miniatur|Christus trägt sein Kreuz – ein Sinnbild für Passion, gemalt von Lorenzo Lotto im 16. Jahrhundert, Louvre miniatur|Martin Schongauer, „Ecce Homo“ – „Sehet den Menschen!“ miniatur|Die Passion Jesu gipfelt in dessen gewaltsamem Tod am Kreuz auf Golgatha. Albrecht Altdorfer schuf das Bild 1515/1516. miniatur|Mit der Grablegung kommen die biblischen Berichte über die Passion Jesu zum Abschluss. Das Gemälde aus dem 19. Jahrhundert stammt von Peter von Cornelius. miniatur|Albin Egger-Lienz setzte sich 1926, im Jahr seines eigenen Todes, mit der Passion Jesu auseinander, es entstand sein Gemälde Der tote Christus. Unter dem Begriff der Passion Jesu (von , ‚durchstehen‘, ‚erleben‘ sowie von , ‚erleiden‘; ) versteht man im Christentum den Leidensweg Jesu Christi, das heißt sein Leiden und Sterben samt der Kreuzigung durch die Römer in Jerusalem. Die Berichte davon in den Evangelien werden als Passionsgeschichte (auch Passionserzählung) bezeichnet.

Passion im Neuen Testament und in der Urkirche

Biblische Grundzüge Die Leidensgeschichte Jesu, seine Passion, beginnt für viele Bibelausleger „mit seiner Menschwerdung“ (), denn die Geburt im Stall , aber auch die Flucht nach Ägypten sind zwar weihnachtliche Motive, beinhalten aber das Leiden an der Welt und mit der Welt.So unter anderem Sabine Poeschel, Handbuch der Ikonographie. Darmstadt 2005, S. 163, ISBN 3-534-15617-X. Die Konflikte, die der erwachsene Jesus von Nazareth vor allem mit den Schriftgelehrten von Jerusalem durchstehen musste, werden in den Evangelien ausführlich berichtet und deuten Jesu lebenslanges Leiden an.

Alle vier Evangelien räumen der Passion breiten Raum ein, ganz besonders aber das Markusevangelium, weshalb dieses Evangelium im 19. Jahrhundert als eine „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“So Martin Kähler in: Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus. 1896, Seite 80 bezeichnet wurde.

Hinzu kommt, dass Jesu Verkündigung und sein prophetisches Wirken immer wieder von seinem eigenen Volk missverstanden wurden; auch geriet Jesus schon vor der eigentlichen Passion in Trauerzustände. Jesus weint über die Stadt Jerusalem (). Die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern Jesu verschärfen sich, die konflikthaften Situationen spitzen sich zu. Am Ende wird Jesus der Gotteslästerung bezichtigt :

Damit beginnt in allen biblischen Evangelien der Kern der Passionsüberlieferung. Von seinen Anhängern weitgehend verlassen, wird Jesus von den Hohepriestern Hannas und Kajaphas den römischen Behörden von Jerusalem übergeben. Das Todesurteil fällt der römische Prokurator Pontius Pilatus, nachdem er Jesus ein letztes Mal dem Volk präsentiert hat, mit den Worten: „Ecce homo“ („Sehet, welch ein Mensch!“, auch: „Da, seht ihn euch an, den Menschen!“ oder: „Seht, (nur) ein Mensch!“).

Die Evangelien des Neuen Testaments schildern ausführlich den Prozess und die anschließende Kreuzigung. Die biblische Passionsüberlieferung endet bei allen vier Evangelisten mit dem gewaltsamen Tod Jesu. Geschildert werden dann noch die Abnahme des Leichnams vom Kreuz und die Grablegung.

Für Jesu Jünger stellt die Passion, vor allem Jesu ohnmächtiges Leiden und Sterben, ein Problem dar. Wie kann Jesus, wenn er wirklich der Messias, der Christus, gar der Sohn Gottes sein soll, so enden? Warum muss er so jämmerlich sterben? Nach Markus verstanden Jesu Jünger die Verhaftung zuerst nur als Scheitern und als Bedrohung: „Da verließen ihn alle und flohen.“ . Auch berichten die Evangelien nach der Kreuzigung Jesu von Flucht- und Angstreaktionen der Jünger.

Die Zusammenstellung des biblischen Passionsgeschehens aus allen vier Evangelien wird Passionsharmonie, auch Historie vom Leiden und Sterben Jesu Christi oder lateinisch genannt. Es ist der Spezialfall einer Evangelienharmonie, welche sich darum bemüht, die Passion als Zusammenstellung der verschiedenen Passionsgeschichten Jesu aus den vier Evangelien als einem einheitlichen Erzählstrang zu begreifen.

