Als „Trümmerfrauen“In der Wikipedia gilt es als unangemessener Stil, durch Anführungszeichen eine Distanzierung von der Wortwahl anzeigen zu wollen. Da jedoch in dem überwiegenden Teil der Forschungsliteratur zum Thema seit 2013 (u. a. Leonie Treber, Clara-Anna Egger, Martin Tschiggerl/Thomas Walach; Näheres hier) eben diese Distanzierung als angemessener Umgang mit dem Begriff gilt und durch Anführungszeichen angezeigt wird, folgt der Artikel der Forschung und verwendet diese typografischen Kennzeichen. werden Frauen bezeichnet, die nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen deutschen und österreichischen Städten bei der Enttrümmerung mithalfen. Sie waren neben professionellen Trümmerbeseitigern und zwangsverpflichteten ehemaligen Nationalsozialisten eine Gruppe der Akteure in den Trümmerräumaktionen der Nachkriegszeit. Der Begriff wurde spätestens seit Ende der 1940er Jahre verwendet.

Rolle von Frauen bei der Enttrümmerung mini|hochkant=0.7|Berliner „Trümmerfrauen“ Juli 1945. Aufnahme des Special Film Project 186

Die Größe der Aufgabe veranschaulichen folgende zeitgenössische Einschätzungen: Für Berlin veranschlagte man 1946 eine Dauer von sechs bis acht Jahren für die Trümmerbeseitigung. 1947 gab es sogar eine Schätzung von 20–25 Jahren „[s]elbst bei Einführung modernster mechanisierter“ Verfahren. Bis Ende 1947 waren in Nordrhein-Westfalen erst 10 % des bei Kriegsende vorhandenen Schutts von 90 Millionen m³ beseitigt. Hingegen waren in München bereits 43 % geräumt.

In mehreren deutschen Städten wie Berlin, Dresden, Hamburg, Leipzig, Magdeburg, Zerbst oder Nürnberg entstanden für die Trümmerbeseitigung eigene Eisenbahnlinien. Diese „Trümmerbahnen“ transportierten Hunderte Millionen Kubikmeter Kriegsschutt aus den Zentren an die Stadtränder, damit sie dort vergraben oder aufgeschüttet werden konnten. „Trümmerfrauen“ hatten häufig die Aufgabe, diese Bahnen zu beladen.Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster, Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit, S. 140.

Die Zahlen zeigen, dass die Enttrümmerung in keiner der Besatzungszonen zum größten Teil von Frauen geleistet wurde.

mini|„Trümmerfrauen“ 1946 in Berlin Mit der Arbeitszeitverordnung vom 30. April 1938 war im Nationalsozialismus Frauenarbeit am Bau grundsätzlich verboten worden. Schutzvorschriften für Frauen in diesem Bereich hatte es zwar schon vorher gegeben, aber hiervon konnten Ausnahmen genehmigt werden, wenn dies im öffentlichen Interesse lag. Vor dem Krieg war für die Genehmigung der Arbeitsminister zuständig, im Krieg konnten die Gewerbeaufsichtsämter sie erteilen. Dieses Recht auf die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen galt nach dem Krieg zunächst weiter. Während des Krieges kamen Frauen, abgesehen von weiblichen KZ-Häftlingen, bei der Trümmerräumung kaum zum Einsatz. Nach dem Krieg änderte sich die Situation. Vor allem, wenn die Männer vom Kriegseinsatz noch nicht zurückgekehrt waren, mussten die Frauen mit anpacken. Zu den Arbeitseinsätzen wurden unter anderem weibliche Strafgefangene und Bewährungsstraftäterinnen verpflichtet. Eine weitere Gruppe zwangen die kommunalen Behörden ebenfalls zur Enttrümmerung: Frauen und junge Mädchen, die sich „herumtrieben“ und aufgrund einer Geschlechtskrankheit, selbst wenn die Ansteckung damit bei einer Vergewaltigung geschehen war, der Prostitution beschuldigt wurden.

Das Kontrollratsgesetz Nr. 32 vom 10. Juli 1946 ermöglichte zwar in allen Besatzungszonen den Einsatz von Frauen zu Wiederaufbauarbeiten, was mit dem Mangel an männlichen Arbeitskräften begründet wurde. Doch im Westen sollten Frauen vor körperlich anstrengenden Aufgaben weitgehend bewahrt werden: Die Durchführungsbestimmungen der einzelnen Besatzungszonen zur Frauenarbeit waren unterschiedlich. Dies erklärt den unterschiedlichen Anteil von Frauen an der Enttrümmerung. Als der Alliierte Kontrollrat im März 1948 zerbrach, war Frauenarbeit auf dem Bau wieder nach den Ausnahmeregelungen aus dem Krieg erlaubt. Ein Bundesgesetz vom 21. März 1952 machte die Kriegsausnahmen wieder rückgängig. Ab diesem Zeitpunkt war also das Verbot von Frauenarbeit im Baugewerbe von 1938 wieder Gesetz.

