Der Roman Die Fälschung der Welt des amerikanischen Autors William Gaddis erschien erstmals 1955 unter dem Originaltitel The Recognitions im New Yorker Harcourt Verlag. Das Werk blieb zunächst nach dem einhelligen Verriss durch die Literaturkritik auch vom Publikum unbeachtet.Zu den anfänglichen Verrissen durch die Literaturkritiker ausführlich die Zusammenstellung der ersten 55 Rezensionen des Romans von Jack Green: Fire the Bastards!. Abgerufen am 30. Mai 2017
Durch eine kleine Gruppe begeisterter Leser blieb dennoch ein Interesse an dem außerordentlich komplexen Roman wach. 1976 erhielt Gaddis für seinen Folgeroman JR den National Book Award, wonach auch das öffentliche Interesse an seinem monumentalen Erstlingswerk wuchs.
Das renommierte Time Magazine zählte The Recognitions im Januar 2010 zu den 100 besten englischsprachigen Romanen seit 1923.All-Time 100 Novels: The Recognitions. Abgerufen am 30. Mai 2017.
Der Roman untersucht das Thema Fälschungen auf einer breiten Ebene: Falsche Geldscheine, gefälschte Gemälde und vorgetäuschte Gefühle bestimmen sowohl die Welt der calvinistischen Puritaner als auch der New Yorker Szene.
Inhalt
Held des Romans ist Wyatt Gwyon, der Sohn eines Priesters, der ein Talent für die Malerei entwickelt. Die strenggläubige Tante May, die die Erziehung des Jungen zunächst in Händen hat, verfolgt jedes Zeichen dieses Talents mit bitterer Strenge im Sinne eines archaischen Bilderverbots, das an entsprechende Formulierungen im konservativen Islam erinnert: Wer Abbilder schafft, begibt sich in Konkurrenz zum Schöpfergott und wird dafür streng bestraft. So malt der Junge heimlich, vergräbt die vollendeten Bilder heimlich im Garten. Die detailgenaue Schilderung der Bitterkeit und des Sadismus, mit der die streng religiöse Tante den Jungen erzieht, wird zu einer Anklage gegen den rigiden Protestantismus calvinistischer Prägung in den USA.
Beim Vater Wyatts führt die Religiosität in immer absurdere Regionen von Mystik, Alchemie und Naturreligion. Als der Sohn schwer erkrankt und der Vater sieht, dass die Mediziner ihn nur noch als Versuchskaninchen missbrauchen, rettet er ihn in einer schamanischen Zeremonie unter Opferung eines Affen, den er von einer Reise aus Gibraltar mitgebracht hat. Nach dem Tode der Tante May leben Vater und der sich weitgehend selbst überlassene Sohn mit einer verwirrten Haushälterin im Pfarrhaus. Der Sohn gibt aber alle Pläne auf, das von Generation zu Generation weitergegebene Pfarramt zu übernehmen. Ende der 30er Jahre studiert er zunächst im NS-regierten München Malerei und siedelt dann nach Paris über, wo er heiratet.
Aus Not und Misserfolg entwickelt sich Wyatt zum genialen Fälscher, der nicht konkrete Gemälde alter Meister kopiert, sondern so perfekt neue in ihrem Stil erstellt, dass sie als lang verlorene Originale von der Kunstwelt akzeptiert werden. In Wyatts Umfeld entwickelt Gaddis eindrucksvolle und kritische Bilder von der amerikanischen Szene in Paris, der ausgeflippten Welt der Künstler und Kleinkriminellen in New York und immer wieder der bigotten Kleinstadtwelt der Puritaner in den USA.
Wyatts Vater entwickelt gleichzeitig immer absurdere Ideen, zeigt sich beeindruckt vom Wunderglauben der Katholiken in Spanien, interessiert sich für Mithraismus und andere abseitige religiöse Strömungen. Seine früh auf einer Europareise verstorbene Frau Camilla liegt in Spanien begraben. Nach dem Tod hatte Wyatts Vater sich als Gast in ein Kloster zurückgezogen. Immer stärker verstellt sich dem Vater der Weg zur Realität, bis er schließlich in der Psychiatrie landet.
Eine wichtige Nebenfigur ist Otto, ein Verehrer Wyatts, der sich aus zusammengesuchten Zitaten vor allem Wyatts eine irreale Existenz konstruiert. Das Scheitern dieses Lebenskonzepts treibt zum Teil absurde Blüten, etwa als Otto einen gebrochenen Arm vortäuscht, angebliche Folge der Teilnahme an einer Revolution in Lateinamerika, und diese vorgetäuschte Verletzung zur Behinderung seiner Pläne wird. Dennoch wird er zum Liebhaber von Wyatts Frau Esther, die frustriert über Wyatts Kontaktunfähigkeit einen Tröster sucht, der sich wirklich für sie interessiert. Eine andere Figur ist die drogensüchtige Dichterin Esme, die nach einer Affäre mit Otto Wyatt Modell steht und sich in ihn verliebt und nach einer Serie absurder Verwicklungen als Nonne in Europa endet.
Wyatt erlebt seine Fälschungen als künstlerische Leistungen, er verfolgt keine finanziellen Interessen. Vielmehr will er sich abgrenzen vom Kunstbetrieb seiner Zeit, der ausschließlich Originalität schätzt, gleichgültig wie sinnlos ihre Produkte sind. Ihn faszinieren seit seiner Jugend Technik und Stil der alten Meister. Durch Recktall Brown, einen skrupellosen Kunsthändler, wird er dennoch immer tiefer in kriminelle Geschäfte verwickelt, bis es keinen Ausweg mehr gibt.
Interpretationsansatz
Im Zentrum des Romans steht eine Gruppe von Personen, die in Manhattan, insbesondere im Greenwich Village leben und jene Länder bereist haben, die Gaddis selbst aufgesucht hatte, wie Mittelamerika, Frankreich, Spanien, Italien und zum Teil auch Nordafrika. Das gemeinsame Anliegen aller am Romangeschehen beteiligten Charaktere ist die Kunst: Literatur, Malerei, Film und auch die Kunst des Fälschens. Dieses künstlerische Anliegen steht dabei immer wieder in Verbindung mit religiöser Suche oder bietet aber einen Ersatz dafür.
Mit dem Geistlichen Reverend Gwyon und seinem Sohn Wyatt erscheinen religiöse und künstlerische Interessen in der Folge der Generationen; der Roman greift dabei mit Gwyon Senior zurück auf die Zeit um den bzw. nach dem Ersten Weltkrieg. Das wichtigste äußere Ereignis in der Handlung um den Geistlichen ist der Tod seiner Frau auf der Überfahrt nach Spanien, wo Gwyon sie nach einem katholischen Ritus bestatten lässt, um anschließend die heiligen Stätten der Alten Welt aufzusuchen und sich in das Studium der Religionsgeschichte zu vertiefen, das er bereits in Neuengland mit einem Kurs über den Mithraskult aufgenommen hatte. Nach der Rückkehr in seine neuenglische protestantische Gemeinde sind seine Predigten immer mehr von Vorstellungen eines nicht-protestantischen Christentums sowie heidnischer Religionen und Mythen durchdrungen. Seinen Höhepunkt erreicht die Geschichte Gwyons, als er – mittlerweile dem Wahnsinn verfallen – statt eines Weihnachtsgottesdienstes einen Mithraskult vollzieht an genau dem Weihnachtsfest, das auch für die anderen Figuren des Romans bedeutsam wird. Gwyons Leben endet schließlich in einer Irrenanstalt.
Die Gwyon überlieferte puritanische Religion entspricht der protestantischen Ethik im Sinne Max Webers (The Recognitions, S. 13 f.); für Gwyon ist dieses Religionsverständnis jedoch unzureichend; er sucht in anderen Religionen wie auch in den Mythen jenes Mysterium, das er in seinem konfessionellen christlichen Glauben verloren sah. Eine vorweihnachtliche Szenebeschreibung (The Recognitions, S. 102) in der cineastischen Erzählperspektive des Kamerablicks (Camera Eye) von John Dos Passos mit einer der seltenen auktorialen Kommentierungen zu diesem Thema lässt erkennen, dass die Religionen für Gwyon das Geheimnis und den Zauber des Göttlichen, das der Welt ihren Sinn verleiht, verbergen; auf der Suche nach dieser göttlichen Sinngebung verfällt er schließlich dem Wahnsinn.Franz Link: William Gaddis, geb.1922 - The Recognitions, 1955. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 307f.
Gwyons Sohn Wyatt ist wie sein Vater zunächst für das Amt eines Geistlichen bestimmt, widmet sich jedoch schon bald der Malerei. Auch für ihn als Künstler geht es um die Beschäftigung mit den Mysterien. Wie Basil Valentine, der Kunstkritiker des Bildfälscherrings, für den Wyatt arbeitet, es ausdrückt, ist der Priester der Hüter der Mysterien, während der Maler ihr Geheimnis aufdeckt, indem er ihm künstlerische Gestalt verleiht: „The priest is the guardian of mysteries [...] The artist is driven to expose them“ (The Recognitions, S. 261). Wyatt erlernt seine Kunst in Deutschland und in Paris; sein deutscher Meister lehrt ihn, dass es nicht um Originalität gehe, die mit der Tradition brieche, sondern um Nachahmung, durch die Neues entstehe (The Recognitions, S. 89). Wyatts Vorbild werden Hans Memling und die alten flämischen Meister; sein Lehrer verkauft später ein von Memling inspiriertes Bild Wyatts als einen echten neu entdeckten Memling. Da sich Wyatts eigene Gemälde im Stil der flämischen Meister nicht verkaufen lassen, ist er gezwungen, seinen Lebensunterhalt als Zeichner in einem Brückenbauunternehmen sowie durch das Restaurieren alter Gemälde zu verdienen. Recktall Brown, der Kunsthändler, kann ihn schließlich dafür gewinnen, Bilder im Stil der alten Meister zu malen und sie mit deren Namen zu signieren, um sie dann als Neuentdeckung angeblich verloren gegangener Werke für teueres Geld zu verkaufen. Die dazu erforderlichen Kunstexpertisen liefert Basil Valentine.
Wyatt versucht, sein künstlerisches Anliegen mit aller Hingabe in seinen Gemälden zum Ausdruck zu bringen. Als er schließlich sich als Maler der gefälschten alten Meister enthüllen und seinen Bund mit dem Kunsthändler Brown auf dessen Weihnachtsgesellschaft aufkündigen will, stürzt der gewissenlose Kunsthändler in einer Ritterrüstung, die er sich angelegt hat, die Treppe hinab und kommt auf groteske Weise zu Tode. Die Gäste verlassen fluchtartig das Haus; nur Wyatt bleibt zusammen mit Valentine bei der Leiche des Kunsthändlers zurück. In seiner Verzweiflung über das Scheitern seiner Enthüllung versucht er, Valentine zu erstechen, und flieht anschließend nach Europa in der irrigen Annahme, ihn ermordet zu haben. Vergeblich sucht er dort das Grab seiner Mutter, da deren sterblichen Überreste mit denen eines Mädchens verwechselt worden waren, das während Wyatts Friedhofbesuch gerade in Rom heiliggesprochen werden soll. Daraufhin zieht Wyatt sich in das Franziskanerkloster zurück, das schon sein Vater aufgesucht hatte, und restauriert wiederum Gemälde. Während dieser Tätigkeit isst er Brot, das – ein weiteres der zahlreichen grotesken Elemente des Romans – mit der Asche seines Vaters gebacken wurde, die dem Kloster zugeschickt wurde und dort fälschlicherweise für das Mehl gehalten wird, das Wyatts Vater früher dem Kloster zu schicken pflegte. Wie zuvor sein Vater, kann Wyatt nicht in dem Kloster bleiben und wird vom Pförtner weitergeschickt. Beim Läuten der Glocken glaubt Wyatt, darin seinen verstorbenen Vater zu hören, und beschließt, von nun an bewusster zu leben: „The bells, the old man ringing me on. Now at last, to live deliberately“ (The Recognitions, S. 900).
Die in vielerlei Hinsicht groteske Geschichte Wyatts ist ebenso die Geschichte eines suchenden Menschen, dem es darum geht, sich als Künstler in seinem eigenen Werk selbst zu finden. Zahlreiche Anspielungen lassen Wyatt dabei in Analogie zu unterschiedlichen literarischen und mythologischen Gestalten erscheinen: So begibt er sich beispielsweise wie Clemens, der jugendliche Schüler des Petrus, in den frühchristlichen Recognitiones auf die Suche nach der Wahrheit und gerät durch den Kunsthändler Brown ebenso in Versuchung wie Clemens durch den Magier Simon.
Der Kunsthändler Brown erweist sich zudem für Wyatt als Mephistopheles, dem er seine Seele verkauft, wobei es Wyatt jedoch letztendlich anders als Faust gelingt, sich von Mephisto wieder zu lösen. Als Wyatt am Schluss sich weiter auf Wanderschaft begibt, erscheint er als der Ewige Jude, aber auch als der Fliegende Holländer, auf den mehrfach im Roman angespielt wird.Franz Link: William Gaddis, geb.1922 - The Recognitions, 1955. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 308f.