mini|Minoischer Flügelgreif aus Kreta (Schema) mini|Greif (Martin Schongauer, Kupferstich um 1485)
Der Greif (, dies aus altgriechisch γρῦψ, Genitiv γρυπός – gryps, grypós, verwandt mit hebräisch Cherub, seit dem 10. Jahrhundert im Althochdeutschen als grīf(o) nachweisbar)Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Band 4,1, bearbeitet von Artur Hübner und Hans Neumann, Leipzig 1935, S. 5–11; Friedrich Wild: Gryps – Greif – Gryphon (Griffin). Eine sprach-, kultur- und stoffgeschichtliche Studie, in: Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Band 241, 4. Abhandlung, Wien 1963, S. 3–28; Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage. Berlin/New York 1999, S. 336. ist ein aus Tierkörpern gebildetes, mythisches Mischwesen, von dem es zwei Haupttypen (den Vogelgreif und den Löwengreif) mit mehreren VariantenErika Bleibtreu: Iran in prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 76–185, hier: S. 185. (Goldene Greifenprotome aus Ziwiye) gibt. Es wird meist dargestellt mit löwenartigem Leib, dem Kopf eines Raubvogels, mit mächtigem Schnabel, spitzen Ohren, meist mit Flügeln, aber auch in abweichenden Varianten (mit Schlangenkopf, Vogelfüßen, Skorpionschwanz, mit knopf- oder kopfartigem Fortsatz auf dem Scheitel oder Rücken). Die ganze Geschichte hindurch sind Stärke und Wachsamkeit Eigenschaften des Greifs.
Mögliche Entstehung des Mythos mini|links|Rekonstruiertes Skelett eines Protoceratops
Es gibt Vermutungen, dass in der Antike Nomaden (Skythen) beim Goldschürfen in den weiten Wüsten Zentralasiens Fossilien von Protoceratops fanden, einem Dinosaurier, dessen Überreste in den kreidezeitlichen Ablagerungen dieser Region häufig anzutreffen sind. Derartige Fossilien, wie sie noch heute in der Wüste Gobi am Rand des Altaigebirges (mongolisch: „Goldene Berge“) in gutem Erhaltungszustand gefunden werden können, könnten die Grundlage für den Mythos des Greifen (hier ursprünglich als Goldwächter) gewesen sein. Protoceratops besaß wie alle seine Verwandten einen großen Schnabel und einen Körper, der Menschen an den eines Löwen erinnert haben könnte. Der Nackenschild des Dinosauriers könnte für Flügel gehalten worden sein. Zudem finden sich in der Mongolei zahlreiche fossile Dinosauriereier, und so erzählte man sich in der Antike, wie die Greifen grimmig ihre auf dem Boden mit Gold ausgekleideten Nester bewachten. Ob und wie diese Vorstellungen nach Westen gelangten, durch Erzählungen von Reisenden oder durch Bilder auf gehandeltem Kulturgut, bleibt allerdings hypothetisch.Adrienne_Mayor: The First Fossil Hunters. Paleontology in Greek and Roman Times. Princeton University Press, Princeton 2001, ISBN 0-691-08977-9, S. 15–53 (Kapitel 1. The Gold-Guarding Griffin: A Paleontological Legend)
Geschichte mini|Achämenidischer Greif in Persepolis
Der Greif ist ein in vielen altorientalischen Kulturen (Elam (Altertum), Ägypten, Babylonien, Assyrien, Hethiter, Anatolien) bekanntes Fabelwesen. In der ägyptischen Kunst wird er seit dem Ende des vierten Jahrtausends v. Chr. dargestellt. Von dort angeregt, gelangte er im frühen 2. Jahrtausend nach Syrien. Der in der mesopotamischen Mythologie vorkommende Greif ist dagegen erst seit etwa 1400 v. Chr. belegt.
Die in Sumer dem Greif ähnlich erscheinenden Mischwesen werden als Löwen-Greife bezeichnet. Anzu scheint deren Vorläufer zu sein und trat von der Akkad-Zeit (2340 v. Chr.) bis zum Beginn des neubabylonischen Reiches (626 v. Chr.) in Erscheinung.
