Der Ausdruck jüdische Kultur bezeichnet eine Reihe vielfältiger miteinander in Verbindung stehender Phänomene; zum einen die weltliche Kultur der jüdischen Gemeinschaften, zum anderen den kulturellen Beitrag bestimmter säkularer Juden, aber auch die Kultur jener religiösen Juden, die im kulturellen Bereich Bedeutung haben, aber normalerweise nicht ausdrücklich mit Religion in Zusammenhang gebracht werden.
Seit dem Beginn der jüdischen Geschichte haben sich kulturelle Phänomene entwickelt, die bestimmte charakteristisch jüdische Züge aufweisen, ohne sich als speziell religiös zu verstehen. Einige dieser Merkmale entstammen unmittelbar dem Judentum, andere den vielfältigen Beziehungen der Juden zu ihrer Umwelt, wieder andere der sozialen und kulturellen Dynamik der jüdischen Gemeinschaft, in der Auseinandersetzung mit der Religion selbst.
Geschichte Die Juden lebten bis ins 19. Jahrhundert in der Diaspora zerstreut. In Europa waren dies hauptsächlich die Aschkenasim. Die Sephardim waren weit unter den Ländern Nordafrikas, aber auch in der Türkei, sowie in kleineren Gemeinschaften anderer Regionen verbreitet. Die Mizrachim waren hauptsächlich in der arabischen Welt verbreitet. Andere jüdische Gruppen gab es in Äthiopien, dem Kaukasus (Bergjuden) oder in Indien. Viele dieser Bevölkerungsgruppen wurden in einem gewissen Grad von den umgebenden Kulturen ghettoisiert.
Vom Ende des Mittelalters bis zum Holocaust war die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der Welt aschkenasischer Abstammung. mini|Juden in Polen 1765 Die osteuropäischen jüdischen Gemeinschaften des Mittelalters entwickelten über die Jahrhunderte unverwechselbare kulturelle Merkmale, und mit der beginnenden Aufklärung (samt ihrem jüdischen Echo, der Haskalah), verstanden sich die jiddisch-sprechenden Juden Osteuropas selbst als Ausformung einer eigenen ethnischen bzw. nationalen Gruppe, deren Identität nicht notwendig auf der Religion basierte. Constantin Măciucă nennt dies „einen unterscheidenden aber nicht isolierenden jüdischen Geist“, der die Kultur der Jiddisch sprechenden Juden durchdringt. Dies wurde durch den Aufstieg der Romantik und das allgemeine Anwachsen eines Nationalbewusstseins in den europäischen Ländern nur verstärkt. So waren z. B. die Mitglieder des Bundes – (allgemeiner jüdischer Arbeiterbund) von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts – erklärtermaßen nicht religiös bzw. anti-religiös. Die Haskalah vereinte die jüdische Emanzipationsbewegung Mittel- und Westeuropas, um so den Juden den Zugang in die weltliche Gesellschaft zu bahnen. Zur gleichen Zeit verursachten Pogrome in Osteuropa eine Auswanderungswelle, großenteils in die USA, wo man zwischen 1880 und 1920 2 Millionen jüdische Einwanderer zählte. In den 1940ern vernichtete der Holocaust den größten Teil des europäischen Judentums, und die Auswanderung von Juden aus arabischen und islamischen Ländern nach der Entstehung Israels bewirkte eine weitere geographische Verschiebung.
Es ist kompliziert, unter den religiös praktizierenden Juden die weltliche Kultur zu definieren, da ihre gesamte Kultur von religiösen Traditionen gleichsam durchdrungen ist. (Dies trifft besonders für das orthodoxe Judentum zu.) Gary Tobin, Chef des Institute for Jewish and Community Research, äußerte über die traditionelle jüdische Kultur: Zwischen Religion und Kultur besteht kein wirklicher Gegensatz. Jedes religiöse Merkmal erscheint mit Kultur angefüllt; jeder kulturelle Akt mit Religiosität. Die Synagoge selbst bildet ein Zentrum jüdischer Kultur. Was macht das Leben schließlich wirklich aus? Essen, Beziehungen, Reichtum; das ist jüdisches Leben. So viele unserer Traditionen enthalten in sich selbst kulturelle Aspekte. Siehe das Pessachfest (Seder): es ist im Wesentlichen großes Theater. Beraubt man die jüdische Erziehung und Religiosität der Kultur, wird sie uninteressant., undatiert (2002 oder später) in MyJewishLearning.com, Neudruck der National Foundation for Jewish Culture. Erg 11. Feb. 2006. Yaakov Malkin, Professor für Ästhetik und Rhetorik an der Universität Tel Aviv sowie Gründer- und akademischer Direktor der Meitar Hochschule für Judentum als Kultur in Jerusalem merkt an: Heute begehen zahlreiche säkulare Juden auf weltliche Art und Weise jüdische kulturelle Ereignisse, die jüdischen Festtage als historische und naturbezogene Feste, gefüllt mit neuem Inhalt und Form, oder die markanten Ereignisse des Lebenskreises wie Geburt, Bat/Bar Mizwa, Heirat und Tod. Sie kommen zusammen, um Themen jüdischer Kultur und ihre Beziehung zu anderen Kulturen, im havurot, Kulturvereinen und weltlichen Synagogen zu studieren, und partizipieren am öffentlichen wie politischen Leben ähnlich den einstigen weltlichen jüdischen Bewegungen, wie die ehemalige Bewegung für die Freiheit der sowjetischen Juden oder die Bewegungen gegen die Pogrome, Diskriminierung und Religionszwang. Die jüdische weltliche humanistische Erziehung prägt allgemeine moralische Werte sowohl durch die klassische jüdische als auch durch die Weltliteratur sowie durch das Streben nach sozialer Veränderung, zum Ideal von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Malkin, Y. „Humanistic and secular Judaisms.“ Modern Judaism An Oxford Guide, S. 107.
Sprachen
Literarische und theaterbezogene Ausdrücke der weltlichen jüdischen Kultur können sowohl in den spezifisch jüdischen Sprachen vorkommen wie Hebräisch, Jiddisch oder Ladino, als auch in der Sprache der umgebenden Kulturen wie Englisch, Russisch oder Deutsch. Die weltliche jiddische Literatur und das Theater erlebten im 19. Jahrhundert ihren Aufstieg und Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Niedergang. Die Wiederbelebung des Hebräischen über seinen liturgischen Gebrauch hinaus ist ein besonderes Phänomen des beginnenden 20. Jahrhunderts, das eng mit dem Zionismus verbunden ist. Im Allgemeinen entscheidet die regionale Situation darüber, ob eine jüdische Gemeinschaft sich einer jüdischen oder nichtjüdischen Sprache bedient. So war die Sprache der Juden im polnischen Schtetl wie der Lower East Side New Yorks (Anfang des 20. Jahrhunderts) Jiddisch, während die assimilierten Juden Deutschlands im 19. Jahrhundert oder gegenwärtig in den USA heute im Allgemeinen Deutsch bzw. Englisch sprechen.
Literatur
Jüdische Autoren haben einerseits eine unverwechselbare jüdische Literatur geschaffen und andererseits zu den nationalen Literaturen vieler Länder beigetragen, in denen sie leben. Obwohl nicht ausschließlich weltlich, bilden die jiddischen Werke der Autoren Scholem Alejchem (dessen Werk sich auf 28 Bände beläuft) und Isaac Bashevis Singer (Nobelpreis 1978), einen eigenen Kanon, der das jüdische Leben sowohl in Osteuropa als auch in Amerika reflektiert. In den USA zählt man jüdische Autoren wie Philip Roth, Saul Bellow u. v. a. zu den größten amerikanischen Schriftstellern, die in vielen Werken das Judentum thematisieren. Andere berühmte Autoren, die aus jüdischen Familien stammen, sind der russische Schriftsteller Isaak Babel, der Prager Franz Kafka, der in München geborene Lion Feuchtwanger und der bereits früh zum Protestantismus konvertierte Heinrich Heine. Bei vielen dieser Autoren (u. a. bei HeineFerdinand Schlingensiepen, Heinrich Heine als Theologe, 1981) blieb die Erfahrungswelt des Judentums ein nachhaltiges Grundmotiv ihres künstlerischen Schaffens.
Theater
Film
Bereits zu der Zeit, als das jiddische Theater noch eine wichtige Rolle in der Theaterwelt spielte, wurden über 100 Filme auf Jiddisch gedreht. Bereits in der Stummfilmzeit wurden mit Filmen wie Ost und West (1923) die Anfänge, inspiriert von Dramen und Komödien aus dem Jiddischen Theater, des jiddischen Tonfilms gemacht. Viele sind heute verschollen. Zu den wichtigsten Filmen zählten Shulamith (1931), das erste jiddische Film-Musical, Der jiddische König Lear (1934), der größte jiddische Filmerfolg aller Zeiten Yidl mitn Fidl (1936), Der Dybbuk (1937), Lang ist der Weg (1948) und Gott, Mensch und Teufel (1950). Einer der bedeutendsten und produktivsten Regisseure des jiddischen Films war Sidney M. Goldin. Weitere Regisseure des jiddischen Films waren Joseph Seiden aber auch Edgar G. Ulmer.
Die Liste jüdischer Filmunternehmer in der englischsprachigen US-Filmindustrie ist legendär. Indessen brachten bis auf Steven Spielberg wenige von ihnen ein als jüdisch erkennbares Gespür oder Themenbewusstsein zum Ausdruck. Eine spezifischer jüdisch zu nennende Sensibilität findet sich in Filmen der Marx Brothers, Mel Brooks’ oder Woody Allens; andere Beispiele spezifisch jüdischer Hollywood-Filme sind Yentl mit Barbra Streisand (1983) bzw. John Frankenheimers Der Fixer (1968).
Jüdische Filmkomponisten haben auch die Musik zu zahlreichen bedeutenden Filmen des 20. Jahrhunderts geschrieben.
Radio und Fernsehen Die ersten Rundfunkanstalten RCA und Columbia Broadcasting System, wurden von den jüdischen Amerikanern David Sarnoff beziehungsweise William S. Paley gegründet. Diese jüdischen Pioniere gehörten auch zu den ersten Schwarzweiß- und Farbfernsehproduzenten,.Johnson, Op. cit. P. 462–463. Unter den jüdischen Einwanderergemeinden Amerikas gab es auch ein jiddischsprachiges Radio, das sein „Goldenes Zeitalter“ von den 1930er bis in die 1950er Jahre erreicht hatte.
Obgleich es in den USA nur ein spezifisch jüdisches Fernsehprogramm (National Jewish Television gibt, mit nur drei Sendestunden pro Woche für ausdrücklich religiöse Themen), gehören Juden von Anbeginn zum amerikanischen Fernsehen. Von Sid Caesar und Milton Berle zu Joan Rivers, Gilda Radner und Andy Kaufman zu Billy Crystal und Jerry Seinfeld zählten jüdische Stand-Up-Comedians zu den Ikonen des amerikanischen Fernsehens. Andere prominente jüdische Rundfunk- und Fernsehpersönlichkeiten waren Eddie Cantor, Al Jolson, Jack Benny, Walter Winchell und David Susskind. Nach Paul Johnson waren das Broadway-Musical, Radio und Fernsehen Beispiele eines grundlegenden Prinzips der jüdischen Diaspora: Juden, die einen völlig neuen Raum erschließen, beginnen mit dem Geschäft und mit der Kultur, eine tabula rasa, auf der sie ihr Kennzeichen anbringen, bevor andere Interessen eine Gelegenheit sahen, zuzugreifen, Zünfte zu gründen oder anderweitigen Beistand heranzuziehen, um ihnen den Zugang zu verweigern.Johnson, das Op. cit. P. 462–463.
Eine der ersten im Fernsehen übertragenen Situationskomödien, Die Goldbergs wurde in einem spezifisch jüdischen Milieu der Bronx gedreht. Die offenkundig jüdische Umgebung von Die Goldbergs war für eine amerikanische Fernsehserie ungewöhnlich; eines der wenigen anderen Beispiele war Brooklyn Bridge (1991–1993). Juden haben auch eine enorme Rolle als Fernsehkomödienautoren gespielt: Woody Allen, Mel Brooks, Selma Diamond, Larry Gelbart, Carl Reiner und Neil Simon schrieben alle für Sid Caesar; Reiners Sohn Rob Reiner arbeitete mit Norman Lear bei der Serie All in the Family (die sich häufig bei antisemitischen und anderen Vorurteilen engagierte); Larry David und Jerry Seinfeld legten den Grundstein für den Erfolg der Sitcom Seinfeld, Lorne Michaels, Al Franken, Rosie Shuster und Alan Zweibel (Saturday Night Live) brachten frischen Wind in die Variety Show der 1970er.
Musik
Tanz