mini|Gesamtansicht vor der Ostzeile auf dem Römerberg, Juli 2007
Der Gerechtigkeitsbrunnen (auch Justitiabrunnen) ist ein Springbrunnen auf dem Römerberg in Frankfurt am Main und eines der Wahrzeichen der Stadt. Er geht auf einen Vorgängerbau von 1543 an selber Stelle zurück und entstand in seiner heutigen Form 1611. Zur Zeit des Heiligen Römischen Reiches spielte er während des Krönungszeremoniells eine besondere, wenn auch kurzfristige Rolle als Weinbrunnen für den Kaiser und dann auch für das Volk. Der gegenwärtig zu sehende Brunnen ist eine weitgehend detailgetreue Kopie aus dem Jahr 1887, die der Frankfurter Weinhändler Gustav D. Manskopf finanzierte. Er steht unter Denkmalschutz.Heinz Schomann, Volker Rödel, Heike Kaiser: Denkmaltopographie Stadt Frankfurt am Main. Überarbeitete 2. Auflage, limitierte Sonderauflage aus Anlass der 1200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt am Main. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-7973-0576-1, S. 67
Geschichte Vorgeschichte und Vorgängerbau Früheste und einfachste Form städtischer Brunnen waren Ziehbrunnen, die sich in der Altstadt von Frankfurt am Main aufgrund des hohen Grundwasserspiegels zudem sehr einfach realisieren ließen. Obwohl mit Sicherheit schon länger verbreitet, sind sie urkundlich nicht vor 1259 genannt,Boehmer, Lau 1901, S. 109, Urkunde Nr. 225, 29. April 1259. damit im Zusammenhang stehende Berufe des bornmecher und bornfeger dann zum ersten Mal in den städtischen Steuerbüchern von 1328.Bauer 1998, S. 55 u. 57.
Die ältesten Überlieferungen zum Thema eines moderneren flissende borne, also eines Springbrunnens, gehen auf den Frankfurter Geschichtsschreiber Achilles Augustus von Lersner zurück. In seiner Chronik berichtete Lersner Anfang des 18. Jahrhunderts über eine Röhrenleitung, die 1453 vom Mainzer Tor, also direkt westlich des heutigen Hermann-Schlosser-Hauses, zu einem Springbrunnen an der Alten Nikolaikirche gelegt worden sei.Lersner 1734, Erstes Buch, S. 22. Die Richtigkeit dieser Angabe konnte der damalige Leiter des Frankfurter Stadtarchivs, Georg Ludwig Kriegk allerdings schon 1871 widerlegen. Durch ihn dagegen bestätigt wurde, dass der Rat im selben Jahr einen Ausschuss ernannte, der sich mit den Möglichkeiten einer Realisierung von innerstädtischen Springbrunnen beschäftigen sollte – nach den bis 1944 überwiegend erhaltenen Baurechnungen jedoch ergebnislos.Kriegk 1871, S. 476.
Ebenfalls durch damals noch lückenlos vorhandene Aufzeichnungen der mittelalterlichen Stadtverwaltung beglaubigen konnte Kriegk den Bericht Lersners zum knapp 100 Jahre später erfolgten Bau eines ersten Brunnens im Zentrum des Römerbergs:Kriegk 1871, S. 477. Den Anfang machte am 4. Februar 1541 der Leitungsbau, der, Lersner weiter folgend, spätestens am 23. März 1542 abgeschlossen war. Das hergeleitete Wasser erhielt nun zunächst einen provisorischen Abfluss. Nach Lersner begannen die eigentlichen Bauarbeiten auf dem Römerberg unter Anwesenheit einiger Ratsmitglieder noch am 17. Mai desselben Jahres und waren bis 18. August abgeschlossen.Lersner 1706, Das Erste Buch, S. 23 u. 24.
mini|links|Die älteste Darstellung des Brunnens, 1552(Holzschnitt von Conrad Faber von Kreuznach) Da Lersner nicht angab, woraus er seine Informationen schöpfte, sind die vorgenannten Angaben nach Kriegk von 1542 auf 1543 zu korrigieren, da erst Ende 1542 ein Entwurf für den eigentlichen Brunnen vorlag. Dieser wird im Bürgermeisterbuch von 1543 u. a. als außwendig glat, die Oberseul von gegoßner Arbeit beschrieben. Dies deckt sich auch mit einem in den April 1543 zu datierenden Schriftsatz aus dem vorgenannten Buch, wonach damals erst die Anweisung an die Handwerker erging, den Brunnen entsprechend dem Entwurf zu fertigen. Als einziger Beteiligter der gesamten Arbeiten ist der damalige Stadtbaumeister Benedikt Löscher bekannt.Zülch 1935, S. 327.
Das Aufsehen, das der Brunnen seinerzeit erregte, wird am ehesten durch ein Gedicht deutlich, das Jakob Micyllus, der damalige Leiter der städtischen Lateinschule, 1543 anlässlich seiner Fertigstellung verfasste:Nassauer 1921, S. 350.Die deutsche Übersetzung in Distichen lautet:
Gut zu erkennen ist der erste Brunnen auf dem neun Jahre nach seinem Bau entstandenen sogenannten Belagerungsplan aus dem Jahr 1552, einer der ersten Darstellungen des gesamten Stadtgebiets überhaupt. Bereits dort verfügt er über den achteckigen, in den Einzelformen noch spätgotischen Trog, der somit – wenn auch mittlerweile in mehrfacher Kopie – das älteste Bauteil des Brunnens darstellt. Allerdings hatte er damals, wie die Renovierung im 19. Jahrhundert zeigte, ein größeres Fassungsvermögen als heute, da er statt der heutigen knapp ein Meter fast 2,50 Meter von der Oberkante bis zur Sohle des Troges maß.Koch 1887, S. 5.
Aus dem Trog ragte eine senkrechte Röhre mit Knopf, aus dessen vier Öffnungen das Wasser drang. Wie bei anderen Brunnen dieser Zeit hat man sich darunter ein Wasserrohr aus Tannenholz mit Zinnknopf vorzustellen.Kriegk 1871, S. 478.
Renovierung und Bau des Brunnens in seiner heutigen Form mini|Der erneuerte Brunnen beim Einzug der Kurfürsten im Jahr 1612...(Kupferstich von Jakob de Zetter und Johann Gelle) mini|...und beim gleichen Vorgang im Jahr 1658.(Kupferstich von Caspar Merian) Bereits 1594 musste der Brunnen erstmals renoviert werden. Dabei nutzte der Rat die Gelegenheit, ihn mit dem Bild eines Samson, der einem besiegten Löwen den Rachen aufreißt, sowie Springröhren zu verzieren. Wo genau die biblische Darstellung angebracht wurde, also ob am Trog oder auf der Röhre bzw. dem Knopf, ist aus den urkundlichen Nachrichten nicht eindeutig zu ermitteln.
Gegen eine Verzierung des Troges spricht, dass eine solche auf keiner neuzeitlichen Darstellung zu sehen ist. Zudem froren die neuen Springröhren, da zu schmal, im Winter ständig zu, weswegen sie schon bald durch solche aus Holz ersetzt wurden, was dafür spricht, dass die Darstellung auf ihnen zu sehen bzw. in Verbindung zu bringen war.Lersner 1706, Das Erste Buch, S. 24.
Unklar bleibt auch, ob sich von Walther Karl Zülch überlieferte Angaben aus dem im Zweiten Weltkrieg verbrannten Baumeister- und Rechenbuch 1587 auf die vorangegangene, oder erst nachfolgende Maßnahmen beziehen. Zülch schloss sich der letzteren Interpretation an. Demnach war 1587 ein Muster, welcher gestalt der Springend Bronnen zirlich zu machen were gefertigt worden. Aus dem Rathaus erfolgte der Auftrag, das Muster, wie es itzo von Holz bossirt, doch in Erz und etwan oben mit einem Bild [= Plastik] ins Werk verfertigen zu lassen.Zülch 1935, S. 415 u. 416.
Anfang des 16. Jahrhunderts setzte sich die Renaissance in der Stadt endgültig durch. Nachdem 1610 der Liebfrauenberg einen prächtigen Springbrunnen erhalten hatte, sah man daher wohl auch auf dem Römerberg die Zeit für eine gründliche Erneuerung gekommen. In Anbetracht der faktischen Regierungsunfähigkeit von Kaiser Rudolf II. liegt es zudem nahe, dass der Rat der Stadt schon mit einer baldigen neuen Kaiserkrönungsfeier rechnete – wie sich bald herausstellte, zu Recht – und ein entsprechend repräsentatives Bauwerk am Ort dieser Zeremonie schaffen wollte.
So erhielt der unveränderte Brunnentrog 1611 statt der Röhre aus Holz eine Steinsäule mit Sirenenstatuen und Tugendreliefs, die noch heute, wenn auch als Bronzeguss, zu sehen sind; darauf fand die Brunnenfigur der Justitia Platz. Als Künstler tätig waren der Bildhauer Johann Hocheisen, der für seine Arbeit 200 Gulden erhielt, und der Maler Philipp Uffenbach, dessen bunte Farbfassung dem Rat 37 Gulden wert war.Donner von Richter 1901, S. 137 u. 138. Auch der neue Brunnen ist in seiner Gestalt gut dokumentiert, da er bereits 1612 im Krönungstagebuch des Kaisers Matthias Abbildung fand.
