miniatur|Polykarp Leyser d. Ä. 1602 mini|hochkant|Porträt des alten Leyser Polykarp (von) Leyser der Ältere (* 18. März 1552 in Winnenden; † 22. Februar 1610 in Dresden; auch Polykarp Leyser I.) war ein lutherischer Theologe, Superintendent von Braunschweig, Generalsuperintendent des sächsischen Kurkreises, Professor der Theologie in Wittenberg, kursächsischer Oberhofprediger und Konsistorialrat von Sachsen.

Leben Bildungsweg Polykarps Vater, Magister Kaspar Leyser (* 20. Juli 1526; † Ende 1554 in Nürtingen), war Pfarrer in Winnenden, später in Nürtingen. Er trat an der Seite von Jacob Andreae dafür ein, die Kirchenzucht gänzlich in die Hände der Pfarrer zu legen, was auf Einrichtung von Gemeindekonsistorien hinausgelaufen wäre. Dabei unterhielten beide Kontakt zu Johannes Calvin, der ihren Vorstellungen jedoch reserviert gegenüberstand. Immerhin gelang es ihnen, die Zustimmung des Herzogs Christoph von Württemberg zu erhalten. Da allerdings Johannes Brenz davor warnte, die in der Württemberger Territorialkirche zentralisierte Kirchenzucht aufzugeben, kam der Plan nicht zur Ausführung.

Polykarp Leysers Mutter Margarethe war eine Tochter des Tübinger Kaufmanns Johannes Entringer und eine Schwägerin Jakob Andreaes. Nachdem Kaspar Leyser 1554 gestorben war, heiratete seine Witwe schon bald Lucas Osiander den Älteren. 1556 verzog die Familie nach Blaubeuren, wo Leyser die Klosterschule besuchte und mit den drei Söhnen seines Stiefvaters aufwuchs. 1562 übersiedelte er auf das Stuttgarter Pädagogium. Nach dem Tod seiner Mutter 1566 entsandte ihn sein Stiefvater auf die Universität Tübingen, wo er als herzoglicher Stipendiat protestantische Theologie studierte.

In Tübingen lernte er Ägidius Hunnius kennen, mit dem ihn bald eine tiefe Freundschaft verband. 1570 erwarb er den akademischen Grad eines Magisters und wurde kurz darauf Stiftsrepetent. Theologisch beeinflusst wurde er während dieser Zeit vor allem von Jacob Heerbrand, Andreae und Dietrich Schnepf. Leyser zeichnete sich durch hervorragende Prüfungsergebnisse aus. Daher ließ ihn Andreae 1572 bereits öffentlich über die Rechtfertigungslehre disputieren. Anfang des Jahres 1573 wurde er ordiniert übernahm ein Pfarramt im niederösterreichischen Göllersdorf. Hier trat er mit dem kaiserlichen Rat und Erbtruchsess Michael Ludwig von Puchheim (1512–1580) in Verbindung, der ihn mit dem Hofleben unter Maximilian II. vertraut machte. Alsbald wurde man auf ihn in Graz aufmerksam und wollte ihn für dortige Aufgaben gewinnen, jedoch rieten Osiander und Puchheim ab. Stattdessen ging er zurück nach Tübingen, wo er am 16. Juli 1576 gemeinsam mit seinem Freund Hunnius zum Doktor der Theologie promovierte. Zunächst hatte Leyser nur geringe Berufsaussichten, was sich jedoch schon bald ändern sollte.

Wittenberger Zeit In Wittenberg hatte es an der Universität durch die Auseinandersetzungen um den Sturz der Philippisten seit 1574 einschneidende personelle Veränderungen gegeben. Diese waren teilweise von tumultartigen Unmutsäußerungen gegen die Lehrkräfte begleitet. So wandte man sich nach dem Tod des einstigen Vorstehers der theologischen Fakultät Kaspar Eberhard im Oktober 1575 zunächst an David Chytraeus mit der Bitte, die Generalsuperintendentur in Wittenberg zu übernehmen, der jedoch ablehnte. Daraufhin berief man Leyser im November desselben Jahres als Generalsuperintendent nach Wittenberg. Mit dieser Stelle war das Pfarramt an der Stadtkirche Wittenberg verbunden.

