Die Entwicklung des Jazz in Deutschland und seine öffentliche Wahrnehmung unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der im „Mutterland“ des Jazz, den USA. Seit den späten 1960ern spielen Grenzen in Europa jedoch nicht mehr die Rolle wie zuvor; die Rahmenbedingungen für Jazzmusiker in Deutschland sind heute völlig andere: Festivals, Bands und andere Jazz-Projekte sind zunehmend international besetzt.
Die 1920er Jahre Im „Artist“, einer Zeitschrift für Unterhaltungsmusiker, erschien im Juni 1919 erstmals das Wort „Jazz“. Als erste deutsche Jazzplatte gilt gemeinhin der (in den USA bereits 1917 erstmals eingespielte) Jazztitel „Tiger Rag“;Bereits zuvor entstanden jedoch in Österreich und Deutschland bereits einige Titel, die das Wort Jazz im Titel trugen. vgl. Diskussion (grammophon-platten.de) dessen deutsche Coverversion entstand am 12. Dezember 1919 mit der Original Excentric Band (Bandleader Frank Groundsell) auf dem Berliner Plattenlabel Homokord (B-557) und wurde am 15. Januar 1920 veröffentlicht.Deutschlandfunk vom 15. Januar 2005, Vor 85 Jahren kommt die erste deutsche Jazz-Schallplatte auf den MarktDie Version der Original Excentric Band klang jedoch „eher wie eine eigenwillige Interpretation des Radetzky-Marsches“. Dierk Strothmann: Wiesbadener Kurier, 9. Januar 2010Wolfgang Knauer zufolge waren nicht nur alle Stimmen ausgeschrieben; „die steife Rhythmik und der ungelenk wirkende Umgang mit den Synkopen“ erinnerten ihn an die Ragtime-Arrangements damaliger Aufnahmen von (amerikanischen) Blasorchestern. – W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 27
Bereits 1919 trat eine erste, von der amerikanischen Tänzerin Fern Andra engagierte ausländische Jazzband in Berlin auf, aber zuerst wurden die „wenigen Jazztänzer bestaunt und belacht.“ Die Stimmung bei den Tänzern änderte sich aber Franz Wolfgang Koebner zufolge ebenso wie die Nachfrage nach guten Jazzbands bereits im Folgejahr.Franz Wolfgang Koebner Jazz und Shimmy. zit. n. W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 26 Zwei der ersten Bücher mit dem Wort „Jazz“ im Titel stammen aus Deutschland, sind aber stark auf das Jazztanzen bezogen.1921 erschien Franz Wolfgang Koebners Buch Jazz und Shimmy. Brevier der neuesten Tänze. Alfred Baresel veröffentlichte 1925 Das Jazz-Buch: Anleitung zum Spielen, Improvisieren und Komponieren moderner Tanzstücke mit besonderer Berücksichtigung des Klaviers nebst Erklärung der modernen Tänze in musikalischer und psychologischer Hinsicht, zahlreichen Notenbeispielen zur Abwandlung gegebenen Materials zum Jazzgebrauch und technischen Spezialübungen für den Jazz-Klavierspieler, das 1926 bereits seine 4. Auflage erlebte. Auch Paul Bernhard bezieht in seinem Buch Jazz – eine musikalische Zeitfrage von 1927 den Begriff noch auf das Tanzen. In der „Tanzmanie der Nachkriegszeit“ waren nicht nur Tänze wie Foxtrott und Tango, sondern 1920 auch der Shimmy und 1922 der Twostep modern; 1925 beherrschte der Charleston die Tanzsäle.
