Alkibiades I (auch „Erster Alkibiades“ oder „Großer Alkibiades“, lateinisch Alcibiades maior) ist ein philosophischer, literarisch gestalteter Dialog in altgriechischer Sprache aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. In der Antike wurde er Platon zugeschrieben, doch in der modernen Forschung bestehen erhebliche Zweifel an seiner Echtheit. Forscher, die den Dialog für unecht halten, pflegen jedoch davon auszugehen, dass er in Platons Umfeld entstanden ist und wohl von einem seiner Schüler verfasst wurde. Die Bezeichnung Alkibiades I dient der Unterscheidung vom Alkibiades II, dem „Zweiten“ oder „Kleinen“ Alkibiades, einem ebenfalls Platon zugeschriebenen, aber ganz sicher unechten Dialog.
Den Inhalt bildet ein fiktives Gespräch zwischen dem Philosophen Sokrates und dem noch nicht zwanzigjährigen Alkibiades, der später als Politiker und Feldherr berühmt wurde und sehr umstritten war. Alkibiades entwickelt einen starken politischen Ehrgeiz, doch zeigt sich im Verlauf der Diskussion, dass es ihm an klaren Grundsätzen und einem durchdachten Konzept fehlt. Seine Inkompetenz wird im Gespräch auf einen Mangel an Selbsterkenntnis zurückgeführt. In diesem Zusammenhang stellt sich die philosophische Frage, was erkannt wird, wenn jemand sich selbst erkennt. Die Antwort lautet, dass es sich um eine Erkenntnis der Seele über ihre eigene Natur handelt. Das durch Selbsterkenntnis erlangte Wissen soll die Pflege der Seele – den rechten Umgang mit ihr – ermöglichen. Zugleich bildet es die Voraussetzung für ethisches Handeln, insbesondere in der Politik.
In der Antike galt der Alkibiades I als Grundlagenschrift der platonischen Anthropologie und wurde von den Platonikern sehr geschätzt.
Ort, Zeit und Teilnehmer
Der fiktive Dialog spielt sich in Athen ab. Der Zeitpunkt, zu dem der Autor das Gespräch stattfinden lässt, ist aus dem angegebenen Alter des Alkibiades zu erschließen; es ist wohl das Jahr 432 v. Chr. oder die Zeit kurz davor.Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 291; Jean-François Pradeau: Introduction. In: Chantal Marbœf, Jean-François Pradeau (Übersetzer): Platon: Alcibiade, Paris 1999, S. 19f.; Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 311.
Alkibiades wird so dargestellt, wie seine Zeitgenossen und die Nachwelt ihn wahrzunehmen pflegten. Er ist reich und vornehm, eine sehr attraktive Erscheinung, ehrgeizig und hochmütig, und schätzt die Tapferkeit über alles. Im Verlauf des Gesprächs gelingt es Sokrates, die Selbstsicherheit des jungen Mannes zu erschüttern und ihm seine Unwissenheit vor Augen zu führen. Den Hintergrund der Begegnung bildet die homoerotische Werbung des Sokrates um den schönen Jüngling. Für den stolzen Alkibiades bedeutet die geistige Auseinandersetzung mit dem weit überlegenen Sokrates eine Demütigung, die er aber dem Philosophen nicht verübelt, da er ihn bewundert.Siehe zum Alkibiadesbild David Gribble: Alcibiades and Athens, Oxford 1999, S. 217–222.
Inhalt Der Anlass des Gesprächs
Das Gespräch setzt unvermittelt ein. Sokrates hat Alkibiades aufgesucht, um eine Klärung ihres Verhältnisses herbeizuführen. In den letzten Jahren hat Alkibiades zahlreiche Bewunderer seiner Schönheit gehabt, die ihn erotisch begehrten. Der erste unter ihnen war Sokrates, der sich aber bisher schweigend im Hintergrund gehalten hat, da sein Daimonion, eine innere Stimme, ihm zur Zurückhaltung riet. Nun will Sokrates mit seinem Anliegen hervortreten. Alkibiades hat mit seinem Hochmut alle anderen Liebhaber vertrieben, indem er sie ihre Unterlegenheit spüren ließ; nur Sokrates ist übrig geblieben. Alkibiades fühlt sich von ihm belästigt, möchte aber den Grund der Hartnäckigkeit des Philosophen erfahren.Alkibiades I 103a–104e. Vgl. zum erotischen Hintergrund des Dialogs Jill Gordon: Eros and Philosophical Seduction in Alcibiades I. In: Ancient Philosophy 23, 2003, S. 11–30, hier: 11–13, 27–29.
