mini|Sigismund Freiherr von Braun empfängt den türkischen Staatspräsidenten Celâl Bayar bei einem Staatsbesuch, 9. Mai 1958. Sigismund Maximilian Werner Freiherr von Braun (* 15. April 1911 in Zehlendorf bei Berlin; † 13. Juli 1998 in Bonn) war ein deutscher Diplomat. Er diente als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen in New York (1962–1968), als Botschafter in Frankreich (1968–1970 und 1972–1976) sowie als Staatssekretär im Auswärtigen Amt (1970–1972).
Leben Sigismund Freiherr von Braun war der älteste Sohn des ostpreußischen Gutsbesitzers, Ministerialbeamten und späteren Reichsernährungsministers Magnus Freiherr von Braun und der Emmy von Quistorp. Er war der ältere Bruder der Raketenforscher Wernher und Magnus von Braun. Ab 1940 war er mit Hildegard Beck-Margis (1915–2001) verheiratet. Aus der Ehe wurden fünf Kinder geboren,Familie v. Quistorp/Crenzower Zweig. darunter die Politikerin Carola von Braun und die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun.
Er besuchte die Schule in Gumbinnen in Ostpreußen und später das Französische Gymnasium in Berlin, wo er 1929 das Abitur ablegte. Parallel zu einer Banklehre studierte er an den Universitäten Berlin und Hamburg Rechtswissenschaft sowie Nationalökonomie und bestand 1932 das Referendarexamen. Mit Hilfe eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ging er 1934 für ein Jahr nach Cincinnati (USA) und machte anschließend eine Weltreise (Japan, China, Malaya, Indien u. a.)
Von Braun trat 1936 als Attaché in den Auswärtigen Dienst ein. Von April bis September 1937 war er persönlicher Referent des deutschen Botschafters in Paris Johannes von Welczeck. Infolge einer Auseinandersetzung mit Baldur von Schirach wurde von Braun an das deutsche Konsulat nach Addis Abeba versetzt, Hauptstadt von Abessinien, das 1936 von Italien erobert und völkerrechtswidrig zu dessen Kolonie Ostafrika annektiert worden war. Am 22. Dezember 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Oktober 1939 aufgenommen (Mitgliedsnummer 7.218.146).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/4270430 Nach der Befreiung Abessiniens durch die Alliierten im Jahr 1941 wurde das deutsche Konsulatspersonal vom britischen Militär interniert. Von Braun verbrachte die Internierungszeit in Aden und später bis 1943 in Kenia. Danach erfolgte der Austausch gegen von deutscher Seite festgesetzte alliierte Diplomaten und die kurzzeitige Rückkehr nach Berlin.
1943 trat er den Dienst als Legationssekretär an der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl an, wo er bis 1946 blieb. Kurz vor der Eroberung Roms durch westalliierte Truppen am 4. Juni 1944 begab er sich mit Frau und Kind sowie anderen Botschaftsangehörigen aus der Botschaft, die sich außerhalb der Vatikanstadt in der Villa Bonaparte in Rom befand, in die Mauern des Vatikans, wo ihnen und weiteren Diplomaten Aufnahme und Schutz gewährt wurden, obwohl sie evangelischen Glaubens waren. Zur Geburt ihres zweiten Kindes Christina wurde ihnen von den Alliierten ein Permit erteilt, ein Krankenhaus in Rom aufzusuchen, ebenso für die Taufe des Kindes, die von dem in Rom lebenden evangelischen Pastor Erich Dahlgrün in der Villa Bonaparte durchgeführt wurde. Das dritte Kind der Familie wurde im Dezember 1945 innerhalb des Vatikans geboren.Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. Ullstein Buchverlage, Berlin 2007, ISBN 978-3-549-07314-8, S. 180 f.
Da von Braun und anderen Botschaftsangehörigen, wie Albrecht von Kessel, freies Geleit für die Rückkehr nach Deutschland versprochen wurde sowie die Zusicherung, sich beliebig in der amerikanischen Besatzungszone niederlassen zu dürfen, begab sich von Braun am 30. August 1946 zunächst ohne seine Familie zurück nach Deutschland. Entgegen der Zusicherung wurden Braun und Kessel bei ihrer Ankunft in Frankfurt am Main verhaftet und in der Festung Hohenasperg bei Ludwigsburg interniert. Hier trafen sie auf andere Mitglieder des Auswärtigen Dienstes, die wie sie erst jetzt aus dem Ausland zurückgekehrt waren. Bereits Ende 1946 wurde er aus Hohenasperg entlassen. Im Rahmen des zu dieser Zeit durchgeführten Entnazifizierungsverfahrens wurde er trotz Parteimitgliedschaft als „entlastet“ eingestuft, da er „unter grossem persönlichen Risiko geistliche und andere Dienststellen darin unterstützte, religiös, politisch und rassisch Verfolgte zu verbergen und ihre Deportierung zu verhindern“Zitiert nach: Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. List Taschenbuch, Berlin 2008, S. 357, ISBN 978-3-548-60810-5..
Nach Ende seiner Internierung in Deutschland arbeitete er zeitweise in der Privatwirtschaft, dann als Assistent bei mehreren Nürnberger Prozessen, so beim Wilhelmstraßen-Prozess gegen Ernst von Weizsäcker, und schließlich als Angestellter des Landes Rheinland-Pfalz. Am 1. Dezember 1953 trat er in den Diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein und wurde zum Gesandtschaftsrat I. Klasse ernannt. Am 7. Dezember 1953 trat er seinen Dienst bei der Diplomatischen Vertretung in London an. Dort erfolgte am 10. August 1955 seine Ernennung zum Botschaftsrat I. Klasse. Am 8. April 1958 wurde er Chef des Protokolls im Auswärtigen Amt in Bonn. In den verschiedensten Positionen zeigte der weltmännische, schlagfertige und charmante Meister des Balanceaktes sein Verhandlungsgeschick. Am 10. Juli 1958 erhielt er seine Ernennung zum Botschafter.
Von 1962www.bundesarchiv.de: Kabinettssitzung am 23. Mai 1962 bis 1968 wurde er als Ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen in New York eingesetzt, von 1968 bis 1970 und 1972 bis 1976 als deutscher Botschafter in Frankreich und von 1970 bis 1972 als Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Bundesaußenminister Walter Scheel (FDP). Seit 1956 war er Mitglied der FDP. Zudem war er RechtsritterNachruf/Korrespondenz, In: Christina von Flotow: Deutsches Adelsblatt. Mitteilungsblatt der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände. Siebenunddreißigster Jahrgang, Nummer 8, Ernst Knoth Melle, Selbstverlag, Westerbrak/Kirchbrak, 15. August 1998, S. 226. des Johanniterordens.
Auszeichnungen 1962: Großes Goldenes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik ÖsterreichAufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB) 1971: Ritter-Großkreuz der Orden von Oranien-Nassau der Niederlande
Veröffentlichungen Frankreich und Deutschland im Blick auf die Europawahl; Vortrag gehalten auf Einladung des Ostpreußenblattes und der Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e. V. Hamburg am 16. Mai 1979 in Hamburg / Sigismund Freiherr von Braun. – Hamburg: Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft, 1979. – 16 Seiten – (Kleine swg-Reihe; H. 17) Sigismund von Braun: Flüchtige Gäste. Auf Weltenbummel 1933–1935. Haag + Herchen, Frankfurt am Main 1993, ISBN 978-3-89228-980-7.
Literatur Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte. Propyläen Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-549-07314-8. Jobst Knigge: Der Botschafter und der Papst. Weizsäcker und Pius XII. Die deutsche Vatikanbotschaft 1943–1945. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3467-4. Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 1: Johannes Hürter: A–F. Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-71840-1.
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Einzelnachweise
Kategorie:Beamteter Staatssekretär (Bundesrepublik Deutschland) Kategorie:Strafverteidiger in den Nürnberger Prozessen Kategorie:Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York City Kategorie:Deutscher Botschafter in Frankreich Kategorie:Person (deutsche Besetzung Italiens 1943–1945) Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:FDP-Mitglied Kategorie:Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich Sigismund Kategorie:Rechtsritter (Johanniterorden) Kategorie:Freiherr Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1911 Kategorie:Gestorben 1998 Kategorie:Mann Kategorie:Wernher von Braun