische Handelsstützpunkt der Niederlande war.
Als die Kolonie 1654 von den Portugiesen zurückerobert wurde, verließen die jüdischen Kaufleute und andere Pernambuco aus Furcht vor der Inquisition. Eine 23-köpfige Gruppe (4 Paare, 2 Witwen und 13 Kinder) wollte zusammen mit nicht-jüdischen Passagieren per Schiff in die Niederlande reisen. Stürmische See nötigte die Flüchtlinge jedoch, einen Hafen in Jamaika anzulaufen, das zu Spanien gehörte. Sie konnten ihre Reise fortsetzen und gelangten nach Kuba, von wo sie mit dem französischen Schiff „Sainte Catherine“ nach Nieuw Amsterdam, dem heutigen New York City, weiterreisten, wo sie Anfang September 1654 eintrafen. Weitere jüdische Einwanderer folgten, darunter viele, deren Vorfahren nach der Vertreibung aus Spanien und Portugal Zuflucht in den spanischen und portugiesischen Überseekolonien gesucht hatten, aber auch zahlreiche sephardische Juden aus den Niederlanden und einzelne aschkenasische Juden.
Nieuw Amsterdam war der Verwaltungssitz der von 1624 bis 1667 bestehenden niederländischen Kolonie Nieuw Nederland, die seit 1647 unter der Leitung von Petrus Stuyvesant stand. Stuyvesant – ein Calvinist, für den die Juden Gotteslästerer waren – hatte sich um eine Ausweisung der Neuankömmlinge bemüht, musste sie auf Anweisung der Niederländischen Westindien-Kompanie (WIC) jedoch dulden. Er setzte die Richtlinien der WIC zur Gleichbehandlung der Juden nur unvollständig um und erlaubte ihnen weder ein Amt zu bekleiden, noch ein Handwerk auszuüben außer dem des Schlachters. Auch wurden sie vom Militärdienst ausgeschlossen und mussten für den nicht geleisteten Dienst eine jährliche Steuer entrichten. Öffentliche Gottesdienste abzuhalten war den Juden untersagt, private Glaubensausübung war ihnen jedoch gestattet.Hardon: American Judaism, S. 24 f. Stein: Jewish Americans, S. 6 Die älteste jüdische Gemeinde entstand 1654, 1656 konnte ein jüdischer Friedhof errichtet werden. Einer der ersten Juden, die in der Kolonie eine gesellschaftliche Rolle spielten, war der holländische Kaufmann Asser Levy.
Britische Kolonialzeit mini|Frühe jüdische Gemeinden in den 13 britischen Kolonien (mit Gründungsjahr der jeweils ersten Kongregation) Nach Nieuw Amsterdam entstand 1658 ein zweiter jüdischer Siedlungskern in Newport, in der religiös toleranten britischen Kolonie Rhode Island. Ihre frühe Blüte verdankte diese Gemeinde Förderern wie den jüdischen Kaufleuten Jacob Rodriguez Rivera (1717–1789) und Aaron Lopez (1731–1782).
1664 eroberten die Briten Nieuw Amsterdam. Mit dem 1667 geschlossenen Frieden von Breda wurde die Einverleibung von Nieuw Nederland ins britische Kolonialreich besiegelt; das Gebiet wurde in New York und New Jersey aufgeteilt. Aus Furcht vor neuer Unterdrückung hatten viele jüdische Siedler die Kolonie bereits vor der britischen Übernahme verlassen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass sich an ihren Lebensbedingungen unter der neuen Herrschaft nur wenig änderte. Der von Edward I. 1290 verhängte Judenbann war 1656 von Oliver Cromwell wieder aufgehoben worden. In den britischen Kolonien durften sich Juden seitdem weitgehend uneingeschränkt niederlassen.Hardon: American Judaism, S. 23–27. Stein: Jewish Americans, S. 7
Frühes jüdisches Leben in New York In der britischen Kolonie New York, die 1685 zur Kronkolonie umgewandelt und 1688 dem Dominion of New England einverleibt wurde, genossen Juden de jure den Großteil der Bürgerrechte, mussten diese jedoch oft vor Gericht durchsetzten. 1672 fällte der englische Council of Trade in dem Berufungsverfahren des New Yorker Kaufmanns Rabba Couty ein wegweisendes Urteil, das erstmals den in den britischen Kolonien lebenden Juden die britische Staatsbürgerschaft zubilligte. 1674 erlangten die New Yorker Juden die volle religiöse Freiheit. In Großbritannien mussten die Juden noch weitere hundert Jahre auf ihre Gleichstellung warten.
