Der Stadler Regio-Shuttle RS 1 ist ein im Personennahverkehr weit verbreiteter Typ von Dieseltriebwagen. Charakteristisch sind vor allem die trapezförmigen Fensterbänder. In Deutschland registrierte Triebwagen werden als Baureihe 650 geführt. Sie sind bei zahlreichen Eisenbahnverkehrsunternehmen im Einsatz.

Geschichte

Entwicklung

Der Regio-Shuttle wurde 1994 vom Forschungsinstitut für Schienenfahrzeuge VÚKV Prag für ABB Henschel und AEG Schienenfahrzeuge entwickelt und nach deren Fusion 1996 zu Adtranz weitergeführt. Anfangs war geplant, als Fahrzeugplattform neben dem später vielfach gebauten einteiligen Triebwagen (RS 1) auch eine zweiteilige (RS 2) und eine dreiteilige Variante (RS 3) sowie einen einteiligen Steuerwagen anzubieten, die aber nicht bestellt wurden.

Im Zuge der Übernahme von Adtranz 2001 durch Bombardier Transportation musste der Regio-Shuttle aus kartellrechtlichen Gründen an Stadler Rail abgegeben werden.

Nachfolger

Stadler stellte 2024 den als ein- oder zweiteiligen Akkutriebwagen oder Wasserstoffverbrennungstriebwagen bestellbaren RS Zero als Nachfolger für den Regio-Shuttle RS 1 vor.

Technische Merkmale

Es handelt sich um normalspurige Vollbahnfahrzeuge nach UIC-Norm, die somit Längskräfte von 1500 kN vertragen; sie wurden mit Mittelpufferkupplungen (Scharfenbergkupplung/BSI-Kompaktkupplung) oder Schraubenkupplung und Seitenpuffern ausgeliefert bzw. auf Mittelpufferkupplung umgebaut. Die Mittelpufferkupplungen kuppeln die pneumatischen und über seitliche Kontaktaufsätze auch die elektrischen Verbindungen mit.

Wagenkasten und Laufwerk

Der Fahrzeugkasten ist aus einem Fachwerk verschweißter Vierkant-Hohlprofile und Blechformteile aus Stahl konstruiert.

Die Wagen laufen auf zwei Triebdrehgestellen, alle Radsätze sind angetrieben. Bei den mehrteiligen Triebwagen waren zwischen den Fahrzeugkästen antriebslose Einzelachsfahrwerke vorgesehen.

Der Großteil des Fahrgastraumes mit den Türen, beim RS 1 rund 65 %, ist niederflurig, je nach Ausführung 600 oder 760 mm über der Schienenoberkante für die in Deutschland verbreiteten Bahnsteighöhen von 550 und 760 mm. Für niedrigere Bahnsteige ist die Ausrüstung mit elektrisch ausfahrbaren Trittstufen möglich. Der über zwei Stufen erreichbare Bereich über den Drehgestellen ist mit einer Fußbodenhöhe von 1000 mm über Schienenoberkante hochflurig. Für den erforderlichen Einbauraum der Kupplungen und das Einleiten der Druckkräfte liegt der Boden der Führerstände um zwei weitere Stufen höher.

Antriebstechnik und Steuerung Zwei unabhängige dieselmechanische Antriebseinheiten aus einem Dieselmotor und Getriebe treiben beide Radsätze jedes Drehgestells an. Auffällig sind die RS 1 durch die Wagenkastenkonstruktion, die der eines Fachwerkbrückenträgers entspricht. Die Fensterstege sind daher schräg und gaben ihnen anfangs ein unverwechselbares Aussehen, das sie mittlerweile mit den Bombardier Itino teilen. Betrieblich sind die Regio-Shuttle für Vollbahnverkehr im Einmannbetrieb uneingeschränkt verwendbar. Die relativ kleine Fahrgastkapazität (Maximum unter 170 Personen) kann durch Kuppeln mehrerer Wagen ausgeglichen werden, die Vielfachsteuerung der neuesten Bauserie ermöglicht bis zu sechs Einheiten. Ein Zug aus fünf RS 1, das Maximum der ersten Bauserien, kann dann eine Spitzenlast von knapp 850 Fahrgästen bewältigen.

Die RS 1 der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft mbH (WEG) können nicht nur mit anderen RegioShuttles in Vielfachsteuerung fahren, sondern sind ebenfalls in der Lage, mit Trieb- und Steuerwagen des Typs NE 81 (Baureihe 626/926) zu verkehren bzw. vom Steuerwagen aus fernbedient zu werden. Aus diesem Grund haben die Fahrschalter dieser Triebwagen auch keine Stufen, sondern besitzen eine Auf-Ab-Steuerung.

