mini|Posthumes Porträt Caravaggios von Ottavio Leoni, um 1614, Bibliotheca Marucelliana, Florenz rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Signatur Caravaggios

Michelangelo Merisi, auch Michael Angelo Merigi, nach dem Herkunftsort seiner Eltern (Caravaggio in der Lombardei) kurz Caravaggio [] genannt (* 29. September 1571 in Mailand;Abweichende Angaben über Geburtsdatum und Geburtsort sind nach der 2007 aufgefundenen Taufurkunde nicht mehr haltbar. S. Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 269 und 273 (Fn. 1). † 18. Juli 1610 in Porto Ercole am Monte Argentario), war ein bedeutender italienischer Maler des Frühbarock.

Michelangelo Merisi da Caravaggio gilt zusammen mit Annibale Carracci als Überwinder des Manierismus und Begründer der römischen Barockmalerei. Während Carracci den barocken Klassizismus einleitete, zeichnet sich Caravaggios Stil durch eine neuartige und naturalistische Bildgestaltung aus, die er mit einer raffinierten und kontrastscharfen Art des Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei, ausführt. In der Behandlung christlicher Themen ging er durch Verknüpfung des Sakralen mit dem Profanen neue Wege. Mit seinem neuen Stil übte Caravaggio nachhaltigen Einfluss auf viele italienische, niederländische, französische, deutsche und spanische Maler des Frühbarock aus, die oft auch als Caravaggisten bezeichnet werden (u. a. die Utrechter Caravaggisten).

Caravaggio führte ein bewegtes Leben. Nach einer Lehrzeit bei Simone Peterzano in Mailand reiste er nach Rom, wo er vom mittellosen Künstler zum bevorzugten Maler der römischen Kardinäle aufstieg. Wegen eines Totschlags wurde er aus Rom verbannt und ließ sich in Neapel und später Malta nieder. In Malta wurde er zum Ritter des Malteserordens ernannt, floh aber von dort nach einer tätlichen Auseinandersetzung nach Sizilien und kehrte nach einem Jahr nach Neapel zurück. Auf die Aufhebung seiner Verbannung aus Rom wartend, starb er im Alter von 38 Jahren in Porto d' Ercole am Monte Argentario bei Grosseto. Schon bald nach seinem frühen Tod bildeten sich Legenden, die ihn zum „Archetypen des verruchten Künstlers“ werden ließen. Bis heute lebt der „Mythos Caravaggio“ fort.

Leben Quellen und Legenden zu Persönlichkeit und Charakter mini|hochkant|Porträt von Kardinal Francesco Maria Bourbon Del Monte, Caravaggios erstem Mäzen, von Ottavio Leoni mini|hochkant|Dieses Detail aus dem Matthäusmartyrium wird als Selbstporträt des Meisters gedeutet (um 1600)

Die Quellenlage zu Michelangelo Merisis Leben ist umfangreich, aber noch nicht vollständig erforscht. Was man über ihn und seinen Charakter weiß, entstammt einerseits Polizei- und Prozessakten, andererseits vor allem einigen frühen Biographien von Zeitgenossen, die ihn persönlich kannten. Sein erster Biograf war der Sieneser Arzt und Kunstliebhaber Giulio Mancini, der mit Caravaggios erstem Schirmherrn, dem Kardinal Francesco Maria Bourbon Del Monte (1549–1627), befreundet war und der Caravaggio in dessen Haushalt behandelt hatte. Seine Aufzeichnungen, die er 1619 abgeschlossen hatte, wurden zu seinen Lebzeiten nie veröffentlicht, sie kursierten aber in Abschriften und waren anderen Biografen und Kunstschriftstellern bekannt. Darunter war auch Giovanni Baglione, der 1642 in seinem „Quellenwerk über die zu seinen Lebzeiten in Rom tätigen Künstler“,Herbert Read: Du-Mont’s Künstler-Lexikon. DuMont, Köln 1991, S. 34. Vite de’pittori, et scvltori et architettiCarla Guglielmi Faldi: Baglione, Giovanni, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 5 (1963), online auf Treccani, italienisch (Abruf am 12. November 2021) eine Biografie Caravaggios veröffentlichte.

