Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V. (AoG) ist eine unabhängige pharmazeutische und gemeinnützige Hilfsorganisation, die sich für eine nachhaltige Verbesserung von Gesundheitsstrukturen weltweit einsetzt. Der Fokus liegt sowohl auf langfristiger Entwicklungszusammenarbeit als auch auf der kurzfristigen humanitären Hilfe für Menschen in Not. Sie wurde im Jahr 2000 gegründet und hat ihren Sitz in München.
Ursprung Apotheker ohne Grenzen gehört zum Netzwerk der Hilfsorganisation Pharmaciens Sans Frontières, die 1985Pharmaciens sans frontières CI: historique (abgerufen am 5. September 2013) in Frankreich gegründet wurde. Nachdem in mehreren Ländern dem Vorbild aus Frankreich gefolgt und nationale Organisationen gegründet wurden, wurde der Dachverband Pharmaciens sans frontières Comité International (PSFCI) installiert. Alle Partnerorganisationen haben sich verpflichtet, die internationale Charta (PDF) der PSF-Gruppe zu respektieren, agieren aber unabhängig voneinander.
Aufbau und Organisation In der Geschäftsstelle in München arbeiten sieben hauptamtlich beschäftigte Mitarbeiter. Dort werden sowohl die Projekte als auch die Verwaltung und die Finanzen des Vereins koordiniert. Weiterhin unterstützen die Mitarbeiter den ehrenamtlichen Vorstand, die ehrenamtlichen Projektkoordinatoren sowie Einsatzkräfte bei ihren unterschiedlichen Aufgaben und Zielsetzungen.
Ein siebenköpfiger Vorstand leitet die Geschicke des Vereins. Das Gremium wird von der Mitgliederversammlung alle zwei Jahre neu gewählt. Die jährlich stattfindende Mitgliederversammlung gilt als oberstes beschlussfassendes Vereinsorgan (PDF). Dort werden die wesentlichen Aufgaben und Ziele des Vereins festgelegt.
Über 2.300 Mitglieder in Deutschland unterstützen die weltweite Arbeit von AoG. Die meisten Mitglieder sind Apotheker und PTA. Sie arbeiten in öffentlichen Apotheken, Krankenhäusern oder in der Industrie. Ein Großteil der Vereinsarbeit wird auch von ehrenamtlichen Mitgliedern getragen, die momentan in 13 verschiedenen Regionalgruppen organisiert sind und mehrmals im Jahr Infoveranstaltungen, Vorträge und Charityevents organisieren.
Um die vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können, arbeitet Apotheker ohne Grenzen mit zahlreichen Partnerorganisationen im In- und Ausland zusammen.
Ziele Ziel aller Aktivitäten ist die Verbesserung der Gesundheitsversorgung im Globalen Süden und in Deutschland. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind:
Arzneimittel Es werden Arzneimitteln geprüfter Qualität entsprechend den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation zu essenziellen Arzneimitteln (Essential Drug ListEssential Drug List) vom Verband zur Verfügung gestellt.
Schulungen (Aus- und Weiterbildung) In den Projektländern fördert AoG die Ausbildung pharmazeutischen Personals und organisiert Schulungen, beispielsweise zu Hygiene oder zur Organisation eines Medikamentenlagers. In Deutschland führt AoG regelmäßige Schulungen für interessierte Mitglieder durch, in denen potenzielle Einsatzkräfte in die Grundlagen der humanitären Arbeit für Pharmazeuten eingeführt werden. Außerdem führt AoG pharmazeutische Schulungen für Partnerorganisationen durch.
Öffentlichkeitsarbeit/Aufklärung Der Verband engagiert sich gegen Arzneimittelfälschungen (z. B. im Projekt IMPACTProjekt IMPACT der WHO) und informiert über eine gute Arzneimittelspendenpraxis.
Leitsätze AoG ist den Grundsätzen des Verhaltenskodex der Humanitären Hilfe verpflichtet und hilft unabhängig von Religion, Hautfarbe und Nationalität. klärt über Missstände auf und setzt sich für das Recht auf Gesundheit ein. legt Rechenschaft ab gegenüber Empfängern, Spendern und Öffentlichkeit. hält internationale Standards ein und trägt zu deren Weiterentwicklung bei. arbeitet mit qualifiziertem Personal und stellt dessen Aus- und Weiterbildung sicher. wird getragen vom ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder. arbeitet auf allen Ebenen partnerschaftlich. handelt bedarfsgerecht, pragmatisch und wirkungsorientiert.
