Als literarische Adaption (von ‚anpassen‘) bezeichnet man die Umarbeitung eines literarischen (meist epischen) Werkes von einer Gattung in eine andere, beispielsweise in ein Drama, oder in eine Oper, beziehungsweise die Bearbeitung in ein anderes Medium wie Comic, Hörspiel, FilmJames Naremore: Film Adaption. Rutger University Press, New Brunswick 2000, S. 11., Fernsehen oder ein Computerspiel.Stefan Neuhaus (Hrsg.): Literatur im Film: Beispiele einer Medienbeziehung. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, S. 61. Beispiele sind die Romanfassung eines Stoffes und die Literaturverfilmung.
Theateradaptionen Geschichte der Theateradaption Das Adaptieren ursprünglich epischer Werke gehört seit der Antike zu den gängigen Praktiken, Stoffe für die Dramatik bzw. für das Theater zu erschließen. So basieren nicht wenige Werke der großen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides auf den Epen Homers. Auch Shakespeare nutzte epische Quellen für seine Dramenproduktion. Im späten 19. Jahrhundert waren es im Zuge eines erstarkenden Nationalgefühls insbesondere die mittelalterlichen Epen, die für die Bühne adaptiert wurden.
Einen neuen Akzent erhielt die Praxis des Adaptierens seit den 1920er-Jahren. So adaptierte der Regisseur und Theaterleiter Erwin Piscator für sein Proletarisches Theater mehrere Romane, darunter etwa Lew Nikolajewitsch Tolstois Krieg und Frieden und Jaroslav Hašeks Der brave Soldat Schwejk. Der Grund dafür war in erster Linie ein politisch-inhaltlicher: die vorliegende Dramatik der Weimarer Republik entsprach nicht den Wirkungsintentionen, die er mit seinem Theater verfolgte.Erwin Piscator: Die Dramatisierung von Romanen. In: Erwin Piscator: Schriften.Hrsg. von Ludwig Hoffmann. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1968, Bd. 2, S. 210 ff. Seine Adaptionen entstanden in unmittelbarem Kontext seiner Theaterarbeit – als Material und Vorlage für eine Inszenierung – nicht als Transformation in ein eigenständiges literarisches Werk.
Zur gleichen Zeit entwickelte Bertolt Brecht die Theorie des Epischen Theaters. Beiden ging es um die Erschließung von neuen Stoffen, Erzählweisen und Theatermitteln, die die Realitätserfahrung nach dem Ersten Weltkrieg reflektierten und eine „Zuschaukunst“ (Brecht) entwickeln halfen, die nicht mehr auf Illusion, sondern auf kritischer Distanz beruhte.
Die Auseinandersetzung mit epischen Erzählstrukturen förderte zugleich die Entwicklung neuer Dramaturgien (wie Montage- und Revue-Formen) sowie die Erfindung neuer Bühnenmittel. So arbeitete Piscator mit kommentierenden Projektionen und erfand für den Braven Soldaten Schwejk das „laufende Band“, um seinen passiven Helden durch die Handlung zu transportieren, ohne dass dieser sich bewegen musste.Erwin Piscator: Theater Film Politik. Ausgewählte Schriften, herausgegeben von Ludwig Hoffmann. Henschelverlag Berlin 1980, S. 277.
Die Tendenz einer Episierung des Theaters mit gesellschaftskritischem Hintergrund fand mit dem Beginn des Faschismus in Deutschland ein Ende. Auch nach dem Krieg wurde die proletarisch-revolutionäre Tradition der 1920er-Jahre in Ost wie in West zunächst nicht fortgeführt. Das Hauptaugenmerk galt dem klassisch-realistischen Erbe, also eher den tradierten Dramenformen. Erst seit den 1970er- und 1980er-Jahren finden sich wieder vermehrt Adaptionen auf den Spielplänen. Dabei geht es in erster Linie um eine Erweiterung des theatralen Angebotes und die Erschließung interessanter und komplexer Stoffe, die in der Dramatik nicht oder nicht in vergleichbarer Qualität vorliegen. Auch der Synergie-Effekt bei Stoffen, die bereits als Buch oder als Film beim Publikum erfolgreich waren, ist ein Grund für Adaptionen. Zugleich hat sich in den letzten Jahrzehnten der Dramenbegriff grundsätzlich verändert, so dass offene Strukturen und der Wechsel von situativer Darstellung und epischem Bericht innerhalb eines Textes zur üblichen Praxis gehören.
