mini|hochkant|Großadmiral Hans von Koester Großadmiral war der höchste Dienstgrad des Seeoffizierskorps in den Marinen verschiedener Staaten im 20. Jahrhundert, vor allem aber in der Kaiserlichen Marine und der Kriegsmarine des Deutschen Reiches. Der Dienstgrad entsprach weitgehend dem Flottenadmiral angelsächsischer Flotten und war im Rang dem (General-)Feldmarschall der Landstreitkräfte gleichgestellt. Er wurde in der deutschen Marine 1900 eingeführt und erlosch 1945. Erster Träger des Dienstgrades war Hans von Koester, letzter Träger war Karl Dönitz.
Geschichtliche Entwicklung aus Ämtern und Titeln Der Begriff Admiral stammt etymologisch aus dem Arabischen und wurde im 16. Jahrhundert zu einer Bezeichnung für einen höheren militärischen Befehlshaber in den Seestreitkräften. Ein davon abgeleitetes Kronamt in Frankreich, der Admiral von Frankreich, wird in der Literatur manchmal falsch als Grand Admiral (Großadmiral) bezeichnet.Vgl. Lincoln Paine: The Sea and Civilization. A Maritime History of the World. London 2014. Andrew Hilliard Atteridge: Joachim Murat. Marshal of France and King of Naples. London 1912.
Im Heiligen Römischen Reich wurde erstmals der Hamburger Konvoikapitän Berend Jacobsen Karpfanger (1622–1683) mit diesem Titel ausgestattet. Mit dem Aufkommen stehender Flotten im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus ein regulärer militärischer Dienstgrad, der sich bald in Konteradmiral, Vizeadmiral und (Voll-)Admiral gliederte. Dabei entsprach der Admiral der Flotte dem General des Heeres.Reinhard Brühl u. a.: Wörterbuch zur Deutschen Militärgeschichte. Band 1, Berlin (DDR) 1985, S. 10. Verbunden mit der Entstehung immer größerer Flotten wurde es nötig Oberbefehlshaber zu bestimmen. Zu diesem Zweck wurde bereits im 16. Jahrhundert in England das Amt des Lord High Admiral geschaffen. Daneben entstand um 1690 mit dem Admiral of the Fleet ein neuer Dienstgrad in der Royal Navy, der allen anderen Admiralsdienstgraden übergeordnet war. An dieser Terminologie orientieren sich in den nächsten Jahrhunderten auch die Flotten Frankreichs, der Sowjetunion und der USA. In allen Fällen war der Flottenadmiral dem (Feld-)Marschall der Landstreitkräfte im Rang gleichgesetzt.
In Schweden gab es bis 1680 einen Reichsadmiral als oberstes Marineamt und danach bis 1828 einen Generaladmiral als höchsten Marinerang. Die darauffolgende Verleihung des Titels „Großadmiral“ (schw. Storamiral) an den Prinzen Karl sowie an den Kronprinzen Oskar blieb allerdings eine Ausnahme. Zu bemerken ist, dass zur einheitlichen Leitung der Marine Schwedens zwischen 1827 und 1840 ein „Großadmiralsbüro“ (schw. Storamiralsämbetet) bestand, dem Kronprinz Oskar vorstand. Insofern handelte es sich wieder um ein Amt.Rune Kjellander: Svenska marinens högre chefer 1700–2005. Stockholm 2007.
Über verschiedene Lexika fanden diese Begriffe Eingang in die deutsche Sprache.Bspw. Franz Ritter von Rudtorffer: Militär-Geographie von Europa. Prag 1838, S. 241. Das Wort „Großadmiral“ tauchte ab 1794 in der deutschsprachigen Literatur als Übersetzung des englischen Lord High Admiral auf.Reinhard Stumpf: Die Wehrmacht-Elite – Rang und Herkunftsstruktur der deutschen Generale und Admirale 1933–1945. Boppard (Rhein) 1982, S. 146 f.
Deutsches Reich Kaiserliche Marine
1900 wurde in der Kaiserlichen Marine der Rang eines Großadmirals geschaffen, als Pendant zum Generalfeldmarschall des Heeres. Dies geschah in Verbindung mit dem zweiten Flottengesetz (14. Juni 1900), das die massive Aufrüstung der Marine und die Schaffung einer Hochseeflotte vorsah. Der erste Inhaber des neuen Dienstgrades wurde am 28. Juni 1905 Hans von Koester. Er war gleichzeitig Generalinspekteur und ab 1903 Chef des „Kommandos der aktiven Schlachtflotte“, der ständig einsatzbereiten Schlachtflotte, wenn auch „unter Vorbehalt der Patentierung“. Letztere erhielt er erst bei seiner Ablösung als Kommandeur im folgenden Jahr. Koesters Nachfolger in diesem Kommando, Heinrich Prinz von Preußen, rückte 1909 in den Dienstgrad eines Großadmirals auf. Er wurde 1916 auch Großadmiral der k.u.k. Marine. Henning von Holtzendorff war 1918 bei seiner Ernennung (ohne Patent) Chef des Admiralstabes. Äußeres Zeichen der Großadmiralswürde war der Großadmiralstab und die Großadmiralsflagge.
Der Dienstgrad war an die Ausübung von Kommandogewalt gebunden. Alfred von Tirpitz stellt eine Ausnahme dar, da er nie Flottenchef war, sondern Staatssekretär im Reichsmarineamt (RMA). Der Kaiser und das Marinekabinett stützten Tirpitz und erhöhten ihn 1909 mit der Ernennung zum Großadmiral über die Chefs der anderen Dienststellen der Marine.Wolfgang Petter: Deutsche Flottenrüstung von Wallenstein bis Tirpitz. München 1983, S. 234. Er wurde lediglich mit dem „Rang und Titel als Großadmiral“ ausgestattet, nicht aber mit dem Patent bzw. dem Dienstgrad. Er erhielt daher keinen Großadmiralstab und durfte lediglich die Staatssekretärsflagge führen. Reinhard Stumpf wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Tirpitz in dieser Hinsicht den Präzedenzfall für die „Verwaltungs-Marschälle“ der Wehrmacht darstellte, die den Dienstgrad nicht wie ansonsten üblich aufgrund von erfolgreichem Kriegseinsatz, sondern in Verbindung mit einem Verwaltungsamt verliehen bekamen. Es waren dies Werner von Blomberg 1936 als Reichskriegsminister, Wilhelm Keitel 1940 als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht und Erhard Milch 1940 als Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium.
Bild Name geb. gest. Ernennung Anmerkungen 60px Koester trat 1859 in die Preußische Marine ein, diente auf verschiedenen Schiffen. Ende der 1880er Jahre kommandierte er verschiedene große Panzerschiffe und war mehrere Jahre Chef des Stabes der Admiralität. Seit 1897 Admiral befehligte er ab 1903 die kaiserliche Hochseeflotte. Daneben fungierte er als Generalinspekteur der Marine. Er schied 1906 aus dem Dienst. 60px Oskar II. von Schweden Oskar wurde 1873 König von Schweden und Norwegen. Er wendete die Außenpolitik Schwedens dem Deutschen Reich zu und trat international als Vermittler (z. B. Samoa-Krise) auf. Unter seinen letzten Regierungsjahren spaltete sich schließlich Norwegen von Schweden ab. 60px Heinrich Prinz von Preußen Der Bruder Kaiser Wilhelms II. trat 1877 in die Kaiserliche Marine ein, besuchte die Marineakademie und -schule, kommandierte bis 1895 verschiedene Schiffe bzw. Schiffsverbände und wurde 1903 Chef der Marinestation Ostsee, 1906 Kommandant der Hochseeflotte sowie 1909 Großadmiral. Im Ersten Weltkrieg diente er 1914 bis 1917 als Oberbefehlshaber der Ostseestreitkräfte. 60px Tirpitz trat 1865 in die preußische Marine ein, wurde 1869 Seeoffizier, arbeitete Ende der 1870er Jahre an der Entwicklung der Torpedo-Waffe mit, wurde Ende der 1880er Jahre Kommandant verschiedener Kreuzer, 1890 Stabschef der Ostseedivision und 1892 Chef des Admiralstabes. Er entwickelte die Grundsätze der neuen Hochseeflotte. 1896/97 war er Befehlshaber des Ostasiengeschwaders und wurde 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamts. Er gestaltete nun das Flotten-Wettrüsten mit Großbritannien, brachte die Flottengesetze ein und baute die Risikoflotte. Er schied 1916 aus. 60px Holtzendorff trat 1869 in die preußische Marine ein, hatte verschiedene Bordkommandos, diente in Kreuzergeschwadern, war Kommandant eines Linienschiffes im Boxeraufstand, war nach 1905 in Marinestäben und wurde 1909 Oberbefehlshaber des I. Geschwaders der Hochseeflotte. Er schied 1913 im Streit mit Tirpitz aus. Ende 1915 wurde er als Chef des Admiralstabes reaktiviert und zeichnete sich verantwortlich für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ab 1917. Im Sommer 1918 wurde er entlassen.
Reichsmarine In der Reichsmarine der Weimarer Republik wurde der Rang eines Großadmirals nicht vergeben. Admiral war der höchste Dienstgrad für Seeoffiziere.
