mini|(1889) mini|Titelblatt von Papa Hamlet 1889

Papa Hamlet heißt ein 1889 erschienener dreiteiliger Erzählband von Bjarne P. Holmsen, der die drei Novellen Papa Hamlet, Der erste Schultag sowie Ein Tod enthält. Bjarne P. Holmsen ist ein norwegisch klingendes Pseudonym, hinter dem sich die beiden deutschen Schriftsteller Arno Holz und Johannes Schlaf verbergen. Der Band gilt neben Gerhart Hauptmanns Erzählung Bahnwärter Thiel als Musterfall naturalistischer Prosa. Schon die zeitgenössische Literaturwissenschaft hat das verwendete Erzählverfahren, in dem sich Erzählzeit und erzählte Zeit decken, diskutiert und als Sekundenstil bezeichnet.

In der Titelerzählung geht es um den mittellosen, arbeitslosen Schauspieler Niels Thienwiebel, der seiner einst größten Rolle „Hamlet“ wehmütig nachtrauert und dessen Größenwahn und Misserfolg durch Niels immer wiederkehrende Zitate aus Shakespeares Werk eine beißend-ironische Brechung erhalten. „Der erste Schultag“ greift das Thema der Kritik an der mit strengen Strafen durchgesetzten Schuldisziplin auf, das auch in Thomas Manns Roman Buddenbrooks angesprochen wird oder in Hermann Hesses Roman Unterm Rad. Ein Tod schildert zwei Freunde, die während einer Nacht bei ihrem im Duell tödlich verletzten Freund wachen.

Papa Hamlet: Inhalt Kapitel 1 Einleitend äußert der Erzähler mithilfe von ironischen Zitaten aus Shakespeares „Hamlet“ seine Verwunderung, den berühmten Schauspieler Niels Thienwiebel in einer solchen Elendsunterkunft anzutreffen. Unmittelbar nach der Geburt des kleinen Fortinbras befinden sich sein Vater Niels Thienwiebel, seine Frau Amalie und Frau Wachtel, die Vermieterin, in deren Küche, wo Amalie Thienwiebel gerade niedergekommen ist. Inmitten des Chaos nach der Geburt ihres Sohnes erscheint Amalie erschöpft und abwesend, während Niels euphorisch und etwas unachtsam mit dem Neugeborenen spielt und ihn Ole Nissen, einem Mitbewohner, präsentiert. Dieser fällt beinahe über die Badewanne.

Kapitel 2 Das zweite Kapitel spielt einige Zeit später im Zimmer der Thienwiebels, einer Dachstube. Es befinden sich dort Niels Thienwiebel, seine Frau Amalie und ihr Kind Fortinbras. Das Kapitel beginnt am Nachmittag und endet in der Nacht desselben Tages. Niels versucht den Monolog „Sein oder Nichtsein“ zu rekapitulieren, wird aber durch die stinkenden Windeln des Säuglings dauernd abgelenkt. In Erinnerung an Hamlets verwesten Hofnarren Yorick beklagt er seinen verschwundenen Ruhm. Seine Frau ist ihm in ihrer verwahrlosten Halbnacktheit zuwider, sein Gesprächspartner Horatio, alias Ole Nissen, ist nicht verfügbar. Da er nur einen Schlafrock als Kleidungsstück besitzt (der Rest ist verpfändet), fühlt er sich gelangweilt und eingesperrt. Währenddessen füttert Amalie ihr Kind mit einem Gummischlauch. Nach einiger Zeit beginnt Thienwiebel ein Gespräch mit Amalie, in dem er sich über die Isolation in ihrer Wohnung beklagt. Das Gesprächsthema wird jedoch schnell fallen gelassen, weil Amalie das Gespräch dahin zu lenken versucht, dass die Situation durch Niels Weigerung, eine weniger ruhmreiche Arbeit anzunehmen, bedingt ist. Nachdem sich die beiden stundenlang anschweigen, gibt die angeblich kranke Amalie Fortinbras seinem Vater, um Salbei zu inhalieren. Thienwiebel wirft seiner Frau vor, es würde Fortinbras schaden, wenn diese ihm nicht selbst die Brust gebe, sondern ihn mit der Flasche stille. Amalie rechtfertigt dies mit ihrer Krankheit, woraufhin Niels ihr vorwirft, ihre Krankheit nur vorzutäuschen. Im folgenden Verlauf des Gesprächs wirft sich die Schuldfrage auf, wer von ihnen für ihre ärmliche Situation verantwortlich sei. Der Streit wird durch das Erscheinen von Ole Nissen unterbrochen. Dieser hat durch das Porträtieren der Frau des Kanalinspektors Geld verdient und feiert dies nun mit den beiden Thienwiebels. Nach einiger Zeit und etlichen Gläsern Punsch, bei Skat und Zigarren wird Amalie nur noch mit Hamlets Geliebter Ophelia verglichen. „Ophelia“ und Ole tauschen auf dem Sofa sexuelle Zärtlichkeiten aus. Niels toleriert dies, da er von Oles finanzieller Unterstützung profitiert. Fortinbras liegt während der Feier der Erwachsenen vernachlässigt in seinem Korb. Während gegen Ende der Zimmerorgie seine Mutter in Tiefschlaf fällt, schreit er, da er dringend eines Windelwechsels bedarf. Doch Thienwiebel kümmert sich nicht um ihn, sondern klagt nur über den Gestank der vollen Windeln.

Kapitel 3 Niels hadert mit seiner Lebenssituation. Er hat sein Shakespeare-Rezitieren aufgegeben und trägt sich mit dem Gedanken an Selbstmord. Um Geld zu verdienen, arbeitet er morgens als Aktmodell für Schüler der Kunstschule, sein Mittagessen besteht aus einer simplen Kartoffelsuppe. Seine Frau wäscht sich nicht, sodass auch erotische Ausflüchte aus dem Elend wegfallen. Als Amalie merkt, dass Niels Depression gefährlich wird, gibt sie plötzlich vor, künftig als Näherin arbeiten zu wollen. Dadurch wird Thienwiebel aus seinen Gedanken gerissen, und er widerspricht ihr heftig. Amalie ist dadurch wieder beruhigt. Die Vermietern Rosine Wachtel bringt Milch für Fortinbras. In Wirklichkeit kontrolliert sie die Familie, da sie Angst um die monatliche Miete hat. Als sie sich dem kleinen Säugling zuwendet, erkennt sie, dass er völlig vernachlässigt in seinen eigenen Ausscheidungen liegt, macht aber keine Anstalten, dies zu ändern, sondern verschwindet wieder in ihre Küche. Niels betrachtet sich daraufhin sein verwahrlostes Äußeres im Spiegel und versinkt abermals in Selbstmitleid. Plötzlich wendet er sich an seinen Jungen und versucht ihm klarzumachen, dass er in die Fußstapfen seines großen Vaters zu treten hat. Unterbrochen wird er kurzzeitig von Amalie, der abermals der Gedanke kommt, nähen zu gehen, was ihr Mann ihr jedoch streng verbietet. Während sie sich nun wieder beruhigt ihrem Schmalzbrot zuwendet, redet Niels abermals auf seinen Sohn ein und kommt wahnwitzigerweise zu dem Schluss, ein Wunderkind zu haben, das sich mit ihm unterhält. Begeistert von seinem Sohn will Niels ihn küssen. In diesem Augenblick füllt Fortinbras aber erneut seine Windel und vertreibt so seinen Vater.

Kapitel 4 Die Frau Kanalinspektor, die Frau von Ole Nissens Mäzen, ist gestorben. Ole scheint ein schlechter Maler zu sein, denn er findet weder alte noch neue Kunden, ist nun pleite und bedauert, dass er nun keine Zigarren kaufen und keine Prostituierte mehr aushalten kann. Seine Vermieterin pfändet ihm die Hosen, sodass er nun den ganzen Tag im Bett halbnackt liegen muss und die Familie Thienwiebel entsetzt belauscht. Das Elend der Thienwiebels wird aus der Perspektive der Haushälterin beschrieben. Sie verurteilt Amalie und Niels als faul, dumm und lustlos. Jedoch hat Amalie tatsächlich ihre Drohung zu arbeiten wahr gemacht und näht nun. Niels besucht indes Ole nebenan und nötigt ihm Shakespeare-Zitate und vom Wahnsinn gezeichnete Gespräche auf. Niels spielt den Wahnsinnigen, der seine Arbeit aufgeben musste, um zu verhindern, dass Frau Wachtel von ihm Miete einfordert. Außerdem gibt Niels seinem Sohn Schauspielunterricht, doch das erwartete Interesse bleibt aus. Er beschwert sich daraufhin bei seiner kranken Frau, die ihn jedoch nicht sonderlich ernst nimmt. Erst als Niels vorhat, seinen Sohn zur Züchtigung zu schlagen, wird sie aufmerksam und versucht dies zu verhindern. Entgegen ihrem vernünftigen Versuch, ihn davon abzuhalten, schlägt er seinen kleinen Sohn dennoch und erhält daraufhin auch von seiner Frau eine Ohrfeige.

Kapitel 5 Ole Nissens Situation hat sich enorm verbessert, da er mit seinem neuen Job als Firmenschildmaler wieder zu etwas Geld gekommen ist und sich wieder Prostituierte leisten kann. Daraus resultierend verspürt auch Frau Wachtel eine große Erleichterung, da Ole seine Miete wieder zahlt. Thienwiebel hingegen hat ein Engagement bei einer Wanderbühne abgelehnt, weil er es nicht als niveauvoll genug für den „großen Thienwiebel“ befunden hat. Dementsprechend schlecht ist auch die gesamte Familiensituation. Amalie ist, da ihr Mann sie wegen der Ohrfeige nur noch mit Verachtung straft, stumpfsinnig und depressiv geworden, ihr ist alles egal, vor allem auch, wie es ihrem Sohn geht. Der inzwischen dreijährige Fortinbras ist ernsthaft krank, zahnt und hat Läuse oder Flöhe. Mit Süßigkeiten und Flohpulver wird er ruhiggestellt, denn ein weiteres Saufgelage soll stattfinden, zu dem auch Frau Wachtel und Oles neue Maitresse eingeladen sind. Niels gibt sich in nostalgischer Stimmung Shakespeare-Zitaten hin, Amalie ist apathisch, Frau Wachtel etwas nervös und Ole nur mit Mieze beschäftigt. Um Fortinbras kümmert sich zunächst keiner, bis Mieze auf sein Schreien aufmerksam wird, ihn an den Tisch bringt und ihn füttert und liebkost. Während Fortinbras nun die ungewohnte Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird, genießt, erzählt Frau Wachtel zu Tränen gerührt von ihrer verstorbenen Pflegetochter. Später ziehen sich Frau Wachtel in ihre Wohnung und Amalie vor ihren Inhalations-Ofen zurück, die übrigen spielen Skat und sind inzwischen sehr betrunken. Nach einiger Zeit schreit Fortinbras erneut, was bei seinem Vater einen Wutanfall auslöst. Er prügelt das Kind und drückt ihm ein Kissen ins Gesicht, um es vollends ruhigzustellen. Mieze bemerkt dies und beschimpft Niels, woraufhin Thienwiebel sie und Ole aus der Wohnung wirft und das Kissen Amalie ins Gesicht schleudert, die auf keines der Ereignisse reagiert hat.

Kapitel 6 Frau Wachtel verflucht Ole, der sie wie ihr zweiter Ehemann verlassen hat und nichts zurückgelassen hat außer Bildern und einer schmutzigen Tapete. Erbost lässt sie ihren Zorn an der Familie Thienwiebel aus und fordert ihre Miete ein, sie setzt der Familie eine Frist von einer Woche. Daraufhin verlässt Niels zum ersten Mal selbst die Wohnung und macht sich auf den Weg ins Hafenviertel, um dort Arbeit zu suchen. Stattdessen spielt er den Hafenarbeitern den Künstler vor. Dadurch schnorrt er sich durch und trinkt bis in die Morgenstunden. Amalie bleibt in der Wohnung. Stumpfsinnig wie eine Maschine näht sie. Der kleine Fortinbras ist krank und liegt verwahrlost in seinem Korb.

Kapitel 7 Amalie versucht an Silvester, am Abend vor ihrem Hinauswurf, völlig durchgefroren und verängstigt auf ihrer Matratze einzuschlafen. Sie lauscht den Geräuschen der Nacht. Ein Dieb wird verfolgt, Frühaufsteher rufen sich Segenswünsche zu. Als ihr völlig betrunkener Mann nach Hause kommt und sie und den schreienden Fortinbras beschimpft, fängt sie verzweifelt an zu weinen. Auch Niels realisiert die ausweglose Lage, wird jedoch daraufhin nur noch aggressiver. Zweimal wird Amalie von ihrem groben und brutalen Mann zum Beischlaf gezwungen. Beim zweiten Mal unterbricht Fortinbras’ Weinen den Vorgang. In sinnloser Wut erwürgt daraufhin Niels das Kind. Acht Tage später entdeckt der Bäckerjunge Tille Topperholt den im Suff auf der Straße erfrorenen Niels. Amalie ist völlig der Depression verfallen.

Charakteristiken Niels Thienwiebel Niels Thienwiebel ist ein arbeitsloser Schauspieler aus Trondhjem. Vor Jahren reüssierte er als Hamletdarsteller in fester Anstellung und gelangte zu einer gewissen Berühmtheit. Nachdem er aber der Hamlet-Rolle entwachsen ist und seine Eitelkeit es ausschließt, sich neue Rollen zu erarbeiten, hat er sein Engagement verloren und haust mit seiner Frau und seinem Sohn in einer gemieteten Dachstube. Er hat seinen gesamten Besitz verpfänden müssen, einschließlich seiner Straßenkleidung, sodass er nur einen löcherigen Morgenmantel und einen Zylinder besitzt. Der vormals schöne und gepflegte Mann ist nun ein verkommener Prolet geworden. Eine Anfrage einer Wanderbühne lehnt er ab, einen Job als Aktmodell in einer Kunstakademie gibt er nach kurzer Zeit auf.