mini|Numerus-Ziegelstempel aus Passau (3. Jahrhundert)
Als Numerus (lateinisch numerus, Plural numeri; wörtlich: „Zahl“, sinngemäß: „Einheit“) bezeichnet man eine kleine, meist selbstständig operierende Hilfstruppe des römischen Heeres für spezielle Aufgaben. Grundsätzlich wird zwischen so genannten ethnischen oder nationalen Numeri, die ursprünglich in bestimmten Gebieten des Imperiums (oder jenseits der Grenzen) ausgehoben wurden und Vexillationsnumeri, die aus bereits bestehenden Einheiten abkommandiert wurden, unterschieden.Marcus Reuter: Studien zu den numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 80, 1999, , S. 357–569, hier S. 373–377.
Definition und historische Entwicklung Bereits Theodor Mommsen war bekannt, dass der Begriff Numerus in der römischen Militärorganisation zunächst eine bezüglich ihrer Aufgaben nicht näher definierte, beliebige Einheit der Armee bezeichnen und sich auch auf Legionen, Alen und Kohorten beziehen konnteTheodor Mommsen: Die Conscriptionsordnung der römischen Kaiserzeit. In Ders.: Gesammelte Schriften, VI, 3, Berlin 1910, S. 20–117, hier S. 103f.. Ferner wurden auch spezielle Kommandos, wie die Frumentarii oder die Equites singulares so bezeichnet. Ab dem 2. Jahrhundert wurde der Begriff dann auch für zumeist um die Jahrhundertwende bei einzelnen Völkern oder Stämmen ausgehobene Einheiten verwendet.Marcus Reuter: Studien zu den numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 80, 1999, , S. 357–569, hier S. 361–365. Numerus bedeutete ursprünglich einfach nur „Einheit“. Solche Einheiten wurden anfangs nur im Bedarfsfall ausgehoben und nach Beendigung ihres Einsatzes wieder aufgelöst. Sie wurden mehr oder weniger als Irreguläre Truppen angesehen.Anne Johnson: Römische Kastelle des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in Britannien und in den germanischen Provinzen des Römerreiches(= Kulturgeschichte der antiken Welt. Band 37). von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 36f. In späterer Zeit wandelten sie sich zu stehenden Einheiten und wurden in das bestehende Heeresgefüge integriert. In der römischen Heeresorganisation zählten sie zu den Auxilia (Hilfstruppen).Manfred Clauss 1999, S. 25 und 61, Thomas Fischer 2012, S. 25, Anne Johnson 1987, S. 36–37, Egon Schallmayer 2006, S. 116.
Generell muss zwischen so genannten ethnischen oder nationalen Numeri, die ursprünglich in bestimmten Gebieten des Imperiums, aber auch jenseits der Grenzen ausgehoben worden waren und Vexillationsnumeri, die aus bereits bestehenden Einheiten abkommandiert wurden, differenziert werden, was aufgrund oft verwirrender Namensgebungen nicht immer leicht fällt, weswegen es im Laufe der Forschungsgeschichte zu mancherlei Missverständnissen gekommen ist. Das Problem der schon an sich nicht immer auf den ersten Blick einleuchtenden Namensgebungen wird noch zusätzlich erschwert durch den Umstand, dass die nationalen Numeri erst seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts explizit als Numeri bezeichnet wurden (die Vexillationsnumeri noch später, siehe weiter unten). Für eine solche Entwicklung der Garnisonsnamen mag hier exemplarisch der Numerus Peditum Singularium Britannicianorum (ein Vexillationsnumerus) dienen, der inschriftlich zwischen 103 und 157 als Pedites Britannici, Pedites singulares Britannici oder Pedites singulares Britanniciani bezeichnet wurde, für 179 als Vexillatio peditum singularium Britannicianorum belegt ist und erst allmählich, nachweislich ab 142 den endgültigen Numerusnamen angenommen hat, womit in diesem Fall eine Überschneidungsphase von mindestens 37 Jahren zu konstatieren ist.Tatiana Alexandrovna Ivleva: Britons abroad. The mobility of Britons and the circulation of British-made objects in the Roman Empire. Dissertation, Leiden University 2012, S. 193–197 und 555–560, (Digitalisat).
Der Numerus hatte im Normalfall eine Mannschaftsstärke von 160 Mann (zwei Centurien). Als Befehlshaber eines solchen Numerus wurde ein erfahrener Centurio einer Legion oder Auxiliartruppe abkommandiert, der als Praepositus numeri fungierte. Es sind aber auch Numeri mit einer Stärke von 500 und 1000 Soldaten bekannt.Rainer Wiegels: Zu den Heeresformationen Roms an Rhein und oberer Donau in der Zeit des Alexander Severus und Maximinus Thrax. In: Klio 96.1 (2014), , S. 93–143, hier S. 115–118. In diesen Fällen wurde ein Präfekt oder Tribun mit der Kommandogewalt betraut.Catherine Wolff: The Army in the Provinces: The numeri. In Yann Le Bohec (Hrsg.): The Encyclopedia of the Roman Army. Vol. III. Wiley & Sons, Oxford 2015, ISBN 978-1-4051-7619-4, S. 1046f. In der Spätantike geschah dies häufiger, da sich in dieser Zeit die Numeri zum Teil erheblich vergrößerten. In der spätrömischen Armee (284–395), zählten die Numeri zu den Limitanei.
