mini|Stephan Hermlin, 1955 mini|hochkant|Unterschrift von Stephan Hermlin Stephan Hermlin (* 13. April 1915 in Chemnitz als Rudolf Le(i)der; † 6. April 1997 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer französischer Texte. Hermlin stach durch seine Erzählungen, Essays und Lyrik hervor und war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR.

Leben

Familie und Jugend links|mini|Stephan Hermlins Eltern David und Lola Leder, gemalt von Lovis Corinth, 1922, Museum Insel Hombroich, Neuss Stephan Hermlin stammte aus einer jüdischen Familie, die 1889 aus dem rumänischen Iași nach Chemnitz übersiedelte. Sein Vater David (1888–1947) kam dort als Textilkaufmann zu Wohlstand. David Leder heiratete 1914 die aus Tarnov stammende Lea Laura, genannt Lola, Bernstein (1892–1977).Edward Engelberg: Stephan Hermlin wurde als Rudolf Leder 1915 geboren, es folgten seine Geschwister Alfred (1917–1943) und Ruth (1918–1999). Von 1920 bis 1925 und dann wieder ab 1930 lebte die Familie in Berlin, wo auch ihr enger Freund Erich Goeritz war. In diesen Jahren trug David Leder, wie auch sein Bruder Max (1894–1926) und sein Cousin Karl Leder (1888–1944), eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammen, mit Werken unter anderem von Max Liebermann, Otto Th. W. Stein, Paul Cézanne und Edvard Munch.

1931 trat Stephan Hermlin in den kommunistischen Jugendverband ein. 1933 begann er eine Lehre als Drucker.Kurzbiografie Die Familie Leder war zunehmender antisemitischer Diskriminierung ausgesetzt. Lola Leder schickte ihre Kinder Alfred und Ruth 1934 nach Palästina. 1938 wurde Hermlins Vater sechs Wochen im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Seine Mutter kaufte ihn frei, gemeinsam ging das Paar nach London.

Emigration Stephan Hermlin heiratete im Dezember 1935Heiratsregister Standesamt Berlin-Charlottenburg I, Nr. 1116/1935 die Berlinerin Juliett Brandler (1913–1941), gemeinsam folgte das Paar Hermlins Geschwistern nach Palästina. Sie reisten 1937 weiter nach Frankreich und England, wo sie keine Aufenthaltsbewilligung erhielten, und ließen sich schließlich im Oktober 1937 in Paris nieder. Im Mai 1938 kam die Tochter Andrée-Thérèse (1938–2020) zur Welt.

Ende Mai 1940 wurde Hermlin zusammen mit seinen Kameraden Michael Tschesno-Hell und Peter Gingold nach der vorhergegangenen Internierung im Stade Buffalo bei Paris im Internierungslager Camp de la Braconne interniertPeter Gingold: Paris – Boulevard St. Martin No. 11. Ein jüdischer Antifaschist und Kommunist in der Résistance und der Bundesrepublik, PapyRossa Verlag, Köln 2009, ISBN 978-3-89438-407-4, S. 63 f. – für Hermlin der Auftakt zu einer mehrjährigen Dienstverpflichtung in französischen Fremdarbeiterkompagnien. Nach dem Tod seiner Ehefrau kam seine Tochter in ein Kinderheim der Hilfsorganisation Œuvre de secours aux enfants. Im April 1943 floh Hermlin mit seiner Tochter in die Schweiz, wo er als Staatenloser in einem Arbeitslager für Emigranten interniert wurde. 1944 kam er, nach eigener Aussage auf Betreiben der kommunistischen Partei, in das Schulungslager Wallisellen, wo er zusammen mit Hans Mayer und Michael Tschesno-Hell die Zeitschrift und Schriftenreihe Über die Grenzen herausgab. 1945 erschien im Züricher Morgarten-Verlag Hermlins erster Lyrikband Zwölf Balladen von den Grossen Städten, die Schweizer Behörden hatten die Verwendung des Pseudonyms nach anfänglicher Ablehnung doch erlaubt – mit der Begründung, „dass der Flüchtling bereits früher unter diesem Pseudonym bekannt war“.

Im Herbst 1945 kehrte Hermlin nach Deutschland zurück, er arbeitete zunächst als Rundfunkredakteur in Frankfurt am Main. Dort heiratete er die Theaterdramaturgin Lily Leder (1920–2006), 1946 wurde die Tochter Cornelia Schmaus geboren.

Erste Jahre in Ost-Berlin mini|Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus, Hermann-Hesse-Straße 39, in Berlin-Niederschönhausen Seit 1947 lebte Stephan Hermlin in Ost-Berlin. Dort war er Mitarbeiter in den Zeitschriftenredaktionen der Täglichen Rundschau (Tageszeitung der Sowjetischen Militäradministration), von Ulenspiegel, Aufbau sowie Sinn und Form. Stephan Hermlin arbeitete in wichtigen Gremien der sowjetischen Besatzungszone und wurde nach 1949 schnell einer der einflussreichsten Schriftsteller der neu gegründeten DDR.

Als enger Freund von Erich Honecker verstand sich Stephan Hermlin zu dieser Zeit als Protagonist sozialistischer Kulturpolitik, engagierte sich aber auch als Mittler zwischen Literatur und Politik.Siehe z. B. auch seine Rede über Mickiewicz. In: Sinn und Form 6/1955, S. 905–912. [Rede anläßlich der Gedenkfeier in Berlin am 29. November 1955 zu Mickiewicz' 100. Todestag].mini|Stephan Hermlin (links) mit Nâzım Hikmet, 1952|links

Im August 1961 rechtfertigte Stephan Hermlin in einem offenen Brief an Wolfdietrich Schnurre und Günter Grass den Bau der Berliner Mauer.Offener Brief von Stephan Hermlin an Wolfdietrich Schnurre und Günter Grass, 17. August 1961.

Lyrikabend 1962 Am 11. Dezember 1962 gehörte Stephan Hermlin zu den Initiatoren einer aufsehenerregenden Lesung junger Lyriker (unter anderen mit Wolf Biermann, Volker Braun, Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel) in der Akademie der Künste der DDR, die die Lyrik-Welle der 1960er Jahre einleitete. Er wurde daraufhin von seiner Funktion als Sekretär der Klasse Dichtkunst und Sprachpflege der Akademie entbunden. Später erklärte er in einer Besprechung des Politbüros mit Autoren und Künstlern, die Entscheidung sei richtig und er „nicht der richtige Mann am richtigen Platz“ gewesen. Sein schwerer Fehler sei gewesen, eine Aussprache im zweiten Teil des Abends schlecht geleitet und diese und die Gedichte einiger Autoren nicht „im Zusammenhang mit der Situation“ gesehen zu haben, in der der Abend stattgefunden habe.Markus Somm: Bericht eines Unverwüstlichen. In: Basler Zeitung, 7. Januar 2017.

Weiteres Engagement 1968 kritisierte Stephan Hermlin die Niederschlagung des Prager Frühlings, machte dies aber nicht öffentlich.

1976 gehörte er zu den Initiatoren des Protestes prominenter Schriftsteller gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns.spiegel.de schrieb : Hermlin protestiert gegen die Ausbürgerung Biermanns. Dafür erhielt er eine strenge Parteirüge und wurde fortan noch gründlicher von der Stasi überwacht. Er wurde allerdings nicht aus der SED ausgeschlossen und äußerte sich weiterhin als überzeugter Kommunist.

Auf dem VIII. Schriftstellerkongreß der DDR 1978 bekannte Hermlin: „ein spätbürgerlicher Schriftsteller und ein Kommunist, und ich bin eben beides, ob das den Leuten gefällt oder nicht“.Karl Heinz Götze: Spätbürgerlicher Dichter und Kommunist im frühen Sozialismus - Der Beitrag Stephan Hermlins zur DDR-Literatur, Deutsche Volkszeitung/die tat vom 8. Januar 1988, S. 9

Im Dezember 1981 organisierte Stephan Hermlin die Berliner Begegnung zur Friedensförderung, mit zahlreichen prominenten ost- und westdeutschen Schriftstellern gegen die Ost-West-Konfrontation, das viel Aufmerksamkeit erhielt.

Stephan Hermlin war Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, der Akademie der Künste der DDR und seit 1976 auch der Akademie der Künste West-Berlin. In der von der Akademie herausgegebenen Literaturzeitschrift Sinn und Form, deren Redaktionsbeirat er auch angehörte, "Was die Zeitschrift »Sinn und Form« anbelangt - denn um diese handelt es sich - , so gehöre ich ihrer Redaktion nicht an und ihren Redaktionsbeirat verließ ich vor genau fünfundzwanzig Jahren, aus Solidarität mit dem damals abgesetzten Chefredakteur Peter Huchel. Seither gebe ich der Redaktion manchmal Ratschläge, wenn ich etwas Schönes gefunden habe. Zu mehr bin ich nicht befugt. Zum Druck jenes Aufsatzes von Wolfgang Harich in Nummer 5 von »Sinn und Form« hätte ich die Redaktion nicht ermutigt." Stephan Hermlin: Meinungen zu einem Streit - Von älteren Tönen. In: Sinn und Form 1/1988, S. 179–182. erschienen von 1949 bis 1995 zahlreiche Beiträge Hermlins,Beiträge in Sinn und Form: darunter u. a. im Jahrgang 1990 ein bereits 1983 geführtes Gespräch mit Ulrich Dietzel über Parteimitgliedschaft und Wahrheit, die „Verwechslung von Disziplin und Kadavergehorsam“ und die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1984 erhielt Hermlin die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universität Jena.Hans Richter: Laudatio auf Stephan Hermlin. In: Sinn und Form 2/1985, S. 243–247. (Anlässlich der Ehrenpromotion Hermlins zum Dr. phil. h.c. durch die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät des Wissenschaftlichen Rates der Friedrich-Schiller-Universität Jena am 6. November 1984.)