Gegenwärtige Praxis Dass gegenwärtig mehr und mehr Adaptionen in die Spielpläne der Theater eingehen, ist unter Kritikern und Wissenschaftlern dennoch umstritten. So wandte sich der Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Gerhard Stadelmaier wiederholt vehement gegen die Praxis des Adaptierens. Stadelmaiers prinzipielle Polemik findet jedoch ihrerseits Kritiker, die auf die inhaltlich-thematische und strukturelle Bereicherung verweisen, die das Theater durch die Aneignung epischer und filmischer Stoffe erfährt.
Die Diskussion um den Wert und die Legitimität von Adaptionen ist eng verknüpft mit den Diskursen des Postdramatischen Theaters. Adaptionen scheinen sich in das postdramatische Theaterverständnis besser einzufügen als traditionelle Dramaturgien, die auf dem Konzept von Konflikt, Figur und Handlung beruhen und das aristotelische Dramenmodell fortschreiben. Epische Strukturen – so die Argumentation – seien weit mehr geeignet, die Anonymität, Komplexität und die nichtlinearen Verlaufsformen gegenwärtiger gesellschaftlicher Prozesse für das Theater zu erfassen. Der Regisseur Frank Castorf, in dessen Arbeit Adaptionen einen breiten Raum einnehmen und der in den letzten Jahren mehrere Romane von Dostojewski auf die Bühne brachte, äußerte dazu: „Mir ist eine gewisse Komplexität, eine Komplexität, wie sie in einer vielschichtigen Wahrnehmungsweise, aber auch stofflich in den Romanen Dostojewskis liegt, ganz wichtig. [… Die] Komplexität der Weltwiderspiegelung, der möchte ich mich gerne annähern, dieser Ungleichzeitigkeit. Das finde ich wichtig als ästhetisches Prinzip. Daher arbeite ich auch meist mit Romanen. Theaterstücke sind oft ein Generalplan: Die suggerieren eine Erkennbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt.“Es gibt zu wenige Anarchisten. Gespräch mit Frank Castorf. In: Theater der Zeit Heft 9/2001.
Dass Dramatiker auf epische Prätexte zurückgreifen und diese in einen szenischen Text umarbeiten (wie es etwa Heiner Müller mit Erik Neutschs Roman Spur der Steine tat – sein Stück trägt den Titel Der Bau) ist heute eher die Ausnahme. In der Regel werden Adaptionen im Kontext einer konkreten Theaterarbeit geschrieben. Nicht selten sind es die Regisseure (bzw. deren Dramaturgen) selbst, die die Bühnenfassungen erstellen und ihre ästhetischen Vorstellungen sowie szenische Vorgänge bereits in den Text einfließen lassen. Dabei geht es meist nicht um eine komplette Transformierung des epischen Materials in ein Drama. Vorherrschend sind heute „Mischformen“ aus dialogischen Szenen und narrativen Passagen. Deshalb ist der Begriff der „Dramatisierung“ im eigentlichen Sinne für die überwiegende Zahl der Adaptionen nicht zutreffend, weil es sich eher um Montage-Formen und nicht um die Neuformung eines Dramas im Sinne des klassischen Gattungsbegriffs handelt. Die Begriffe „Dramatisierung“, „Adaption“, „Bühnenfassung“, „Einrichtung für die Bühne“ und „Theaterfassung“ werden jedoch in der Praxis als Synonyme benutzt, ohne in der Regel begrifflich scharf voneinander abgegrenzt zu werden.Astrid Kohlmeier: Vom Roman zum Theatertext. Eine vergleichende Studie am Beispiel der Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe. VDM Verlag Dr. Müller 2010, ISBN 978-3-639-27649-7, S. 50–56.
Filmadaptionen Filmadaptionen sind auch unter dem Begriff Literaturverfilmung bekannt.
Theorie der filmischen Adaption literarischer Stoffe Der Film vermittelt mittels zweier Basismethoden eine konnotative Bedeutung, die nicht umsonst unter den literaturwissenschaftlichen Begriffen MetonymieHans-Harry Drößiger: Metaphorik und Metonymie im Deutschen: Untersuchungen zum Diskurspotenzial semantisch-kognitiver Räume. (= Schriftenreihe Philologia. 97). Kovač-Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-8300-2227-5. und SynekdocheHeinrich Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. 3. Auflage. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-515-05503-7, §§ 572–577. beschrieben werden können. Folglich umschrieb James Monaco es in seinem Standardwerk Film verstehen:
„Assoziierte Details beschwören eine abstrakte Idee herauf. Viele der alten Hollywood-Klischees sind synekdochisch (Nahaufnahmen marschierender Füße, um eine Armee zu repräsentieren) und metonymisch (die fallenden Kalenderblätter, die rollenden Räder einer Lokomotive). Da metonymische Kunstgriffe sich so gut im Film verwenden lassen, kann der Film in dieser Hinsicht eine größere Wirkung erzielen als die Literatur. Assoziierte Details können innerhalb eines Bildes geballt auftreten und so eine Darstellung von unerhörtem Reichtum bewirken. Metonymie ist eine Art filmischer Stenographie.“James Monaco: Film verstehen. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2009, S. 177 f.
Dabei hat der Film den Vorzug, alle anderen Kunstformen – Malerei, Musik, Theater und Literatur – einbeziehen und in der FilmmontageZum Einfluss der Montage zurück auf die Literatur z. B. bei James Joyce, William Faulkner, T.S. Eliot, Dos Passos und Alfred Döblin; Philipp Löser: Film, Mündlichkeit und Hypertext in postmoderner Literatur. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, S. 52 ff. verknüpfen zu können, um eine Bedeutung zu erzielen. Dabei begannen sich erst in den 1960er Jahren Literaturwissenschaftler im deutschsprachigen Raum für Literaturverfilmungen zu interessieren.Alfred Estermann: Die Verfilmung literarischer Werke. Bonn 1965. Dies geschah in erster Linie aus einem ästhetischen und normativen Verantwortungsgefühl im Zuge des Medienwechsels heraus.z. B. André Bazin: Für ein unreines Kino – Plädoyer für die Adaption; In: Ders.: Was ist Kino? Bausteine zu einer Theorie des Films. Köln 1975. Dabei hatte sich eine Diskussion zum ästhetischen Gleichgewicht beider Kunstformen schon während der Kinodebatte der 1920er Jahre erledigt.Kurt Pinthus (Hrsg.): Das Kinobuch. (1913/14), NA Fischer-Taschenbuchverlag, Frankfurt a. M. 1983 (= Fischer Cinema, Band 3688). Die Eigenständigkeit des audiovisuellen Mediums rückte während der 1970er und 1980er verstärkt in den Vordergrund, als bessere Werkzeuge der Textanalyse entwickelt wurden. Danach entstanden darüber hinaus grundlegende Monographien zur Theorie und Praxis der Literaturverfilmung.Michaela Mundt: Transformationsanalyse. Methodologische Probleme der Literaturverfilmung, Tübingen 1994.Petra Grimm: Filmnarratologie. Eine Einführung in die Praxis der Interpretation am Beispiel des Werbespots. München 1996. Bezeichnenderweise haftet die literarische Auseinandersetzung mit dem Film an der schriftlichen Vorlage und vom Prinzip her an dem philologischen Verfahren, für das Klaus Kanzog den Begriff Filmphilologie entwarf.Klaus Kanzog: Einführung in die Filmphilologie. 2. Auflage. 1997. Dort, wo beide Medien berücksichtigt wurden, rückte man den Aspekt der Medienkonkurrenz in den Vordergrund und fragte somit nach dem Ende der Literatur,Kontroversen, alte und neue. Akten des 7. Internationalen Germanisten-Kongresses. Band 10: Medium Film – das Ende der Literatur? Tübingen 1986. wobei man jedoch die literaturhistorisch wichtigen Gesichtspunkte der Wechselwirkung aus dem Fokus verlor.Joachim Paech: Literatur und Film. Stuttgart 1988.
Praxis der Filmadaption literarischer Stoffe Bereits der Begriff der Verfilmung besitzt eine eindeutig negative Komponente, die Bezeichnung Adaption wertet ebenso das auf der Vorlage basierende geringer: