Maurice ist ein britischer Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs James Ivory aus dem Jahr 1987. Das Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von E. M. Forster und wurde von Merchant Ivory Productions sowie Channel Four Films produziert.

Handlung Maurice Hall, ein junger Mann aus der Oberschicht im edwardianischen England, und sein gleichaltriger Kommilitone, der adelige Clive Durham, verlieben sich während ihres Studiums in Cambridge ineinander. Ihre Beziehung bleibt allerdings auf Wunsch von Clive rein platonisch (von ein paar Küssen abgesehen). Gemeinsam schwänzen sie eine Unterrichtsstunde für einen Ausflug ins Grüne. Maurice vernachlässigt seine Studienpflichten und fliegt von der Universität, da er sich beim Dekan nicht entschuldigt. Clive wird Anwalt, Maurice Börsenmakler.

Nachdem ein anderer homosexueller Kommilitone, Lord Risley, der einen Soldaten zu einer sittenwidrigen Handlung aufforderte, verraten, verhaftet und zu einem halben Jahr Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt wurde, erleidet Clive einen nervlichen Zusammenbruch und sagt sich von Maurice und der Homosexualität los. Der besitzergreifende Maurice versucht verzweifelt, Clive für sich einzunehmen. Dieser heiratet, seine Gefühle verdrängend, standesgemäß Anne Woods. Der verzweifelte Maurice sucht daraufhin Hilfe beim Hausarzt seiner Familie, der kein Verständnis zeigt und ihm rät, sich eine Frau zu suchen. Daraufhin konsultiert Maurice den Hypnotiseur Lasker-Jones, um seine „Unnormalität“ behandeln zu lassen. Doch auch der Hypnotiseur kann nichts an Maurices Neigung ändern und rät ihm, in Länder zu ziehen, wo Homosexualität legalisiert sei. Der Versuch, durch hartes Boxtraining von der Homosexualität loszukommen, scheitert ebenfalls.

Als Maurice wieder zu Gast bei Clive und seiner Frau ist, lernt er auf der Jagd den jungen Jagdaufseher der Durhams, Alec Scudder, kennen. In dieser Nacht kann Maurice nicht schlafen und hält zur Erfrischung seinen Kopf aus dem Fenster in den heftigen Regen, nicht ahnend, dass ihn unten im Park Alec Scudder beobachtet. Nach einem Kurzbesuch in London für eine weitere Therapiesitzung mit dem Hypnotiseur nächtigt Maurice in der folgenden Nacht erneut im Landhaus der befreundeten Familie. Wegen seiner inneren Zerrissenheit von Albträumen geplagt, öffnet Maurice das Fenster nachts erneut, um Luft zu schnappen, während Alec unten wartend dies als ein Zeichen an ihn auffasst. Er steigt über eine Leiter, die ihm am Tag zur Renovierung des Daches diente, in sein Zimmer ein, und die beiden schlafen zum ersten Mal miteinander.

Einige Wochen später sucht Alec Maurice an seinem Arbeitsplatz in der Stadt auf, aber Maurice ist anfangs sehr zurückhaltend, da er befürchtet, dass Alec, der Sohn eines Schlachters, ihn erpressen will. Aus verletzter Liebe geht er auch beinahe diesen Weg, denn Maurice blieb aus Angst einem Treffen ohne Antwort fern. Der forsche Alec fühlt sich als Mann aus dem Volk von dem feinen Gentleman herabgesetzt. Schließlich begeben sie sich in ein Hotel und schlafen erneut miteinander. Beide haben sich ernsthaft verliebt. Doch Alec hat vor, mit seinem Bruder wenige Tage später nach Argentinien auszuwandern. Maurice schlägt vor, dass Alec bleiben solle, was dieser ablehnt.