Leyser wurde zunächst von seinem Landesherrn Herzog Ludwig von Württemberg für zwei Jahre an Kurfürst August von Sachsen ausgeliehen. Am 20. Januar 1577 hielt er eine Probepredigt in Dresden. Am 3. Februar folgte seine feierliche Einführung in Wittenberg. Leyser begab sich sodann über Dresden zurück nach Österreich,Brief von Polykarp Leyser an Jakob Andreae in Tübingen vom 2. März 1577 aus Göllersdorf. In: Adam Rechenberg (Hrsg.): Sylloge epistolarum B. D. Polycarpi Lyseri … ex Mss. … eruta et in unum Volumen congesta. Lanck Nachf., Leipzig 1706, S. 237–248 (Google-Books, Google-Books). um „seine Sachen abzuholen“. Am 12. Mai war er wieder in Wittenberg und nahm nun seine Amtsgeschäfte auf. Dass ein 25-Jähriger plötzlich im höchsten kirchlichen Amt in Wittenberg stand, ohne vorher theologisch in Sachsen aufgefallen zu sein, erregte allgemeines Aufsehen. Als er dann auch noch am 8. Juni Professor an der theologischen Fakultät wurde und am 20. November 1577 gar Mitglied des Konsistoriums, unterstellten ihm einige Personen Vetternwirtschaft.

Jedoch konnte Leyser sich durch seine besänftigende Haltung bei der Vertreibung der sächsischen Kryptocalvinisten und bei der Reorganisation der Wittenberger Universität solche Verdienste erwerben, dass auch seine Kritiker bald in den Hintergrund traten. Vor allem kamen ihm rhetorische Fähigkeiten und eine anspruchslose und zuverlässige Art zugute. Diese erhöhten seine Popularität unter den Studenten, zu denen auch Philipp Nicolai und Johann Arndt gehörten. Leysers Fähigkeiten zeigten sich auch bei Ausarbeitung der Konkordienformel, die 1580 im Konkordienbuch erschien. Dabei entwickelte er enge Kontakte zu Martin Chemnitz und Nikolaus Selnecker. Gemeinsam mit letzterem wurde er beauftragt, die Unterschriften einer dafür einberufenen Kommission in Kursachsen zur Konkordienformel, die er selbst am 25. Juni 1577 als erster Geistlicher des Kurkreises unterschrieben hatte, einzuholen.

Alsbald nahm er an den bedeutenden theologischen Konventen in Sachsen teil und bewährte sich als Protokollant derselben. Den Wittenberger Neidern war ein Außenstehender immer ein Dorn im Auge. Um ihnen die Grundlage zu entziehen, heiratete er im März 1580 die Einheimische Elisabeth Cranach. Die im Wittenberger Rathaus stattfindende Hochzeit wurde allerdings durch studentische Ausschreitungen und ausschweifende Trinkgelage überschattet, die die zuständigen Stellen noch später beschäftigen sollten.

1581 finden wir Leyser als Visitator der sächsischen Kurkreise wieder, wobei er sich vor allem dem niederen Schulwesen und den Fürstenschulen in Meißen, Schulpforta und Grimma widmete. Publizistisch erschienen von ihm während dieser Zeit lediglich Leichenpredigten und Disputationen. Vor allem aber machte ihm der Widerstand gegen die Konkordienformel zu schaffen. Tilemann Hesshus war während dieser Zeit sein erbitterter Gegner bei Durchsetzung der Ubiquitätslehre. Die Streitigkeiten wurden auf Kolloquien ausgetragen, so 1583 in Quedlinburg, wo er den letzten großen Auftritt seines einstigen Mentors Chemnitz miterlebte. Als dieser am 9. September 1584 aus dem Amt des braunschweigischen Superintendenten schied, wollten die Braunschweiger Leyser als neuen Superintendenten verpflichten. Er lehnte jedoch auf Rat Selneckers ab, da er sich seinem Dienstherrn August von Sachsen verpflichtet sah.