Ethnische oder nationale Numeri Die ethnischen Numeri entstanden zum Ende des ersten Jahrhunderts, als die ersten festen Kastelle an den Limites errichtet wurden. Sie wurden entfernt von ihren Herkunftsgebieten, dort aber zumeist dauerhaft, eingesetzt und ergänzten am Einsatzort die Alen und Kohorten. Sie waren von den Stipendia (Soldzahlungen des römischen Heeres) ausgenommen und es ist zum gegenwärtigen Forschungsstand nicht bekannt, in welcher Form sie stattdessen besoldet wurden. Grabsteininschriften (insbesondere aus Dakien) weisen jedenfalls darauf hin, dass auch der einfache Soldat eines Numerus zu einem bescheidenen Wohlstand gelangen konnte. Sie erhielten jedoch – im Gegensatz zu den Angehörigen der Vexillationsnumeri (siehe unten), der Alen und Kohorten – möglicherweise nicht automatisch zum Ende ihrer Dienstzeit das Römische Bürgerrecht.Marcus Reuter: Studien zu den numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 80, 1999, , S. 357–569, hier S. 373–399.
Bei allen Numeri fällt auf, dass sie – im Gegensatz zu Legionen, Alen und Kohorten – neben ihren Truppennamen keine Ordnungszahl führen. Die nationalen Numeri wurden immer nach ihrer ursprünglichen ethnischen Herkunft bezeichnet, wie Numerus Brittonum (Numerus aus Britannien). In den Einheitsbezeichnungen waren oft auch ihre militärische Funktionen, wie bei den numeri defensorum (Verteidiger) oder den numeri exploratorum (Späher/Aufklärer) enthalten. Auch wurden ergänzende geografische Begriffe (Fluss- oder Quellennamen) des Einsatzortes verwendet, wie beim Numerus Brittonum Elantiensium (an der Elz) oder beim Numerus Brittonum Murrensium (an der Murr). Inschriftlich sind folgende Gruppen nationaler Numeri bekannt: Die Brittones müssen von den älteren Britanni und cohortes Britannicae unterschieden werden. Die Bezeichnung Brittones bezieht sich auf zu Beginn der flavischen Zeit noch nicht unterworfene Briten. Sie erscheinen erstmals um das Jahr 85. Vermutlich sind sie als geschlossener Verband von Infanteristen nach Germanien gekommen und dort in einzelne Numeri aufgeteilt worden, die hauptsächlich zur Bewachung des Neckar-Odenwald-Limes eingesetzt wurdenNumerus Brittonum Elantiensium in Neckarburken, später in Osterburken; Numerus Brittonum Gr... in Köngen; Numerus Brittonum Murrensium in Heilbronn-Böckingen; Numerus Brittonum Nemaningensium in Obernburg am Main oder Wörth am Main; Numerus Brittonum Triputiensium in Schloßau und Numerus Brittonum in Walldürn. und während des zweiten Jahrhunderts ausschließlich in der Provinz Germania superior nachgewiesen sindAußer am Neckar-Odenwald-Limes: Numerus Brittonum in Niederbieber; Numerus Brittonum Gurvedensium in Frankfurt-Heddernheim; Numerus Brittonum L... in Welzheim; Numerus Brittonum Aurelianensium und Numerus Cal... in Öhringen.. Ihre Numeruskastelle bedeckten durchschnittlich eine Fläche von 0,6 bis 0,8 ha. Ein gutes Beispiel hierfür und zudem das besterforschte Numeruskastell Deutschlands ist das Kastell Hesselbach am Odenwaldlimes. Das Lager verfügte über ein eigenes Stabsgebäude (Principia) und ein Kommandantenwohnhaus. Die rund 160 Mann zählende Besatzung war in vier Zenturien organisiert und dementsprechend auch in vier Baracken untergebracht. Numeri dieser Stärken bemannten möglicherweise auch benachbarte, kleinere Anlagen wie das Kleinkastell Rötelsee bei Welzheim (12 bis 20 Mann).Marcus Reuter: Studien zu den numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 80, 1999, , S. 357–569, hier S. 385–389 sowie 442–467. Die Frisii und Frisiavones sind epigraphisch in geringer Anzahl in Britannien belegt.Cuneus Frisionum Aballavensium in Aballava (Burgh-by-Sands), später in Derventio (Papcastle); Cuneus Frisiorum Vercovicianorum in Vercovicium (Housesteads) und Cuneus Frisiorum Vinoviensium in Vinovia (Binchester). Sie stammten aus dem Gebiet des heutigen niederländischen und deutschen Frieslands, wobei die Frisiavones als zwischen Waal und VliePlin. Nat. IV, 101. lebender Zweigstamm der Frisii angesehen werden, auch bezugnehmend auf TacitusTacitus, Germania 34., der von maioribus minoribusque Frisiis (den größeren und kleineren Friesen) schrieb. Die friesischen Einheiten wurden nicht als Numeri, sondern als Cunei bezeichnet.Marcus Reuter: Studien zu den numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 80, 1999, , S. 357–569, hier S. 389f. sowie 479–482. Die Hemeseni stammten ursprünglich aus der Provinz Syria. Eine Assoziation des Namens mit der syrischen Stadt Emesa ist denkbar, aber nicht gesichert, wie auch insgesamt nur wenig über diese Truppen bekannt ist. Die Hemeseni sind inschriftlich nur mit dem Numerus Hemesenorum am westlichen Rand der Sinai-Halbinsel, in El Qantara nachgewiesen., , , und . Für eine Auxiliarkohorte gleichen Namens gibt es auch Belege vom Donaulimes.Marcus Reuter: Studien zu den numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 80, 1999, , S. 357–569, hier S. 390f. sowie 497–500.