Aus diesen Quellen, wie aus den zahlreichen Gesetzeskonflikten, in die Caravaggio jahrelang verwickelt war, geht hervor, dass er zu einem aggressiven und explosiven Verhalten tendierte, wobei es noch relativ harmlos war, wenn er beispielsweise einem „unbotmäßig antwortenden Kellner“ im Jahr 1604 einfach einen Teller Artischocken ins Gesicht warf.Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 15 ff und 161 ff. Selbst Mancini, offenbar ein Bewunderer des Malers, schildert, dass dessen „großes Können in der Kunst […] von einer Extravaganz der Sitten begleitet“ war, und „es kann nicht geleugnet werden, dass er äußerst eigenwillig war, und dass er sich mit diesen Extravaganzen zehn Jahre von seinem Leben abgezogen hat, und dass der Ruhm, den er mit seinem Beruf erworben hatte, zum Teil geschmälert wurde.“„Ma questo suo gran sapere d’arte l’haveva accompagnato con una stravaganza di costumi […] Onde non si può negare che non fusse stravagantissimo, e con queste sue stravaganze non si sia tolto una decina d’anni di vita et minutasi in parte la gloria acquistata con la professione.“ Hier nach Considerazioni sulla pittura (Giulio Mancini). Auf: romarteblog.wordpress.com (italienisch); Abruf am 12. Februar 2022. Übersetzt aus dem Italienischen von Benutzerin:Marie Adelaide.

Baglione, „erklärter Feind und Rivale Caravaggios“,Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 23. veröffentlichte in seinen Künstlerviten von 1642, 32 Jahre nach Caravaggios Tod und fast 40 Jahre nach einem Verleumdungsprozess, den er gegen Caravaggio und einige von dessen Freunden geführt hatte, eine etwa dreiseitige Biografie, in der er, nach Meinung von Ebert-Schifferer, mit „Tatsachenverdrehungen“ und „subtilen … Diffamierungen“ seinen einstigen Gegner als „unberechenbaren“ Charakter hinstellte.Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 23. Andrew Graham-Dixon hebt zwar seine akkurate Darstellung der Fakten hervor, erkennt aber in seinen moralisch selbstgefälligen Schlussfolgerungen eine gewisse „Schadenfreude“.Andrew Graham-Dixon: Caravaggio: A Life Sacred and Profane. Penguin 2011, London 2010, S. 6. „Schadenfreude“ deutsch im englischen Original. In seiner „missgünstigen Beurteilung“ (Roberto Longhi)Roberto Longhi: Caravaggio. 2. Auflage. Verlag der Kunst, Dresden 1977, S. 164. schreibt Baglione: „Michelangolo war ein spöttischer und hochmütiger Mann; und manchmal geschah es, dass er über alle Maler der Vergangenheit und der Gegenwart schlecht sprach, ganz gleich, wie groß sie waren; denn ihm schien es, dass er allein mit seinen Werken alle anderen in seinem Beruf überholt hatte. […] Michelangolo Amerigi war, aufgrund übermäßiger Kühnheit des Geistes, ein wenig liederlich [un poco discolo] und suchte manchmal Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen oder das Leben anderer zu gefährden. Oft befanden sich in seiner Gesellschaft Männer, die auch von Natur aus Raufbolde waren.“ (Es folgt ein kurzer Bericht über den zum Totschlag geführten Streit mit Ranuccio Tomassoni).„Michelangolo fu uomo satirico ed altiero; ed usciva talora a dir male di tutti li pittori passati e presenti per insigni, che si fussero; poiche a lui parea d’haver solo con le sue opere avanzati tutti gli altri della sua professione. … Fu Michelangolo Amerigi, per soverchio ardimento di spiriti, un poco discolo, e talora cercava occasione di fiaccarsi il collo, o da mettere a sbaraglio l’altrui vita. Pratticavano spesso in sua compagnia uomini anch’essi per natura brigosi.“ Zitiert aus: Giovanni Baglione: Vita di Michelangolo da Caravaggio pittore. In: Le vite de’pittori, et scvltori et architetti: dal pontificato di Gregorio XIII del 1572 in fino a’tempi di Papa Urbano Ottavo nel 1642. Andrea Fei, Rom, 1642, S. 138 (Internetarchiv online) Abruf am 4. Februar 2022.