An dem Tag, als das Schiff nach Südamerika ablegen soll, fährt Maurice zum Pier, um sich von Alec mit einem Geschenk zu verabschieden. Aber zur Verzweiflung seiner Familie und Maurices Freude erscheint Alec gar nicht. Maurice ahnt, wo er ist: im Bootshaus auf dem Durhamschen Anwesen. Dort begegnet er Clive und erzählt ihm – innerlich sehr stark geworden – von seiner Liebe zu dessen Untergebenem, worüber Clive entsetzt ist. Maurice nimmt keinen „Rat“ von ihm an und lässt ihn, den an die gesellschaftlichen Erwartungen angepassten Freund, stehen und eilt zum Bootshaus. Er und Alec fallen sich glücklich in die Arme und wollen sich nie mehr voneinander trennen. Clive, hinter seiner Fassade der Normalität, muss damit leben, dass er seine wahren Gefühle verleugnet.

Hintergrund Maurice ist nach Zimmer mit Aussicht (1985) und vor Wiedersehen in Howards End (1992) der zweite Teil einer Trilogie an Forster-Verfilmungen, die Regisseur James Ivory und Produzent Ismail Merchant realisierten. Der Erfolg von Zimmer mit Aussicht erlaubte ihnen ein Budget von rund 2,6 Millionen US-Dollar. Das Board of Fellows im King’s College an der University of Cambridge hatte nach Forsters Tod über die Verfilmungsrechte an seinen Romanen zu entscheiden. Zuerst zögerte man, die Rechte herauszugeben, da der Roman Maurice bei den Mitgliedern des Boards als schwächeres Werk von Forster galt. Man befürchtete, durch die Aufmerksamkeit infolge einer Verfilmung Forsters Reputation zu beschädigen. Da man aber von Ivorys Verfilmung von Zimmer mit Aussicht begeistert war und in das Drehbuch einsehen konnte, wurde schließlich die Verfilmung gestattet.

Die Literaturverfilmung hält sich relativ nahe an der Vorlage Forsters, nahm allerdings nach Anregung der bei vielen Filmen mit Ivory zusammenarbeitenden Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala eine Änderung vor: Im Buch wendet sich Clive während einer Reise nach Griechenland von Maurice und seiner Homosexualität ab, wofür die Beweggründe im Buch nicht wirklich klar werden und was ein häufiger Kritikpunkt am Roman war. Jhabvala baute daher die Figur des auch im Roman vorkommenden Lord Risley aus und fügte dessen Verhaftung und Verurteilung im Stile des Prozesses gegen Oscar Wilde hinzu.Robert Emmet Long: James Ivory in Conversation. University of California Press, 2005, S. 212. In einer der abgedrehten, aber vor der Premiere aus dem Film geschnittenen Szenen, die auf der DVD des Films zu finden sind, nimmt Risley sich das Leben.

Für Hugh Grant war Maurice die erste große Filmrolle, die ihn bekannter machte – den internationalen Durchbruch brachte ihm schließlich Vier Hochzeiten und ein Todesfall im Jahr 1994. Die anderen Hauptdarsteller James Wilby und Rupert Graves waren ebenfalls noch eher unbekannt. Die Nebenrollen wurden dagegen mit Charakterdarstellern wie Denholm Elliott und Ben Kingsley prominent besetzt. Helena Bonham Carter, die 1985 mit Ivorys Zimmer mit Aussicht ihren Durchbruch gefeiert hatte, hat einen Cameo-Auftritt als Zuschauerin während des Cricket-Spiels.

Synchronisation Die deutsche Synchronfassung wurde von der Berliner Synchron umgesetzt. Das Dialogbuch schrieb Heinz Giese, der auch die Dialogregie übernahm. RolleDarstellerSynchronsprecherMaurice HallJames WilbyBenjamin VölzClive DurhamHugh GrantNicolas BöllAlec ScudderRupert GravesStefan KrauseDoctor BarryDenholm ElliottFriedrich W. BauschulteMr. Ducie, Maurices LehrerSimon CallowHelmut GaußMrs. Hall, Maurices MutterBillie WhitelawBarbara AdolphDekan CornwallisBarry FosterJoachim NottkeMrs. Durham, Clives MutterJudy ParfittBettina SchönAnne Durham, Clives EhefrauPhoebe NicholsSusanna BonasewiczLasker-Jones, HypnotiseurBen KingsleyPeter MatićLord RisleyMark TandyHubertus BengschKitty HallKitty AldridgeTraudel HaasAda Hall Helena MichellRita EngelmannArchie, Clives SchwagerMichael JennChristian ToberentzSimcox, ButlerPatrick GodfreyEric VaessenReverend BoreniusPeter EyreJürgen ThormannFeatherstonhaughMatthew SimTorsten Sense Richter bei Risleys VerhandlungRichard WarnerHans W. HamacherDame beim CricketspielHelena Bonham CarterMelanie Pukaß

