Lilium martagon var. cattaniae ist eine durch ungefleckte dunkel-purpurrote Blüten auffallende Varietät der Türkenbund-Lilie (Lilium martagon) aus der Gattung der Lilien (Lilium).
Beschreibung und Ökologie mini|Lilium cattaniae. Roberto Visiani Supplementum Flora Dalmatica, Tafel 3, 1872, Lithographie G. Kirchmaijr mini|Die dicht weißwollig behaarten Knospen unterscheiden von der Nominatform
Lilium martagon var. cattaniae ist eine ausdauernde krautige Pflanze mit einer unterirdischen Zwiebel, die Wuchshöhen bis 200 Zentimeter erreicht.
Von der Nominatform Lilium martagon var. martagon unterscheidet sie sich durch die deutlich kräftigere Wuchsform mit einem bis daumendicken Stängel, auf dem sich oft mehr als 15 Blüten (gelegentlich bis 47) befinden, blattreiche Scheinquirle (bis 22 Einzelblätter am untersten Scheinquirl), die kräftig weinrote bis schwarzpurpurne Farbe des Perigons, den rotgefärbten Antheren und ebensolchen Pollenkörnern sowie der filzig-wolligen Behaarung von Blütenknospen und Stängel.
Eine ähnliche Form, Lilium martagon var. sanguineo-purpureum, hat blutrote Blüten, die jedoch dunkel gepunktet sind. Diese wurde im Verbreitungsgebiet der Cattani-Lilie vom Velež durch Günther Beck von Mannagetta und Lerchenaus beschrieben.
Die Varietät zeigt zudem eine klinale Variabilität in der Blütenfarbe, die zwischen den Lilien im NW mit helleren Blüten und denen aus dem SO mit leuchtend dunkelpurpurnen liegt. Letztere wurden von verschiedenen Autoren wie insbesondere Visiani zu Lilium martagon var. cattaniae gestellt, manchmal wie von Elwes und Maly aber auch Lilium martagon var. dalmaticum (Lilium dalmaticum ) bezeichnet. Letztere Namensform hielt sich insbesondere in der Hortikultur, da die größte gärtnerische Introduktion der Cattani-Lilien im 19. Jh. aus dem Stammgebiet der var. dalmaticum als Lilium dalmaticum aus ihrem südöstlichen Areal oberhalb der Bucht von Kotor nach Großbritannien und Deutschland erfolgte.
Vegetative Merkmale Die Stängel sind grünbraun oder rotbraun überhaucht. Stängel, Blütenstand sind behaart, Knospen sind filzig-weißwollig behaart. Die ovale Zwiebel ist gelb, kann bis 5 Zentimeter Durchmesser erreichen und besteht aus vielen gelben taillierten Schuppen. Sie zeichnet sich wie viele Geophyten durch Zugwurzeln aus, die dafür sorgen, dass die Zwiebel in ausreichender Bodentiefe bleibt.
Der einfache, kräftige Stängel ist rund. Im mittleren Bereich des Stängels stehen die waagrecht abstehenden Blätter in zwei bis vier Scheinquirlen, Blätter 6-9(18) je Scheinquirl, sitzend, verkehrt-lanzettlich bis spatelförmig, waagrecht stehend, mit zahlreichen Nerven, ganzrandig, weich und matt-grün. Tragblätter weiter oben einzeln und verstreut.
Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Juni und Juli. Bis zu fünfzehn duftende, nickende Blüten befinden sich in einem rispigen Blütenstand, in einer losen verlängerten Traube. Die zwittrigen, dreizähligen mittelgroßen Blüten haben sechs nach unten und außen gebogene, gleichgeformte Blütenhüllblätter (Tepalen). Die Tepalen sind stark nach außen gerollt, ihre Spitzen treffen am Stiel jedoch nicht aufeinander wie es die typische Turbanform des eigentlichen Türkenbunds ergibt. Die Blüten sind darüber hinaus einfarbig, leuchtend dunkel weinrot und nicht bepunktet, was diese ebenfalls vom Türkenbund unterscheidet. Die Staubblätter mit roten, 6 bis 11 Millimeter langen Staubbeuteln ragen weit aus der Blüte hervor. Narbe und Pollen sind ebenso rot.
Die dreifächrige Kapselfrüchte sind bei einem Durchmesser von etwa 2 Zentimetern rundlich und enthalten zahlreiche horizontal angeordnete hellbraune Samen. Die Ausbreitung der Samen erfolgt als Schüttelstreuer (Windstreuer und Tierstreuer).
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 24.
Verbreitung Lilium martagon var. cattaniae kommt auf der westlichen Balkanhalbinsel ausschließlich in den subadriatischen litoralen Karstgebirgen in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Montenegro vor. Sie besiedelt hier die dinarischen Gebirge Dalmatiens (Velebit, Mosor, Biokovo), der Herzegowina (Prenj, Čvrsnica, Bijela gora) sowie Montenegros (Orjen, Lovčen, Rumija). William Bertram Turrill führt diese Varietät auch aus Debar in Westmakedonien auf.W.B. Turrill 1930: On the Flora of the Nearer East: XI. A Contribution to the Flora of Albania. Bulletin of Miscellaneous Information (Royal Gardens, Kew), 1 January 1932, Vol.1932(4), S. 193–198. Hier S. 197 (JSTOR)
In Montenegro beschränkt sich das Vorkommen ausschließlich auf die äußeren Dinariden und den verkarsteten Gebirgen der Adriaküste. Im Inland reicht ihre Verbreitung hier bis zum Canyon der Piva.
Habitat und Pflanzengesellschaften Im Vergleich zur Nominatform liegt das Optimum für Lilium martagon var. cattaniae in niedrigeren, wärmeren und trockeneren Standorten der supramediterranen und oromediterranen Höhenstufe. Dazu tritt sie auch in Hochstaudenfluren der altimediterranen Höhenstufe auf. Nach Radomir Lakušić ist die Cattani-Lilie als subtropisch-mediterran-submediterraner Florentyp ein Element wärmeliebender Flaumeichenwälder (Quercetalia pubescentis).Vukić Pulević 2005: Građa za vaskularnu Floru Crne Gore (Material for vascular Flora of Montenegro - a Supplement to Conspectus Florae Montenegrinae (J. Rohlena)). Republički zavod za zaštitu prirode Crne Gore, Posebna Izdanja, 2, Podgorica, ISBN 86-907229-0-4, S. 145. Pavle Fukarek stellte Lilium martagon var. cattaniae als Kennart der Sibljak-Ordnung Lonicero-Rhamnion in der Assoziation Berberido-Rhamnetum, wie von Fukarek aus dem Orjen beschrieben, als besondere Begleitpflanze hinzu,Pavle Fukarek 1970: Fitocenološka, istraživanja i kartiranja šumskih i šibljačkih zajednica na hercegovačkim planinama Orjen, Prenj i Čvrsnica. Radovi ANUBiH 39, l, 175–229, 1970., Sarajevo. Hier S. 189 die in den höheren Stufen der subadriatischen Dinariden nach EUNIS zu den reliktischen laubwerfenden subalpinen Krummholzgebüschen zählt.
mini|Wildpflanze von der Typlokalität der Varietät dalmaticum aus der oberen Krivošije. Blüten stark leuchtend, einfarbig, dunkelviolett oder weinrot und stets ohne Bepunktung. Die vor einer Schneehöhle im Reovački do wachsenden Pflanze blühte Mitte September mini|Struktur im Dinarischen Karst-Blockhalden-Tannenwald mit der zwischen Felsblöcken wachsenden Lilie mini|Struktur sonnseitiger submediterraner Karst-Blockhalden-Mischwälder mit Baumhasel, Weißtanne, Lilium martagon var. cattaniae und Krim-Pfingstrose
Lilium martagon var. cattaniae ist im Wesentlichen eine Felsspalten-bewohnende Pflanze (dabei kein eigentlicher Chasmophyt). Sie besiedelt in ihrem, das klassische Karstgebiet der Dinariden umfassenden Areal, steilere montane- und hochmontane-subalpine Grobblockböden (Moder- bis Mullhumusrendzinen) die in die Bodenklasse der Calcaric Leptosle gehören. Neben der Cattani-Lilie werden auf diesen die Standorte der Lilie dominierenden Rohböden Pionierbaumarten begünstigt (insbesondere Koniferen: Weißtanne, Schwarzkiefer und Schlangenhaut-Kiefer). Unter den Moos- und Zwergstrauchdecken erreichen die Nadelbäume die sich langsam durch Humus auffüllenden Spalten. In fortgeschrittenen geschlossenen Phasen werden die Auflagedecken mineralisiert, sodass dann die Wurzelgeflechte der Waldbäume freiligegen. Die Lilie kommt zwischen den Grobblöcken im Schirm der Nadelbäume auf. Durch lange Schneelage und hohlraumreiche Blockkaltluft scheiden hier stark abschirmende Waldbaumarten wie Rot-Buche aus. Sonnseitig bilden sich bei fortgeschrittener Boden- und Vegetationsentwicklung (Mull- bis Moderhumus) artenreiche Blockhalden-Mischwäldern mit Silber-Linde, Baumhasel und Schneeball-Ahorn und anderen wärmeliebenden Arten, in denen Cattani-Lilie und Krim-Pfingstrose auffallen.