Das Erfordernis der Bildung mini|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris)
Sokrates, der den grenzenlosen politischen Ehrgeiz seines Gesprächspartners kennt, bietet sich ihm als Ratgeber an. Er will ihn davon überzeugen, dass solche Beratung für die Erlangung der ersehnten politischen Führungsrolle unerlässlich sei. Alkibiades beabsichtigt als Redner vor die Volksversammlung zu treten, denn nur so kann man sich im demokratischen Athen Einfluss verschaffen. Er möchte bei Entscheidungen über Krieg oder Frieden mitreden und seiner Ansicht Geltung verschaffen. Sokrates weist ihn darauf hin, dass er damit einen Anspruch auf Kompetenz erhebe, dem er dann auch genügen müsse. Nun muss Alkibiades aber auf eindringliches Befragen zugeben, dass er über keine besonderen Kenntnisse verfügt, die ihn dafür qualifizieren könnten. Er besitzt nur sein Schulwissen, das in der Politik nutzlos ist. Sokrates macht ihm klar, dass die Entscheidung über Krieg oder Frieden eine Frage der Gerechtigkeit sei. Alkibiades räumt ein, dass er zwar schon als Kind überzeugt war zu wissen, was Recht und Unrecht ist, aber darüber noch nie ernsthaft nachgedacht oder eine kompetente Belehrung erhalten hat. Er hat sich immer nur an den gängigen Meinungen der unwissenden Menge orientiert, obwohl diese widersprüchlich sind. Somit versteht er von Gerechtigkeit nichts.Alkibiades I 104e–113c.
Gegen diese Erwägungen wendet Alkibiades ein, auf die Gerechtigkeit komme es eigentlich nicht an, denn in der Politik gehe es nicht um das Gerechte, sondern um das Vorteilhafte. Dieses Argument nützt ihm aber nichts, weil sich auch hier zeigt, dass ihm Sachkenntnis fehlt. Er behauptet, das Vorteilhafte sei etwas anderes als das Gerechte, denn das Gerechte habe sich schon oft als nachteilig erwiesen und unrechtes Handeln als vorteilhaft. Da er aber nicht darlegen kann, worin das Vorteilhafte besteht, kann er seine Ansicht nicht begründen. Es stellt sich heraus, dass er über etwas redet, was er nicht definieren kann. Sokrates bringt ihn durch eine Reihe von didaktischen Fragen zur Einsicht, dass zwischen dem Gerechten und dem Vorteilhaften kein Unterschied besteht. Nach dieser Meinungsänderung ist Alkibiades verwirrt, da er nun das ganze Ausmaß seiner Unwissenheit erkennt. Wenn er Wissen hätte, würde er nicht derart in seinen Ansichten schwanken. Wie die Diskussion gezeigt hat, ist das Hauptproblem der Unwissenden nicht ihr Mangel an Sachkenntnis, sondern ihre Illusion, den Durchblick zu haben. Wer Staatsmann werden will, muss zunächst seine Kompetenz realistisch einschätzen und sich die nötige Bildung verschaffen. Die beiden Gesprächspartner sind sich einig, dass dies bei den athenischen Politikern kaum je der Fall sei. Von einem wirklich Verständigen erwartet Sokrates, dass er auch anderen Verständigkeit beibringen kann. Aber sogar dem berühmten Staatsmann Perikles, dem Vormund des Alkibiades, sei es nicht gelungen, seine Fähigkeiten anderen zu vermitteln; als Vater habe er versagt, seine beiden Söhne seien missraten. Niemand sei durch den Umgang mit Perikles weiser geworden.Alkibiades I 113d–119c.
Darauf wendet sich das Gespräch der Frage nach einer erfolgreichen Pädagogik zu. Sokrates lobt die hervorragende Erziehung, welche die Großkönige der Perser ihren Söhnen zuteilwerden lassen, während die Athener die pädagogische Betreuung ihrer Kinder vernachlässigen. Für vorbildlich hält er auch die Prinzipien, nach denen sich die Könige von Sparta richten. Den Herrschern dieser beiden Staaten, den traditionellen Gegenspielern Athens, hat ein Ignorant wie Alkibiades nichts entgegenzusetzen. Er muss noch viel lernen. Sokrates betont, dass auch für ihn selbst das Lernen nie ende. Im Streben nach Erkenntnis und Tüchtigkeit dürfe man nicht nachlassen.Alkibiades I 119d–124e.
