Crowdsourcing (von für ‚(Menschen-)Menge‘, und für ‚Beschaffung‘; auch Crowdworking) bezeichnet die Auslagerung traditionell interner Teilaufgaben an eine Gruppe freiwilliger User, z. B. über das Internet. Diese Bezeichnung ist an den Begriff Outsourcing angelehnt, die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen. Synonym wird auch der Begriff Schwarmauslagerung verwendet.
Crowdsourcing erhöht die Verarbeitungsgeschwindigkeit, Qualität, Flexibilität, Skalierbarkeit und Vielfalt bei verringerten Kosten.
Begriff Crowdsourcing ist eine von dem US-amerikanischen Journalisten Jeff Howe (Wired) geprägte Bezeichnung, die erstmals 2006 in dem von Howe verfassten Artikel „The Rise of Crowdsourcing“ vorgestellt wurde.D. Michelis, T. Schildhauer: Social-Media-Handbuch: Theorien, Methoden, Modelle und Praxis. Nomos, Baden-Baden 2012, ISBN 978-3-8329-7121-2, S. 134. Definition nach Nicole Martin, Stefan Lessmann und Stefan Voß: „Crowdsourcing ist eine interaktive Form der Arbeit, die kollaborativ oder wettbewerbsorientiert organisiert ist und eine große Anzahl extrinsisch oder intrinsisch motivierter Akteure unterschiedlichen Wissensstands unter Verwendung moderner IuK-Systeme auf Basis des Webs 2.0 einbezieht. Leistungsobjekt sind Produkte oder Dienstleistungen unterschiedlichen Innovationsgrades, welche durch das Netzwerk der Partizipierenden reaktiv aufgrund externer Anstöße oder proaktiv durch selbsttätiges Identifizieren von Bedarfslücken bzw. Opportunitäten entwickelt werden.“Nicole Martin, Stefan Lessmann, Stefan Voß: Crowdsourcing: Systematisierung praktischer Ausprägungen und verwandter Konzepte. Institut für Wirtschaftsinformatik, Universität Hamburg 2008.
Zudem bezeichnet Crowdsourcing auch das Sammeln von Ideen und Rückmeldungen von außerhalb. Besondere Formen dieses Crowdsourcings sind das Crowdtesting, bei dem die Masse der Internetuser beispielsweise Apps oder Webanwendungen testet, ihr Feedback zu gefundenen Fehlern gibt und so die Usability verbessert, sowie das Crowdfunding, bei dem aus Unternehmenssicht nicht auf die Ideen oder die Arbeitsleistung der Masse der Internetuser abgezielt wird, sondern diese als Kapitalgeber gewonnen werden sollen.
Eine erste arbeitssoziologische Annäherung an das junge Phänomen erarbeitet Christian Papsdorf mit folgender Definition:
Diese detaillierte Definition zielt darauf ab, ähnliche Phänomene wie Open Source, Mass Customization oder die These des Arbeitenden Kunden deutlich von Crowdsourcing zu unterscheiden.
Zudem wird Crowdsourcing als Chance zum Ausgleich des globalen Wohlstandgefälles diskutiert.
Strategischer Einsatz Die freiwilligen Crowdsourcees werden innerhalb des Prozesses als Prosumenten bezeichnet. Oft werden sie von den Unternehmen zur Teilnahme an speziellen Aufgaben aufgefordert und unterstützen diese beispielsweise innerhalb der Innovations- oder Produktionsprozesse. Des Weiteren werden sie von den Unternehmen zur Lösung von Problemen betreffend der Forschungs- und Entwicklungsprozesse miteinbezogen. Ebenso kann Crowdsourcing zur Ideenbewertung eingesetzt werden, insbesondere dann, wenn ein Unternehmen im Zuge des Open Innovation Konzept eine sehr große Zahl von eingereichten Ideen bewerten muss. Allerdings stößt die crowd-basierte Ideenbewertung insbesondere bei relativ komplexen Ideen bisher an ihre Grenzen. So zeigte eine Studie, dass eine anonyme online Crowd Geschäftsmodellideen nicht konsistent zu Experten bewerten konnte. Produktion mit Hilfe von Prosumenten zu gestalten birgt dabei gleich mehrere Vorteile für die Unternehmen. Ihre Kunden sind direkt in den Produktionsprozess eingebunden, womit das Unternehmen die Gefahr des „Vorbei-Produzierens“ an den Kundenwünschen verringern kann. Des Weiteren bekommen sie kostenlos viele Vorschläge, für beispielsweise zukünftige Innovationen, für das Design oder sinnvolle Entwicklungen.B. Richard u. a. (2008), S. 83.