Die lilienreichen Verbände der zwischen Kalkblöcken wachsenden Karst-Blockwaldformationen gelten ökologisch als Dauerpionierstandorte. Neben den je nach Höhenstufe begleitenden Nadelwaldbäumen ist ein immer gleichartig bleibender dominierender Typus von (Halb-)Sträuchern, der vegetationskundlich Šibljak-Formation heißt, mit Viburnum maculatum (Orjen-Schneeball), Lonicera glutinosa, Berberis illyrica, Krain-Kreuzdorn (Rhamnus fallax) und der Griechischen Mehlbeere (Sorbus graeca) (letztere in der obersten Stufe) sowie der Felsenmoltkie entwickelt.
Die Höhenzonierung typisch ausgebildeter Karst-Blockhaldenwald-Dauergesllschaften (1000–1550 m) ist in der Herzegowina und Montenegro am besten ausgebildet:Pavle Cikovac: Soziologie und standortbedingte Verbreitung tannenreicher Wälder im Orjen Gebirge (Montenegro). Diplomarbeit LMU, München 2003, S. 72 700–1200 m supramediterrane Šibljakformationen (degradierter Eichen- und Orientalischer Hainbuchenwald), 1200–1500 m ormediterrane Tannenwälder (Dinarischer Karst-Blockhalden-Tannenwald (Oreoherzogio-Abietetum Fuk.)) 1500–1750 m oro/altimediterrane Schlangenhaut-Kiefer-Felswälder (Pinetum heldreichii).
Auch außerhalb der Waldzone finden sich Lilien in Kluft-Karren glazialer Schichttreppen. Auch in diesen werden lockere Mullhumusböden, insbesondere Felshumus, gebildet. Solcher Art alpine Cambisole sind ton- und mineralienarme Substrate, die sich auf sehr reinen alpinen dinarischen Kalken (CaCO3 ≥ 95 %) bilden.Carola Küfmann 2008: Are Cambisols in Alpine Karst Autochthonous or Eolian in Origin. Arctic, Antarctic, and Alpine Research, 40(3):506-518. Hier S. 506 Zudem zeichnen sich die Böden auch aufgrund der durch die Höhenlage klimatisch bedingten reduzierten Rate kalksteinzersetzender Kohlensäureverwitterung durch eine nur geringe Menge bodenbildender Residualmineralien aus. Die von schwer kompostierbare Nadelblattresten und anderen pflanzlichen Detritus gebildeten Mullhumuse haben somit eine nur geringe Wasserspeicherkapazität. Stetig ist diese Lilien-Varietät daher zumeist nur dort, wo tiefere Klüfte eine nachhaltige Bodenfrische ermöglichen, oder eine leichte Überdeckung durch Schlangenhaut-Kiefer, Weißtanne oder licht stehenden Laubbäume einen gewissen Schutz vor zu großer Sonneneinstrahlung bietet.
In der Typform oromediterraner dinarischer Trocken-Weißtannenwälder ist Lilium martagon var. cattaniae im Verband des Dinarischen Karst-Blockhalden-Tannenwaldes (Oreoherzogio-Abietetum Fuk.) mit Hundszahnlilie, Berg-Baldrian, Kleb-Kratzdistel und Lanzen-Schildfarn stetig vergesellschaftet.Pavle Cikovac 2002: Soziologie und Standortbedingte Verbreitung Tannenreicher Wälder im Orjen-Gebirge (Montenegro). S. 72 Kluftkarren mit tieferen spaltengründigen Substraten auf fortschreitend entwickelten Kalkomelanosolen werden von den Lilien dann zumeist auch truppweise besiedelt.Pavle Cikovac 2002: Soziologie und Standortbedingte Verbreitung Tannenreicher Wälder im Orjen-Gebirge (Montenegro). S. 40 Ihre Zwiebeln haben sie dabei oft so fest zwischen zwei Felsblöcke eingewachsen, dass sie daraus kaum mehr zu entfernen sind. Aber auch nur gering mächtige Kalkomelanosole genügen zum Aufwachsen, da selbst nadelreicher Rohhumus zum Aufkeimen und wachsen der Pflanzen ausreicht.
In den stark reliefierten dalmatinischen Karstgebirgen sind zudem Ränder und Eingänge von Höhlen, Karstschloten oder Dolinen mit teils ganzjähriger Schneeansammlung geeignete Standorte. Die Kaltluft der Dolinen- und Jamenränder sorgt für hohe Bodenfeuchte bei gleichzeitig großer Lichtintensität. Um solche kaltluftreichen Schächte verzögert sich die phänologische Entwicklung wie in einem beobachteten Fall, wo die Lilien erst Mitte September zur Blüte kamen.Pavle Cikovac 2002: Soziologie und Standorbedingte Verbreitung Tannenreicher Wälder im Orjen-Gebirge (Montenegro). S. 52 (Anmerkung: im Text steht fälschlich Lilium candidum, richtig ist Lilium cattaniae.)
Insbesondere die im subadriatischen Standort der Dinariden Montenegros auffallenden standörtlichen Ansprüche hatte Maximilian Leichtlin für eindrücklich geschildert: