Hans Georg Oskar Gmelin (* 17. Oktober 1911 in Tübingen; † 23. Juli 1991 ebenda) war ein deutscher Jurist. In der Zeit des Nationalsozialismus war er von 1941 bis 1945 Adjutant des Kriegsverbrechers Hanns Ludin und nach seiner Entnazifizierung von 1954 bis 1975 parteiloser Oberbürgermeister der Stadt Tübingen.
Leben Der Sohn des Amtsgerichtsdirektors Oskar Gmelin war von 1923 bis 1931 Mitglied im rechtsgerichteten, paramilitärischen Jungdeutschland-Bund.Zur Biographie bis 1945: Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. In: Schwäbisches Tagblatt. 28. April 2005; Tatjana Tönsmeyer: Das Dritte Reich und die Slowakei 1939–1945. Paderborn 2003, S. 351. 1931 wechselte Gmelin zur Jugendorganisation des antirepublikanischen Stahlhelms. Nach eigenen, späteren Angaben hatte Gmelin sich „auf Grund von Familientradition und Erziehung früh nationalen und patriotischen Gedankengängen zugewendet“.Angaben Gmelins im Entnazifizierungsverfahren 1948, zitiert bei Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. Gmelin studierte von 1930 bis 1934 Rechtswissenschaft in Tübingen und München. In Tübingen schloss er sich 1930 der Verbindung Normannia an.
Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ trat Gmelin im Oktober 1933 der SA bei; nach Aufhebung der Aufnahmesperre trat er zum 1. Mai 1937 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.972.653).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/11180875 Drei Jahre zuvor hatte er sich als Hilfsredner für die Tübinger NSDAP-Kreisleitung betätigt. In der SA wurde Gmelin – zunächst SA-Obersturmführer – mehrfach befördert, zuletzt 1943 zum SA-Standartenführer. In der Tübinger SA fungierte er 1933 und 1934 als Wehrsport- und Schießreferent; 1936 wurde er als „Führer des Siegessturms im Reichsgepäckmarsch“ ausgezeichnet. Von 1933 bis 1934 war Gmelin Mitglied im NS-Studentenbund; dann wechselte er in den NS-Rechtswahrerbund. Nach dem Assessorexamen 1937 arbeitete Gmelin zunächst in der Stuttgarter Justizverwaltung, ab 1938 als Hilfsreferent im Reichsjustizministerium. 1939 wechselte er als Landgerichtsrat nach Freiburg im Breisgau; in dieser Zeit war er für drei Monate beurlaubt, um Führungsaufgaben in der dortigen SA-Standarte zu übernehmen.
Während der sogenannten Sudetenkrise – der Auseinandersetzung zwischen der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich um das Sudetenland – war Gmelin vom 19. September bis zum 15. Oktober 1938 Führer der Kompanie „Hanns Ludin“ im Sudetendeutschen Freikorps.Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. In: Schwäbisches Tagblatt. 28. April 2005; Tatjana Tönsmeyer: Das Dritte Reich und die Slowakei 1939–1945. Paderborn 2003, S. 90, 351. Das überwiegend aus geflüchteten Sudetendeutschen gebildete Freikorps wurde von der SA betreut und provozierte im Grenzgebiet Zwischenfälle: Tschechische Zollstationen, Patrouillen und militärische Einrichtungen wurden überfallen; 150 Menschen wurden getötet.Martin Broszat: Das Sudetendeutsche Freikorps (PDF; 5,1 MB). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1/1961(9), S. 30–49; Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. Gmelin nahm an der Besetzung des Sudetenlandes teil.
Gesandtschaftsrat in der Slowakei Im Januar 1941 wechselte Gmelin an die Deutsche Gesandtschaft Preßburg in der Slowakei. Die Erste Slowakische Republik war ein formell unabhängiger Staat, faktisch jedoch stark vom Deutschen Reich abhängig. Deutscher Bevollmächtigter in der Slowakei war Hanns Ludin, den Gmelin aus der Stuttgarter SA kannte. Gmelin wurde Ludins rechte Hand und war zuständig für Organisation und Personalwesen, die Protokollabteilung und arbeitete zudem als „Volkstumsreferent“ und als Berater für Studentenfragen. Zunächst Legationssekretär, wurde Gmelin 1942 zum Gesandtschaftsrat ernannt. Im August 1942 war Gmelin an Verhandlungen über die Werbung ausländischer „Freiwilliger“ für die Waffen-SS in der Slowakei beteiligt. Nach Angaben Ludins wurde bei den Werbungen „ein erheblicher moralischer Druck auf jeden Einzelnen ausgeübt“.Schreiben Ludins an Gottlob Berger vom 11. Dezember 1943, zitiert bei Tatjana Tönsmeyer: Das Dritte Reich und die Slowakei 1939–1945. Paderborn 2003, S. 180. Zur Rolle Gmelins: ebenda, S. 179. Gmelin hielt zudem Verbindung mit Franz Karmasin, der sich als „Führer“ der Karpatendeutschen nur widerstrebend in den slowakischen Staat einordnen wollte.