Crowdsourcing stellt somit eine moderne Form der Arbeitsteilung dar, welche schon lange zu den Grundprinzipien des Wirtschaftens zählt. Ermöglicht wurde und wird diese neuartige Methode durch technologischen Fortschritt und das Aufkommen des Internets, im Besonderen des Webs 2.0.D. Michelis, T. Schildhauer: Social-Media-Handbuch. 2012, S. 134. Unternehmen nutzen für ihre Zwecke die Intelligenz des Schwarms (vgl. Schwarmintelligenz oder Weisheit der Vielen) und profitieren von der leichten Erreichbarkeit der User. Der hinter dem Crowdsourcing stehende Ansatz lautet also, dass eine heterogene Masse von individuell entscheidenden Personen die Qualität von Expertenentscheidungen erreichen kann.D. Michelis, T. Schildhauer: Social-Media-Handbuch. 2012, S. 136. Ein weiterer Vorteil für Unternehmen ist somit ökonomischer Natur, sie können Kosten für Experten einsparen, zumal Studien nachweisen konnten, dass von Teilnehmern hervorgebrachte Produkte mit den Vorschlägen der Profis qualitativ vergleichbar sind.I. Jahnke, M. Prilla (2008), S. 132.Eva Maria Simon: Prognosebörsen Der Schwarm ist klüger als die Experten. (handelsblatt.com) Vorteilhaft für die Mitglieder der Crowd ist im Gegenzug die Aussicht, ein Produkt nach eigenen Vorstellungen und Wünschen in seiner Entwicklung beeinflussen zu können. Lässt man kritische Stimmen beiseite, so profitieren im Ergebnis Unternehmen wie auch Zugehörige der Crowd von der produktspezifischen Beteiligung via Internet.D. Michelis, T. Schildhauer: Social-Media-Handbuch. 2012, S. 137.
Bei ergebnisbezogenen Entlohnungen sind Geldprämien, kleine monetäre Belohnungen, Vergünstigungen oder exklusive Informationen üblich (Paid Crowdsourcing). Allerdings gibt es viele Crowdsourcing-Projekte ohne finanzielle Anreize. Diese motivieren die Freiwilligen durch berufliche Vorteile, den Wunsch, Neues zu lernen, Wissen mit anderen zu teilen und gemeinsame Ziele zu erreichen. Bei jeglichen Projekten ist die Wahrnehmung der sozialen Anerkennung, einer sinnvollen und kreativen Arbeit, des Spaßes am gemeinsamen Handeln sowie des Gemeinschaftsgefühls für die Partizipierenden motivierend.
Kritik Die Kritik zum Crowdsourcing ist zeitlich von Wandel und Umfang dieses Themas geprägt. Die Anfänge wie beim Wikipediaprojekt um 2004 unterlagen kaum der Kritik. Es gibt Wandlungsformen von Crowdsouring über Paid Crowdsourcing zu Crowdworking und Clickworkern mit Microjobs bis hin zum Crowdfunding. Kritisiert wird die unbezahlte, freiwillige Mitarbeit teilweise als Ausbeutung. Daher kam es zu Verschiebungen in den Bereich der Arbeitsleistung gegen Entgelt. Damit wuchs wiederum die Kritik an der Bezahlung, der unzureichenden sozialen Absicherung, zu Schöpfungsrechten und weiteren Folgen. Die Verschiebungen lassen sich nicht nach Dekaden betrachten, da der Umbruch wesentlich schneller war. Die Entwicklung der Kritik ist analog zur Entwicklung nachfolgend zeitlich geordnet:
Kritik 2006: Der Einsatz von Crowdsourcing im Dienstleistungsbereich kann große Nachteile für professionelle Anbieter bedeuten, deren Leistungen nun von Laien durchgeführt werden. So hat beispielsweise die Seite iStockphoto durch die Bereitstellung von lizenzfreien Amateurfotografien zu sehr geringen Preisen die Bildverkäufe zahlreicher professioneller Fotografen vermindert. So kann es in vielen Bereichen des Dienstleistungssektors zu einem Preisverfall kommen, sobald es eine Alternative gibt, die sich durch Crowdsourcing speist. Kritik 2012: Es wird befürchtet, dass Arbeitsplätze vermehrt wegfallen. Eine Kritik aus dem Hochschulbereich lautete: „Das Vorgehen der FH Trier unterminiert die Berufschancen der eigenen Absolventen.“ Kritik 2015: Es hat sich ein Markt für Microjobs entwickelt, der von harter Konkurrenz und geringer Bezahlung gekennzeichnet ist. Der Stundenlohn für einen Akademiker liegt bei „weniger als drei Euro die Stunde“. Kritik 2016: Kritisiert wird die Zerteilung von Projekten in kleine Aufgaben. Dies hat sich in weiten Teilen der Wirtschaft etabliert, aber nicht zu geregelter Beschäftigung geführt, die geeignet ist den Lebensunterhalt zu sichern. Politik und Gewerkschaften sehen dies zwar, haben aber bisher keine Lösungen gefunden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund warnte im Februar 2016 vor einem „Schattenarbeitsmarkt im Internet“. Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann sagte in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Neue Arbeitsformen wie Crowdworking brauchen Regeln, um Wettbewerbsverzerrungen durch Lohn- und Sozialdumping, Scheinselbständigkeit oder Steuerflucht zu vermeiden.“ Den „neuen Chancen für mehr gute Arbeit“ stehe ein „hohes Gefährdungspotenzial“ gegenüber, „insbesondere für Routinejobs“. Kritik 2017: Durch Crowdsourcing sei die Zukunft von Werbeagenturen teilweise gefährdet. Langwierige Schöpfungsprozesse können über Crowdmanagement ersetzt werden. Kritik 2019: Sicherheit für Crowdworker. Wie lassen sich Klickarbeiter besser absichern. Die Hans Böckler Stiftung stellt ein Modell vor, das sich die Digitalisierung selbst zunutze macht. Kritik 2020: Bei der Finanzierung wird teilweise mit unrealistischen Versprechungen gelockt, wie sich am Beispiel der Frankfurter Coa Holding GmbH zeigte.
Beispiele Die Wikipedia ist aus einem ursprünglich als Crowdsourcing gedachten Projekt entstanden. Sie sollte Menschen anziehen, die in einem unkontrollierten Prozess im Wiki enzyklopädische Artikel schreiben. Diese Artikel sollten dann durch den Redaktionsprozess der Nupedia gehen, die als die eigentliche Enzyklopädie gedacht war. Da die Wikipedia viel produktiver war als die Nupedia, gaben die Betreiber die Nupedia schließlich auf.
Eine besondere Form ist das sogenannte Mobile Crowdsourcing, welches sich aufgrund der wachsenden Verbreitung von Smartphones entwickelt hat. Dessen Funktionen (Telefon, SMS oder E-Mail) ermöglichen in Verbindung mit der GPS-Ortung eine effektive Unterstützung beispielsweise bei überlebenswichtigen Hilfseinsätzen, etwa infolge von Naturkatastrophen, Katastrophen technischer, biologischer oder medizinischer Art oder kriegerischen Auseinandersetzungen in Krisenregionen. Auch Daten lassen sich so erheben, so zu Strahlen- oder Lärmwerten, Verkehrsaufkommen und zur Luftverschmutzung in Städten. In einigen Städten Asiens und Afrikas, wo Trinkwasser oft nur für einige Stunden des Tages verfügbar ist, wird mit Hilfe von Mobile Crowdsourcing eine zuverlässigere Versorgung gewährleistet.Mobile Crowdsourcing als Lebensretter, t3n, 5. März 2012. Abgerufen am 20. April 2012. Ein weiteres Beispiel ist die bessere Wahrnehmung und Erkundung der Pflanzen- und Tierwelt, die zum Beispiel mit Hilfe des Mobile-Crowdsourcing-Projekts Map of Life der Universität Yale gewährleistet wird. Nutzer sollen hierbei langfristig über eine mobile App Daten ihrer Umgebung, in der sie sich gerade aufhalten, in ein weltweit abrufbares Wiki einspeisen. Dies würde ermöglichen, zu beobachtende Reaktionen der dort vorkommenden Arten auf etwaige Klimaveränderungen in einem dynamischen Modell umfassend zu betrachten., t3n, abgerufen am 18. Mai 2012.
In Form von Designwettbewerben können Kreativleistungen wie z. B. Grafik- und Markendesign ausgeschrieben werden.Oliver Gassmann: Crowdsourcing – Innovationsmanagement mit Schwarmintelligenz: – Interaktiv Ideen finden – Kollektives Wissen effektiv nutzen. 2. Auflage. Carl Hanser Verlag, 2012, ISBN 978-3-446-43182-9, S. 11ff.