Chronik Im Jahr 2000 gründeten 37 Apotheker den Verein. Den Impuls zur Vereinsgründung gab der in Mexiko tätige deutsche Apotheker Thomas Scior.
2001 betreuten die AoG die Hilfsapotheke im Kloster Barticesti in Rumänien. Bald darauf wurden die nächsten Projekte ins Leben gerufen: Patientenversorgung in Mexiko, Bau eines Gesundheitszentrums in Argentinien sowie Einkauf von Arzneimitteln für Tansania. Bei allen handelt es sich um langfristige Projekte, deren Intention die Verbesserung von Strukturen in der Gesundheitsversorgung ist.
Der erste Notfalleinsatz galt den Opfern des Erdbebens in Indien 2001. Nach dem Tsunami im Dezember 2004 wechselten sich zahlreiche Teams mit ehrenamtlich arbeitenden Pharmazeuten an den Küsten Sri Lankas ab. Maßnahmen zum Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur des Landes folgten.
Pharmazeutisches Knowhow ist nicht nur für die Versorgung der Patienten mit Medikamenten gefragt, sondern auch für die Entsorgung von Arzneimittelspendenmüll. 2006 mussten beispielsweise nach dem Erdbeben in Indonesien 50 Tonnen unbrauchbare Medikamente fachgerecht entsorgt werden; 2008 wurden in Myanmar bereits abgelaufene Arzneimittel entsorgt. Notfalleinsätze fanden unter anderem in Haiti (2008, 2010), Kenia (2008, 2011), Pakistan (2005) und Sri Lanka (2004) statt.
Notfalleinsätze seit 2012 Balkan (Hochwasser) Im Mai 2014 wurden die Menschen in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien von einem verheerenden Hochwasser getroffen: Ganze Landstriche standen für Wochen unter Wasser und die Aufräum- und -bauarbeiten stellten die staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen vor große Herausforderungen.
Die Apotheker ohne Grenzen entsandten geschulte Einsatzkräfte, um vor Ort den pharmazeutischen Bedarf zu erkunden und Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten. In Bosnien-Herzegowina wurde das Krankenhaus in Odžak mit einer Lieferung an essenziellen Arzneimitteln, die in Sarajewo beschafft worden waren, unterstützt.
In Serbien unterstützte der Verein die Krankenhäuser in den von Hochwasser betroffenen Orten Obrenovac, Paracin, Kupanj, Lazarevac, Smederevska Palanka und Veliki Crljani mit Schmerz- und Desinfektionsmitteln. Die Medikamente wurden bei einem lokalen Großhändler über die staatliche Zentralapotheke in Belgrad beschafft und an die Krankenhäuser geliefert.
In beiden Ländern konnte der Verein auf lokale Kooperationen zurückgreifen. In Belgrad arbeitete AoG eng mit serbischen Apothekern zusammen, die bei der Organisation und dem Monitoring der Maßnahmen unterstützten. Pläne zur Gründung eines serbischen Vereins der Apotheker ohne Grenzen wurden hierbei weiter vorangetrieben. In Bosnien-Herzegowina und Serbien erhielt AoG Unterstützung durch die lokalen Büros von Help Deutschland e.V., der seit Mitte der 90er Jahre in Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Serbien tätig ist. Aufgrund der langen Präsenz und der guten Vernetzungen innerhalb der lokalen Strukturen konnte Help e.V. sofortige Nothilfe nach dem Hochwasser leisten und auch die Koordination mit anderen Hilfsorganisationen maßgeblich unterstützen.
Liberia (Ebola) Gemeinsam mit dem Medikamentenhilfswerk Action medeor haben die AoG 2014 wichtige Hilfsmittel wie Schutzanzüge, Brillen, Atemmasken, Überschuhe, Thermometer und auch Medikamente in die Gerlib Clinic in der liberianischen Hauptstadt Monrovia geschickt, um gegen die sich rasch ausbreitende Ebola-Epidemie zu helfen. Das gesamte Gesundheitssystem Liberias droht unter der Last der Ebola zusammenzubrechen. Viele Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen im Land mussten geschlossen werden oder sind völlig überlastet, Schwangere und Menschen mit vor Ort häufig vorkommenden Krankheiten wie Malaria finden kaum Hilfe. Die Gerlib Clinic konnte inzwischen ihren regulären Betrieb wieder aufnehmen.
