mini|Gerd Althoff, aufgenommen von Werner Maleczek im Jahr 2005. Gerhard „Gerd“ Althoff (* 9. Juli 1943 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker, der zur Geschichte des frühen und hohen Mittelalters forscht.

Er hatte Professuren für Mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Münster (1986–1990), Gießen (1990–1995) und Bonn (1995–1997) und von 1997 bis 2011 wieder in Münster. Von kaum einem anderen Historiker wurde die Ottonenzeit so intensiv erforscht wie von Althoff. Eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich mit seinem Münsteraner Kollegen Hagen Keller. Althoff und Keller haben mit ihren Arbeiten entscheidend zum Ansehen Münsters in der internationalen Mediävistik beigetragen. Althoffs Forschungen über die Funktionsweisen mittelalterlicher Staatlichkeit, zu den Formen öffentlicher Kommunikation, den Gruppenbindungen sowie der Konfliktbewältigung im Mittelalter üben seit den 1980er Jahren erheblichen Einfluss auf die deutsche und internationale Mediävistik aus und führten zu einer Neubeurteilung der früh- und hochmittelalterlichen Königsherrschaft.

Leben Gerd (eigentlich Gerhard) Althoff wurde 1943 in Hamburg geboren und wuchs im Münsterland auf. Er legte 1963 das Abitur am Amtsgymnasium in Ibbenbüren ab und studierte von 1965 bis 1970 Geschichte und Germanistik an den Universitäten Münster und Heidelberg. Die Beschäftigung mit Geschichte hatte als Ursachen seinen lebensweltlichen Hintergrund in der 68er-Zeit und in der Auseinandersetzung mit der Vätergeneration und ihrer jüngeren Vergangenheit.Gerd Althoff: Das hochmittelalterliche Königtum. Akzente einer unabgeschlossenen Neubewertung. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 45 (2011), S. 77–98, hier: S. 82. Barbara Stambolis: Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943. Essen 2010, bes. S. 143 ff. Althoff begann seine wissenschaftliche Laufbahn in Münster im Projekt „Personen und Gemeinschaften“, das Karl Schmid im Sonderforschungsbereich 7 „Mittelalterforschung“ leitete. Seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung behandelte eine Prümer Mönchsliste im Liber Aureus („goldenes Buch“) und erschien 1973 in den Frühmittelalterlichen Studien.Gerd Althoff: Eine Prümer Mönchsliste im 'Liber Aureus'. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 7 (1973), S. 234–265. Ein Jahr später wurde er in Münster bei Schmid mit einer Arbeit über das Nekrolog des westfälischen Frauenklosters Borghorst promoviert.Gerd Althoff: Das Necrolog von Borghorst. Edition und Untersuchung. Münster 1978.