Kritiken Die Kritiken für Maurice fielen zum großen Teil positiv aus. Der Filmdienst schrieb im März 1988: „Die Verfilmung eines Romans von E.M. Forster beschreibt ebenso sorgfältig wie kritisch eine Welt, in der moralischer Anspruch und gesellschaftliche Wirklichkeit weit auseinander klaffen. Der hohe ästhetische Reiz des Films ist, da er die Probleme glättet, zugleich seine Schwäche.“

Cinema meinte: „In edlen Bildern entwirft James Ivory das bedrückende Sitten- und Seelengemälde einer Gesellschaft zwischen Prüderie und Heuchelei.“

Claire Tomalin lobt in Sight & Sound, dass der Film der Ambivalenz der Literaturvorlage gerecht wird: „The film would, I think, give Forster great pleasure. Everything about it is well done: script, casting, settings, music. It is entirely faithful to the spirit of the book, which is both joyous and painful. […] It combines a deeply romantic element – the notion that true love can cut across all conventional social divisions and rules, and form a basis for a permanent way of life – with a much tougher, more documentary account of the loneliness, misery, incomprehension and lack of self-knowledge of Maurice himself […]“

Rodney F. Hill betont in Cineaste anlässlich der Veröffentlichung der restaurierten Fassung zum 30-jährigen Jubiläum des Films 2017 die Zeitlosigkeit der Geschichte: „[…] a lush, lavish period drama that offers one of the most poignant gay love stories ever committed to film […] Far from being simply an important historical landmark, Maurice is as vibrant, as moving, and as sensual today as ever, sparkling with the electrical on-screen chemistry of its three male romantic leads. […] In any case, Maurice remains not only a classic of gay cinema, but also a classic on its own terms.“

Auszeichnungen 1987: Darstellerpreis für Hugh Grant und James Wilby bei den Filmfestspielen von Venedig 1987: Osella für Richard Robbins für die beste Musik bei den Filmfestspielen von Venedig 1987: Silberner Löwe für James Ivory bei den Filmfestspielen von Venedig, gemeinsam mit dem Film Lunga vita alla signora von Ermanno Olmi 1988: Oscar-Nominierung für das beste Kostümdesign

Restaurierte Fassung Im Jahr 2017 wurde anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Filmpremiere von der Cohen Media Group eine restaurierte Fassung veröffentlicht, bei der die Original-Kameranegative in 4K-Auflösung neu abgetastet wurden und die vom Regisseur James Ivory freigegeben wurde.

Literaturvorlage E. M. Forster: Maurice. Roman (Originaltitel: Maurice). Deutsch von Nils-Henning von Hugo. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1988, ISBN 3-485-00558-4, sowie Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-15899-7 oder ISBN 3-596-15899-0.

Weblinks

Jose Solís: Interview: James Ivory on "Maurice" Turning 30, In: The Film Experience, 18. Mai 2017 Interview mit James Ivory zur Entstehung des Films (YouTube, 40 Minuten) Interview mit James Ivory und Kameramann Pierre Lhomme zur Entstehung des Films (YouTube, 15 Minuten) Interview mit James Ivory, Komponist Richard Robbins und Produzent Ismail Merchant zur Entstehung des Films (YouTube, 12 Minuten)

Einzelnachweise

Kategorie:Britischer Film Kategorie:Filmtitel 1987 Kategorie:Filmdrama Kategorie:Literaturverfilmung Kategorie:Homosexualität im Film Kategorie:E. M. Forster Kategorie:James Ivory