Die Wasserversorgung des Gerechtigkeitsbrunnens Um einen Springbrunnen zum „Springen“ zu bringen, wurde er üblicherweise mittels Leitungen von einem höher gelegenen Punkt aus mit Wasser versorgt. Der Höhenunterschied sorgte dann für den nötigen Druck des Wassers.
mini|links|Rohrleitungsnetz von den Quellen des Friedberger Feldes in die Stadt im Jahr 1690, Nr. 40 ist der Gerechtigkeitsbrunnen(Lithografie) Frankfurt am Main war in diesem Zusammenhang in einer glücklichen Lage: das gesamte Altstadtgebiet befindet sich, geographisch betrachtet, in einer Senke. Selbst kurze Zuleitungen, die nur vom Rande der mittelalterlichen Gemarkung in die Altstadt führten, hatten bereits ein starkes Gefälle. Die Quellen, die die gesamte Wasserversorgung der Stadt bis in das 19. Jahrhundert sichern konnten, lagen auf dem Friedberger Feld tief in der Bornheimer Gemarkung, etwa zwischen der heutigen Bornheimer Landstraße im Norden und der Merianstraße im Süden.Rödel 1983, S. 78.
Wann sich die Stadt die Quellen auf dem Friedberger Feld erstmals zunutze machte, ist unbekannt. Georg Ludwig Kriegk schloss aus, dass ein Leitungsbau über große Entfernungen vor dem Jahre 1543 realisiert worden sein könnte. Über den damals gewaltigen baulichen Aufwand für die Rohrleitungen hätten Aufzeichnungen der Verwaltung zu finden sein müssen. Auch kam Bornheim erst 1474 an Frankfurt, zuvor gehörte es mit dem Amt Bornheimerberg zur mit der Stadt verfeindeten Grafschaft Hanau, in deren Gebiet die Stadt keine lebenswichtige Einrichtung wie eine Wasserleitung legen respektive aus juristischen Gründen hätte bauen können.
Auch 1543 kann noch keine Leitung zum Zwecke der Versorgung der ganzen Stadt gebaut worden sein, wurde damit doch erst ab 1607 nach den Plänen einer eigens dafür ins Leben gerufenen Bauherrn-Kommission begonnen.Bauer 1998, S. 61 u. 62. Kriegk berichtete von einer 1543 aufgenommenen Beschwerde von Gärtnern direkt vor dem Friedberger Tor, wonach der neue Brunnen auf dem Römerberg den gesamten Wasservorrat ihres eigenen Brunnens verbrauche. Abhilfe schuf der Bau einer weiteren Zuleitung. Demnach war die Wasserleitung des Vorgängers des Gerechtigkeitsbrunnens direkt an einen Brunnen vor dem Friedberger Tor angeschlossen, der dort von einer heute unbekannten Quelle gespeist wurde.
Der 1611 neu errichtete Gerechtigkeitsbrunnen dürfte dagegen bereits an die genannte, ab 1607 errichtete Leitung angeschlossen worden sein, die das Wasser von den Quellen des Friedberger Feldes in die Stadt brachte. Das Wasser wurde dort in sechs Brunnenkammern gewonnen und in eine Hauptleitung gespeist, die sich etwa auf Höhe von Eiserner Hand und Friedberger Landstraße in eine Ost- und eine Westleitung verzweigte. Diese liefen unter dem Friedberger und dem Eschenheimer Tor in die Stadt ein und versorgten hier nach einem Rohrleitungsplan aus dem Jahr 1690 rund 30 städtische Brunnen. Der Gerechtigkeitsbrunnen befand sich fast am tiefsten Punkt der östlichen Leitung.Bauer 1998, S. 62. Insgesamt lieferten die Quellen des Friedberger Feldes pro Tag etwa 155 Kubikmeter Wasser in die Stadt.
Die Rolle des Brunnens bei den Krönungsfeierlichkeiten mini|Der Gerechtigkeitsbrunnen als Weinbrunnen bei der Krönung von Kaiser Matthias 1612 mit Felsengruppe, Bäumchen und Adlern(Kupferstich) Bereits der Vorgängerbau des Gerechtigkeitsbrunnens hatte 1562 bei der ersten in Frankfurt am Main erfolgten Kaiserkrönung, nämlich der Maximilian II., als Weinquelle gedient. Primärer Zweck der Weinquelle war die Erfüllung des Erzamtes, in diesem Fall des jeweiligen Königs von Böhmen, der dem neuen Kaiser im Rahmen der Zeremonie als sein Erzmundschenk einen Becher Wein anreichen musste. Danach überließ der europäische Hochadel den Weinbrunnen meist den Volksmassen.