Selbsterkenntnis und Verantwortung für sich selbst
Bei der folgenden Erörterung der Frage, was die Voraussetzungen für eine gute Regierung sind, gerät Alkibiades erneut in Verwirrung und muss einsehen, dass er nichts davon versteht. Sokrates verhilft ihm zu der Einsicht, dass die Fähigkeit eines Menschen, für das Seinige – seinen Besitz – zu sorgen, etwas anderes ist als die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, das heißt sich selbst zu verbessern. Sorge für sich selbst setzt Selbsterkenntnis voraus. Zunächst kommt es darauf an zu verstehen, was mit „sich selbst“ gemeint ist. Das „Selbst an sich“ oder „Selbst selbst“ (autó to autó, autó tautó)Alkibiades I 129b1, 130d4. kann nicht der Körper sein, auch nicht ein aus Körper und Seele zusammengesetztes Ganzes, sondern nur die Seele, die lenkende Instanz, die sich des Körpers bedient. Sie allein macht nach Sokrates’ Überzeugung den Menschen aus, sie ist sein Selbst. Der Körper ist nur ein Werkzeug und gehört als solches zum Besitztum, dem „Seinigen“ des Menschen. Dies hat auch für die Liebe Konsequenzen: Wer den Körper des Alkibiades liebt, der liebt nicht ihn selbst, sondern nur einen Gegenstand, der Alkibiades gehört. Die Liebe zum Körper endet, wenn dieser seine Attraktivität einbüßt. Anders verhält es sich mit der Liebe zur Seele. Darum hält Sokrates im Gegensatz zu den anderen Liebhabern an Alkibiades fest, obwohl dieser kein Jugendlicher mehr ist, also das Alter überschritten hat, auf das sich das Interesse der Homoerotiker zu konzentrieren pflegt. Der Leib hat seine Blütezeit schon hinter sich, die Seele hingegen soll jetzt erblühen.Alkibiades I 124e–132a.
Wie die Seele sich selbst erkennen kann, veranschaulicht Sokrates mit dem berühmten Spiegelvergleich. Da sie nicht imstande ist, sich selbst unmittelbar wahrzunehmen, benötigt sie einen Spiegel, so wie auch ein Auge sich selbst nur in einem äußeren Objekt durch Spiegelung sehen kann. Für das Auge kann dieser Spiegel das Auge eines anderen Menschen sein; wenn es in dessen Pupille blickt, in den höchstrangigen Teil des fremden Auges, sieht es zugleich sich selbst. So muss auch die Seele in eine andere Seele schauen, um sich zu erkennen, und zwar in deren höchsten, göttlichsten Teil, in dem die Weisheit ihren Sitz hat. Indem sie ihre Aufmerksamkeit auf das Göttliche richtet, kann sie am besten zur Selbsterkenntnis gelangen.Alkibiades I 132b–133c. Siehe zum Verständnis der Stelle Jacques Brunschwig: Sur quelques emplois d’ὄψις. In: Zetesis. Album amicorum, Antwerpen 1973, S. 24–39, hier: 24–32. Vgl. Francesco Bearzi: Alcibiade I 132d–133c7: una singolare forma di autocoscienza. In: Studi Classici e Orientali 45, 1995, S. 143–162; Christopher Gill: Self-Knowledge in Plato’s Alcibiades. In: Suzanne Stern-Gillet, Kevin Corrigan (Hrsg.): Reading Ancient Texts, Bd. 1, Leiden 2007, S. 97–112.
Selbsterkenntnis bedeutet, wie Sokrates weiter ausführt, Besonnenheit (sophrosyne). Nur dank ihr kann der Mensch wissen, was für ihn gut und was übel ist. Daher muss sich jemand, der im Staat eine Führungsrolle anstrebt, zuerst Gerechtigkeit und Besonnenheit zu eigen machen, um diese Tugenden dann auch verbreiten zu können. Solange man dazu nicht in der Lage ist, soll man nicht führen, sondern in einer untergeordneten Stellung verbleiben und sich von einem Besseren regieren lassen. Davon lässt sich Alkibiades überzeugen. Er will sich nun Sokrates anschließen und unter dessen Leitung um Gerechtigkeit bemühen.Alkibiades I 133c–135e.
Echtheitsfrage und Entstehungszeit