Rationalität beschreibt ein vernunftgeleitetes Denken und Handeln. Es ist an Zwecken und Zielen ausgerichtet. Gründe, die als vernünftig gelten, werden absichtlich ausgewählt.Zur Begriffsanalyse vgl. etwa Stefan Gosepath: Eine einheitliche Konzeption von Rationalität. In: Nicole Karafyllis, Jan Schmidt (Hrsg.): Zugänge zur Rationalität der Zukunft. Metzler, Stuttgart 2002, S. 29–52; zur Zielorientierung, S. 43.
Der Ausdruck entstammt dem lateinischen rationalitas (‚Denkvermögen‘), abgeleitet von ratio (‚Berechnung‘, ‚Vernunft‘, ‚Verstand‘, auch ‚Verhältnis‘, ‚(logischer) Grund‘, ‚Rechtfertigungsgrund‘, ‚Begründung‘).Joachim Gerlach: Der Satz vom zureichenden Grund: Von A. Schopenhauer zu H. Kuhlenbeck. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 8, 1990, S. 369–379; hier: S. 370 f. Rationalität kann, je nach Anwendungsbereich und je nachdem, was man als vernünftig betrachtet, unterschiedliche Bedeutungen haben. Man spricht in der Moderne deshalb auch von verschiedenen Rationalitäten der einen Vernunft.Karl-Otto Apel und Matthias Kettner (Hrsg.): Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten. Suhrkamp, Frankfurt 1996.
Bedeutung Zum Begriff der Rationalität Bei der Analyse des Begriffs der Rationalität können verschiedene Aspekte im Vordergrund stehen: Erstens wird damit eine bestimmte Beziehung zwischen einem angestrebten Zweck und den zu seiner Erreichung angewandten Mitteln bezeichnet. Hierbei bedeutet Rationalität also die Fähigkeit zur Abschätzung einer Ursache-Wirkung-Kette. Dabei geht es um die deskriptive Antwort auf die Fragen: „Welches Mittel wirkt – bzw. wie wirkt das gewählte Mittel – und wie hoch ist der Aufwand, um den angestrebten Zweck zu erreichen?“. Die Frage der Zweck-Mittel-Korrelation wurde von Max Weber aufgeworfen, siehe Kap. Sozialwissenschaften.Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4, Lexikon-Stw. Rationalität. S. 718. Max Horkheimer spricht hier in kritischer Absicht von einer instrumentellen Vernunft.Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft [Eclipse of Reason. 1947], Fischer, Frankfurt 1967. Zweitens geht es um die Bewertung eines Zwecks als angemessen. Rational bedeutet dann „vernünftig“, „richtig“: Der Begriff der Rationalität wird also zur Rechtfertigung bestimmter, als Norm gemeinter, Grundsätze in Anspruch genommen. Hier fragt Rationalität nicht nur, ob etwas richtig getan wird (Effizienz), sondern auch ob das Richtige getan wird (Effektivität). Vernünftiges Handeln beinhaltet damit einen Anspruch auf richtiges Handeln, das man begründen kann. Die Aufforderung, vernünftig zu handeln, ist präskriptiv und wird als hypothetischer Imperativ formuliert. Unvernünftiges Handeln gilt in vielen Situationen als minderwertig. Zweckrational handelt nach Max Weber (s. u.), wer das Verhältnis von Nutzen und Aufwand bei der Auswahl des richtigen Ziels maximiert. Drittens werden Muster der Bewertung und Muster von Entwicklungsvorgängen als „Rationalität“ (bisweilen auch als „Logik“) eines Prozesses oder Systems bezeichnet. Rationalität ist hier der Ausdruck von Methoden und Verfahren. Systemrationalität bezeichnet einen optimalen Funktionszusammenhang. Hier geht es vor allem um die Konsistenz von Argumenten, Entscheidungen und Handlungen. „Kognition, Evaluation und Handlung müssen eine Einheit bilden.“Nicholas Rescher: Rationalität. Eine philosophische Untersuchung über das Wesen und die Begründung der Vernunft. Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, S. 152. In diesen Bereich des Begriffsfeldes fallen auch die Eigenschaften und Fähigkeiten von Personen. Man spricht von rationalen Menschen. In einer kritischen Sicht wird der Mensch hierdurch zum System oder zu einer Sache, die funktioniert. Viertens wird der Begriff Rationalität bzw. „rational“ als Erklärungsmuster für Handlungen, Überzeugungen, Wünsche oder Normen verwendet. Eine in diesem Sinne „rationale Erklärung“ einer bestimmten Handlung oder Überzeugung versucht diese – durch Angabe der jeweils (handlungs-)situationsspezifischen Bedingungen – intersubjektiv verständlich, d. h. für andere Menschen nachvollziehbar zu machen. Die erklärende Analyse fragt nach den Bedingungen und Motiven rationalen Handelns. Als rational gilt hier, was wohlbegründet, angemessen und verantwortbar ist. In Abgrenzung zur instrumentellen oder zweckorientierten Rationalität kann man hier von einer substanziellen oder moralischen Rationalität sprechen. Max Weber bezeichnete diesen Aspekt des Begriffs als Wertrationalität, die einer moralischen, religiösen oder ästhetischen Einstellung folgt und sich in einer Gesinnungsethik äußert.Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. , 5. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 1976, 12 (online)
Im Gegensatz zum Begriff der Vernunft kann man vom Begriff der Rationalität die Mehrzahl bilden und von verschiedenen Rationalitäten sprechen. Der Gegenbegriff zur Rationalität ist das Irrationale, ein Zustand oder ein Handeln, das nicht durch vernünftige Gründe gestützt ist (Affekte, Wunschdenken, anormale psychische Zustände, z. B. Paranoia). Unbelebte Gegenstände sowie Pflanzen sind weder rational noch irrational, sondern arational, d. h. nicht zur Rationalität fähig. In Hinblick auf Tiere, insbesondere Höhere Säugetiere, ist umstritten, in welchem Maße sie zur Rationalität fähig sind. Von der auf Handlungen ausgerichteten pragmatischen Rationalität wird die theoretische oder kognitive Rationalität unterschieden, die das Wissen zum Gegenstand hat.Herbert Schnädelbach: Zur Rehabilitierung des animal rationale. Vorträge und Abhandlungen. Suhrkamp, Frankfurt 1992, S. 64–65; vgl. auch den Buchtitel von: Stefan Gosepath: Aufgeklärtes Eigeninteresse. Eine Theorie theoretischer und praktischer Rationalität. Suhrkamp, Frankfurt 1992. Sie umfasst „alle Arten methodischen Denkens in endlich vielen reproduzierbaren Schritten zur Gewinnung und Begründung von Aussagen über die Welt.“Max Bense: Ungehorsam der Ideen. Berlin/Köln 1965, S. 26. Kognitive Rationalität kann nur ihre Geltung einfordern, wenn das Wissen anderen Menschen gegenüber begründbar und von diesen überprüfbar ist.Günter Ropohl: Rationalität und allgemeine Systemtheorie. Ein Weg synthetischer Rationalität. In: Nicole Karafyllis, Jan Schmidt (Hrsg.): Zugänge zur Rationalität der Zukunft. Metzler. Stuttgart 2002, S. 113–137, 115. Rationalität ist eng mit dem Begriff der Intentionalität verbunden, da sie immer auf etwas (eine Person, einen Sachverhalt) gerichtet ist. Eine Person kann als rational bezeichnet werden, wenn sie dem Bewertungskriterium des „guten Schließens“ entspricht.Andreas Kemmerling: (PDF; 2,1 MB), in: H. F. Fulda/R. P. Horstmann (Hrsg.): Vernunftbegriffe in der Moderne – Stuttgarter Hegel-Kongreß 1993. Stuttgart 1994, S. 704–726.
Viele klassische Philosophen unterscheiden zwischen ratio und intellectus, im Deutschen meist mit Verstand und Vernunft (ursprünglich genau umgekehrt) wiedergegeben, wobei ratio in aller Regel ein niedrigeres Erkenntnisvermögen darstellt, das vergleichend und diskursiv operiert, während intellectus hingegen ein einheitlich zusammenschauendes Vermögen bezeichnet.
In der Lebenspraxis kann man nicht absolut von rational oder irrational sprechen, weil immer Erfahrungen und Gewohnheiten einen Einfluss auf ein Verhalten haben, d. h. Rationalität ist davon abhängig, wer eine Überzeugung äußert oder danach handelt und wann dies geschieht. Das Urteil eines Laien über ein Krankheitssymptom kann rational sein, auch wenn der hinzukommende Arzt den Sachverhalt als Fachmann ganz anders sieht. Argumente, Entscheidungen und Handlungen sowie die daraus hervorgehenden Zustände und Strukturen sind nicht objektiv, sondern nur mehr oder weniger rational im Vergleich zu entsprechenden Alternativen. Damit ist Rationalität nicht mit dem Begriff der Wahrheit verknüpft. Rational können auch eine Meinung oder ein Handeln sein, denen ein faktischer Irrtum zugrunde liegt.Bernard Gert: Die moralischen Regeln. Eine neue Begründung der Moral. Suhrkamp, Frankfurt 1983, S. 49. Absolut rational wäre ein Prinzip, bei dem es einen Anspruch auf Letztbegründung geben würde, also eine wissenschaftliche Theorie, die nicht mehr falsifizierbar (als nichtzutreffend begründbar) wäre, oder eine moralische Regel, die universale (allgemeine) Geltung beanspruchen könnte. Rationale Praxis auch in den Wissenschaften bedeutet demnach, sich an einem Wissen zu orientieren, das in Hinblick auf die verfügbaren Informationen frei von Zweifeln ist, auch wenn es grundsätzlich bezweifelbar bleibt.Jan Peter Beckmann: Wissen, Rationalität und Orientierungswissen. Zum konsensfähigen Umgang mit aktuellen Debatten. In: Ludger Honnefelder, Dieter Sturma (Hrsg.): Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik. De Gruyter, Berlin 2009, S. 5–22, 13. Rational ist ein Handeln also, wenn es wohlbegründet und kohärent ist.Julian Nida-Rümelin: Zur Orientierung Philosophischer Praxis: praktische Rationalität und Kohärenz (abgerufen am 15. März 2017)
Rationalität ist weiterhin nicht gleichzusetzen mit Erfolg, auch wenn das Bemühen um Rationalität durch das Streben nach einem größeren Erfolg motiviert ist. Ein Handeln, das eine bestehende Situation verschlechtert, gilt nicht als rational. Der Begriff der Rationalität beinhaltet somit einen Nutzen, der mit einem Objekt oder einer Handlung verbunden ist. Dabei geht aus der Eigenschaft „rational“ noch nicht hervor, inwiefern der Nutzen besteht. Der Begriff als solcher ist semantisch formal. Ein „rational konstruierter Becher“ bedarf für religiöse Anwendungen anderer Eigenschaften als ein Becher für die Raumfahrt.Nikolaos Psarros: Rationalität und Gemeinwohl. Sprachanalytische Reflexionen. In: Nicole Karafyllis, Jan Schmidt (Hrsg.): Zugänge zur Rationalität der Zukunft. Metzler, Stuttgart 2002, S. 53–72. Das Wort Rationalität als Beschreibung einer Eigenschaft (Prädikat) bezeichnet keine Äquivalenzrelation (Gleichwertigkeitsbeziehung), die durch eine einfache Regel zu fassen ist, sondern betont die besondere Eignung für einen bestimmten Zweck. Was konkret das Rationale ist, ergibt sich erst in der jeweiligen Situation.