mini|Gemälde Boadicea Haranguing The Britons von John Opie (1761–1807), Privatsammlung; typische, jedoch unhistorische Darstellung der Boudicca nach Tacitus, Annales 14,35
Boudicca ([]; auch: Boudica, Boudouika, Boadicea, Voadicea, Bonduca; † um 61 n. Chr.) war eine britannische Heerführerin vermutlich königlicher Abstammung, die 60/61, in den frühen Jahren der römischen Besetzung Britanniens, den letztlich erfolglosen Boudicca-Aufstand anführte. Während des Aufstands zogen die keltischen Stämme der Icener und der Trinovanten unter der Führung von Boudicca gegen die römischen Siedlungen im heutigen Colchester, London und St Albans in den Kampf, töteten schätzungsweise 70.000 römische Siedler sowie romanisierte Einwohner der Siedlungen und brannten die Siedlungen ganz oder teilweise nieder. Boudiccas Armee wurde schließlich von römischen Truppen unter dem Statthalter Gaius Suetonius Paulinus vernichtend geschlagen. Boudicca soll sich Tacitus zufolge danach vergiftet haben; Cassius Dio dagegen schreibt, sie sei erkrankt und schließlich gestorben.
Boudicca ist seit der Renaissance in England eine nationale Ikone und eine beliebte Figur in Kunst, Literatur und Popkultur. In vielen volkstümlichen britischen Geschichtsdarstellungen ist Boudicca eine Volksheldin, vergleichbar mit anderen historischen oder legendären Figuren der britischen Geschichte wie König Artus oder Alfred dem Großen. Historiker ordnen sie in die Reihe der Persönlichkeiten ein, die gegen die römische Herrschaft rebelliert haben, darunter Vercingetorix in Gallien, Arminius in Germanien und Bar Kochba in Judäa.
Quellenlage
Da die Stämme Britanniens keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, ist die Sicht auf Boudicca nur durch die römische Geschichtsschreibung geprägt: Boudicca und der Aufstand werden in den Annalen und der Biografie Agricola (De vita Iulii Agricolae) des Geschichtsschreibers Tacitus beschrieben;Tacitus, Annales 14,31–37 (englische Übersetzung); kürzer: Tacitus, Agricola 15–16. ferner verfasste Cassius Dio in seiner Römischen Geschichte einen Bericht.Cassius Dio, Römische Geschichte 62,1–12 (englische Übersetzung). Beide waren keine Augenzeugen, auch schrieben sie mit zeitlichem Abstand zu den Ereignissen. Tacitus wird häufig als die zuverlässigere Quelle angesehen, denn er wurde um 58 geboren und lebte damit zu einer Zeit, als die Erinnerung an den Aufstand 60/61 in Britannien noch lebendig war.Richard Hingley, Christina Unwin: Boudica. Iron Age Warrior Queen. Hambledon Continuum, London 2005, ISBN 1-85285-516-9, S. 42–43. Andererseits führten die Abweichungen zwischen seinem und Cassius Dios Bericht auch zu der Annahme, dass Tacitus hauptsächlich eine politische Tendenz verfolgte und so viele Informationen lediglich als literarische Topoi zur effektvolleren Ausgestaltung der Erzählung dienen.So etwa Gerold Walser: Rom, das Reich und die fremden Völker in der Geschichtsschreibung der frühen Kaiserzeit (= Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft. Band 37). Helbing & Lichtenhahn, Basel 1951, S. 128–131.
Auf jeden Fall wertete Tacitus für seine Annalen viele ältere, größtenteils anonyme Quellen und Senatsakten aus.Werner Suerbaum: Einleitung. In: Tacitus: Annalen. Deutsche Gesamtausgabe. 3. Auflage. Alfred Kröner, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-520-23803-0, S. XXXIII–XXXV. Speziell über den Boudicca-Aufstand hatte er zudem wahrscheinlich Detailkenntnisse durch seinen Schwiegervater Gnaeus Iulius Agricola. Agricola war zwischen 58 und 62 in Britannien stationiert, zu Beginn als Militärtribun im Stab des Statthalters Gaius Suetonius Paulinus, zuletzt als Statthalter. Agricola war also zur Zeit des Boudicca-Aufstands in Britannien, hatte dadurch zuverlässige Detailinformationen über den Aufstand und war möglicherweise an den relevanten Militäraktionen beteiligt.Graham Webster: Boudica: The British Revolt Against Rome AD 60, Revised Edition/Reprint. Routledge, Abingdon 1999, ISBN 0-415-22606-6, S. 16.
Cassius Dio wurde um 163 unserer Zeitrechnung geboren und schrieb etwa 150 Jahre nach dem Boudicca-Aufstand. Er war außerdem auch geografisch weit von den Ereignissen in Britannien entfernt. Historiker gehen davon aus, dass Cassius Dios Berichte aus zweiter Hand sind und er selbst Britannien nie besucht hat. Dio recherchierte jedoch vor der Abfassung des Werkes gründlich – seiner eigenen Aussage nach zehn Jahre lang – und verarbeitete Material aus älteren Quellen, die er allerdings – wie in der antiken Geschichtsschreibung häufig – nicht nennt.Fergus Millar: A Study of Cassius Dio. Clarendon Press, Oxford 1964, S. 35 und 149; Martin Hose: Erneuerung der Vergangenheit. Die Historiker im Imperium Romanum von Florus bis Cassius Dio (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 45). B. G. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1994, S. 424–427. Selbstaussage Dios zur Arbeitszeit: Cassius Dio, Römische Geschichte 72,23,5. In seiner römischen Geschichte fokussiert Dio gerne auf tragische Ereignisse wie Erdbeben und Massaker. Daher gilt es als möglich, dass er seine Geschichte um ihres emotionalen Effekts willen noch mit fiktionalen Elementen anreicherte.Miranda Aldhouse-Green: Boudica Britannia. Taylor & Francis, London 2006, ISBN 978-1-4058-1100-2, S. 131–132 mit Verweis auf Fergus Millar. Für die Einschätzung seines Quellenwertes kommt erschwerend hinzu, dass weite Teile seines Werkes – darunter auch die Passagen zum Boudicca-Aufstand – nicht im Original erhalten sind, sondern nur in einer Zusammenfassung (Epitome) des byzantinischen Mönchs Johannes Xiphilinos aus dem 11. Jahrhundert.Christoph M. Bulst: The Revolt of Queen Boudicca in A.D. 60. Roman politics and the Iceni. In: Historia. Band 10, Heft 4, 1961, S. 496–509, hier S. 496.
mini|Icenische Silbermünze, typisch ist die Darstellung eines Pferdes auf der Rückseite,Caitlin C. Gillespie: Boudica. Warrior Woman of Roman Britain. Oxford University Press, Oxford/New York 2018, ISBN 978-0-19-060907-8, S. 25–26. Münzfund aus dem Portable Antiquities Scheme (PAS) Neben den römischen Quellen kann die Erforschung der historischen Boudicca auf archäologische Funde zurückgreifen, die Hinweise auf die Organisation des britannischen Stamms der Icener und auf den Ablauf des Boudicca-Aufstands liefern. Bedeutend sind Münzfunde, deren Verbreitung Rückschlüsse auf das Gebiet zulässt, das die Icener besiedelt haben.Graham Webster: Boudica: The British Revolt Against Rome AD 60, Revised Edition/Reprint. Routledge, Abingdon 1999, ISBN 0-415-22606-6, S. 47.
Zentral für die Rekonstruktion der Zerstörung der Siedlungen im heutigen Colchester, London und St. Albans ist eine Ausgrabungsschicht, die aus verbrannten Resten besteht und eine Dicke zwischen wenigen Zentimetern und einem Meter haben kann, der sogenannte Boudican destruction horizon (deutsch „Zerstörungshorizont Boudiccas“).Paul R. Sealey: The Boudican Revolt against Rome (= Shire Archaeology. Bd. 74). 2. Auflage. Shire Books, Prines Risborough 2004, ISBN 0-7478-0618-7, S. 22. Der Zerstörungshorizont kann aufgrund von Keramik- und Münzfunden ungefähr auf die Mitte des ersten Jahrhunderts datiert werden und ist für Archäologen ein Indiz, dass die damaligen römischen Siedlungen tatsächlich, wie in den antiken Quellen beschrieben, niedergebrannt wurden.Paul R. Sealey: The Boudican Revolt against Rome (= Shire Archaeology. Bd. 74). Shire Books, Prines Risborough 2004, ISBN 0-7478-0618-7, S. 22–26; Graham Webster: Boudica: The British Revolt Against Rome AD 60. Revised Edition/Reprint. Routledge, Abingdon 1999, ISBN 0-415-22606-6, S. 121.
Name In der handschriftlichen Überlieferung von Tacitus’ Annalen finden sich verschiedene Schreibweisen ihres Namens, die in den modernen Ausgaben in aller Regel zu Boudicca vereinheitlicht werden.Tacitus, Annalen 14,31,1 (englische Übersetzung): boodicia; 14,35,1 (englische Übersetzung): bouducca; 14,37,2 (englische Übersetzung): Boudicca. Siehe P. Cornelii Taciti libri qui supersunt I: Ab excessu divi Augusti, herausgegeben von Heinz Heubner, korrigierte Auflage. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1994, S. 325, 328f. Vergleiche Prosopographia Imperii Romani (PIR2) (1933) B 148. Cassius Dio, dessen Römische Geschichte die zweite antike Quelle zu Boudicca ist, schreibt ihren Namen Boudouika ().Richard Hingley, Christina Unwin: Boudica. Iron Age Warrior Queen. Hambledon Continuum, London 2005, ISBN 1-85285-516-9, S. 41, 53.
Im Mittelalter entstand eine weitere Variante von Boudiccas Namen, als ein Schreiber beim Kopieren eines Manuskripts vermutlich ‚u‘ durch ‚a‘ ersetzte und das zweite ‚c‘ durch ein ‚e‘. Diese Schreibweise Boadicea wurde vor allem durch die romantischen Dichter während der Zeit Königin Victorias im 19. Jahrhundert populär gemacht.Graham Webster: Boudica: The British Revolt Against Rome AD 60, Revised Edition/Reprint. Routledge, Abingdon 1999, ISBN 0-415-22606-6, S. 15. Zu weiteren Schreibweisen in Literatur und historischer Geschichtsschreibung zählen Voadicia (beispielsweise in Polydore Vergils Anglica Historica), Voadicea (beispielsweise in Raphael Holinsheds The Chronicles of England, Scotland and Ireland) und Bonduca (beispielsweise in John Fletchers gleichnamigem Theaterstück von 1609).Richard Hingley, Christina Unwin: Boudica. Iron Age Warrior Queen. Hambledon Continuum, London 2005, ISBN 1-85285-516-9, S. 118, 119, 129.
Vergleiche mit späteren walisischen WortformenKenneth Jackson: Queen Boudicca? In: Britannia. Band 10, 1979, S. 255. sowie mit keltischen Inschriften in Frankreich und auf der iberischen Halbinsel legen nahe, dass der Name tatsächlich Boudica (mit einem ‚c‘) und nicht Boudicca war. Boudica geht auf das keltische Wort für Sieg, bouda, zurück, Boudica bedeutet also ‚die Siegreiche‘. In der neueren englischsprachigen Forschung hat sich der ursprüngliche keltische Name Boudica inzwischen wieder durchgesetzt. In der deutschsprachigen Literatur findet man noch die Schreibweise Boudicca, wie etwa in Einführungen in die englische GeschichteKarl-Friedrich Krieger: Geschichte Englands von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert. 5. Auflage. Beck, München 2018, ISBN 3-406-72824-3, S. 25. oder in Darstellungen über die Kelten.Dorothee Ade, Andreas Willmy: Die Kelten. Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-2115-2, S. 95.
Leben Herkunft, Familie und Status mini|Keltische Stämme im Süden des heutigen Englands Über Boudiccas Leben vor dem Aufstand gegen die Römer sind nur wenige Details bekannt. Insbesondere wird unter Historikern diskutiert, welchen Status Boudicca hatte, darunter Ehefrau eines Klientelkönigs, regierende Königin oder militärische Anführerin. Die Quellen sind diesbezüglich nicht eindeutig.
In den Annalen wird Boudicca als Ehefrau des Prasutagus, der als Klientelkönig Roms über die Icener herrschte, beschrieben. Wie man aus Münzfunden weiß, siedelten die Icener im Norden des heutigen East Anglia, nördlich des Stammesgebiets der Trinovanten.Paul R. Sealey: The Boudican Revolt against Rome (= Shire Archaeology. Bd. 74). 2. Auflage. Shire Books, Prines Risborough 2004, ISBN 0-7478-0618-7, S. 6–11. Tacitus schreibt, dass Prasutagus im Jahr 61 nach einer langen Herrschaft in Wohlstand starb.Tacitus, Annales 14,31. Archäologische Funde auf dem ehemaligen Gebiet der Icener wie die Snettisham-Horte liefern Hinweise darauf, dass der von Tacitus erwähnte Wohlstand der Icener wohl den Tatsachen entsprach.Miranda Aldhouse-Green: Boudica Britannia. Taylor & Francis, London 2006, ISBN 978-1-4058-1100-2, S. 26.