2006 wurde ein Regio-Shuttle bei Voith umgebaut. Unter anderem sollten strengere Abgasnormen eingehalten sowie die Höchstgeschwindigkeit auf 140 km/h gesteigert werden. Im Juli 2009 verfügte das Eisenbahn-Bundesamt, die Abgasturbolader der Regioshuttles strikt nach den vom Hersteller vorgegebenen Intervallen zu warten bzw. auszutauschen. Zuvor war es zu mehreren Bränden gekommen, die durch Turbolader verursacht wurden, die zu lange in Betrieb waren. Für den Betrieb auf der Steilstrecke der Hunsrückbahn mit 60,9 Promille Neigung ließ Rhenus Veniro drei Triebwagen mit verstärkten Federspeicher- und Magnetschienenbremsen ausrüsten. Zusätzlich erhielten sie eine indirekte Bremse als zusätzliches Bremssystem und ein verstärktes Getriebe. Mit zweijähriger Verspätung lag im Januar 2012 die uneingeschränkte Zulassung für alle drei Fahrzeuge vor.

Bestellungen

Die ersten Regio-Shuttles wurden 1996 ausgeliefert. Zu den ersten Fahrzeugen gehörten die vier RS 1 in der Ausführung mit einer Fußbodenhöhe von 760 mm, die seit 1996 auf der Schönbuchbahn eingesetzt werden.

Im Jahr 2006 sah es so aus, als ob die Produktion des Regio-Shuttle auslaufen würde. 2007 und 2008 folgten jedoch weitere Bestellungen durch die ODEG|, die Hohenzollerische Landesbahn und Rhenus Veniro. Mit diesen bestellten Fahrzeugen stieg die Gesamtzahl der hergestellten Regio-Shuttles dann auf 365 Stück. Ende Juni 2008 schloss die Deutsche Bahn AG mit Stadler einen Rahmenvertrag über die Lieferung von bis zu 60 Regio-Shuttles ab, aus dem jedoch kein Abruf erfolgte. Die tschechische Eisenbahngesellschaft České dráhy (ČD) bestellte 2010 33 Triebwagen.Stadler Rail PR, 7. Mai 2010: Sie verkehren seit Ende 2011 und 2012 in der Region Liberec (16 Stück) und der Region Vysočina (17 Stück) als Baureihe 840 und 841. Die Wagen für die ČD wurden durchgehend mit Seitenpuffern und Schraubenkupplungen ausgerüstet.

Im Jahr 2009 bestellte das Verkehrsunternehmen agilis, ein Tochterunternehmen der BeNEX, 38 Regio-Shuttle für das Dieselnetz Oberfranken, auf dem sie im Juni 2011 und Dezember 2012 den Betrieb aufgenommen hat.agilis: Produktion der Regio-Shuttle angelaufen, Eurailpress, 17. Mai 2010 Sie werden offiziell als Reihe 650.7 geführt. Ende Dezember 2009 wurde der Vertrag über die Lieferung von Fahrzeugen für die Verkehrsausschreibung „Netz Stadtbahn“ des VBB für die ODEG unterschrieben. Der Auftrag beinhaltete u. a. die Lieferung eines einteiligen Dieseltriebwagens des Typs Regio-Shuttle RS 1, der zum Fahrplanwechsel 2011 seinen Betrieb auf der RB 35 Fürstenwalde (Spree)–Bad Saarow Klinikum aufnahm.Stadler Rail PR, 11. Januar 2010: Eurailpress.de, 28. Juli 2009: VBB/Netz Stadtbahn: Zuschlag erteilt – ODEG fährt mit Stadler-Fahrzeugen Im Jahr 2010 bestellte die Rurtalbahn GmbH fünf Regioshuttles, die seit Mitte 2011 auf den Strecken Düren–Heimbach, Jülich–Düren bzw. Jülich–Linnich eingesetzt werden.Eurailpress.de, 20. April 2010:

Im Juli 2010 erhielt Stadler vom Zweckverband Strohgäubahn einen Auftrag über die Lieferung von acht Triebwagen. Damit hatte Stadler Pankow das 450. Fahrzeug dieses Typs verkauft. Die Auslieferung der Fahrzeuge erfolgte ab Anfang 2012. Der Fahrgastbetrieb durch die Württembergische Eisenbahn-Gesellschaft mbH (WEG) wurde noch in der ersten Jahreshälfte 2012 aufgenommen.Stadler Rail PR, 19. August 2010: Der 450. Dieseltriebwagen Typ Regio-Shuttle RS1 ist verkauft Die Erfurter Bahn bestellte im Jahr 2010 RS 1 für den Einsatz auf acht Bahnlinien in Ostthüringen.OTZ.de, 28. Oktober 2010: Grünes Licht für Erfurter Bahn 37 Fahrzeuge wurden ab 2012 in Betrieb genommen.OTZ.de, 9. Februar 2012: Erfurter Bahn bekommt erste Züge für Dieselnetz Ostthüringen Im Juli 2011 gab die Bodensee-Oberschwaben-Bahn die Bestellung von zwei weiteren RS 1 bekannt, die zum Mai 2013 einsatzbereit waren.Geschichte Bodensee-Oberschwaben-Bahn Die Vogtlandbahn übernahm am 10. Februar 2012 den ersten von acht neuen Triebwagen des Typs RegioShuttle RS 1 vom Hersteller Stadler Pankow GmbH für das „Vogtlandnetz 2012“, die seit Dezember 2012 im Einsatz stehen.Eisenbahnkurier: Überführung des ersten neuen RegioShuttles für die Vogtlandbahn nach Neumark, 3. März 2012 Die Regioshuttles der Vogtlandbahn mit Scharfenbergkupplungen sind zusätzlich nach BOStrab ausgestattet, sie verfügen über Blinker, Brems- und Abblendlicht.

Seit 2014 befinden sich keine Triebwagen mehr in Produktion, seit 2016 wird der Regio-Shuttle RS 1 auf der Internetsite von Stadler nicht mehr angeboten. Das letzte Fahrzeug war der 650 567 der HANSeatischen Eisenbahn im Jahr 2014, der 2009 in Nassenheide durch einen Brand mit einem gekuppelten Triebwagen beschädigt und später wieder vollständig neu aufgebaut wurde.

Einsätze

Aktuelle Einsatzbereiche

Deutsche Bahn

mini|DB 650 322 in Radolfzell Die Deutsche Bahn (DB) begann 1999 damit, 79 Fahrzeuge der Baureihe 650 in Dienst zu stellen. Stand Juni 2005 fuhren bei der DB 74 Einheiten. Sie werden als 650 001–027, 100–122, 201–203 und 301–321 bezeichnet. Die 650 100–119 sowie 201–203 wurden vom Land Baden-Württemberg finanziert. Die 650 001–027 und 100–122 sind baugleich, die 650 201–203 (ohne Toiletten, für mehr Stellplätze) sowie 650 301–321 sind Radwander-Fahrzeuge, ansonsten aber baugleich mit den anderen Regio-Shuttles. Die Fahrzeuge wurden von Tübingen, Friedrichshafen und Ulm aus von der DB-Tochtergesellschaft DB ZugBus Regionalverkehr Alb-Bodensee (RAB) eingesetzt. Seit der Einstellung des Geschäftsfeldes Schiene am 31. Dezember 2021 gehören diese Triebwagen nun zu DB Regio. Ab Ende 2019 wurden die Fahrzeuge modernisiert, wobei die Einrichtung verändert und die Wagen mit einem Ruhebereich und WLAN ausgestattet wurden.

Seit 2007 fahren auch die 650 322–327, die von DB Regio Bayern finanziert sind. Außerdem hatte die Westfrankenbahn einen Triebwagen von der Kahlgrund Verkehrs-GmbH gemietet, der die Nummer 650 997 trug. Dieser Wagen wurde zwischenzeitlich an die Südostbayernbahn weitervermietet und wurde seit 2008 auf der Traun-Alz-Bahn zwischen Traunstein und Traunreut eingesetzt. Zum 1. Januar 2014 endete der Mietvertrag zwischen WFB und KVG, und wenig später wurde das Fahrzeug von der KVG verkauft. Seit Dezember 2016 fahren die 650 319–327 auf der Bahnstrecke Günzburg–Mindelheim. Diese Triebwagen sind in Kempten beheimatet.

Im Juni 2023 waren noch 64 Triebwagen im Einsatz. Weitere Fahrzeuge stehen abgestellt im Stillstandsmanagement Leipzig-Engelsdorf.

Agilis

mini|Kurz nach Inbetriebnahme steht der VT 650.704 in Burgkunstadt Für das Dieselnetz Oberfranken, das Agilis 2008 gewonnen hatte, brauchte das Unternehmen neue Züge und entschied sich für einteilige Dieseltriebwagen der Baureihe 650. Sie waren erstmals im Juni 2011 im Einsatz, bis Dezember 2012 wurden weitere Triebwagen in Betrieb genommen. Insgesamt besitzt Agilis mittlerweile 42 Stück, 4 davon sind gebrauchte Fahrzeuge der Firma ODEG mit MAN-Motoren. Die anderen 38 Stück, die Agilis damals neu gekauft hat, sind mit Iveco-Motoren ausgestattet. Die Fahrzeuge sind alle in den Farben Dunkelgrau-Hellgrau mit hellgrüner Front und Türen lackiert. Einige Regio-Shuttles besitzen einen Taufnamen einer Stadt, der Wagen 650 753 trug im Jahr 2016 eine Werbung für die Landesgartenschau Bayreuth.

Die Fahrzeuge sind seit Ende 2023 mit WLAN und erweiterter Fahrgastinformation ausgestattet.

Am 11. März 2026 stießen in Bayreuth Hbf die Triebwagen 650 724 und 650 736 bei einer Flankenfahrt zusammen. Beide Fahrzeuge erlitten einen Totalschaden in Höhe von 3,4 Mio. Euro.

Ostdeutsche Eisenbahn

mini|BR 650 der ODEG in Fürstenwalde (Spree)