Auch die in Giovan Pietro Belloris 1672 gedruckten Künstlerviten (Le vite de’ pittori, scultori e architetti moderni) enthaltene Biografie Caravaggios ist ein tendenziöser Text, der zwar viel über dessen Werk und seine Auftraggeber aussagt, aber Caravaggio an einer idealisierenden, auf die Antike und Raffael zurückgehenden Kunstlehre misst.Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 23 ff. Zu jener Zeit stand der römische Klassizismus in höchster Blüte; in den Worten von Boris von Brauchitsch wurde Caravaggio daher zum „Antipoden des schönen, reinen, göttlichen Raffael stilisiert“.Boris von Brauchitsch: Caravaggio. Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 38.

Neuere Autoren und Caravaggio-Experten bewerten die frühen Biografien als unzuverlässige Quellen, unter ihnen die Kunsthistoriker Roberto Longhi aus Italien,Roberto Longhi: Caravaggio. 2. Auflage. Verlag der Kunst, Dresden 1977, S. 163–167. Andrew Graham-Dixon aus GroßbritannienAndrew Graham-Dixon: Caravaggio: A Life Sacred and Profane. Penguin 2011, London 2010, S. 5–8. und Sybille Ebert-Schifferer aus Deutschland. Roberto Longhi zufolge „wird von der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts – von Bellori bis Passeri – das unglückliche Schicksal Caravaggios mit einer Mischung von Wahrheit und Unwahrheit verbrämt und der Weg vorbereitet für die erdichteten Erzählungen in der Romantik“.Roberto Longhi: Caravaggio. 2. Auflage. Verlag der Kunst, Dresden 1977, S. 164. Die deutsche Autorin bezeichnet das Bild, das diese Quellen von Caravaggio entwerfen, als „schwarze Legende“,Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 15 ff. das sie anhand von Dokumenten, die eine intensive Archivforschung zutage gefördert hat, zu entmystifizieren sucht. Es ist jedoch unzweifelhaft, dass Caravaggio in Zwistigkeiten, gewalttätige Auseinandersetzungen und Gerichtsprozesse verwickelt war und auch mehrfach in Rom und in Malta wegen Beleidigungen, unerlaubten Waffenbesitzes und schwerer körperlicher Attacken inhaftiert wurde. Gleichwohl ist Ebert-Schifferer der Ansicht, dass sein Lebenswandel für die damaligen Zeiten in Italien nicht ungewöhnlich gewesen sei.Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 15 ff und 161 ff. Besonders in Kreisen des Adels und unter Angehörigen der sich an ihm orientierenden, nach sozialem Aufstieg strebenden Mittelschicht seien derartige Übergriffe sozial völlig normal gewesen. Als Caravaggio beispielsweise im November 1600 „einen Künstler im Dunkeln mit dem Ruf ‘Verräter’ verprügelt(e) und ihm einen Schwerthieb versetzt(e)“, gehörte das nach Ansicht von Ebert-Schifferer „zum Ritual des Begleichens von Rechnungen aus Ehrverletzungen“.Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. Beck, München 2009, S. 161. Ähnlich befindet Graham-Dixon: „Er war ein gewalttätiger Mann, aber es ist wichtig daran zu erinnern, dass er in einer gewalttätigen Welt lebte“.. Andrew Graham-Dixon: Caravaggio: A Life Sacred and Profane. Penguin 2011, London 2010, S. 64.

Der italienische Kunstexperte für das 14. bis 16. Jahrhundert, Giorgio Bonsanti, bemerkt, dass es frühere Autoren gereizt habe, zwischen Charakter und Werk des Malers Gleichungen zu ziehen; so wurde sein Hang zum „Düsteren“, der sich ab etwa 1600 bemerkbar machte, als Spiegel der „finsteren Abgründe der Seele“ des Malers gedeutet.Giorgio Bonsanti: Caravaggio. Verbesserte Neuauflage. Scala, Florenz 1991, S. 49–50. Bonsanti schreibt, dass man dies heute belächeln mag, er kommt jedoch nicht umhin zu konstatieren, dass „die an sich schätzenswerte extremistische Grundhaltung, die ihn in der Kunst zum unbeugsamen Gegner aller Konventionen machte, im Leben in einen Mangel an Selbstbeherrschung umschlug, der sich in blinden Wutanfällen äußerte“.Giorgio Bonsanti: Caravaggio. Verbesserte Neuauflage. Scala, Florenz 1991, S. 49.