Philippinen (Taifun Haiyan) Anfang November 2013 verwüstete der Taifun Haiyan große Teile der Philippinen. Nachdem die philippinische Regierung einen internationalen Hilfeaufruf erlassen hatte, entschieden sich AoG und die bayerische Hilfsorganisation Navis e. V. im November 2014 für einen gemeinsamen Einsatz. Nachdem das Fact Finding Team die Lage vor Ort sondiert und einen Einsatzort gefunden hatte, wurde mit dem ersten Team Medikamente, darunter ein von AoG beschafftes Interagency Emergency Health Kit und eine Trinkwasseraufbereitungsanlage in den Einsatz entsandt. Das Team baute eine ambulante Klinik auf, um die Basisgesundheitsversorgung der Bevölkerung zu sichern und Verletzungen, die durch den Sturm und die Aufräumarbeiten ergeben haben, zu behandeln. Zusätzlich versorgte ein Team aus Navis-Ärzten und einem AoG-Apotheker Patienten in abgelegenen Gebieten mit einer mobilen Klinik. Neben der gesundheitlichen Versorgung stellten die Einsatzteams der Bevölkerung Trinkwasser zur Verfügung, führten Reparaturen an der Kirche durch, entrümpelten die Schule, gaben ihr wieder ein provisorisches Dach und halfen an vielen Ecken, die Infrastruktur wieder aufzubauen.
Darüber hinaus begann der Verein im November 2014 mit den German Doctors eine neue Kooperation auf den Philippinen. Apotheker ohne Grenzen unterstützen die German Doctors, die sich bereits seit 1983 in mehreren Projekten im Land bei der Optimierung ihres Lagermanagements und der Arzneimittelbeschaffung engagieren.
Deutschland (Flüchtlingshilfe) Viele Flüchtlinge benötigen eine schnelle Gesundheitsversorgung, doch vor allem bei den noch nicht-registrierten Flüchtlingen fehlte eine schnelle Übernahme der medizinischen und pharmazeutischen Kosten. Ab September 2015 dockt AoG deshalb Apotheker an die ehrenamtlich arbeitenden Gesundheitsteams in den Erstaufnahmeeinrichtungen an, vor allem in Berlin und Rostock. Die ehrenamtlich tätigen Apotheker kümmern sich u. a. um die Arzneimittelbeschaffung, -beratung und -logistik, das Erstellen von Basisarzneimittel-Listen und die Information zu korrekten Arzneimittelspenden unter Einhaltung der geltenden Gesetze.
Deutschlandweit haben bis zu 20 AoG-Kollegen und 5 Mitarbeiter der AoG-Geschäftsstelle in der Flüchtlingshilfe mitgearbeitet. Allein in Berlin waren 14 Kollegen ad honorem in bis zu 20 Notunterkünften aktiv.
Bis März 2015 wurden von AoG Arzneimittelspenden im Wert von rund 60.000 € (Verkaufspreis der Apotheke, da rezeptpflichtige Arzneimittel preisgebunden sind) finanziert oder über gezielte Medikamentenspenden aus der Industrie organisiert.
Langfristige Projekte Argentinien mini|links|„Cartoneros“ in Argentinien Die Organisation wurde 2002 als Folge der Wirtschaftskrise in Argentinien aktiv: In verschiedenen Slums stehen die Versorgung mit Arzneimitteln, der Bau funktionsfähiger Apotheken in Gesundheitszentren in Elendsvierteln, umfangreiche Renovierungsarbeiten der Gesundheitszentren, Zahnhygieneprojekte für Kinder, Detektion und Behandlung der Chagas-Krankheit, sowie Präventionsarbeit, Schulungen und Ausbildung im Gesundheitsbereich auf dem Programm.
Die Wirtschaftskrise von 2002 hat Argentinien radikal verändert. Viele Bürger der Mittelschicht fanden sich plötzlich ohne Erspartes und ohne Arbeit wieder. Die wirtschaftliche Erholung der darauf folgenden Jahre erreichte die ärmeren Schichten nicht: Die Slums wachsen seit Jahren.
Das öffentliche Gesundheitssystem der Provinz Buenos Aires hat massive Schwierigkeiten: Ende Februar 2008 wurde es vom damaligen Gouverneur als „administrativer Notfall“ eingestuft. In den öffentlichen Krankenhäusern und in den Gesundheitszentren der Armenviertel fehlen seit Jahren Fachpersonal, Arzneimittel und Ausrüstung.