Pirot () ist ein Ort und eine Gemeinde im gleichnamigen Verwaltungsbezirk im Südosten Serbiens. Zum Zeitpunkt der Volkszählung 2011 hatte Pirot 38.432 Einwohner. Historisch bildet Pirot den Hauptort der Region Ponišavlje. Gelegen an der Nišava, dem größten rechtsseitigen Zufluss der Morava, etablierte sich Pirot als osmanisches Handelszentrum und heutiger Industriestandort. Dem Fluss folgt die transkontinentale Verkehrsachse, die sich aus der Via Militaris zum heutigen Paneuropäischen Verkehrskorridor X gewandelt hat. Seit 1887 an die Eisenbahnverbindung zwischen Istanbul und Paris (Orientexpress) angebunden, verläuft hier eine der zentralen Autobahnachsen zwischen Europa und Kleinasien.
Aus der von der Herdenviehhaltung geprägten Gebirgsregion der Stara planina und dem Umschlagsplatz von Wollprodukten entwickelte sich seit dem 18. Jahrhundert eine überregional anerkannte Produktionsstätte von Kelims. Durch die ehemals jährlich stattfindende Piroter Messe (Panajur) und die Ansiedlung zahlreicher traditioneller Handwerke war Pirot lange Zeit auch ein zentraler Umschlagplatz für Handwerksprodukte. Piroter Kelime, Piroter Töpferprodukte (Pirotsko grnčarije) sowie der Staroplaninski-Kaschkaval sind dabei bis heute typische Markenprodukte Pirots geblieben. Größter moderner Industriebetrieb ist „Tigar“, ein Hersteller von Autoreifen und anderen Produkten aus Gummi.
In der Stadt befindet sich die aus dem 14. Jahrhundert stammende Burg Kale; im traditionellen balkanischen Wohnhaus der Kaufmannsfamilie Ristić aus dem 19. Jahrhundert ist das Museum Ponišavlje eingerichtet. Etwa zehn Kilometer nordöstlich der Stadt liegt der Zavoj-See.
Geographie mini|links|Falschfarbendbild des NASA Satelliten Landsat 7 ETM+. Der Ausschnitt aus der Region der Stara Planina zeigt das Piroter Becken im linken Mittelgrund. Die mit Hochwald bestandenen Hänge der Nordost-Seite der bulgarischen Stara Planina treten rechts oben deutlich hervor. Die Kleinstadt im Nordosten ist Berkowiza.
Lage Pirot liegt auf 368 m Höhe in der südostserbischen Grenzregion der Stara Planina zu Bulgarien. Die Stadtgemeinde nimmt dabei eine Fläche von 1.235 km² ein. Am nördlichen Rand in einem alluvial geprägten tektonischen Becken der Nišava gelegen, war das Piroter Becken noch bis ins 19 Jh. durch Überschwemmungen der hier zusammentreffenden Nišava mit der Jerma ein sumpfiges Gelände.Constantin Jiriček: Die Heeresstraße von Belgrad nach Konstantinopel und die Balkanpässe. Prag 1877, S. 21. Die Piroter Burg als Kern der mittelalterlichen Stadtentwicklung entwickelte sich auf einer kleinen Kalkkuppe im Becken an der Stelle, wo die Nišava selbiges in einem Engtal verlässt. Das Piroter Becken mit einer Längenerstreckung in Nordwest- und Südostrichtung von 16 km und erreicht eine Breite von 2 bis 5 km wird allgemein von Karstgebirgen eingerahmt.
Hydrologie mini|Großschlucht der Nišava in der Sićevačka klisura
Die karbonatreichen Gesteine im östlichen Teil der Piroter Region sind durch karsthydrologische Prozess geprägt. Stark verkarstet ist insbesondere der Vidlić Gebirgszug, der die südöstliche Abdachung des Piroter Beckens bildet. Hier finden sich neben einem großen Dolinenreichtum auch mehrere größere Karsthohlformen in Form kleinerer Karstpoljen mit typischem Auftreten von Flussschwinden oder Ponoren als Merkmale der tief fortgeschrittenen Verkarstung. Das größte und bekannteste Polje der Region stellt das Odorovačko Polje 20 km östlich Pirot, dessen Ponore am Poljengrund auf 730 m Höhe liegen. Diese Schwinden führen Wasser aus dem Vidić-Gebirgszuges unterirdisch ins Piroter Becken ab, aufgrund dessen hier im Krupačko Sumpf auch ein bedeutenderes Feuchtgebiet entstanden ist.Dušan Gavrilović: Karst Srbije – Onlineversion der SANU – Kapitel: Genesis and evolution of Karst Die im Piroter Becken liegenden 2 großen randlichen Karstquellen, sowie mehrere Tiefenponore, sowie das sich in der freatischen Zone befindliche Tal der Nišava haben zur einstmaligen großflächigeren Versumpfung des Beckens beigetragen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts schloss an die südliche Piroter Stadtgrenze ein bedeutenderes Sumpfgebiet, – Barje – genannt, an. Die von Durchbruchstälern geprägten Flusstäler der Zuflüsse der Nišava sind durch Steilrelief und Unzugänglichkeit erschwerende Hindernisse der kommunikativen Durchdringung der Region des Ponišavlje. Selbst die Hauptkommunikationsachse zwischen Niš – Bela Palanka – Pirot hatte über die Großschlucht der Sičevačka klisura ein 15 km langes Hindernis zu überwinden.
Die bedeutenden limnischen Sedimente im Piroter Becken sind aus dem oberen Miozän, als das Becken von einem See eingenommen wurde. Diese tonreichen Sedimente waren die Grundlage für die Entwicklung der Töpferei Pirots. Neogene und quartäre Verfüllungen prägen die flussnahen alluvialen Terrassen der Nišava. Der ehemals stark mäandrierende Lauf der Nišava auf dem heutigen Stadtgebiet Pirots ist durch Einfassung und Melioration saniert worden.
Klima Für das Klima Pirots kann nur die nächstgelegene, benachbarte Station im 22 km entfernten Dimitrovgrad herangezogen werden. Daten der Hydrometoeorologischen Anstalt Serbiens in der Tabelle sind daher für die Regelperiode 1981–2010 aus den statistischen Werten der klimatologischen Messreihe der Station Dimitrovgrad entnommen.Klimatologische Messreihe 1960–1990 Dimitrovgrad, HMZS hidmet.gov.rs Da sich die amtliche Höhe von Pirot mit 368,2 m um den negativen Betrag von etwa 82 m von der 450 m hoch gelegenen Messstation Dimitrovgrads unterscheidet, sind insbesondere die Temperaturen durch einen anzunehmenden positiven Wert um etwa 0,53 °C zu korrigieren (dieser statistische Mittelwert wird aus der klimatologischen Temperaturgradienten in der die Temperatur um den geometrischen Temperaturgradienten von 0,65 °C/100 m auf der gemäßigten Nordhalbkugel abnimmt, bezogen).
Geschichte mini|links|Blick auf Pirot
Antike Die mittelalterliche Besiedlung Pirots erfolgte auf dem ehemaligen Platz des römischen Ortes Turres, der im 2. Jahrhundert erste Erwähnung fand.Siniša Mišić (edt.): Lexicon of towns and market places in the medieval Serbian lands – according to written sources. Zavod za Uđbenike, Beograd 2010, S. 213. Prokopios von Caesarea erwähnte hier im 6. Jahrhundert einen Ort namens Quimedava. Kartographisch wurde Turris auf der Tabula peutingeriana im 4. Jahrhundert zwischen Remesiana und Serdica als Ort an der römischen Straße Via Militaris (auch Via Diagonalis genannt) eingezeichnet. Im 4. Jahrhundert ist Turres eine Grenzstadt im Osten der römischen Provinz Thracia (Thrakien) zur Provinz Moesia superior (Obermösien).Miroslava Mirković: Moesia Superior – eine Provinz an der mittleren Donau. Zabern, Mainz 2007, S. 8. Im spätrömischen Reich wurde Turres Bestandteil der neuformierten Provinz Dacia mediterranea.Miroslava Mirković, S. 90. Mit der Ausbreitung des Christentums infolge der Konstantinischen Reformen und der Möglichkeit freier Religionsausübung durch die Garantien der Mailänder Vereinbarung wurde im benachbarten Remesiana im 4. Jahrhundert ein Episkopat eingerichtet. In Pirot wurden dabei sowohl in der Zivilstadt, in der Nähe des sogenannten Sarlah, und im Kastell eine Kirche errichtet.Borislava Lilić: Istorija Pirota i okoline I – Pirot u vreme turske vlasti (1804–1878). Filosofski Fakultet, Belgrad 1994, S. 13. Das 4. Jahrhundert war gleichzeitig das Zeitalter der größten Blüte des römischen Turres. Jedoch wurde die Region schon Ende des 4. Jahrhunderts durch Sarmaten, Goten und Hunnen verwüstet. Unter den Byzantinern wurde die Region durch zahlreiche kleine Kastelle gesichert. Unter Justinian II. wurde wahrscheinlich auch die Befestigung auf dem Gebiet des heutigen Pirots erneuert.
Mittelalter mini|Die Oberstadt der Momčilov grad genannten Piroter Burg wurde unter Lazar Hrebeljanović ab ca. 1380 errichtet. Stefan Lazarević verstärkte diese ab 1413 mit einem zweiten Mauerring um die Vorstadt. mini|Stadtentwicklung Pirots
Nach den Völkerwanderungen kam die Region im 8. Jahrhundert in bulgarischen Besitz. Mit dem Ende des ersten bulgarischen Reichs unter Presian II. und dem Einverleiben des Großteils der Balkanhalbinsel in das Byzantinische Reich der Makedonischen Dynastie unter Basileios II. wurde die geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung der sogenannten Via Militaris wiederbelebt. Die Via Militaris verband dabei die Hauptstadt von Byzanz, Konstantinopel über Serdica (heute) Sofia, Pirot und Niš mit Belgrad und wurde nicht nur militärisch genutzt.
Kaiser Basileios II. bestimmte 1020 die Grenzen des Erzbistums von Ohrid und ganz Bulgarien, mit der die Region Pirots (Ponišavlje) zwischen der Episkopie Serdicas (Sofia) und Ohrids geteilt wurde. Der arabische Geograf Idirisi verzeichnete Pirot 1154 auf der bekannten geografischen Weltkarte Tabula Rogeriana. Im Kommentar der „Kitabu al Rogger“ verzeichnete Idrisi die Stadt Atrubi als eine Stadt „eine Tagesreise östlich Niš an einem Fluss der in den serbischen Ländern entspringt und sich in die Morafa (Morava) ergießt“.Svetislav C. Petrović: Istorija grada Pirota. NIP Hemikalc, Narodna Biblioteka Srbije, Pirot 1996, S. 10. Zwischen 1081 und 1185 erreichte das byzantinische Reich der Komnenen-Dynastie seinen Höhepunkt. Die Piroter Region und das ganze Gebiet des Ponišavlje waren darin feste Bestandteile. In einem serbisch-ungarischen Verbund fiel unter Stefan Nemanja Niš und die Region des Ponišavlje ab 1182 unter kurzzeitige serbische Dominanz. Stefan Nemanja drang bei diesen Eroberungen byzantinischen Gebiets über Pirot in das bulgarische Serdica vor. 1189 begleitete Stefan Nemanja den Römischen Kaiser Friedrich I. Barbarossa auf dem dritten Kreuzzug von Niš über Pirot bis Serdica. 1190 wurde die Region unter Isaak II. Angelos wiederum byzantinisch. 1202 konnte der bulgarische Zar Kalojan alle Länder östlich der Bulgarischen Morava in das bulgarische Reich mit einschließen.Svetislav C. Petrović, S. 11. Bis zur Schlacht bei Welbaschd 1330 verblieb die Region mit Ausnahme der Regierungszeit König Stefan Milutins bulgarisch.