mini|Grab von Stephan Hermlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

Abendlicht-Kontroverse Im Jahr 1996 behauptete der Literaturredakteur Karl Corino in einem Zeit-Artikel (und im Anschluss in einem Buch), Hermlin habe zu Unrecht dargestellt, sein Vater sei im KZ umgekommen, er selber habe im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und sei ein aktives Mitglied der französischen Résistance gewesen. Corino berief sich dabei im Wesentlichen auf die Textsammlung Abendlicht. Der Vorwurf bestand darin, Hermlin habe es lange Zeit kommentarlos hingenommen, dass Biographen und Philologen das literarische Material für wahr hielten.Karl Corino: DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin hat seinen Lebensmythos erlogen, in: Die Zeit, 41/1996 (abgerufen am 10. Juli 2015)

Der Text war formal als fiktional bezeichnet worden, wobei jedoch nicht zu erkennen war, welche Teile doch autobiographische Elemente enthielten und welche nicht. Im Klappentext hieß es: Ein eigentümliches Buch aus der Rückschau gewonnen und doch keine Autobiographie. Kindlers Literaturlexikon beschrieb es als „Bilanz einer ganzen Generation“.

Das Metzler Lexikon DDR-Literatur charakterisierte die Texte als eine „Mischform“ aus „teils autobiographische[r], teils episch erzählende[r], teils auch ‚lyrische[r] Prosa‘“ und beschrieb die Vorwürfe so: „Im Zeit-Dossier (4. Oktober 1996) veröffentlichte Karl Corino einen Artikel unter dem Titel Die Dichtung in eigener Sache, in dem er Hermlin der Lebenslüge bezichtigte. Er unterstellte ihm ungerechtfertigte Behauptungen, etwa dass sein Vater in Sachsenhausen ermordet worden sei (er war zu der Zeit Häftling dort), dass Hermlin Offizier im spanischen Bürgerkrieg gewesen sei (er war nur kurz als Bote in Spanien). Corino berief sich dabei im Wesentlichen auf den fiktionalen Text Abendlicht und nicht auf nachweisliche Behauptungen Hermlins.“

Nach der erhitzten Diskussion um Christa Wolfs Erzählung Was bleibt 1990 und der Literatur-Stasi-Debatte ab 1991 leitete die Kontroverse um Hermlin 1996 die dritte große Literaturdebatte betreffs der DDR nach der deutschen Einheit ein.

Familie Stephan Hermlins Töchter sind Andrée-Thérèse Leusink (1938–2020, aus der Ehe mit Juliett Leder, geb. Brandler), die Schauspielerin Cornelia Schmaus (aus der Ehe mit Lily Leder-Schmaus) und Bettina Leder (geb. 1954, aus der Ehe mit Gudrun Leder, geb. Hindemith). Sein Sohn aus der 1963 geschlossenen Ehe mit der Germanistin Irina Belokonewa-Hermlin (1935–2026), Andrej Hermlin, ist Musiker. Die Aktivistin und Autorin Stella Leder ist die Tochter von Bettina Leder, also seine Enkelin. In ihrem Buch Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten schildert sie die Familiengeschichte, besonders die Beziehung von Stephan Hermlin zu seiner dritten Ehefrau Gudrun, die als Stasi-Spitzel ihn und die gemeinsame Tochter denunziert hatte.Interview zum Buch im RBB vom 16. Oktober 2021 (online)Interview besonders zum Zusammenhang von Gedenkpolitik und Antisemitismus um jüdische Remigranten wie ihrem Großvater im WDR5 vom 9. November 2021 (online) Die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Mirna Funk ist die Enkelin seiner ersten Tochter Andrée-Thérèse Leder und damit Stephan Hermlins Urenkelin. Seine Cousine war Lee Guttman, geb. Leder, die ab den 1950er Jahren als Inkerin und Koloristin in den USA bei den führenden Unternehmen der Animationsindustrie in Hollywood tätig war.

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