Kriegsmarine
1935 wurde die offizielle Bezeichnung der Seestreitkräfte des Deutschen Reiches im Zuge der Aufrüstung der nationalsozialistischen Wehrmacht in Kriegsmarine geändert. Am 20. April 1936 wurde mit dem Generaladmiral ein dem Generalobersten entsprechender Dienstgrad für den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine geschaffen. Nur der Reichskriegsminister (Werner von Blomberg) war der einzige Höherrangige als Generalfeldmarschall.Reinhard Stumpf: Die Wehrmacht-Elite – Rang und Herkunftsstruktur der deutschen Generale und Admirale 1933–1945. Boppard (Rhein) 1982, S. 147.
Diese Hierarchie wurde nach der Blomberg-Fritsch-Krise im Februar 1938 verändert. Blomberg wurde entlassen und die Geschäfte des Reichskriegsministeriums auf das neue Oberkommando der Wehrmacht übertragen. Hitler übernahm den Oberbefehl über die Gesamtstreitkräfte; Göring wurde Generalfeldmarschall. Bereits 1935 hatte Hitler erwogen, den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine zum Großadmiral zu ernennen. Da das jedoch die Rangordnung von 1936 unmöglich gemacht hätte, war er Raeders Vorschlag zur Einführung des Generaladmirals gefolgt.Erich Raeder: Mein Leben. Band 2, Tübingen 1957, S. 129. Nachdem diese Ordnung nun entfallen war, wurde Raeder am 1. April 1939 zum Großadmiral befördert. Nach dessen Entlassung wurde der neue Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dönitz am 30. Januar 1943 zum Großadmiral befördert.
Nach 1946 verloren die Dienstgrad- und Rangordnung ihre offizielle Gültigkeit. Karl Dönitz nutzte sowohl in seinen Memoiren als auch in seinem Briefkopf die Wendung „Großadmiral a. D.“.Dazu auch der Hinweis in der offiziellen Festschrift der Bundeswehr Nie außer Dienst – Zum achtzigsten Geburtstag von Generalfeldmarschall Erich von Manstein. Köln 1967, S. 85. Reinhard Stumpf: Die Wehrmacht-Elite – Rang und Herkunftsstruktur der deutschen Generale und Admirale 1933–1945. Boppard (Rhein) 1982, S. 135 Fn. 320 In der Dienstgradstruktur der Bundeswehr ist der Dienstgrad nicht mehr vorgesehen und auch kein rangmäßiges Pendant vorhanden.
Bild Name geb. gest. Ernennung Anmerkungen 60px Raeder, seit 1894 in der Marine, wurde Seeoffizier, besuchte die Marineakademie, hatte verschiedenen Bordkommandos, diente im Ersten Weltkrieg als Erster Admiralstabsoffizier, kommandierte 1917/18 ein Schiff, wurde Chef der Zentralabteilung im Reichsmarineamt, 1924 Befehlshaber der Marinestation Ostsee und 1928 Chef der Marineleitung. Nach 1933 war er für Aufrüstung durch Großkampfschiffe verantwortlich und erarbeitete die Pläne für den Einsatz der Kriegsmarine. 1943 entlassen, wurde er 1945 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess verurteilt. 60px Dönitz, seit 1910 in der Marine, wurde 1913 Seeoffizier, kam auf der Breslau unter osmanisches Kommando, stieß 1915 zur U-Boot-Waffe, ab 1919 im Stab der Marinestation Ostsee, zum Admiralstabsoffizier ausgebildet, bis 1930 Ersten Admiralstabsoffizier, ab 1933 Auftrag zum Aufbau der U-Boot-Flotte, 1936 Führer der Unterseeboote, Januar 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, 1945 letztes Staatsoberhaupt (→ Regierung Dönitz) und im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess verurteilt.
Österreich-Ungarn
In der k.u.k. Kriegsmarine Österreich-Ungarns wurde der Dienstgrad des Großadmirals 1916 geschaffen. Im System der österreichisch-ungarischen „Rangklassen“ gehörte ein k.u.k. Großadmiral der 2. Rangklasse an und war somit einem k.u.k. Generalobersten gleichgestellt, unterhalb der 1. Rangklasse eines k.u.k. Feldmarschalls.Jörg C. Steiner: Die Rang- und Distinktionsabzeichen der k.u.k. Armee. Wien 1992, S. 109. Unterhalb der 2. Rangklasse stand die 3. Rangklasse, mit dem Dienstgrad eines Admirals.
Einziger k.u.k. Großadmiral war Anton Haus als Oberbefehlshaber der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine. Lediglich Kaiser Karl I. führte in seiner Eigenschaft als Oberkommandierender der Streitkräfte Österreich-Ungarns u. a. auch diesen Dienstgrad. Die beiden anderen Ernennungen zum k.u.k. Großadmiral erfolgten ehrenhalber und betrafen Heinrich Prinz von Preußen und Kaiser Wilhelm II.