Die Dermatophytose (Synonym Dermatophytie, von und ) oder Tinea ( für ‚Holzwurm‘, ‚Motte‘) ist eine durch spezielle Pilze (Dermatophyten) hervorgerufene Hautpilzerkrankung. Sie ist beschränkt auf keratinhaltige Gebilde wie die Hornschicht der Haut (Epidermomykose), Haare (Trichophytie oder Trichomykose) oder Nägel bzw. Krallen (Nagelpilz, Onychomykose). Dermatophytosen zählen zu den häufigsten Infektionskrankheiten überhaupt und treten weltweit auf.
Dermatophyten sind an bestimmte Hauptwirte angepasst, bei denen oft keine oder nur geringe Entzündungsreaktionen ausgelöst werden. Erkrankungen bei Hauptwirten verlaufen daher meist milder, aber langwieriger als bei anderen Wirten. Nach der Hauptinfektionsquelle unterscheidet man hauptsächlich vom Menschen (anthropophile) und von Tieren (zoophile) übertragene Erreger. Da auch alle zoophilen Erreger für den Menschen krankheitsauslösend sind, stellen die von ihnen ausgelösten Dermatophytosen von Tieren auf den Menschen übertragbare Erkrankungen (Zoonosen) dar. Pilze, die durch den Kontakt mit Erdboden übertragen werden (geophile), spielen in der Praxis nur eine untergeordnete Rolle.P. Fritsch: Pilzkrankheiten (Mykosen). In: Dermatologie und Venerologie. Lehrbuch und Atlas. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 1998, ISBN 3-540-61169-X, S. 282–302.Renate Hämmerling, Michael Cieslicki: Dermatophytosen sicher diagnostizieren und die Zoonosegefahr verringern. In: Kleintierpraxis, 54, 2011, S. 639–650.
Das klinische Erscheinungsbild ist sehr variabel, meist treten Hautrötung, vermehrte Schuppenbildung und Bläschen auf. Der Erregernachweis ist aufwendig und nur durch Kombination mehrerer Verfahren verlässlich, ohne ihn ist die Diagnose aber nicht sicher zu stellen. Die Behandlung erfolgt meist mit Antimykotika, begleitend sollten hygienische Maßnahmen getroffen werden.
mini|Fußpilz (Tinea pedis) – die häufigste Dermatophytose in Mitteleuropa
Erreger
mini|Mikroskopisches Bild der fadenförmigen Pilzzellen (Hyphen) und Makrokonidien von Epidermophyton floccosum. Konidien sind ungeschlechtlich gebildete Sporen, die der Vermehrung der Nebenfruchtform dienen.
Dermatophyten sind Schlauchpilze (Ascomycota), die verhornte Hautgebilde besiedeln. Man unterscheidet nach der Nebenfruchtform (Anamorphe) etwa 30 Arten, die in die drei Gattungen Epidermophyton, Trichophyton und Microsporum eingeteilt werden. Zur Anzahl krankheitsauslösender Arten gibt es in der Literatur unterschiedliche Angaben, da die Systematik Änderungen unterliegt. Die Hauptfruchtformen (Teleomorphe) dieser Erreger sind Bodenbewohner und werden der Gattung Arthroderma zugeordnet, für einige Dermatophyten sind solche perfekten (geschlechtlichen) Formen aber bislang nicht nachgewiesen. Im Gegensatz zu anderen Pilzen (Hefen, Schimmelpilze) ernähren sich Dermatophyten von Keratin und Kohlenhydraten. Sie können Keratin durch eiweißspaltende Enzyme (Keratinasen) aufschließen.Irene Weitzman, Richard S. Summerbell: Dermatophytes. In: Clin. Microbiol. Rev., 8, 1995, S. 240–259. PMID 7621400,
Dermatophyten sind an bestimmte Hauptwirte angepasst, bei denen nur geringe Entzündungsreaktionen ausgelöst werden, was das Überleben der Pilze sichert. Daher verlaufen solche Infektionen meist milder, aber langwieriger als solche durch nicht-adaptierte Erreger. Die Hauptwirte können sogar symptomlose Träger sein und stellen das Erregerreservoir dar. Sie sind die wichtigste Infektionsquelle für andere Menschen oder Tiere.H.-J. Tietz und Renate Hämmerling: Die Bedeutung zoophiler Dermatophyten für den Menschen und anthropophiler Zoonosen für das Tier. In: Prakt. Tierarzt, 88, 2007, S. 78–86.