Frauen wurden aufgrund der Mangelernährung schnell arbeitsunfähig. Das verdeutlicht, wie ernsthaft ihre Situation gewesen sein muss, dass sie sich gezwungen fühlten, teilzunehmen, und es erklärt auch, weshalb die Stadtverwaltungen im Westen zögerten, die Anweisung zur Rekrutierung von Frauen umzusetzen. So äußerte der Präsident des Landesarbeitsamts Nordrhein-Provinz im Februar 1946 in einem Schreiben besorgt: „Der Einsatz deutscher Frauen in der Bauwirtschaft ist völlig neuartig und entspricht nicht der bisherigen Tradition deutscher Frauenarbeit. Die typisch männliche, der Frau wesensfremde Arbeit im Baugewerbe stellt nicht nur körperlich hohe Ansprüche an die Frau, sie bringt sie auch in die Gefahr psychischer Verrohung, die unter den schweren Lebensbedingungen der letzten Jahre bereits stark um sich gegriffen hat.“

Auch die Berliner „Trümmerfrauen“ selbst sahen ihre Arbeit in den Ruinen keineswegs als eine freiwillige oder heroische Leistung an.Etwa ein Jahr nach Kriegsende wandten sich in der Berliner Frauenzeitschrift Sie mehrere Bauhilfsarbeiterinnen mit Leserbriefen an die Redaktion. Der Anlass für ihre Einsendungen war eine zuvor veröffentlichte Gegenüberstellung von Emmy Göring und einer Berliner Frau „aus dem Volk“. Während die erste wohlgenährt und gut gekleidet in einem idyllischen Dorf ihres Lebens schwelgen konnte, musste die andere abgemagert und hungrig als Arbeiterin ihr Dasein fristen und die von Hermann Göring und seinen Komplizen hinterlassenen Trümmer aus der Großstadt beseitigen.

mini|Trümmerfrauen in Leipzig, 1949 (Beispielbild) Generell lässt sich sagen, dass die Intensität der Arbeitseinsätze von den jeweiligen Vorstellungen über Frauen in den Besatzungszonen beeinflusst wurde. Im Westen sollten Frauen vor körperlich anstrengenden Aufgaben weitgehend bewahrt werden, während in der sowjetischen Besatzungszone harte Arbeit als Teil des sozialistischen Frauenideals galt. Einig war man sich jedoch in Ost und West, wenn es um die Einbeziehung von ehemaligen NS-Parteigenossinnen ging. In der Bundesrepublik wurden die Enttrümmerungsarbeiten als Notstandsarbeiten weitergeführt. Mit der Zeit wurden die Trümmerräumungen innerhalb der Städte sowohl durch die Vertreter der Stadtverwaltungen als auch durch Bauunternehmen professionalisiert. Hierbei standen die Räumung der Hauptverkehrswege und die Instandhaltung der teilweise zerstörten Straßen und Wohnräume im Vordergrund. Die Eingliederung professioneller Akteure bei der Trümmerräumung schritt mit der fortschreitenden Stabilisierung politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse voran. Einige Historiker sprechen von einer gezielten Glorifizierung der „Trümmerfrauen“, die mit der Realität nichts zu tun habe.Im überwiegenden Teil der Forschungsliteratur zum Thema seit 2013 (u. a. Leonie Treber, Clara-Anna Egger, Martin Tschiggerl/Thomas Walach) eben diese Distanzierung als angemessener Umgang mit dem Begriff gilt und durch Anführungszeichen angezeigt wird, folgt der Artikel der Forschung und verwendet diese typografischen Kennzeichen.Anna-Sophia Pappai: „Trümmerfrauen“ und „Trümmermänner“. Symbolische und reale Wiederaufbauarbeit in Dresden und Warschau nach 1945. In: Claudia Kraft (Hrsg.): Geschlechterbeziehungen in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. München 2008 (= Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum), S. 43, 55. So seien viele Fotos (zum Teil professionell) inszeniert worden.Robert Propst: Trümmerfrauen nach Zweitem Weltkrieg – Ein arrangierter deutscher Mythos. In: sueddeutsche.de. 3. Dezember 2014, abgerufen am 19. April 2020.Christian Frey: Heerscharen von Trümmerfrauen waren ein Mythos. In: welt.de. 20. November 2014, abgerufen am 27. Juni 2020.

Sowjetische Besatzungszone und Berlin mini|Frauen arbeiten auf einer Trümmerschutthalde Die Rote Armee forderte von den Arbeitsämtern auch Frauen zur Erledigung von schwerer und schmutziger Arbeit an. Besonders Frauen über 40 hatten aber erhebliche Probleme mit diesen Tätigkeiten. Dies war zum einen ihrem Einsatz bei der Pflege von Kindern und Eltern geschuldet, zum anderen aber auch der fehlenden körperlichen Leistungsfähigkeit.

In der Sowjetischen Besatzungszone waren außerdem ab dem 1. Juni 1945 Frauen verpflichtet, sich beim Arbeitsamt zu melden. Nach der Registrierung teilte man sie zum Dienst als „Hilfsarbeiterinnen im Baugewerbe“ mit festen Arbeitszeiten und Schwerarbeiterzulagen bei der Zuteilung der Lebensmittelkarten ein. Hausfrauen erhielten nämlich nur die sogenannte Hungerkarte. Zum Stundenlohn finden sich für Berlin leicht unterschiedliche Angaben im Bereich zwischen 60 und 72 Pfennig. Viele andere Städte sahen den Arbeitseinsatz als selbstverständlich und zahlten keinen Lohn.

Laut der Verordnung der sächsischen Landesverwaltung aus Oktober 1945 sollten alle ehemaligen Mitglieder der NSDAP sowie Mitglieder der nationalsozialistischen Organisationen, wie etwa der NS-Frauenschaft, im Alter von 14 bis 65 Jahren, beziehungsweise für Frauen bis 50 Jahren, zur Arbeitsverpflichtung registriert werden. Ihnen wurden vor allem die besonders schweren und schmutzigen Arbeiten zugeteilt. In Dresden lag der Frauenanteil unter den Arbeitslosen, die in der Trümmerräumung tätig waren, ebenfalls bei etwas über zwei Dritteln. Es handelte sich dabei um etwa 31.600 Personen. In München war es beispielsweise so, dass dort zeitweise 1330 Männer und Frauen mit NS-Belastung eingesetzt waren. Die Beteiligung der Bevölkerung an der freiwilligen Trümmerräumung, bekannt als „Rama dama“, war hingegen nachweislich begrenzt. In der britischen Besatzungszone waren 1946 etwa 7400 Frauen tätig. Dies entsprach jedoch nur 0,27 % der erwerbstätigen Frauen, weshalb es für die weibliche Bevölkerung dort keinen typischen Broterwerb darstellte.

In Berlin und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) dauerten die Enttrümmerungseinsätze bis in die 1950er Jahre. Das Phänomen, dass Frauen in der SBZ und der DDR eine bedeutendere Rolle bei der Beseitigung von Trümmern einnahmen als im Westen, war jedoch nicht nur praktisch, sondern auch durch das System bedingt. Es entsprach der Ideologie und symbolisierte die kollektive Aufbauarbeit des neuen sozialistischen Staates. Frauen hatten die Möglichkeit, sich zu Maurerinnen oder anderen Bauhandwerkerinnen umschulen zu lassen. So konnten sie sich qualifizieren und höhere Löhne erhalten.

In der DDR wurde 1951 das Nationale Aufbauwerk gegründet, das die Arbeit der „Trümmerfrauen“ koordinierte.

Westliche Besatzungszonen Die meisten Städte in den drei westlichen Besatzungszonen bedienten sich für die Enttrümmerung professioneller Baufirmen mit zumeist männlichen Fachangestellten. Zwangsverpflichtet wurden allenfalls ehemalige Mitglieder von NS-Organisationen beiderlei Geschlechts sowie deutsche oder ungarische Kriegsgefangene unter alliierter Aufsicht.

In den Städten der von den Amerikanern und Franzosen besetzten Gebiete setzte sich die Einbeziehung von Frauen in die Trümmerräumung auch nach 1946 nicht durch. In der britischen Besatzungszone war die Situation anders. Dort hielten es die Vertreter der alliierten Militärregierung von Anfang an für sinnvoll, auch weibliche deutsche Arbeitskräfte für die Trümmerräumung einzusetzen. Doch diese Absicht führte nicht zum gewünschten Ergebnis: Die Ergebnisse einer Volkszählung vom Oktober 1946 in der britischen Besatzungszone vermerken nur 7427 Frauen im Bauhaupt- und Baunebengewerbe. Dies entsprach 0,27 % der berufstätigen Frauen, und nicht einmal die Hälfte von ihnen waren bei der Trümmerräumung eingesetzt.