In der Kunst des Achämenidenreichs erscheint der Greif als „Symbol für das Böse und das Chaos, das der König bekämpft und im Zweikampf besiegt“.Erika Bleibtreu: Iran in prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 76–185, hier: S. 185.
Klassische Antike mini|hochkant|Kopfteil einer Greifenprotome aus Olympia, 7. Jh. vor Christus
Die mykenische Kultur und seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. auch die griechische Kunst übernahmen aus dem Orient deren Greifenmotive. Aus späthethitischen Bildschöpfungen wurden Einzelheiten wie die aufgerichteten Ohren, die Seitenlocke oder der offene Schnabel übernommen.Zu den Übernahmen aus der späthethitischen Kunst siehe Als Greifenprotome ist ein Typus besonders qualitätvoller und häufig verwendeter Tierköpfe an Kesseln und Kannen zum Begriff geworden. Auch im westiranischen Kurdistan wurde im Goldschatz von Ziwiye eine Greifenprotome aus dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. gefunden.Erika Bleibtreu: Iran in prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 76–185, hier: S. 184 f. (Goldene Greifenprotome aus Ziwiye) Weitere Darstellungen finden sich auf den Helmen der Athene-Statuen des antiken Bildhauers Phidias, auf Brustharnischen und Münzen, beispielsweise auf denen von Opus, Teos, Abdera, als Akroterien auf Tempeln sowie schließlich als Dekoration auf römischen Säulen. Durchgängig galt in der Antike der Greif als Symbol scharf blickender Klugheit und des Sehertums und ist daher Attribut des Apollon.
Literarisch ist der Greif in der griechischen Mythologie durch das Epos Arimaspeia von Aristeas überliefert, in dem dieses Tier in Indien und auf den Riphäischen Bergen als wachsamer Hüter die Goldgruben gegen die Arimaspen beschützt. Andere Quellen benennen den Ort als hinter dem Land der Skythen liegend.Gold der Skythen. Schätze aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg. Staatliche Antikensammlung und Glyptothek, München 1984, ISBN 3-529-01845-7. Aischylos lässt den Okeanos auf ihm reiten und ihn vor seinen Wagen spannen.Einen Überblick zu den wichtigsten antiken Textstellen bietet Géza Jászai: Artikel Greif. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Artikel Greif, Abschnitt 2.B (Digital).
mini|links|Greif aus Gold und Silber aus einem skythischen Kurgan bei Berel, ostkasachische Altai-Region, 3. Jh. v. Chr. mini|Skythische Greifen auf einem Pektoral aus dem Towsta-Kurgan bei Pokrow/Ukraine (Ausschnitt; die menschlichen Figuren, Pflanzendekore und proportionalen Darstellungen werden als griechischer Einfluss gedeutet.)
Auch in der materiellen Kultur der Skythen selbst, dem sogenannten skythischen Tierstil, der mythologische Motive wiedergibt, sind raubvogelköpfige, selten tigerköpfige, geflügelte Greifen mit Raubkatzen-Körper ein sehr häufiges Motiv. Weil Greifen in der frühen Phasen der Skythen ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. aber nur in der Kontaktzone zu altorientalischen Kulturen in Mittelasien und nahe dem Kaukasus gefertigt wurden, ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. daneben auch in der ukrainisch-südrussischen Schwarzmeerregion im Kontaktgebiet zur griechischen Kultur, gehen Archäologen davon aus, dass sie durch kulturelle Einflüsse altorientalischer Kulturen, später der griechischen Kultur vermittelt wurden. In älteren skythischen Funden abseits dieser Kontaktzonen, besonders im Ural, Nord-Kasachstan und am Altai fehlen typische Greifen noch und nur das ungewöhnliche Motiv der Widder-Greifen, eines Raubvogels mit Widder-Hörnern war verbreitet.Askold Ivantchik: Scythians, 3. Kapitel: Spiritual culture, religion, and art. (6. Absatz), in: Encyclopædia Iranica.
Der Greif aus Redován in Madrid entstammt der iberischen Kultur.
Mittelalter und Neuzeit mini|hochkant|links|Greif von Pisa. Andalusien, 11. Jh.