Nach der Hauptinfektionsquelle unterscheidet man hauptsächlich vom Menschen (anthropophile) und von Tieren (zoophile) übertragene Erreger. Alle zoophilen Pilzarten sind vom Tier auf den Menschen, aber auch von Mensch zu Mensch übertragbar. Sie waren in Deutschland deshalb auch bis 1981 meldepflichtig. Der Anteil der jeweiligen Pilze an Erkrankungen des Menschen variiert. So dominieren beim Fußpilz anthropophile Erreger, bei Dermatophytosen im Bereich des Kopfhaars kommen zoophile Pilze dagegen viermal häufiger vor als anthropophile. Eine Übertragung anthropophiler Erreger auf Tiere ist ebenfalls möglich, wenn auch selten.P. Van Rooij et al.: Canine dermatophytosis caused by Trichophyton rubrum: an example of man-to-dog transmission. In: Mycoses, 2011 Jul 20. doi:10.1111/j.1439-0507.2011.02071.x. PMID 21771108 Obwohl Tiere selten an anthropophilen Dermatophyten erkranken, sind sie ein potentielles Erregerreservoir für einige dieser Erreger.Regina Wagner: Dermatophytosen bei Hund und Katze. In: Kompendium Kleintier 2013, S. 28–32. Darüber hinaus gibt es auch Pilze, die durch den Kontakt mit Erdboden übertragen werden (geophile), diese spielen in der Praxis allerdings nur eine untergeordnete Rolle.
Die wichtigsten Auslöser für Dermatophytosen sind in Mitteleuropa Trichophyton rubrum (Hauptwirt: Mensch), Trichophyton interdigitale (Hauptwirt: Mensch), Trichophyton verrucosum (Hauptwirt: Rinder) und Microsporum canis (Hauptwirt: Katzen). Hinsichtlich der Erregerhäufigkeit gibt es jedoch historische und geografische Differenzen, die ihre Ursache in den unterschiedlichen Lebensbedingungen haben. So dominierten beim Menschen in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg noch Microsporum audouinii und Epidermophyton floccosum. In Südeuropa und im Nahen Osten werden die meisten Dermatophytosen beim Menschen von zoophilen Erregern wie Microsporum canis und Trichophyton verrucosum verursacht.Claus Seebacher et al.: Updates on the epidemiology of dermatophyte infections. In: Mycopathologia, 166, 2008, S. 335–352. PMID 18478365
Vorkommen mini|Trichophytie bei einem Ayrshire-Rind
Dermatophytosen kommen weltweit vor und sind häufige, wenn auch in den allermeisten Fällen nicht lebensbedrohliche Erkrankungen. Sie treten bei Säugetieren, Vögeln und Reptilien auf. Das Risiko, im Verlauf seines Lebens an einer Dermatophytose zu erkranken, beträgt beim Menschen etwa 10–20 %.L.A. Drake et al.: Guidelines of care for superficial mycotic infections of the skin: tinea corporis, tinea cruris, tinea faciei, tinea manuum, and tinea pedis. Guidelines/Outcomes Committee. American Academy of Dermatology. In: Journal of the American Academy of Dermatology, 34, 1996, S. 282–286. PMID 8642094 Damit gehört die Dermatophytose zu den häufigsten Infektionskrankheiten überhaupt.B. Havlickova et al.: Epidemiological trends in skin mycoses worldwide. In: Mycoses, 51, 2008, Suppl. 4, S. 2–15. PMID 18783559 Die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) für den Fußpilz beträgt in Deutschland etwa 30 %,Claus Seebacher: Zur Veränderung des Dermatophytenspektrums bei dermatologisch relevanten Erkrankungen. In: Mycoses, 2003, 46, Suppl 1, S. 42–46. PMID 12955853 für den Nagelpilz 12,4 %.D. Abeck et al.: Onychomykose: Aktuelle Daten zu Epidemiologie, Erregerspektrum, Risikofaktoren sowie Beeinflussung der Lebensqualität. In: Dtsch. Ärztebl., 2000, 97, S. 1984–1986. Die Prävalenz bei Kindern liegt zwischen 5 und 15 %, die Anzahl der jährlichen Neuerkrankungen (Inzidenz) nach einer niederländischen Studie bei etwa 25 pro 1000 Kinder.
