mini|x300px|Gedenkstele vor dem Rathaus Berlin-Kreuzberg

Carl Herz (* 29. Juli 1877 in Köthen (Anhalt); † 14. September 1951 in Haifa) war ein deutscher Kommunalpolitiker und Jurist.

Leben 1877 bis 1904 – Kindheit, Jugend, Ausbildung Carl Herz wurde am 29. Juli 1877 im anhaltischen Köthen geboren. Sein Vater, der jüdische Kaufmann Julius Herz, betrieb ein Herrenkonfektionsgeschäft am Marktplatz 8. Er war aus Coesfeld zugezogen, wo er eigentlich Lehrer werden wollte. Julius Herz konnte und wollte sich aber nicht an die strengen orthodoxen Regeln halten und wurde daher aus dem Lehrerseminar geworfen. 1878 erwarb er das Bürgerrecht. Carls ebenfalls jüdische Mutter Hermine Gerson stammte aus Oldenburg. In diesem Zweig der Familie gab es einige angesehene Hamburger Bürger. Seine zwei jüngeren Brüder wanderten aus: Hermann (* 1879) nach Brasilien und Georg (* 1885) als überzeugter Zionist nach Palästina.Christian Hanke: I. Jugend und Ausbildung. In: Selbstverwaltung und Sozialismus. Carl Herz, ein Sozialdemokrat. Lit Verlag, Hamburg 2006, S. 20–46.

Schon in jungen Jahren musste Carl Herz im väterlichen Betrieb aushelfen, war für diese Arbeit aber untalentiert. Ostern 1896 legte er im Ludwigsgymnasium die Reifeprüfung ab und schrieb sich noch im selben Jahr an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ein, Hauptfach Jura. Bei Ernst Immanuel Bekker belegte er die Vorlesungen Institutionen des römischen Rechts und Römische Rechtsgeschichte sowie bei Georg Jellinek Juristische Enzyklopädie, Allgemeine Staatslehre und Politik. In Heidelberg und den Universitäten Leipzig, Halle (Saale) und Berlin blieb Herz jeweils nur ein Semester, ein damals üblicher Studienverlauf.

In Leipzig hörte er Vorlesungen über deutsche Rechtsgeschichte und die preußische Geschichte ab der Zeit des Großen Kurfürsten, 1897 in Halle bei Rudolf Stammler Grundlagen der Politik. Dabei kam Carl Herz womöglich erstmals mit dem Marxismus in Kontakt. Der Neukantianer Stammler wollte ihn zum Privatdozenten machen, was Herz aber ablehnte. Ebenfalls in Halle belegte er bei Karl Diehl Nationalökonomie, Teil eins. Dass schon Stammler und Diehl die Grundlagen für seine spätere politische Einstellung legten, darf bezweifelt werden, denn in der Studienzeit ist keine Beschäftigung mit Karl Marx erkennbar. Nachweislich setzte er sich aber intensiv mit drei liberalen Reformern des 19. Jahrhunderts auseinander: Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, Rudolf von Gneist und Otto von Gierke. Letzteren benannte Herz später in seiner Dissertation als akademischen Lehrer. Gierke und den ebenfalls erwähnten Gustav Schmoller lernte er wohl während seines Berliner Semesters kennen.

Ab dem Sommer 1898 war Carl Herz wieder an der Universität Halle, bereitete sich dort auf das Referendarexamen vor und bestand es am 1. Juli 1900 am Oberlandesgericht Naumburg mit summa cum laude. Die praktische Arbeit fand am königlichen Amtsgericht Schloppe in Westpreußen und ab 1901 am Landgericht Lissa in der Provinz Posen statt. Diese östlichen Regionen hatte er bewusst ausgesucht, denn angehende Juristen konnten mit einem Referendariat in abgelegenen Gebieten Preußens die Staatsbürgerschaft des größten deutschen Landes erlangen. Das Jahr 1901 brachte die Erlangung der Doktorwürde – der Georg-August-Universität Göttingen legte er den Beitrag zur Lehre von der Schuldenübernahme für seine Inaugural-Dissertation vor – sowie die Hinwendung zum Marxismus: Die Schrift Bernstein und das Sozialdemokratische Programm von Karl Kautsky löste eine Art politisches Erweckungserlebnis aus. Die zweite juristische Staatsprüfung absolvierte er am 16. April 1904 in Berlin.

1904 bis 1921 – Altonaer Jahre Nach der Zeit im östlichen Reichsteil wollte Carl Herz weiter westlich, in einer größeren Stadt seine Heimat finden. Sein ihm zugeneigter Onkel Hermann Gerson arbeitete seit 1878 für die Vereinsbank Hamburg und war 1902 bis 1907 ordentliches Vorstandsmitglied. Dieser empfahl ihm Altona in der Provinz Schleswig-Holstein, wegen der Nähe zu Hamburg. Mit seinem Partner Berg eröffnete Herz 1904 eine Anwaltskanzlei in der Allee 124 (heute Max-Brauer-Allee), einer der größten Straßen Altonas. Sie vertraten Arbeiter, kleine Angestellte, SPD-Funktionäre, Gewerkschaftsführer und sozialdemokratisch orientierte Journalisten. Im Jahr 1904 startete mit dem Eintritt in die SPD auch seine politische Karriere.Christian Hanke: II. Arbeiteranwalt und Kommunalpolitiker in Altona. In: Selbstverwaltung und Sozialismus. Carl Herz, ein Sozialdemokrat. Lit Verlag, Hamburg 2006, S. 46–94.

Gleich nach seiner Niederlassung sorgte Herz im Ruhstrat-Prozess für Aufsehen. Der großherzoglich oldenburgische Finanzminister Franz Friedrich Ruhstrat bezichtigte Johann Hermann Meyer, 1899 bis 1900 Kellner im Kasino Oldenburg, des Meineids. Dieser hatte in einem Verfahren gegen den Minister geschworen, er habe Ruhstrat beim verbotenen Glücksspiel beobachtet. Der Freispruch des Kellners gegen einen hohen Repräsentanten des wilhelminischen Deutschlands kam einer Sensation gleich. In der Regel hatte der Arbeiteranwalt es trotz seiner Verteidigungskunst, intellektuellen Fähigkeiten und Redekunst schwer gegen die untertänige Justiz des Kaiserreichs.Hugo Friedländer: Die Oldenburgischen Spielerprozeße. Minister Ruhstrat. In: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung. Darstellung merkwürdiger Strafrechtsfälle aus Gegenwart und Jüngstvergangenheit. Band 4. Berliner Buchversand, Berlin 1911, S. 29–157. Digitale Ausgabe in: zeno.org, online.

Spätestens ab 1905 wirkte Carl Herz als Redner für die SPD und hielt Fortbildungskurse ab, u. a. im September 1905 jeweils 20:30 Uhr im Arbeiterbildungsverein Altona-Ottensen Gegenwärtige Gestalt der preußischen und deutschen Verfassung für das Fach Bürgerkunde. + Vorträge von Carl Herz 26. September 1905 Arbeiterbildungsverein Altona-Ottensen Bildungsbestrebungen der Arbeiter 12. November 1905 Arbeiterbildungsverein Altona-Ottensen Koalitionsrecht 3. Januar 1906 Arbeiterbildungsverein Altona-Ottensen Preußische Verfassungsgeschichte 15. Januar 1906 Arbeiterbildungsverein Altona-Ottensen Vereins- und Versammlungsrecht 26. Juli 1906 Arbeiterbildungsverein Altona-Ottensen Organisation der Strafjustiz 24. November 1906 Versammlung des Gewerkschaftskartells Die Sprachpraxis der heutigen Gewerbeberichte 16. Februar 1907 Mitgliederversammlung des Verbands junger Arbeiter und Arbeiterinnen Die Wissenschaft und die proletarische Jugend 19. April 1906 Versammlung des sozialdemokratischen Vereins für den 8. und 9. schleswig-holsteinischen Wahlkreis in den Blumensälen an der Großen Freiheit Das Recht und die besitzlose Volksklasse 24. Mai 1906 Versammlung des Zentralverbands deutscher Brauereiarbeiter und verwandter Berufe Das Recht und die besitzlose Volksklasse

Berufs- und Lehrtätigkeit verschafften Carl Herz schnell eine gewisse Berühmtheit. So bezeichnete ihn die Allgemeine Hamburger Zeitung am 22. Oktober 1906 als „der bekannte Rechtsanwalt Dr. Herz“. Sein Ruf reichte sogar bis Berlin. Kollegen wie Hugo Haase und Karl Liebknecht schätzten den Holsteiner. Letzterer wollte Herz in die Reichshauptstadt lotsen. In einem ausführlichen Schreiben lehnte er dies mit der Begründung ab in Altona dringender gebraucht zu werden. Herz zeigte wenig Scheu vor großen Namen, z. B. bat er 1906 August Bebel als Zeuge über seine Festungshaft zu berichten, was der SPD-Vorsitzende allerdings ablehnte. Zurückblickend nannte er auch Kontakte zu Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann. Mit diesen Beziehungen hätte Carl Herz auch Reichstagsabgeordneter werden können, entschied sich aber für die Kommunalpolitik.

mini|Palmaille in Altona 1906 Schon 1906 ließ sich Carl Herz als Kandidat für die Altonaer Stadtverordnetenversammlung aufstellen, er erhielt 325 Stimmen, der örtliche SPD-Vorsitzende Hermann Thomas 305. Die SPD zog aber nicht ins Parlament ein. Kommunalpolitik wurde allgemein in der Stadt wenig beachtet. Von 12.000 Wahlberechtigten gingen lediglich 2.000 an die Urnen. 1.209 stimmten für sozialdemokratische Kandidaten, die Partei verfügte in Altona aber über 4.087, meist vermutlich wahlberechtigte Mitglieder. Weder das Einsetzen einer Kommission im Juni 1907, Herz war Mitglied, noch flammende Reden des Spitzenkandidaten führten bei der Nachwahl 1907 (910 Stimmen für Herz) und der Wahl 1908 (1.915 Stimmen) zum Erfolg.

1909 sollte sich die Arbeit auszahlen. Nach einem Erdrutschsieg zogen fünf SPD-Kandidaten ins Stadtparlament ein. Spitzenkandidat Herz erhielt 4.065 Stimmen und selbst für den schlechtesten der fünf votierten mit 3.925 Wählern noch mehr als für den besten bürgerlichen Kandidaten mit 3.365. Carl Herz übernahm den Fraktionsvorsitz. Als Gründe für den Wahlerfolg sahen die Polizeibeobachter die Agitation der Sozialdemokraten sowie die Lauheit und Gleichgültigkeit der Bürgerlichen, den Ärger der Arbeiter über die verschärfte Heranziehung zur Einkommensteuer und den Zorn über das Zensuswahlrecht. Das Hamburger Echo, die SPD-Zeitung für Hamburg und Umgebung, sah in der geringen Wahlbeteiligung des Bürgertums einen „Protest gegen die liberale Misswirtschaft auf dem Rathause“. Ähnlich interpretierten die etablierten Parteien das Ergebnis und nannten den Skandal um die städtischen Gas- und Elektrizitätswerke als entscheidenden Faktor. Carl Herz hatte diesen in einer Rede am 14. Oktober 1909 thematisiert.

Der Artikel Die Politik in der Gemeinde im Hamburger Echo vom 5. November 1909 machten die Stoßrichtungen von Carl Herz klar: erst die Proletarier, dann das Kapital sowie eine Demokratisierung der Gemeindeverwaltung. Diesen Zielen entsprachen die Forderungen zur weitgehenden Abschaffung der Kommunalaufsicht und einer selbstständigen Gemeindepolizei um der obrigkeitsstaatlichen preußischen Verwaltung zu entgehen. Herz saß auch in den vier städtischen Kommissionen Kämmerei, Polizeikosten, Ortsstatute und Bahrenfeld/Othmarschen sowie Grundstücksverhältnisse und Verkehr, wo er u. a. für den Erhalt von billigem Wohnraum, Milch für arme Kinder, den Achtstundentag, die Verbesserung der Jugendpflege und eine kontinuierliche Armenunterstützung eintrat. Eine seiner Ideen war eine staatliche Fischversorgung für minderbemittelte Bevölkerungsschichten. Das Sitzungsklima der Stadtverordnetenversammlung veränderte sich durch solche Debatten deutlich.

Besondere Aufmerksamkeit produzierte weiterhin der Skandal um die Gaswerke, im öffentlichen Fokus stand deren Leiter Kupfer. Carl Herz hatte großen Anteil an der Aufarbeitung der Affäre, die alles enthielt was dazugehört: Geheimniskrämerei, Korruption, Misswirtschaft, Verleumdungsklage, Vertuschung, Veruntreuung und Vetternwirtschaft. Allerdings wurde Herz wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe in Höhe von 500 Mark verurteilt, während die Gehälter der belasteten Geschäftsführung von 7.400 auf 8.000 Mark erhöht wurden. Zu Herzen ging Herz auch die Ausgaben von 18.000 Mark für eine Visite von Wilhelm II. im Jahr 1911, während gleichzeitig durch die Zollpolitik eine Lebensmittelverteuerung drohte. Als unter Ausschaltung der Kommission für Polizeikosten zusätzliche 500 Mark für den Kaiserbesuch bewilligt werden sollten, protestierten sogar die bürgerlichen Kommissare. Mitunter ging in den Parlamentssitzungen das Temperament mit Herz durch, davon berichtete das Altonaer Tageblatt in seinen Ausgaben vom 12. Dezember 1913 und 30. Oktober 1913.