mini|hochkant=2.0|Verlauf der als „Bernsteinstraße“ bezeichneten Haupthandelswege
Als Bernsteinstraße werden verschiedene Handelswege des Altertums (Altstraßen) bezeichnet, auf denen (unter anderem) Bernstein von der Nord- und Ostsee nach Süden in den Mittelmeerraum gelangte. Genau genommen handelt es sich nicht um eine Straße, sondern um unabhängige Handelswege, die für verschiedene Handelsgüter genutzt wurden. Die Bezeichnung „Bernsteinstraße“ tritt etwa ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auf und hat in antiken Quellen keine Entsprechung.Pawel Madejski: Was sich hinter dem Begriff ,Bernsteinstraße‘ tatsächlich verbirgt. In: Dieter Quast, Michael Erdlich (Hrsg.): Die Bernsteinstraße (= Archäologie in Deutschland. Sonderheft 04/2014). Theiss, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-8062-2708-6, S. 48–52.
Lagerstätten und Hortfunde Baltischer Bernstein entstand in einem Waldgebiet, das im Eozän große Teile des Baltikums und des heutigen Russland sowie Dänemarks und Skandinaviens bedeckte. Vom Ort seiner Entstehung wurde er durch fluviatile Einflüsse überwiegend in ein südlich des Waldgebietes gelegenes Meer geschwemmt. Die entstandene Bernsteinlagerstätte, bestehend aus marinen Sanden, vermischt mit Glaukonit, ist die so genannte „Blaue Erde“, die im Samland zu Tage tritt (und vor dem Einsetzen der quartären Eiszeit möglicherweise auch an anderen Orten existierte).D. Zawischa: Einschlüsse in Bernstein. In Arbeitskreis Paläontologie Hannover 21, Heft 1,2, Hannover 1993. Diese Bernsteinlagerstätte war schon vor der Antike bekannt. Unzweifelhaft ist, dass Bewohner der Küstenregionen, zum Beispiel Menschen der jungsteinzeitlichen Haffküsten-Kultur (Rzucewo-Kultur), die im Weichseldelta siedelten, aus dem an den Küsten des Samlandes angespülten Bernstein Schmuck- und Kultgegenstände fertigten und mit Bernstein bereits einen Austausch betrieben.Ryszard F. Mazurowski: The amber-processing region in Żuławy Wiślane 4500 years ago. In: Amber – views – opinions. Warschau 2006 (Erstveröffentlichung des Beitrags 1996).
Im Zuge der quartären Eisvorstöße wurden Schollen dieser Blauen Erde von zum Teil beachtlicher Größe losgerissen und mit dem Eis in das Binnenland verfrachtet. Aus diesem Grunde kommt Bernstein bis zu den Vereisungsgrenzen der Gletschervorstöße und in den Ablagerungen der durch das Abtauen der Eismassen entstandenen Schmelzwasserströme vor. Wo die Schollen der Blauen Erde während der vor mehr als 12.000 Jahren zu Ende gehenden Eisvorstöße des Weichselglazials einigermaßen zusammenhängend abgelagert wurden, kann Bernstein im Binnenland lokal auch gehäuft auftreten. Allerdings ist der Umfang solcher Vorkommen mit dem der Blauen Erde im Samland nicht annähernd vergleichbar und als Grundlage für die Entstehung eines systematischen Handels zu gering.Janusz Czebreszuk: Amber between the Baltic and the Aegean in the Third and Second Millennia BC (An Outline of Major Issues). In: Ioanna Galanaki u. a. (Hrsg.): Between the Aegean and Baltic Seas. Prehistory across borders (= Aegaeum. Band 27). Université de Liège, Liège 2005, S. 363–370. Einige dieser Fundgebiete sind weiter unten beschrieben.
Der gezielte Abbau solcher Vorkommen hat in geschichtlicher Zeit immer wieder stattgefunden, jedoch selten systematisch über einen längeren Zeitraum, da die Vorkommen selbst unter optimalen Bedingungen recht begrenzt sind und die in früherer Zeit zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten Grabungen in größerem Stil nicht zuließen. Ob, wann und gegebenenfalls in welchem Umfang diese binnenländischen Bernsteinvorkommen in frühgeschichtlicher Zeit genutzt wurden, ist daher umstritten. Eher ist anzunehmen, dass sich die Gewinnung von binnenländischem Bernstein zumeist auf das Auflesen oberflächlich zu Tage tretenden Bernsteins beschränkte. Gleichwohl schließen einige Archäologen einen systematischen Abbau durch Grabungen auch für die Zeit des Mittelalters und der Antike in Gestalt des so genannten Duckelbaus nicht völlig aus.
Vor diesem Hintergrund sind einige der zumeist durch Depotfunde nachgewiesenen Handelsplätze für Bernstein im Binnenland möglicherweise nicht nur den Verlauf der Handelswege markierende Umschlagplätze von Händlern gewesen, sondern auch Orte, an denen das Rohmaterial gefördert wurde.Kurt Hucke: Die Sedimentärgeschiebe des norddeutschen Flachlandes. Quelle & Meyer, Leipzig 1917.Kurt Hucke: Einführung in die Geschiebeforschung. Nederlandse Geologische Vereniging, Oldenzaal 1967.Rainer Schulz: Vorkommen von Bernstein in Nordbrandenburg. In: Findlingen und Fossilien. Geologische Lehrpfade im Barnim, der Uckermark und in Märkisch Oderland (= Entdeckungen entlang der Märkischen Eiszeitstraße Heft 5). Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Märkischen Eiszeitstraße, Eberswalde 2001.Rolf Reinicke: Bernstein im vorpommerschen Küstengebiet. In: Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0.
Beispiele für gehäuftes Bernsteinvorkommen im Binnenland: In vielen märkischen Gebieten – zum Beispiel in Talsandflächen des Thorn-Eberswalder-Urstromtales – wurden im Zuge von Regulierungs- und Dammbauarbeiten Bernstein-Lagerstätten entdeckt. Archäologen vermuten in dieser Region des heutigen Polen ein Handelszentrum. Nicht weit entfernt, im westlichen Thorn-Eberswalder-Urstromtal, fand man beim Bau des Finowkanals reiche Bernsteinlager; außerdem 1800 beim Mergelabbau eine Scholle Glaukonit-Sand mit Bernstein. In der Region Kurpie (in Nordostpolen), insbesondere im Einzugsgebiet des Flusses Narew, etwas östlich der östlichen römischen Route der „Bernsteinstraße“. Bereits mit Beginn der Besiedlung dieser Region, Ende des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts, wurden lokale Anhäufungen von Bernstein entdeckt, der anfangs mit einfachen Mitteln gefördert und mit dem wahrscheinlich auch Handel getrieben wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts arbeiteten in zahlreichen kleinen Tagebaugruben, die sich in Staatsbesitz befanden und verpachtet wurden, bis zu 2.000 Menschen. In der Umgebung von Ostrołęka wurden auf einer Fläche von etwa 1000 km² in zahlreichen Gruben im Jahre 1835 etwa zwei Tonnen Bernstein gefördert. Mit dem Aufkommen der industriellen Bernsteinförderung im Samland kamen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die zuvor schon nachlassenden Aktivitäten in diesem Gebiet weitgehend zum Erliegen, wenngleich hier noch von Privatpersonen Bernstein ergraben wird.J. Jastrzebski: Gewinnung von Bernstein in Kurpie, Nordost-Polen. In: Metalla Sonderheft, Bochum 1997.
Eine der in diesem Zusammenhang bedeutendsten archäologischen Entdeckungen ist der so genannte Bernsteinschatz von Breslau-Patrynice mit einem Gesamtgewicht von 2750 kg, darunter rund 1500 kg Rohbernstein. Dass es sich hierbei um Handelsware gehandelt hatte, war unter anderem daran erkennbar, dass die Stücke der Größe nach sortiert waren. Die Fundstücke stammen vermutlich aus dem 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. und werden mit keltischen Stämmen in Verbindung gebracht.H. Lüddecke: Bernstein. In Arbeitskreis Paläontologie Hannover 21, Heft 1,2; Hannover 1993.Przemysław Wielowiejski: Amber between Baltic and Adriatic in the times of Caesar and Augustus. In: Amber – views – opinions. Warschau 2006 (Erstveröffentlichung des Beitrages 1996). Hortfunde sind indes auch aus anderen geschichtlichen Perioden bekannt. So wird beispielsweise ein aus rund 300 kg Rohbernstein und 30 kg verarbeiteten Stücken (in der Hauptsache gedrechselte Bernsteinperlen) bestehender Fund bei Basonia (Woiwodschaft Lublin, Südpolen) auf das fünfte nachchristliche Jahrhundert datiert.Audrone Bliujiene: Lithuanian amber artifacts in the middle of the first millennium and their provenance within the limits of eastern baltic region. In: Acta Academiae Artium Vilnensis. Band 22, 2001, S. 171–186, hier S. 182 (online). Dieser Fundort deutlich östlich der sogenannten Ostroute der Bernsteinstraße zeigt aber auch, wie verästelt die Handelswege für Bernstein in frühgeschichtlicher Zeit offensichtlich waren.
Die römische Bernsteinstraße miniatur|Die Bernsteinstraße (Ostroute) Es gab einige Handelswege, über die seit der Vorzeit Bernstein in die Alpenregion und nach Italien gelangte. Am besten erforscht sind die zur Zeit des Römischen Reiches von der Ostsee und der westlichen Nordsee zur nördlichen Adria und nach Rom verlaufenden Handelswege, die zumeist auch gemeint sind, wenn allgemein von „der Bernsteinstraße“ die Rede ist. Plinius der Ältere (23/24–79 n. Chr.) berichtet in seiner Naturalis historia, dass auf dieser Straße Bernstein von der Ostseeküste nach Aquileia transportiert worden sei. Weiter erklärt er, „[…] dass die Küste Germaniens von wo [der Bernstein] eingeführt wurde, etwa 600.000 Schritt [rund 900 km] von Carnuntum in Pannonien entfernt sei […]“.Franz Waldmann: Der Bernstein im Altertum. Eine historisch-philologische Skizze. Fellin 1883 (online). Die Küste des Samlandes liegt etwa in dieser Entfernung von Carnuntum. Daraus wird gefolgert, dass der Bernstein von dort stammt, die hier beschriebene Bernsteinstraße also in dieses Gebiet geführt haben muss.
Nach der Ausweitung des Römischen Reiches bis an die Donau wurde der Teil dieser Handelsroute, der nun innerhalb der Reichsgrenzen lag, schrittweise im 1. Jahrhundert n. Chr. als Staatsstraße (Römerstraße) ausgebaut. Das bedeutete jedoch entgegen populären Vorstellungen keinen flächendeckenden Ausbau mit großen Steinplatten. Vielmehr dürfte die Bernsteinstraße unter den Kaisern Augustus und Tiberius zunächst größtenteils ein einfacher Erddamm gewesen sein. Für die Zeit um die Mitte des 1. Jahrhunderts gibt es Hinweise auf einen Ausbau der Bernsteinstraße zu einer Schottertrasse. Einen mit Steinen gepflasterten Straßenzug gab es erst deutlich später und auch nur auf kleineren Abschnitten, etwa in den größeren Städten.Stefan Groh, Helga Sedlmayer: Villa – Wagen – Wirtschaftswunder. Römisches Bruckneudorf (= archäologie aktuell. Band 8). Ferdinand Berger und Söhne, Horn 2022, ISBN 978-3-99137-021-5, S. 16–19. Trotzdem bedeutete die römische Herrschaft die erstmalige Anlage und Wartung eines wirklichen Straßennetzes, wodurch die Bernsteinstraße zu einer wintersicheren Verbindung zwischen Carnuntum an der Donau und Aquileia in Italien wurde. Der Verlauf dieser Route ist in der Tabula Peutingeriana verzeichnet.
Unter Umgehung der Alpenpässe verlief die Straße von Carnuntum, Scarabantia (Sopron/Ödenburg), Savaria (Szombathely/Steinamanger) und Poetovio (Ptuj/Pettau) über Emona (Laibach, Ljubljana) nach Aquileia. Zwischen Sopron und Szombathely führte die Bernsteinstraße durch das Mittelburgenland (Bezirk Oberpullendorf), ein für Rom bedeutsames keltisches Eisenerzgebiet.Karl Kaus: Die Bernsteinstraße im Burgenland. In: János Gömöri (Hrsg.): Landscapes and Monuments along the Amber Road. Results and Perspectives of Cultural Tourism. Kiadja a Scarbantia Társaság, Sopron 1999, ISBN 963-03-7907-4, S. 88–91 (ungarische Übersetzung auf S. 91–93). Der antike Name der römischen Bernsteinstraße ist nicht sicher; zumindest für den Abschnitt zwischen Emona und Aquileia ist jedoch die Bezeichnung „via Gemina“ belegt, die sich möglicherweise auf die gesamte Strecke zwischen Carnuntum und Aquileia bezog. Für die Herleitung des Namens gibt es mehrere Optionen: von einem römischen Politiker dieses Namens, der als Bauherr eines Straßenabschnitts fungiert haben könnte (vielleicht Gaius Fufius Geminus), von einer für den Ausbau der Straße genutzten Truppe (der legio XIII Gemina) oder von der lateinischen Wortbedeutung „Zwilling“ (da zwischen Aquileia und Emona zwei Routen verliefen, eine über den Pass Razdrto und eine durch den Birnbaumer Wald).Stefan Groh, Helga Sedlmayer: Villa – Wagen – Wirtschaftswunder. Römisches Bruckneudorf (= archäologie aktuell. Band 8). Ferdinand Berger und Söhne, Horn 2022, ISBN 978-3-99137-021-5, S. 19–21.