mini|Altes Rathaus und St. Sebastian mini|Mannheim im 17. Jahrhundert, oben die Friedrichsburg, unten das „neue“ Mannheim (Matthäus Merian 1645) St. Sebastian ist die älteste katholische Pfarrkirche der Stadt Mannheim und eine der drei Kirchen der Seelsorgeeinheit Mannheim-City in der Innenstadt. In kurpfälzischer Zeit wurde sie vom Kurfürsten als Hofkirche genutzt und erhielt eine prachtvolle Ausstattung von Künstlern wie Bibiena, Verschaffelt und Egell. Beeinträchtigt wurde die Ausstattung durch Umgestaltungen im 19. Jahrhundert und Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg. Die Sebastianskirche bildet mit dem Alten Rathaus einen Anfang des 18. Jahrhunderts errichteten barocken Doppelbau, der das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt ist.Clemens Jöckle, Franz-Xaver Portenlänger: Untere Pfarrkirche St. Sebastian Mannheim. Regensburg 2005, S. 18.
Geschichte Erste Kirche in Mannheim Mannheim wurde erstmals im Jahr 766 im Lorscher Codex erwähnt. Seit wann es eine Kirche in Mannheim gab, ist nicht bekannt, ein Pfarrer wurde erstmals 1309 bezeugt. Im Wormser Synodale von 1496, einem Visitationsprotokoll der Pfarrgemeinden des Bistums Worms, wurde die Mannheimer Pfarrkirche beschrieben und erstmals festgehalten, dass der hlg. Sebastian Patron von Kirche und Dorf war.Wormser Synodale. S. 316. 1556 führte Kurfürst Ottheinrich in der Kurpfalz die Reformation ein.Ulrich Nieß: Das Dorf Mannheim von der urkundlichen Ersterwähnung bis zur Stadtgründung (766 bis 1607). In: Hansjörg Probst (Hrsg.): Mannheim vor der Stadtgründung: Teil II Band 1. Regensburg 2006, S. 448, 454, 464–467.
Über das weitere Schicksal der alten Sebastianskirche ist nichts bekannt. Wahrscheinlich aber wurde sie zu Beginn des 17. Jahrhunderts abgebrochen, als anstelle des alten Dorfes die Friedrichsburg als Bollwerk zum Schutz der protestantischen Kurpfalz angelegt wurde und die Mannheimer Dorfbewohner nördlich davon in die heutigen Unterstadt der Quadrate übersiedeln mussten. Mit Ausnahme einiger weniger Jahre während des Dreißigjährigen Kriegs blieb Mannheim in der Folge protestantisch. Den wenigen Katholiken war die öffentliche Religionsausübung verboten, daher wurde heimlich der Gottesdienst in der Seckenheimer St.-Aegidius-Kirche besucht.Reiner Albert, Günther Saltin: Katholisches Leben in Mannheim. Band 1: Von den Anfängen bis zur Säkularisation (1803). Ostfildern 2009, S. 90–101.
Neubau der Kirche 1685 trat mit Philipp Wilhelm ein katholischer Zweig der Wittelsbacher das kurpfälzische Erbe an, der für die Katholiken die Mitbenutzung der Gotteshäuser der Reformierten und Lutheraner verfügte und 1701 erhielt Mannheim wieder eine eigene katholische Pfarrei. Nach den Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekriegs stand aber nur eine simultan genutzte Notkirche und ab 1704 auch die Kirche des Kapuzinerklosters zur Verfügung. Inzwischen war im Jahr 1700 im Quadrat F 1 der Grundstein für ein Rathaus am zentralen Marktplatz gelegt worden, an dessen Westflügel die Stadtgemeinde ein Waaghaus mit Repräsentationsräumen im Obergeschoss plante. Die Katholiken schlugen mit Unterstützung des Stadtdirektors vor, stattdessen an dieser Stelle die katholische Hauptkirche zu errichten. Kurfürst Johann Wilhelm genehmigte 1706 den Antrag und noch im selben Jahr wurde am 25. November der Grundstein gelegt. Weihbischof Peter Cornelius Beyweg weihte ihn zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit und der Beata Maria Virgo Assumpta (Mariä Himmelfahrt). Bei den Vertretern der mehrheitlich protestantischen Stadt stießen die Pläne auf Widerstand, auch weil sie für den größten Teil der Kosten aufkommen und sich das Gebäude symmetrisch am repräsentativen Stil des Rathauses anlehnen sollte. Stattdessen schlugen sie vor, die Kirche im Quadrat N 1 beim Paradeplatz zu errichten. Dies wiederum lehnten die Katholiken ab, weil der Baugrund zu schlecht sei und dort der regelmäßige Viehmarkt abgehalten wurde, so dass der Kurfürst 1707 den Bau des Gotteshauses am Marktplatz befahl.Reiner Albert, Günther Saltin: Katholisches Leben in Mannheim. Band 1: Von den Anfängen bis zur Säkularisation (1803). Ostfildern 2009, S. 109–111, 131–135.