Nachweise von Veranstaltungen, bei denen der Begriff Jazz erscheint, können den Annoncen der Tageszeitungen entnommen werden. Am 16. August tritt beispielsweise in den Aachener Kammerspielen Trocadero Harry Jackson’s Original Jazz-Band auf.Aachener Anzeiger, Politisches Tageblatt vom 16. August 1921 Auch in Essen sind derartige Anzeigen ab dem 28. Oktober 1921 nachweisbar.Ralf Jörg Raber, Als der Jazz nach Essen kam, in: Essener Beiträge. Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen, Band 128 herausgegeben von (Schriftleitung): Thomas Dupke Essen 2015 (Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e. V.), S. 173–222.mini|Auftritt von Harry Jackson’s Original Jazz-Band in Aachen am 16. August 1921 im Trocadero mini|Tanztee im Esplanade (Berlin, 1926) Ab 1922 konnten die ersten authentischen Jazzplatten aus den USA direkt importiert werden. Schon im Oktober 1920 spielte aber der Klarinettist und Saxophonist Eric Borchard nach einem USA-Aufenthalt mit Eric’s Concerto Yankee-Jazz Band eigene Aufnahmen ein, die qualitativ höherstehend waren. Borchard, der sich und seine Musiker mit Hilfe des Abhörens von neuem Plattenmaterial schulte, legte ab 1924 Aufnahmen vor, die mit denen amerikanischer Jazz-Größen vergleichbar waren.W. Knauer »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Stuttgart 2019, S. 36ff. Wirtschaftliche Unruhen und die Inflation machten jedoch von 1920 bis 1923 größere deutsche Orchester, die die neuen Jazztänze spielten, zu einer Seltenheit. Häufiger waren zunächst Trios mit einem Pianisten, einem Schlagzeuger und einem Stehgeiger, der auch das Saxophon bediente. Erst nachdem 1924 eine wirtschaftliche Stabilität erreicht wurde, war die ökonomische Basis für größere Tanzorchester gegeben, die nun von Bernard Etté, Dajos Béla, Marek Weber, Mitja Nikisch oder Stefan Weintraub gegründet wurden.M. H. Kater: Gewagtes Spiel. S. 24f. Dabei traf das prägende Element der Improvisation in Deutschland, wo man seit jeher nach konkreten Vorgaben spielte, eher auf Unverständnis. Marek Weber verließ beispielsweise demonstrativ das Podium, wenn seine Band allabendlich Jazzeinlagen spielte. Andere Bands, wie die von Fred Bird, konzentrierten sich hingegen auf Jazz. Efim Schachmeister kombinierte Jazz- und Schtetlstil.
Jazz im Deutschland der 1920er Jahre war vor allem eine Modeerscheinung, die Klaus Mann zufolge, zur „Obsession“ wurde: „Ein geschlagenes verarmtes, demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz“.Klaus Mann, Der Wendepunkt: Ein Lebensbericht. Reinbek b. Hamburg 2006, S. 170. Salonorchester wandten sich dem neuen Stil zu, weil die Tanzenden dies verlangten. Bereits im Oktober 1923 war Jazz erstmals im Radio zu hören: Der Funk-Stunde Berlin aus dem Berliner Vox-Haus folgte im Mai 1924 Radio München mit der Sendung „Jazzmusik aus dem Regina-Palast-Hotel“. Nach 1926, wo Paul Whiteman in Berlin einen sensationellen Erfolg hatte, gab es regelmäßig Radioprogramme mit live gespieltem Jazz. Er war auch auf Schallplatte erhältlich, und es gab Noteneditionen. Musiker aus vielen musikalischen Lagern bis hin zu Komponisten der klassischen Konzertmusik wie z. B. Paul Hindemith, Ernst Krenek und Kurt Weill nahmen die neue aus Amerika kommende Musikgattung in ihre Tonsprache auf. Für die Komponisten der Klassik waren die Besetzung, die Klangfarbe, die Synkopen und die Bluesharmonien des Jazz ein Synonym für die moderne Zeit. Man sah diese neue Musikgattung nicht nur als Mode und Unterhaltungsmusik, sondern als echte Kunst. Allerdings hatte der Komponist Karol Rathaus bereits 1927 etwas voreilig von einer „Jazzdämmerung“ gesprochen, und auch Theodor W. Adorno äußerte sich über den Jazz abfällig. Er sei Teil des Kunstgewerbes und bestenfalls „die Gebrauchsmusik der Oberschicht“.M. H. Kater: Gewagtes Spiel. S. 62f. Th. W. Adorno: Gesammelte Schriften. Bd. 18. Frankfurt a. M. 1997, S. 796
1928 initiierte Bernhard Sekles an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main entgegen heftigen Protesten die erste Jazzklasse weltweit.Es kam zu einer musikpolitischen Debatte, die sogar den Preußischen Landtag beschäftigte. Der Jazz-Kurs wurde von den Nationalsozialisten 1933 abgeschafft. Jürgen Schwab Der Frankfurt Sound. Eine Stadt und ihre Jazzgeschichte(n). Societät, Frankfurt a. M. 2004, S. 24ff. sowie Peter Cahn: Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (1878–1978). Kramer, Frankfurt am Main 1979."This was actually the first academic program for the study of jazz anywhere in the world." Kathryn Smith Bowers, "East Meets West. Contributions of Mátyás Seiber to Jazz in Germany." Jazz and the Germans, (Ed. Michael J. Budds), Hillsdale, NY: Pendragon Press, 2002, ISBN 978-1-57647-072-5, S. 122. (In den USA fingen solche Kurse erst 1945 und 1947 an.)Jazz education in der englischsprachigen Wikipedia Konzerte des von Mátyás Seiber geleiteten Jazzorchesters des Hoch’schen Konservatoriums wurden mehrmals vom Rundfunk übertragen.