Nach der Gründung der Slowakei im März 1939 war – unterstützt durch deutsche Berater – durch antijüdische Gesetze und Verordnungen die Entrechtung und Enteignung der Juden eingeleitet worden. Im September 1941 übernahm die Slowakei die nationalsozialistische Definition dafür, wer „Jude“ sei. Zu den slowakischen Maßnahmen gehörten Enteignungen, Ausgangssperren, Kennzeichnungspflicht durch gelbe Armbinden mit dem „Judenstern“ (Davidstern) sowie Versammlungsverbote. Gmelin bezog 1944 ein „arisiertes“ Haus in Preßburg.Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. In: Schwäbisches Tagblatt. 28. April 2005.
In seiner Position als Gesandtschaftsrat war Gmelin auch an der „Endlösung der Judenfrage“ in der Slowakei beteiligt, durch die etwa 59.000 slowakische Juden zwischen März und November 1942 in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka und Sobibor deportiert und dort größtenteils umgebracht wurden. Dabei arbeitete er mit dem „Judenberater“ der Gesandtschaft, Dieter Wisliceny, eng zusammen.Alexandra Senfft: Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte. Claassen, Berlin 2007, ISBN 978-3-546-00400-8, S. 113. Gmelins Paraphe ist auf einem Fernschreiben der Preßburger Gesandtschaft an das Auswärtige Amt vom 26. Juni 1942 zu finden, in dem es heißt:
Die Slowakei zahlte je „ausgesiedeltem“ Juden 500 Reichsmark. Gmelin machte in diesem Zusammenhang gegenüber dem slowakischen Außenministerium Kosten geltend, „die vorläufig aus der anfänglich nur geringen Arbeitsleistung der Juden nicht gedeckt werden können, da sich die Umschulung erst nach einiger Zeit auswirken wird und da nur ein Teil der abbeförderten und noch abzubefördenden Juden arbeitsfähig ist.“Zitiert nach Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. In: Schwäbisches Tagblatt. 28. April 2005. Gmelins Namenskürzel findet sich auch auf Schriftstücken, die die Ankunft Adolf Eichmanns oder Besprechungen mit Eisenbahnern betreffen, sowie auf Schriftverkehr mit dem Reichssicherheitshauptamt zur Deportation der Juden. Zudem nahm Gmelin an Besprechungen bei Ludin teil, bei der zwei Noten des Vatikans an die slowakische Regierung thematisiert wurden. In diesen Noten war von der Vernichtung der Juden die Rede.
Während des Slowakischen Nationalaufstandes war Gmelin im September 1944 der Verbindungsmann der Gesandtschaft zum ebenfalls aus Württemberg stammenden SS-Obergruppenführer Gottlob Berger. Berger leitete anfänglich die Niederschlagung des Aufstandes. Für seine Bemühungen bei der Partisanenbekämpfung wurde Gmelin mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.Alexandra Senfft: Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte. Berlin 2007, S. 86.
Internierung und Entnazifizierung Bei Kriegsende wurde Gmelin am 7. Mai 1945 gefangen genommen. Die folgenden 44 Monate verbrachte er in amerikanischen und französischen Internierungslagern. 1948 war er Zeuge im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess. Vor Gericht sagte Gmelin unter anderem über die Note des Vatikans an die Slowakei über die Vernichtung der Juden aus: Das Berliner Auswärtige Amt habe mitgeteilt, dass die Behauptungen nicht zuträfen. Gmelin gab in Nürnberg zudem an, nach dem Slowakischen Nationalaufstand auf Bitten der Bevölkerung beim Einsatzgruppenführer Josef Witiska interveniert zu haben, teilweise erfolgreich.
In Gmelins Entnazifizierungsverfahren wurden diese Angaben von einem Mitarbeiter des slowakischen Präsidialamtes bestätigt: Gmelin habe die Freilassung von 200 Häftlingen erreicht. Gmelin selbst sagte aus, er sei auf Grund seiner Interventionen ab 1944 nicht mehr befördert worden. Zu seiner politischen Sozialisation machte er folgende Angaben:
Gmelin wurde als „Mitläufer“ eingestuft. Erst in höherem Alter bezeichnete er sich öffentlich als Mitglied der „Tätergeneration“.
Oberbürgermeister von Tübingen Am 24. Oktober 1954 wurde Gmelin mit 54,8 % der Stimmen als Parteiloser zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt. Er setzte sich dabei gegen den Amtsinhaber Wolfgang Mülberger durch. Bei einer Kandidatenvorstellung im Vorfeld der Wahl hatte sich Gmelin – im Widerspruch zu seinem letzten Rang als SA-Standartenführer – als „Führer eines SA-Studentensturms und einer SA-Sportmannschaft“ bezeichnet.Hans-Joachim Lang: Die rechte Hand des Botschafters. In: Schwäbisches Tagblatt. 28. April 2005 (Bezug nehmend auf zeitgenössische Berichte des Schwäbischen Tagblattes).
Der Tübinger Theologieprofessor Gerhard Ebeling kommentierte die Wahlentscheidung in einem Leserbrief an das Schwäbische Tagblatt mit den Worten: „Die Tübinger Bürgerschaft hat bei der Oberbürgermeisterwahl in ihrer Mehrheit einem Kandidaten die Stimme gegeben, dessen frühere Rolle als nationalsozialistischer Funktionär allgemein bekannt war. Sie hat damit den Beweis erbracht, daß für sie Bedenken in dieser Hinsicht zumindest nicht maßgebend sind, wenn nicht gar für einen erheblichen Teil der Wähler solche Vergangenheit eine Empfehlung bedeutet.“Niklas Krawinkel: Belastung als Chance. Hans Gmelins politische Karriere im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland. Wallstein, Göttingen 2020, S. 367–368. Der Tübinger Verleger Hans Georg Siebeck (siehe Mohr Siebeck Verlag#1930–1960er Jahre) schrieb in einem Leserbrief an das Tagblatt: „Herr Gmelin wird kaum behaupten können, daß ihm seine Tätigkeit in der Slowakei nicht Einblick in Dinge gewährt hätte, die heute jeden anständigen Deutschen mit Scham und Schauder erfüllen.“Jens Rüggeberg: Schauder und Scham. Leserbrief an das Schwäbische Tagblatt. 9. Januar 2018, abgerufen am 13. August 2020.Niklas Krawinkel: Belastung als Chance. Hans Gmelins politische Karriere im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland. Wallstein, Göttingen 2020, S. 374.
Hingegen ließ der durch seine Tätigkeiten im Nationalsozialismus belastete Tübinger Philosoph und Schriftsteller Theodor Haering für die Mehrheit folgenden schwäbischen Reim im Tagblatt veröffentlichen: „Strich drom dronter! Fertig isch! / Vorwärts! Schritt vor Schritt! / Gmelin, zeig jetz, was Du bisch! / Mir dean älle mit!“ („Strich drum drunter! / Fertig ist! / Vorwärts! Schritt für Schritt! / Gmelin, zeig jetzt, was Du bist! / Wir tun alle mit!“)Hans-Joachim Lang: Die Geschichte des Schwäbischen Tagblatts. 1949–1969: „Strich drom dronter! Fertig isch!“, Schwäbisches Tagblatt, 21. September 2020.
Gmelins Amtszeit war geprägt vom Wachstum der Stadt und ihrer Universität: Auch bedingt durch Eingemeindungen Anfang der 1970er-Jahre wuchs die Einwohnerzahl der Stadt in seiner Amtszeit von 46.000 auf 71.000 Einwohner; die Zahl der Studenten stieg von rund 5000 auf knapp 16.000. Der jährliche Etat der Stadt Tübingen – anfänglich im Umfang von 18,3 Millionen DM – überstieg 1971 erstmals die Summe von 100 Millionen DM. Gmelin „gilt als der eigentliche Promotor der Generalverträge“,Paul Sting: Allzeit Fuchs und Has’. Hans Gmelin prägte 20 Jahre Tübinger Kommunalgeschichte. In: Tübinger Blätter. Band 62, 1975, S. 52, doi:10.20345/digitue.21079 (idb.ub.uni-tuebingen.de). die das Land Baden-Württemberg 1962 mit seinen Universitätsstädten abschloss und die der Stadt Tübingen in Gmelins Amtszeit 52 Millionen DM zusätzliche Mittel zur Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen zur Verfügung stellten. Gmelins Verhältnis zur Tübinger Universität wird als „eher von Zurückhaltung als von Herzlichkeit bestimmt“ beschrieben.