Für die nächsten sechs Jahre arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg im Breisgau, wo er sich 1981 mit der Arbeit Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung habilitierte.Gerd Althoff: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen. München 1984. 1986 wurde Althoff als Nachfolger von Peter Johanek auf eine Professur für mittelalterliche Geschichte an die Universität Münster berufen. 1990 wechselte er als Nachfolger von Carlrichard Brühl auf den Lehrstuhl für Mittelalterliche und Neuere Geschichte nach Gießen. Dort war Althoff von 1991 bis 1995 Mitinitiator und Betreuer des Graduiertenkollegs „Mittelalterliche und Neuzeitliche Staatlichkeit“. An der Universität Gießen war er 1992 Geschäftsführender Direktor des Historischen Instituts und 1993/94 Dekan des Fachbereichs Geschichte. 1995 wurde Althoff Nachfolger von Rudolf Schieffer als Professor für das Fach Mittelalterliche und Neuere Geschichte an der Universität Bonn. Dort hielt er im Dezember 1995 seine Antrittsvorlesung über Empörung, Tränen, Zerknirschung. ‘Emotionen’ in der öffentlichen Kommunikation des Mittelalters.Eine mit ausführlichen Literatur- und Quellenbelegen versehene Fassung dieser Antrittsvorlesung erschien unter dem Titel: Gerd Althoff: Empörung, Tränen, Zerknirschung. Emotionen in der öffentlichen Kommunikation des Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 30 (1996), S. 60–79. In Bonn war er 1996 Geschäftsführender Direktor des Historischen Seminars. Im Sommersemester 1997 kehrte er als Nachfolger von Joachim Wollasch auf die Professur für Mittelalterliche Geschichte nach Münster zurück. Seine Antrittsvorlesung hielt Althoff über die Bedeutung von symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters.Eine mit ausführlichen Literatur- und Quellenbelegen versehene Fassung dieser Antrittsvorlesung erschien unter dem Titel: Gerd Althoff: Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 31 (1997), S. 370–389. 1998/99 war er Geschäftsführender Direktor des Historischen Seminars der Universität Münster. 2011 wurde er dort emeritiert. In seiner Abschiedsvorlesung sprach Althoff über „Das hochmittelalterliche Königtum“.Gerd Althoff: Das hochmittelalterliche Königtum. Akzente einer unabgeschlossenen Neubewertung. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 45 (2011), S. 77–98. Zu seinen akademischen Schülern zählen unter anderem die heutigen Professoren Claudia Garnier, Hermann Kamp, Steffen Krieb und Christiane Witthöft. Sein Nachfolger in Münster wurde 2011 Wolfram Drews. Althoff hatte Gastprofessuren an der University of California, Berkeley (1995), der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris (1998) und der Lomonossow-Universität in Moskau (2011). An den Ausstellungen „Goldene Pracht. Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen“ in Münster und „Spektakel der Macht“ in Magdeburg war er maßgeblich beteiligt. Althoff war für die Zeit vom 1. November 2015 bis 31. Oktober 2016 als Seniorprofessor an der Universität Münster tätig.

Für seine Leistungen erhielt Althoff 2005 den mit 30.000 Euro dotierten Forschungspreis der Universität Münster. Dort nahm Althoff zahlreiche wissenschaftsorganisatorische Tätigkeiten wahr. 1997 wurde er Direktor des Instituts für Frühmittelalterforschung in Münster. Althoff war langjähriger Herausgeber (2001–2011) und ist Mitherausgeber (1998–2001; seit 2012) der Frühmittelalterlichen Studien.Christel Meier: 50 Jahre Frühmittelalterliche Studien. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 50 (2016), S. 1–13, hier: S. 12 f. Er war außerdem von 1988 bis 1991 Projektleiter des Sonderforschungsbereichs 231 (SFB) „Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter“ und wurde 1997 Betreuer des Graduiertenkollegs „Schriftkultur und Gesellschaft im Mittelalter“. Von 1991 bis 1998 war er Fachgutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und von 1997 bis 2003 Mitinitiator und Sprecher des SFB „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution“, bei dem er selbst das Teilprojekt „Konflikt- und Friedensrituale im Spätmittelalter“ leitete.Gerd Althoff, Ludwig Siep: Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur französischen Revolution. Der neue Münsterer Sonderforschungsbereich 496. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 34 (2000), S. 393–412. Von 2007 bis 2011 war Althoff Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne“. Er ist Mitglied im Mediävistischen Arbeitskreis der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (seit 1999), der Vereinigung für Verfassungsgeschichte, im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte (seit 1993) sowie ordentliches Mitglied in der Historischen Kommission für Westfalen (seit 2003). Im Juli 2008 wurde ihm in Münster anlässlich seines 65. Geburtstages ein internationales Kolloquium („Spielregeln, Gewohnheiten und Konventionen im Mittelalter“) gewidmet. Die Beiträge sind 2010 in einer Festschrift erschienen.Claudia Garnier, Hermann Kamp (Hrsg.): Spielregeln der Mächtigen. Mittelalterliche Politik zwischen Gewohnheiten und Konventionen. Darmstadt 2010. Im Jahr 2022 erhielt er den Eike-von-Repgow-Preis der Stadt Magdeburg.

Forschungsschwerpunkte Seine Forschungsschwerpunkte sind die Funktionsweisen mittelalterlicher Staatlichkeit, die Konfliktführung und -beilegung im Mittelalter, die Formen und Rahmenbedingungen öffentlicher Kommunikation (so genannte symbolische Kommunikation) sowie die Gruppenbindungen. Seine zahlreichen Aufsätze seit den 1980er Jahren zu diesen Forschungsschwerpunkten wurden von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in zwei Sammelbänden (1997: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde und 2003: Inszenierte Herrschaft. Geschichtsschreibung und politisches Handeln im Mittelalter) veröffentlicht. Zu Standardwerken wurden seine zahlreichen Studien über die Ottonen- und Salierzeit sowie die Darstellungen Verwandte, Freunde und Getreue und Die Macht der Rituale. Ein besonders fruchtbarer Austausch fand bei den Themen ottonische Geschichtsschreibung, Gruppenverhalten und Staatlichkeit mit seinem Münsteraner Kollegen Hagen Keller statt.Hagen Keller: Gruppenbindungen, Spielregeln, Rituale. In: Claudia Garnier, Hermann Kamp (Hrsg.): Spielregeln der Mächtigen. Mittelalterliche Politik zwischen Gewohnheit und Konvention. Darmstadt 2010, S. 19–31, hier: S. 29, Anm. 22. 1985 verfasste Althoff zusammen mit Keller eine Doppelbiographie der beiden ersten ottonischen Herrscher Heinrich I. und Otto der Große.Gerd Althoff, Hagen Keller: Heinrich I. und Otto der Große. Neubeginn auf karolingischem Erbe. Bd. 1–2, Göttingen u. a. 1985. Vgl. dazu Thomas Zotz: Amicitia und Discordia. Zu einer Neuerscheinung über das Verhältnis von Königtum und Adel in frühottonischer Zeit. In: Francia, Bd. 16 (1989), S. 169–175 (online). Sie konnten herausarbeiten, dass Heinrich seine Herrschaft mit Hilfe von Freundschaftsbündnissen (amicitiae) festigte. Abweichend von der älteren Auffassung deuteten Althoff und Keller Heinrichs Salbungsverzicht nicht mehr als kirchenfeindlichen Zug, sondern als Verzicht auf wesentliche Prärogative des Königtums, um die Königsherrschaft gegenüber dem Adel zu konsolidieren. Auch das anachronistische Deutungsmodell von einer starken und machtvollen Königsgewalt gegenüber dem widerspenstigen Adel wurde überwunden.Vgl. die Rezension von Franz Staab In: Historische Zeitschrift, Bd. 249 (1989), S. 158 f. Heinrich I. und Otto I. waren für Althoff und Keller nicht mehr Symbole für Deutschlands frühe Macht und Größe, sondern eher ferne Repräsentanten einer archaischen Gesellschaft.Gerd Althoff, Hagen Keller: Heinrich I. und Otto der Große. Neubeginn auf karolingischem Erbe. Bd. 1–2, Göttingen u. a. 1985, S. 14. Althoff legte 1996 zu dem Ottonen Otto III. und 2006 zu dem Salier Heinrich IV. eine Biographie vor. Beide Biographien gelten als Standardwerke. Althoff initiierte 2006 eine Frühjahrstagung des Konstanzer Arbeitskreises auf der Insel Reichenau zum 900. Todesjahr Heinrichs IV. Dabei standen bei den Referenten – unter anderem Tilman Struve, Rudolf Schieffer, Steffen Patzold, Claudia Zey, Matthias Becher und Stefan Weinfurter – die vielen Vorwürfe gegen Heinrich im Mittelpunkt der Diskussion.Gerd Althoff (Hrsg.): Heinrich IV. Ostfildern 2009. Althoff ist zusammen mit Keller der Verfasser des Bandes zur Zeit der Spätkarolinger und Ottonen der 2008 erschienenen Ausgabe im „Gebhardt“, dem grundlegenden Handbuch zur deutschen Geschichte. Ihr erklärtes Ziel mit dem dritten Band des neuen „Gebhardt“ ist eine „grundlegende Revision des überkommenden Geschichtsbildes“, also die „Entnationalisierung des Bildes vom ottonischen Reich“.Gerd Althoff, Hagen Keller: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Krisen und Konsolidierungen 888–1024. Stuttgart 2008, S. 27. Vgl. die Besprechung von Egon Boshof in: Das Historisch-Politische Buch, Jg. 2008, S. 373 f. Bereits acht Jahre zuvor hatte Althoff eine Überblicksdarstellung zu den Ottonen geliefert.Gerd Althoff: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. Stuttgart u. a. 2000.