Zeit des Nationalsozialismus In den europäischen Nachbarländern setzte sich der Trend in den 1930er Jahren fort. Dort entstanden Fan-Zeitschriften für Jazz und sogenannte „Hot Clubs“. Das NS-Regime allerdings verfolgte und verbot Jazz. Bereits kurz nach der Machtergreifung hatte Propagandaminister Joseph Goebbels Jazz in allen öffentlichen Lokalen verboten. Untersagt wurde auch die Ausstrahlung des Jazz im Rundfunk, zum einen wegen der afrikanischen Wurzeln des Jazz, zum anderen weil viele der aktiven Jazz-Musiker jüdischer Herkunft waren. Zum anderen stellte der Jazz mit seiner Spontaneität, Improvisation und Individualität, die auch die Swing-Jugend anzog, für die Nazis eine Bedrohung ihrer Weltanschauung dar.Michael H. Kater: Gewagtes Spiel, vor allem S. 283ff. Die Wirkung war allerdings zunächst eher gegenteilig: Daher sollte eine Anti-Jazz-Rundfunksendung Vom Cakewalk zum Hot von 1935 mit „besonders eindringlichen Musikbeispielen“, die Erich Börschel mit seinem Orchester im Auftrag der Reichsmusikkammer lieferte, abschreckend wirken, wurde jedoch begeistert aufgenommen.Wolfgang Knauer zufolge besaß Börschel vermutlich eine „klischeehafte Vorstellung vom Jazz.“ Vgl. W. Knauer, »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Reclam, Stuttgart 2019, S. 84Guido Fackler: "Zwischen (musikalischen) Widerstand und Propaganda – Jazz im Dritten Reich" In: Musikalische Volkskultur und die politische Macht. Tagungsbericht Weimar 1992 der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V. / Günther Noll. – Essen: Die Blaue Eule, 1994, S. 437–483;. ISBN 3-89206-590-X (Musikalische Volkskunde 11 (Online), S. 456)
Im Jahr 1935 wurde der Jazz für den Rundfunk verboten, wurde jedoch schon aus ökonomischen Gründen häufig durch Eindeutschungen mit Unterschlagung der Autorennamen umgangen.Guido Fackler: "Zwischen (musikalischen) Widerstand und Propaganda – Jazz im Dritten Reich" In: Musikalische Volkskultur und die politische Macht. Tagungsbericht Weimar 1992 der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V. / Günther Noll. – Essen: Die Blaue Eule, 1994, S. 437–483;. ISBN 3-89206-590-X (Musikalische Volkskunde 11 (Online), S. 453) 1937 richtete das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda auf Basis der Anordnung über unerwünschte und schädliche Musik eine Musikprüfstelle ein, die den Verkauf „unterwünschte[r] und schädliche[r] Produkte“ verbot. Im Bereich des Swing war insbesondere die Musik von Benny Goodman, von Tommy und Jimmy Dorsey, von George Gershwin, von Irving Berlin und von Cole Porter betroffen.Guido Fackler: "Zwischen (musikalischen) Widerstand und Propaganda – Jazz im Dritten Reich" In: Musikalische Volkskultur und die politische Macht. Tagungsbericht Weimar 1992 der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V. / Günther Noll. – Essen: Die Blaue Eule, 1994, S. 437–483;. ISBN 3-89206-590-X (Musikalische Volkskunde 11 (Online), S. 441) Das Jazz-Buch von Alfred Baresel wurde in der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 angeprangert. mini|In der Ausstellung Entartete Musik (hier eine Rekonstruktion) wurde auch der Jazz behandelt. Es wurde – etwa durch die journalistischen Aktivitäten eines Fritz Stege oder Hans Brückner – im Nationalsozialismus versucht, den Jazz als „Niggermusik“ aus Deutschland zu verbannen, aber der Jazz war nicht allgemein verboten.Hans-Jörg Koch: Das Wunschkonzert im NS-Rundfunk. S. 19. Vgl. ausführlich und immer noch grundlegend die Dissertation von Axel Jockwer Unterhaltungsmusik im Dritten Reich. Universität Konstanz 2004, insbesondere das Kapitel 4.2 Vom Jazz zur Neuen Deutschen Tanzmusik