Datierung Historiker gehen davon aus, dass das Datum der Kreuzigung im Zeitraum zwischen 30 und 36 n. Chr. liegt.Paul William Barnett: Jesus & the Rise of Early Christianity: A History of New Testament Times. InterVarsity Press, Downers Grove (Illinois) 1999, ISBN 0-8308-1588-0, S. 19–21. Rainer Riesner: Paul’s early period: chronology, mission strategy, theology. Grand Rapids (Michigan); Eerdmans, Cambridge (England) 1998, ISBN 0-8028-4166-X, S. 19–27. S. 27 bietet eine Übersicht über die unterschiedlichen Annahmen verschiedener theologischer Schulen. Andreas J. Köstenberger, L. Scott Kellum: The Cradle, the Cross, and the Crown: An Introduction to the New Testament. B & H Academic, Nashville (Tennessee), 2009, ISBN 978-0-8054-4365-3, S. 77–79. Daneben schlossen Physiker wie Isaac Newton und Colin Humphreys aufgrund astronomischer Kalenderberechnungen des Pessachfestes die Jahre 31, 32, 35, und 36 aus, so dass zwei plausible Daten für die Kreuzigung übrigbleiben: der 7. April 30 und der 3. April 33.Colin J. Humphreys: The Mystery of the Last Supper. S. 62–63. Weiter eingrenzend schlägt Humphreys vor, das letzte Abendmahl habe am Mittwoch, den 1. April im Jahre 33, stattgefunden,Humphreys: The Mystery of the Last Supper. S. 72; 189. wobei er Annie Jauberts doppelte Pessachthese weiterentwickelt:

Alle Evangelien stimmen darin überein, dass Jesus ein letztes Abendmahl mit seinen Jüngern abhielt, bevor er an einem Freitag unmittelbar um die Zeit des Pessachfestes starb (Pessach fand jährlich am 15. Nisan statt, wobei das Fest mit dem Sonnenuntergang des Vortags beginnt), und dass sein Leib den ganzen folgenden Tag, also am Sabbat im Grab verharrte (, ). Während jedoch die drei synoptischen Evangelien das letzte Abendmahl als Pessachmahl darstellen (, , ), bezeichnet das Johannesevangelium das letzte Abendmahl nicht ausdrücklich als Pessachmahl und datiert zudem den Beginn des Pessachfestes einige Stunden nach dem Tode Jesu. Johannes impliziert daher, dass der Karfreitag (bis Sonnenuntergang) der Vorbereitungstag für das Pessachfest gewesen sei (also der 14. Nisan), nicht das Pessachfest selbst (15. Nisan). Eine weitere Besonderheit ist, dass Johannes das Pessachfest mehrfach als „jüdisches“ Pessachfest bezeichnet. Astronomische Berechnungen der antiken Pessachtermine, beginnend mit der Methode Isaac Newtons aus dem Jahre 1733, bestätigen den zeitlichen Ablauf nach Johannes. Historisch gab es daher mehrere Versuche, die drei synoptischen Schilderungen mit Johannes in Einklang zu bringen, einige davon trug Francis Mershman 1912 zusammen.Francis Mershman (1912): The Last Supper. In: The Catholic Encyclopedia. Robert Appleton Company, New York, abgerufen am 25. Mai 2016. Die kirchliche Tradition des Gründonnerstags nimmt an, dass das letzte Abendmahl am Abend vor der Kreuzigung stattfand.Jacob Neusner: Judaism and Christianity in the first century. Band 3, Teil 1. Garland, New York 1990, ISBN 0-8240-8174-9, S. 333.

Ein neuerer Ansatz, um den (scheinbaren) Widerspruch aufzulösen, wurde in den 1950er Jahren von Annie Jaubert im Zuge der Ausgrabungen der Siedlung Qumran vorgetragen. Sie argumentierte, dass es zwei Pessachfeste gegeben habe: Zum einen soll der Pessachtermin nach dem offiziellen jüdischen Mondkalender berechnet worden und so im Kreuzigungsjahr Jesu auf einen Freitag gefallen sein; zum anderen gab es auch einen Sonnenkalender in Palästina, der zum Beispiel von der Sekte der Essener der Qumrangemeinde verwendet wurde und nach dem das Pessachfest stets an einem Dienstag stattfand. Laut Jaubert hätte Jesus das Pessachfest am Dienstag gefeiert, die jüdischen Behörden aber drei Tage später, am Freitagabend.Joseph Ratziger: Jesus of Nazareth: From the Entrance Into Jerusalem to the Resurrection. Catholic Truth Society and Ignatius Press, 2011, ISBN 978-1-58617-500-9, S. 106–115. Textauszug auf der Website des .