Islamischen Ursprungs ist der Greif von Pisa, eine große, meterhohe Bronzeplastik, die seit etwa 1100 auf dem Dach der Kathedrale in Pisa stand und wohl im 11. Jahrhundert im damals islamischen Andalusien entstanden war.1832 durch eine Kopie ersetzt. Heute in der Opera del Duomo (Dommuseum Pisa).
mini|links|Alexanders Himmelfahrt, Venedig, San Marco, 11. Jh. mini|Mittelalterlicher Wandteppich aus Basel, um 1450. Kunstgewerbemuseum Berlin
Die Symbolik des Greifen in der Nachantike ist überwiegend christologisch bestimmt. Isidor von Sevilla sah um 600 in seiner Doppelnatur Sinnbild des über Himmel und Erde herrschenden Christus.Isidor von Sevilla, Etymologiarum sive Originum libri XX, hg. von Wallace Martin Lindsay, Oxford 1911, Band 2; vgl. liber XIV, cap. 3, 7. – Lexikon der Christlichen Ikonographie. Band 2, Freiburg 1970, S. 202–204. Auch wenn schon Albertus Magnus den Greif ins Reich der Fabel verwies, hielt man ihn doch durchweg bis über das Ende des Mittelalters hinaus, ähnlich wie den Drachen, für ein real existierendes Lebewesen. Zwei im Physiologus erscheinende Greife werden als Maria und Michael gedeutet.
In bildlichen Zusammenhängen kommt er, wie schon in der Antike, häufig in der Wächterrolle vor (z. B. als Hüter des Grabes, des Lebensbaums oder -brunnens). Vor allem aber in der Romanik erscheint er als starkes und wachsames Tier, das dort, wo es beispielsweise als säulentragendes Wesen die Portale zahlreicher italienischer Kirchen flankiert, alles Böse in Gestalt von Löwen, Schlangen und Basilisken überwindet und abwehrt.Lexikon der Christlichen Ikonographie. Band 2, Freiburg 1970, S. 203, mit Beispielreihe. Auch sonst ist der Greif auf Tierfriesen und anderen Elementen der romanischen Bauplastik vielfach vertreten.
Darstellungen der Tierwelt des Paradieses (Gen 1,20) werden im frühen Mittelalter gern mit Greifen angereichert. In Bestiarien, den Naturgeschichten des Tierreichs erscheinen die Greifen meist als gewalttätige, andere Tiere oder Menschen überwindende Wesen. Im Bestiarium von Pierre de Beauvais (vor 1218) wird der Greif beschrieben als ein Vogel, der in der indischen Wüste lebt und diese nur verlässt, um Nahrung zu finden. Er sei so stark, dass er einen ganzen Ochsen tragen und mit ihm zu seinen Jungen fliegen könne.Florence McCulloch: Medieval Latin and French Bestiaries (= University of North Carolina Studies in the romance language and literatures. Band 33). The University of North Carolina Press, Chapel Hill 1960, S. 122–123. Das Motiv der symmetrisch zueinander gekehrten Greifen fand in der Ornamentik, namentlich in der Kunst der Seidenweberei, besonders häufig Verwendung. Auf Elfenbeinkästchen des 11. und 12. Jahrhunderts spielen sie wieder ihre Rolle als Wächtertiere.
Die Himmelfahrt Alexanders des Großen wird auf Kapitellen und in Handschriften mit zwei Greifen verbildlicht, die den Korb des antiken Luftfahrers in die Höhe tragen, sicher um damit ein moralisierendes Exempel der Hoffart zu geben.Thomas Noll: Die Greifenfahrt Alexanders des Großen. In: Michael Neumann und Inge Milfull (Hrsg.): Mythen Europas / 2. Mittelalter. 2004, S. 178–199. – Siehe auch den Abschnitt III.2. A.s Luftfahrt in: Wolfgang Stammler: Alexander d. Gr. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band I. 1934, Sp. 332–344; digital in: RDK Labor, rdklabor.de [10. September 2015] In der Tierfabel Dialogus creaturarum tritt der Greif als Friedensstifter zwischen Vögeln und Vierbeinern auf, weil er zu beiden Gattungen gehört.Abbildung des betreffenden Holzschnitts im Artikel Dialogus creaturarum, dort auch Nachweise verschiedener Ausgaben aus den letzten beiden Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts.