Ligurien (italienisch Liguria) ist eine mehr als 300 km lange Küstenregion in Nordwestitalien. Flächenmäßig ist sie mit kaum mehr als 5400 km² die drittkleinste Region. Sie hat Einwohner (Stand ).
Im Westen grenzt Ligurien an Frankreich, im Norden an die Region Piemont, im Osten an die Emilia-Romagna und die Toskana sowie im Süden an das Ligurische Meer, einen Teil des Mittelmeers. Die Region gehört zur länderübergreifenden Euroregion Alpi-Mediterraneo/Alpes-Méditerranée. Die von den Bergketten der Alpen und des Apennins im Nordosten begrenzte Region wird in die Westliche und die Östliche Riviera unterteilt. Den Grenzpunkt stellt die Regionshauptstadt Genua dar.
Schon im Römischen Reich hieß der Küstenstreifen Liguria; der Name geht auf die bereits vor den Römern dort lebenden Ligurer zurück. Im Mittelalter war er in mehrere Stadtstaaten aufgeteilt – der bedeutendste war die Republik Genua, die ab dem späten 14. Jahrhundert die gesamte Region beherrschte. 1797–1815 gehörte das Gebiet zu Frankreich, anschließend zu Sardinien-Piemont, das 1861 im neugegründeten Königreich Italien aufging. Heute ist Ligurien durch den Tourismus, sein Olivenöl und seine Weine bekannt. Das Pesto genovese sowie die Ravioli sind Vertreter der ligurischen Küche.
Die Hauptstadt ist Genua, daneben ragen (von West nach Ost) Ventimiglia, Sanremo, Imperia, Alassio, Savona, Portofino und Rapallo sowie La Spezia heraus.
Geographie Hauptartikel: Geographie Liguriens
Die Region hat eine Fläche von 5410 km² und eine Bevölkerung von 1,6 Millionen. Sie erstreckt sich entlang der Küste des Ligurischen Meeres. Nach Norden hin ist sie von zwei Gebirgskämmen geschützt, die bis ans Meer reichen: den manchmal auch Alpi Marittime genannten Ligurischen Alpen, die vom Monte Saccarello, dem mit 2201 m höchsten Berg Liguriens, bis zum Colle di Cadibona reichen, sowie dem sich östlich anschließenden Appennino Ligure („Ligurischen“ oder „Nördlichen Apennin“), der die Ligurien von der nordöstlich gelegenen Poebene trennt.
Die Landschaft ist in drei Provinzen und eine Metropolitanstadt gegliedert (von West nach Ost): Imperia, Savona, Genua (Metropolitanstadt) und La Spezia. Die über 300 Kilometer lange Küste gliedert sich in die Riviera di Ponente („untergehende Sonne“; westlicher Teil zwischen Genua und der französischen Grenze) und die Riviera di Levante („aufgehende Sonne“; östlicher Teil von Genua bis La Spezia). Die Riviera di Ponente wiederum ist unterteilt in die Blumenriviera (Riviera dei Fiori – von Ventimiglia bis Cervo) und die Palmenriviera (Riviera delle Palme – von Cervo bis hinter Savona).
Klima mini|Buschbrände bei Genua im September 2009
In Ligurien herrscht ein mediterranes Klima vor. Dieses wird von den starken morphologischen Unterschieden des Territoriums mitbestimmt. Das Hinterland wird seinerseits von den starken Gebirgserhebungen, der Küstenabschnitt hingegen vom verhältnismäßig warmen Meer dominiert.
Die nach Süden geöffnete Bogenform der Region und der nach Nordosten abschließende Gebirgszug, der von der französischen Grenze bis hin zur Toskana reicht, sind die Hauptfaktoren des ligurischen Klimas. Vor allem der Apennin fungiert als Wasserscheide zwischen dem Ligurischen und dem Adriatischen Meer beziehungsweise der Po-Ebene.
Wenn sich im Winter ein Tiefdruckgebiet über dem ligurischen Golf aufbaut, wird die Zone um die ligurische Hauptstadt von dem kühlen Tramontanewind getroffen, der Regen und Schneefall mit sich bringt. Entlang der genuesischen und der savonesischen Küste kommt es mitunter auch auf dem Meeresniveau zu Schneefall. Der Sommer ist gemäßigt warm und schwül. So wird bei Genua Sestri im Juli ein Temperaturdurchschnittswert zwischen +20,8 °C und +27,2 °C erreicht. In der Regel werden die +30 °C Tagestemperatur lediglich drei bis vier Mal im Monat Juli überschritten, doch bleibt die relative Luftfeuchtigkeit auch in den Nachmittagsstunden erhöht. Die dadurch gefühlte Hitze wird lediglich durch die Meeresbrise gemildert.
Im Binnenland ist das Klima vom raueren semikontinentalen Typus. Die im Winter erreichten Durchschnittstemperaturen liegen deutlich unter denen der Küstenzonen. Vor allem die der Po-Ebene zugewandten Gebiete sind von einem kälteren Klima geprägt. Die Tagesdurchschnittstemperatur in Cairo Montenotte beträgt im Januar beispielsweise +1,8 °C, in Sassello +1,4 °C und in Busalla +2,2 °C. Die mittleren Tiefstwerte in diesen Gemeinden liegen zwischen −2 °C und −4 °C. Die allgemeine tiefste Wintertemperatur wird mit −10 °C angegeben, wobei in besonders kalten Nächten die Temperatur auch deutlich darunter liegen kann. Im Sommer sind die Tagestemperaturen verhältnismäßig hoch, werden jedoch von deutlichen Temperaturabfällen in den Nächten geprägt. Das 338 Meter hoch gelegene Cairo Montenotte verzeichnet zum Beispiel im Sommer die niedrigste Temperatur in der Nacht mit +15 °C und den höchsten Temperaturwert am Tag mit +27,7 °C.
Geschichte Paläolithikum Eine der ältesten ligurischen Fundstätten mit menschlichen Überresten stellt die Grotta del Colombo in der Provinz Savona dar, eine Höhle, in der sich Knochen fanden, die auf ein Alter von rund 200.000 Jahren datiert wurden. mini|Menschliche Überreste des „Kleinen Prinzen“ aus der Höhle Arene Candide, der vor etwa 23.000 Jahren lebte; Museo di archeologia ligure in Genuas Stadtteil PegliCatherine Panter-Brick: Hunter-Gatherers. An Interdisciplinary Perspective, Cambridge University Press, 2001, S. 52.
Neolithikum (ab 5700 v. Chr.), autochthone Ligurer Ligurien leitet seinen Namen von seinen vorrömischen Bewohnern, den Ligurern (lat. Ligures), ab. Diese Indoeuropäer siedelten ursprünglich zwischen Pyrenäen und Alpen, in Norditalien und auf Korsika.Roberto Maggi: Aspetti di archeologia del territorio in Liguria: la formazione del paesaggio dal Neolitico all’Età del Bronzo, in: Annali dell’Istituto Alcide Cervi 19 (1997) 143–162. Die lokale Kultur war bereits in vorneolithischer Zeit von ausgeprägter Weidewirtschaft und sehr starker Mobilität gekennzeichnet. Zudem scheint es eine genetische Kontinuität mindestens vom Neolithikum zur Eisenzeit zu geben. Dies würde bestätigen, dass die Ligurer der Eisenzeit zu den autochthonen Völkern zählten.Ron Pinhasi, Jay T. Stock (Hrsg.): Human Bioarchaeology of the Transition to Agriculture, John Wiley & Sons, Chichester 2011, Kapitel 13.4.4: The Agricultural Transition in Liguria. In Ligurien und der Provence ließ sich früheste Impressoware, Keramik der ältesten bäuerlichen Kultur in diesem Raum, aus der Zeit um 5700 v. Chr. nachweisen.Stephen Shennan: The First Farmers of Europe. An Evolutionary Perspective, Cambridge University Press, 2018, S. 113.
Mahlwerkzeuge und damit bäuerliche Lebensweise lassen sich ab Anfang des 5. Jahrtausends nachweisen. Erst gegen Ende des Neolithikums kam es zu fortschreitender Entwaldung durch Brandrodung. Dennoch blieb der Anteil des Getreides an der Ernährung relativ gering, so dass man von einem fortbestehenden Überwiegen der Weidewirtschaft ausgeht. Dabei bedienten sich die Hirten bei der Futterbeschaffung für ihr Vieh weniger der Weiden als des Schneidens von Blättern aus den Baumwipfeln, „Pollarding“ genannt.Vgl. Ron Pinhasi, Jay T. Stock (Hrsg.): Human Bioarchaeology of the Transition to Agriculture, Chichester: John Wiley & Sons 2011, Kapitel 13.1.1: Archaeological Background.
In Ligurien fand sich die älteste Kupfermine Westeuropas, denn seit etwa 3600 v. Chr.Nadia Campana, Roberto Maggi, Mark Pearce: Miniere preistoriche di rame a Libiola e Monte Loreto, in: Angiolo del Lucchese, Roberto Maggi (Hrsg.): Dal diaspro al bronzo. L’Età del Rame e del Bronzo in Liguria: 26 secoli di storia fra 3600 e 1000 anni avanti Cristo, Luna editore, La Spezia 1998, 138–141. wurde Kupfer am Monte LoretoA. de Pascale: 'Hammerstones from early copper mines': sintesi dei ritrovamenti nell' Europa e mel Mediterraneo orientale e prime considerazioni sui mazzuoli di Monte Loreto (IV millennio BC – Liguria), in: Rivista di Studi Liguri 69 (2003) 5-42. aus Stollen im Berg geholt, der im Hinterland von Sestri Levante im östlichen Ligurien liegt. In der Mine wurde bis etwa 2800 v. Chr. gearbeitet.Roberto Maggi, Mark Pearce: Mid fourth-millennium copper mining in Liguria, north-west Italy: the earliest known copper mines in Western Europe, in: Antiquity 79 (2005) 66-77. Im Val Petronio reicht der Kupferabbau bis 4200 v. Chr. zurück.Nadia Campana, Roberto Maggi, Mark Pearce: ISSEL DIXIT, in: La nascita della Paletnologia in Liguria. Atti del Convegno, Bordighera 2008, S. 305–311. Nur 6 km entfernt liegt eine zweite, ähnlich alte Kupfermine, die von Libiola. Von diesem Fundort ist allerdings nur der Eichengriff einer Spitzhacke erhalten, der auf 3500 bis 3100 v. Chr. datiert werden konnte. mini|Steinritzung am Monte Bego Am Monte Bego westlich von Tenda fanden sich über 40.000 Petroglyphen, deren älteste in die Zeit zwischen 2800 und 1300 v. Chr. datiert wurden. Sie wurden zwar bereits im 17. Jahrhundert beschrieben, doch erst 2007 konnte die Funktion einiger der in 2000 bis 2600 m Höhe befindlichen Felsbilder bestimmt werden. Demnach handelt es sich um einen Sonnenkalender.Jérôme Magail: Les gravures rupestres du Mont Bégo. Des activités et des rituels dans leurs temps (Alpes-Maritimes, commune de Tende), in: Bulletin du Musée d’anthropologie préhistorique de Monaco 46 (2006) 96-107.
Nördlich von Sanremo fanden sich 1984 zwei Grabhügel, von denen einer aus der späten Bronzezeit stammt. Mit diesem Dolmen di Borgio Verezzi ließen sich Beziehungen zur Megalithik in Südfrankreich und zur Toskana herstellen.Giò Barbera: Il Dolmen di Borgio Verezzi questo “sconosciuto”, IVG.it. Ähnliches gilt für die Dolmen von Caprazoppa bei Finale und von Roccavignale.Alberto Pozzi: Megalithism. Sacred and Pagan Architecture in Prehistory, Universal Publishers, Boca Raton 2014, S. 161.
Die Ligurer wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. in die Seealpen und den nördlichen Appennin abgedrängt. Im 3. Jahrhundert v. Chr. kam die ligurische Küste unter römische Kontrolle, 222 v. Chr. wurde Genua Roms Verbündete. Die Ligurer wurden im Zuge des Zweiten Punischen Krieges – Genua wurde 205 v. chr. als Verbündete Roms von Karthagern unter Mago zerstört – und im Laufe des 2. Jahrhunderts v. Chr. unterworfen.
Römerreich Provinzen, bedeutende Städte und Straßenbau mini|Die älteste Quelle zur Geschichte Genuas, die Bronzetafel von Polcevera (117 v. Chr.), gibt einen römischen Schiedsspruch wieder, der einen Streit zwischen Genuates und Langenses beilegt, nach den im Senatsauftrag handelnden Brüdern Quintus und Marcus Minucius auch Sententia Minuciorum genannt. Dabei stritt Genua mit Bewohnern des heutigen Langasco um Nutzungsrechte an römischem Land, was wiederum die 148 v. Chr. begonnene Via Postumia gefährdete; 38 mal 48 cm, 46 Zeilen, Museum für Ligurische Archäologie mini|links|Karte des antiken Ligurien zwischen dem Fluss Var und Magra Das römische Liguria bildete unter Augustus’ Verwaltungsstruktur die IX Regio Augustea und ging weit über die heutige Region hinaus, indem es die nördlichen Abhänge des Apennins und die Seealpen zwischen Trebia und Po einschloss und über Albintimilium (beim heutigen Ventimiglia) hinausging. Entsprechend der bergigen und bewaldeten Landschaft gab es nur wenige bedeutende Städte. Dertona war die einzige Kolonie, und Alba Pompeia, Augusta Bagiennorum (bei Bene Vagienna), Pollentia (Teil des heutigen Bra), Hasta, Aquae Statiellae sowie Genua sind noch erwähnenswert. Die Ligurer wohnten allerdings mehrheitlich in Dörfern.
Die Einteilung des Augustus blieb bis zur Herrschaft Diokletians bestehen, es entstand die Provinz Aemilia et Liguria. Dann wurden die beiden Alpenprovinzen abgeschafft, und die Wasserscheide wurde die Grenze zwischen Italien und Gallien. Der Name Liguria wurde nun auf ein Gebiet angewandt, das ab Ende des 4. Jahrhunderts bis Mailand reichte. mini|links|Verlauf der Via Aemilia Scauri