Bei Hausrindern sind etwa 40 % der Bestände in Deutschland mit Trichophyton verrucosum infiziert, klinische Erkrankungen (Rindertrichophytie) treten bei 5 bis 60 % der Tiere innerhalb eines Bestandes auf.H.H. Zehle et al.: Zur Bekämpfung der Trichophytie. In: 58. Tierärztlicher Erfahrungsaustausch, 23. Mai 2007. Während die Rindertrichophytie in Norwegen durch konsequente mehrjährige Impfprogramme nahezu ausgerottet werden konnte (siehe Abschnitt Impfung), sind in Südeuropa nahezu alle Bestände befallen.R. Papini et al.: High infection rate of Trichophyton verrucosum in calves from Central Italy. In: Zoonoses and Public Health, 56, 2009, S. 59–64. PMID 18705659
Eine Studie an überwiegend hautgesunden Hauskatzen zeigte eine Befallsrate von 21,4 %.K.H. Böhm et al.: Vorläufige Ergebnisse von aktuellen Studien zur Verbreitung der Mikrosporie in Katzenpopulationen. In: Tierärztl. Praxis, 26, 1998, S. 73. Etwa 90 % der Streuner und praktisch alle Tiere in Katzenzuchten sind meist asymptomatische Träger.K.A. Moriello: Management of dermatophyte infections in catteries and multiple-cat households. In: Vet. Clin. North Am. Small Anim. Pract., 25, 1990, S. 1457–1474. PMID 2251736 In einer österreichischen Studie konnten bei 12,4 % der Haushunde Dermatophyten nachgewiesen werden.R. Breuer-Strosberg: Nachweishäufigkeit von Dermatophyten bei Katzen und Hunden in Österreich. In: Dtsch. Tierärztl. Wochenschr. 100 (1993), S. 483–485. PMID 8306866 Zum Vorkommen von Dermatophyten bei Nagetieren und Kaninchen in Heimtierhaltung gibt es kaum epidemiologische Daten. Bei Heimtiermeerschweinchen fand eine Studie aus Berlin eine Durchseuchung von 50 bis 90 %. In Laborzuchten wurden Befallshäufigkeiten zwischen 1A. Balsari et al.: Dermatophytes in clinically healthy laboratory animals. In: Lab. Anim., 15, 1981, S. 75–77. PMID 7265899 und 70 %R. López-Martínez et al.: Dermatophytes isolated from laboratory animals. In: Mycopathologia, 88, 1984, S. 111–113. PMID 6527696 gefunden. Hier dominieren ebenfalls symptomlose Träger, Erkrankungen treten vor allem bei Meerschweinchen auf.C. Pollock: Fungal diseases of laboratory rodents. In: Vet. Clin. North Am. Exot. Anim. Pract., 6, 2003, S. 401–413. PMID 12827729
Krankheitsentstehung mini|Eindringen der Dermatophyte Trichophyton mentagrophytes in ein Haar
Die Ansteckung erfolgt durch direkten oder indirekten Kontakt mit Sporen. Die Pilzsporen sind außerordentlich resistent gegenüber Umwelteinflüssen und bis zu vier Jahre infektiös.K.A. Moriello und D.J. DeBoer: Feline dermatophytosis. Recent advances and recommendations for therapy. In: Vet. Clin. North Am. Small Anim. Pract., 20, 1995, S. 901–921. PMID 8525573 Die zoophilen Dermatophyten bilden um das Haar herum (ektotriche) Sporenrasen, so dass pilzbefallene Haare die Hauptansteckungsquelle bilden. Auch eine Übertragung der Sporen durch den Wind und durch Gegenstände (Kämme, Kleidung, Handtücher, Decken, Fußmatten, Teppichböden, …) ist möglich.
Damit es zu einer Pilzerkrankung kommen kann, müssen die Sporen in die Hornschicht, Nägel oder Haare eindringen. Dabei müssen sie die mechanische Barriere, die natürliche Hautflora und das Immunsystem der Haut überwinden. Einige Dermatophyten bilden β-Lactam-Antibiotika und können die den Wirt schützende Hautflora schädigen.Barbara Beifuß: Etablierung einer molekularen Sofortdiagnostik von Dermatophyten auf Speziesebene aus nativem Material von Patienten mit Hautmykosen mittels Polymerasekettenreaktion (PCR) und Real-time PCR (LightCycler). Dissertation. Ludwig-Maximilians-Universität München, 2008; Volltext (PDF; 1,5 MB) Nach Anheftung der Sporen erfolgt ein aktives Eindringen in die Hornsubstanz durch die Bildung Keratin-auflösender Enzyme. Die Fähigkeit zur Bildung verschiedener Enzyme wie Serin-, Aspartat- und Metalloproteasen sowie Hämolysinen ist ein entscheidender Virulenzfaktor von Dermatophyten. Anschließend wachsen aus den Sporen die fadenförmigen Pilzzellen (Hyphen). Entzündungen und mitotisch aktives Gewebe unterbinden die Entwicklung der Hyphen. Haare werden nur in der Wachstumsphase (Anagen) befallen, mit dem Übergang in die Haarerneuerungsphase (Telogen) kommt die Infektion zum Stillstand.Ch. Noli und F. Scarampella: Dermatophytose. In: Praktische Dermatologie bei Hund und Katze. Schlütersche, Hannover 2004, ISBN 3-87706-726-3, S. 203–210
mini|Neutrophile Granulozyten – eine Unterform der weißen Blutkörperchen – sind die erste Abwehrfront gegen eindringende Dermatophyten.