mini|Mannheim 1758 (Josef Anton Baertels):1. St. Sebastian2. Paradeplatz3. Kapuzinerkloster4. Jesuitenkirche5. Schlosskirche
Nach den Plänen des Vorarlberger Baumeisters Johann Jakob Rischer (1662–1755) wurde die Kirche unter der Leitung der Ingenieure William Cour und Johann W. Nottum erbaut. Entgegen Rischers ursprünglichem Plan ordnete der Kurfürst eine Erhöhung aller Gebäudeteile um 10 Fuß, rundbogige Fenster für die Kirche und den Verzicht auf eine Kuppel über der Kirche an. Stattdessen erhielt die Kirche wie zuvor schon das Rathaus ein hohes Walmdach. Am 12. Dezember 1709 wurde sie eingeweiht und vermutlich am 1. Mai 1710 bischöflich konsekriert. Aus Tradition wurde Sebastian als Patron für die Stadtkirche übernommen. Danach wurde noch bis 1723 an der Kirche gebaut, insbesondere am Fassadenschmuck und der Innenausstattung.Reiner Albert, Günther Saltin: Katholisches Leben in Mannheim. Band 1: Von den Anfängen bis zur Säkularisation (1803). Ostfildern 2009, S. 135/136.
1720 verlegte Kurfürst Carl Philipp die Residenz der Kurpfalz von Heidelberg nach Mannheim und nutzte St. Sebastian bis zum Bau der Schlosskirche 1731 als Hofkirche. Auch danach besuchte der Kurfürst regelmäßig einmal im Jahr am 20. Januar – dem Fest des heiligen Sebastians – den Gottesdienst in der Kirche.Johannes Theil: … unter Abfeuerung der Kanonen: Gottesdienste, Kirchenfeste und Kirchenmusik in der Mannheimer Hofkapelle nach dem Kurpfälzischen Hof- und Staatskalender. Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8370-2545-3, S. 71. Bereits 1742 musste die Kirche unter Leitung von Alessandro Galli da Bibiena renoviert werden. Für die wachsende Katholikenzahl war das Gotteshaus am Marktplatz bald zu klein. Schon 1744 wurde die Notwendigkeit einer zweiten Pfarrei festgestellt, aus Geldmangel aber nicht errichtet. Der neue Landesherr Karl Friedrich von Baden verfügte 1804 die Verlegung der Pfarrei in die Jesuitenkirche, weil sie größer und in besserem Zustand war.Reiner Albert, Günther Saltin: Katholisches Leben in Mannheim. Band 1: Von den Anfängen bis zur Säkularisation (1803). Ostfildern 2009, S. 316. Erst im Dezember 1824 wurde an St. Sebastian wieder eine eigene Pfarrei errichtet. Seither bürgerten sich die Bezeichnungen Obere (Jesuitenkirche) und Untere Pfarrei (St. Sebastian) ein.Karl Anton Straub: Mannheimer Kirchengeschichte: Katholische Vergangenheit und Gegenwart. Mannheim 1957, S. 49.
Nach 1827 mini|Ansicht um 1840 (Joseph Maximilian Kolb) Innerhalb der katholischen Kirche gehörte St. Sebastian nach der Auflösung des Bistums Worms ab 1827 zum Dekanat Heidelberg im Erzbistum Freiburg bis 1902 das Stadtdekanat Mannheim gegründet wurde. Wegen der Bevölkerungsexplosion am Ende des 19. Jahrhunderts in Mannheim – die Einwohnerzahl der Stadt stieg zwischen 1871 und 1900 von 39.606 auf 141.147Staatl. Archivverwaltung Baden-Württemberg in Verbindung mit d. Städten u.d. Landkreisen Heidelberg u. Mannheim (Hrsg.): Die Stadt- und die Landkreise Heidelberg und Mannheim: Amtliche Kreisbeschreibung. Band 3: Die Stadt Mannheim und die Gemeinden des Landkreises Mannheim. Karlsruhe 1970, S. 206. – wurden weitere Kirchen gebaut und Pfarreien gegründet und von den beiden Ur-Pfarreien abgetrennt, so die Liebfrauenkirche und die Heilig-Geist-Kirche 1903, die Herz-Jesu-Kirche 1904 und St. Josef 1907.
Der Innenraum der Kirche erfuhr in dieser Zeit zum Teil einschneidende Veränderungen. Zunächst wurde 1875 aus der Hochaltar im Stil des Rokoko abgebrochen und durch einen historisierenden Ziborienaltar ersetzt. Zudem ging das Antependium 1934 als Leihgabe nach Berlin. Die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erhaltenen Reste des Hochaltars, der Altarraum-Absperrung und vier Figuren sind heute im Bode-Museum ausgestellt.
mini|Bode-Museum, Figur des früheren Hochaltars
Bei der Renovierung 1906/07 wurden unter anderem die Apsis ausgemalt und Fenster im Chor zugemauert. 1936 wurde die Kirche restauriert. Zuvor hatte Joseph Sauer ein Gutachten erstellt und darin kritisiert, dass die Kirche „farblich unsagbar entstellt und durch magazinartige Aufhäufung von Erzeugnissen künstlerischer Unkultur peinlich verwildert“ sei. Die Stuckaturen von 1906 und zwei „Pseudoaltäre“ wurden entfernt und soweit feststellbar die Original-Farbgebung wiederhergestellt.Hans Huth: Die Kunstdenkmäler des Stadtkreises Mannheim I. München 1982, S. 481/482.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als drei Viertel der Gebäude in Mannheim zerstört.Stadt Mannheim, Michael Caroli, Ulrich Nieß (Hrsg.): Geschichte der Stadt Mannheim. Band 3: 1914–2007. Ubstadt-Weiher 2009, ISBN 978-3-89735-472-2, S. 430. Die St.-Sebastian-Kirche hingegen erlitt vergleichsweise geringe Zerstörungen. Bei einem Bombenangriff im April 1943 wurden die Marktplatzfassade, das Dach und Teile des Innenraums beschädigt. Danach wurde unter der Orgelempore eine Notkirche eingerichtet. Nach dem Krieg konnte die ganze – mit einem Notdach versehene – Kirche bereits Ende 1945 wieder genutzt werden. Zwischen 1952 und 1954 wurde St. Sebastian dann umfassend renoviert und zum Teil die verlustig gegangene Ausstattung ersetzt. Der neue Hochaltar wurde am 28. März 1954 geweiht. 1973 und 1999 wurde die Kirche renoviert.Karl Anton Straub: Mannheimer Kirchengeschichte: Katholische Vergangenheit und Gegenwart. Mannheim 1957, S. 49/50.Clemens Jöckle, Franz-Xaver Portenlänger: Untere Pfarrkirche St. Sebastian Mannheim. Regensburg 2005, S. 6.
Durch die Abwanderung der Bevölkerung aus der Innenstadt und die schwindende Zahl von Gläubigen wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Konsolidierung eingeleitet. Die drei Innenstadtpfarreien der Oberen und Unteren Pfarrei sowie der Liebfrauenkirche wurden am 1. September 2005 zu einer Seelsorgeeinheit zusammengefasst. Seit 2003 feiert das Mannheimer Evangelisierungsteam seine Gottesdienste in St. Sebastian und seit 2009 auch die katholische Hochschulgemeinde. Das Jubiläumsjahr 2007 – die Stadt beging den 400. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte – nutzte die Gemeinde zur Wiederbelebung einer alten Tradition. Seitdem feiert sie wieder das Sebastianusfest am 20. Januar, dem Todestag des Kirchen- und ehemaligen Dorfpatrons. 2009 wurde im Hinblick auf den 98. Deutschen Katholikentag, der 2012 in Mannheim stattfand, die Außensanierung der Kirche beschlossen.Anke Philipp: Katholiken sanieren ihre Gotteshäuser. Mannheimer Morgen, 3. April 2009, Seite 17.
Beschreibung Äußere Gestaltung Die Kirche bildet zusammen mit dem Alten Rathaus den dominanten Südrand des Marktplatzes. An den anderen Platzrändern standen bis zum Zweiten Weltkrieg alte Häuser, sowohl zweistöckige Gebäude aus der Barockzeit, als auch drei- und vierstöckige Gebäude im Stil des Klassizismus und Historismus, denn insbesondere im 19. Jahrhundert waren die Häuser am Marktplatz ein bevorzugtes Wohngebiet des gehobenen Bürgertums. Im Krieg wurden fast alle Gebäude zerstört und danach durch Wohn- und Geschäftshäuser im funktionalen Stil der Zeit ersetzt, so dass ein starker Kontrast zum barocken Doppelbau von Rathaus und Kirche sowie dem 1767 errichteten Marktplatzbrunnen entstand.Andreas Schenk: Architekturführer Mannheim. Berlin 1999, ISBN 3-496-01201-3, S. 41.Franz Wilhelm Koch: R 1, 4–6: Ein Haus am Markt im Wandel der Zeit. Mannheim 1959, S. 8–15.