Viele Juden waren zu dieser Zeit Geschäftsleute. Besonders erfolgreich waren Händler und Schiffseigner mit weltweiten Verbindungen zu sephardischen Juden. Für den Handel zwischen England und den Kolonien durften nur Schiffe im britischen Eigentum benutzt werden. Die jüdischen Fernhändler mit Sitz in New York hatten Handelsrecht im Sinne der Navigationsakten. Ein international tätiger Kaufmann war der um 1660 in Spanien geborene Luis Moses Gomez, der vermutlich 1703 nach Amerika auswanderte.Die Gomez Familie. Er erhielt 1705 von Königin Anne Rechte zugesprochen, wie sie sonst nur britischen Staatsbürgern zustanden, insbesondere das Recht, Grundeigentum zu erwerben.Urkunde vom 18. April 1705 von Königin Anne Seine Familie wurde zu einer der einflussreichsten in New York.
Öffentliche Gottesdienste durften Juden in New York vorerst nicht abhalten. Eine Straßenkarte aus dem Jahre 1695 zeigt jedoch ein Gebäude, das als Synagoge (Jew’s Synagogue) bezeichnet ist, nahe der Südspitze von Manhattan. Ihre erste Synagoge erbauten die New Yorker Juden 1728/29 in der Mill Street (heute: South William Street). Die 1730 eingeweihte Synagoge der Kongregation „Shearith Israel“ war die erste Synagoge auf dem nordamerikanischen Kontinent. Gomez hatte als Philanthrop den Bau der Synagoge unterstützt und amtierte als deren Präsident. Seit 1897 verfügt Shearith Israel über ihr jetziges Gebäude an der Ecke Central Park West und 70. Straße. Den Synagogen der Kolonialzeit, deren Gemeinden dem sephardischen Ritus folgten, standen keine Rabbiner vor, sondern lediglich Vorbeter, noch 1773 gab es auf dem nordamerikanischen Festland keinen einzigen Rabbiner.The Couty Appeal; ; Historical Facts on the Progress of the Jewish Community in New York; Congregation Shearith Israel; Glazer, American Judaism, S. 17
18. Jahrhundert Entwicklung der Bürgerrechte bis zum Unabhängigkeitskrieg Ein weiterer Meilenstein in der Emanzipation der amerikanischen Juden war ein 1727 geschaffenes Gesetz, das es Juden erlaubte, den bei der Einbürgerung zu leistenden Eid (oath of abjuration) ohne die Phrase „upon the true faith of a Christian“ („so wahr ich ein gläubiger Christ bin“) abzulegen. Mit einem 1740 verabschiedeten Gesetz (1740 Naturalization Act) wurde Juden allgemein das Recht zugestanden, sich in den nordamerikanischen Kolonien einbürgern zu lassen. Bis 1775 wurden in Nordamerika jedoch nur etwa 200 Juden naturalisiert, die meisten davon in Jamaika.The History of the Jewish People. In: Jewish Encyclopedia.
Dem Gouverneur der Kolonie New York stand seit 1683 ein beratendes Gremium zur Seite, das sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts zu einer gewählten Institution mit gesetzgebender Funktion entwickelte (General Assembly). Eine erbitterte politische Kontroverse endete 1737 mit der Entscheidung dieses Parlaments, dass Juden das Recht, Abgeordnete zu wählen, abzuerkennen sei.New York General Assembly ; Not Allowed to Vote for Assembly. Jewish Encyclopedia jewishencyclopedia.com
mini|Das Innere der sephardischen Mikveh Israel Synagogue in Philadelphia (gegründet 1740)
Jüdisches Leben außerhalb von New York Die größte Religionsfreiheit fanden jüdische Siedler nicht in New York, sondern in einigen Kolonien des amerikanischen Südostens, besonders in South Carolina, wo Juden bereits seit 1697 eingebürgert werden konnten. 1774 wurde dort mit Francis Salvador erstmals ein Jude in die General Assembly einer britischen Kolonie gewählt. Ähnlich günstig waren die Bedingungen in Savannah (Georgia), wo bereits 1734 die erste jüdische Kongregation gebildet wurde; 1801 wurde in Georgia mit David Emanuel erstmals in der Geschichte der jungen Vereinigten Staaten ein Jude zum Gouverneur gewählt. Wichtige jüdische Siedlungszentren im amerikanischen Südosten wurden Charleston, South Carolina (erste Kongregation: 1750), Richmond, Virginia (1789) und St. Louis, Missouri (1837).Hardon: American Judaism, S. 23–27.