Humphreys führte jedoch 2011 aus, Jauberts These könne so nicht stimmen, denn auch das Qumraner Pessachfest sei grundsätzlich nach dem offiziellen jüdischen Pessachfest gefeiert worden. Dennoch befürwortete er Jauberts Ansatz, die Möglichkeit einer Feier des Pessachfestes an verschiedenen Tagen in Betracht zu ziehen. So entdeckte Humphreys selbst einen weiteren Kalender, und zwar einen Mondkalender nach ägyptischer Berechnungsart, der damals zumindest von einigen Essenern in Qumran und den Zeloten unter den Juden genutzt wurde und sogar heute noch von den Samaritanern genutzt wird. Humphreys berechnet daraus, dass das letzte Abendmahl am Mittwochabend des 1. April 33 stattgefunden habe.Humphreys: The Mystery of the Last Supper. S. 164, 168.Nagesh Narayana: Last Supper was on Wednesday, not Thursday, challenges Cambridge professor Colin Humphreys. In: International Business Times. 18. April 2011, abgerufen am 25. Mai 2016. Humphreys impliziert, Jesus und die anderen erwähnten Gemeinden seien dem jüdisch-ägyptischen Mondkalender gefolgt, im Gegensatz zum offiziellen jüdisch-babylonischen Mondkalender.

Bei diesem jüdisch-ägyptischen Kalender handelt es sich mutmaßlich um den ursprünglichen, laut Exodus unter Moses eingeführten Mondkalender, der damals (und mindestens bis ins 2. Jahrhundert n. Chr.) in der religiösen Liturgie Ägyptens gebräuchlich war. Später, während des 6. Jahrhunderts v. Chr., im babylonischen Exil, übernahmen Exiljuden die babylonische Berechnungsweise und führten diese bei ihrer Rückkehr nach Palästina ein. Die unterschiedlichen Pessachtermine kommen dadurch zustande, dass der jüdisch-ägyptische Kalender das Datum des unsichtbaren Neumonds berechnet und als Monatsanfang festsetzt, während der jüdisch-babylonische Kalender etwa 30 Stunden später lediglich die zunehmende Mondsichel beobachtet und als Monatsanfang vermerkt. Außerdem beginnt der ägyptische Tag bei Sonnenaufgang, und der babylonische Tag bei Sonnenuntergang. Diese beiden Unterschiede führen dazu, dass der samaritanische Pessachtermin meist einen Tag früher als das jüdische Pessachfest fällt; in manchen Jahren auch mehrere Tage früher. Der alte Kalender (Samaritaner) und der neue Kalender (Juden) werden in Israel immer noch beide benutzt.

Ein letztes Abendmahl an einem Mittwoch ließe nach Humphreys alle vier Evangelien zeitlich korrekt erscheinen, es setzte Jesus in die ursprüngliche Tradition Moses und würde nebenbei weitere Probleme lösen: es gäbe mehr Zeitraum als in der traditionellen Lesart (mit einem letzten Abendmahl am Donnerstag) für die diversen Verhöre Jesu und für die Verhandlung mit Pilatus vor der Kreuzigung am Freitag. Außerdem stünde ein letztes Abendmahl an einem Mittwoch, gefolgt von einer Gerichtsverhandlung vor dem Hohen Rat der Juden bei Tageslicht am Donnerstag, gefolgt am Freitag von einer kurzen bestätigenden Gerichtssitzung und schließlich der Kreuzigung im Einklang mit jüdischen Gerichtsvorschriften bei Anklagen mit Todesstrafe. Laut den ältesten überlieferten Gerichtsvorschriften aus dem 2. Jahrhundert wäre nämlich eine nächtliche Verhandlung zu Kapitalverbrechen illegal, ebenso eine Gerichtsverhandlung am Tage vor dem Pessachfest oder gar am Pessachfest selbst.

Außerbiblische Passionsgeschichten Auch die Verfasser von apokryphen Evangelien und pseudepigraphen Schriften, etwa das Petrusevangelium und das Judasevangelium, wissen um die Passion Jesu und interpretieren diese in eigenständiger Weise. Dabei ergänzen sie zahlreiche Details zu den vier kanonischen Evangelien:

Im Markusevangelium (und, ihm folgend, dem Matthäusevangelium), bezeugt ein namenloser Centurio Jesus nach dessen Tod als Gottes Sohn. Das Nikodemusevangelium benennt diesen Centurio als Longinus. Er soll dem gekreuzigten Jesus nach dessen Tod einen Speer, die Heilige Lanze, in die Seite gestochen haben. Für die Passionsdarstellungen der christlichen Kunst spielt die Figur des Longinus eine Rolle.