Als August 1586 starb – die Leichenpredigt hielt ihm Leyser –, wendete sich das Blatt mit Antritt des neuen Kurfürsten Christian I., der zum Calvinismus tendierte und diesen schleichend durchsetzte. So befreite er die Pfarrer von der Pflicht, die Konkordienformel bei der Ordination zu unterschreiben, was auch auf das Lehrpersonal ausgedehnt worden war. Leyser, der als wichtigster Vertreter des Konkordienluthertums unter August von Sachsen galt, war zudem zunehmend Anfeindungen Nikolaus Krells und Johann Majors ausgesetzt, die wachsenden Einfluss auf die Universitäts- und die Konsistorialangelegenheiten ausübten. Über diese Anfeindungen war Leyser derart erbost, dass er die Studenten davor warnte, unter Major den Magistertitel zu erwerben. Als der Calvinist Matthias Wesenbeck in der Schlosskirche zu Füßen Martin Luthers beigesetzt wurde und Leyser in seiner Leichenpredigt behauptete, dieser habe sich vor seinem Tod vom Calvinismus losgesagt und sei gut lutherisch gestorben, kam es zu einem Eklat, der Leyser noch bis in seine Braunschweiger Zeit begleiten sollte.

Braunschweiger Zeit In Braunschweig war es 1587 zu theologischen Auseinandersetzungen mit den dortigen Stadtsuperintendenten gekommen, so dass man sich erneut an Leyser wandte, um durch sein Kommen eine Klärung der Angelegenheit herbeizuführen. Krell unterstützte diesen Antrag, um seinen unliebsamen Gegner im sächsischen Wittenberg loszuwerden, und erwirkte die Einwilligung des Kurfürsten, der zwar nicht gerade über den Fortgang von Leyser erfreut war, aber dennoch im August 1587 die Entlassung gewährte. Nachdem Leyser sich bereits erstmals im September nach Braunschweig begeben hatte, wurde seine endgültige Abreise im Dezember von Protesten begleitet, die in seinem Abzug ein Vordringen des Calvinismus sahen.

Am 17. Dezember 1587 hielt Leyser seine Antrittspredigt in Braunschweig an der St. Aegidien-Kirche und wurde Koadjutor des Superintendenten, den er alsbald verdrängte, was es ihm erleichterte, sich als energischer Verteidiger der Ubiquitätslehre zu erweisen. Am 22. Dezember erfolgte die offizielle Anstellung. Leyser setzte in seiner Braunschweiger Zeit durch, dass die Konkordienformel ein Bestandteil der dortigen Kirchenordnung wurde. Von Braunschweig aus musste er mitverfolgen, wie seine Errungenschaften in Kursachsen durch die Calvinisten konsequent rückgängig gemacht wurden. So schränkte man die kirchliche Aufsicht über die Fürstenschulen ein, erließ eine neue Kirchen- und Schulordnung sowie eine neue Konsitorialordnung und hob das Oberkonsistorium in Dresden auf. Man vertrieb die Lutheraner aus ihren Ämtern und setzte Vertreter des Calvinismus ein. Leyser, der dieses Treiben beenden wollte, reiste deshalb nach Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar und Rostock, um Verbündete für seinen Kampf gegen den Calvinismus zu suchen.

1591/92 trat Leyser im Streit um die Abschaffung des Exorzismus bei der Taufe auf und stritt in dieser Frage besonders mit seinem Wittenberger Amtsnachfolger Urban Pierius. Als die Taufriten im Fürstentum Anhalt-Bernburg dennoch geändert wurden, hielt Leyser eine flammende Verteidigung von Luthers Taufbüchlein. Die calvinistischen Theologen Anhalts antworteten daraufhin mit einem Angriff auf den bereits verstorbenen Chemnitz. Leyser reagierte mit einer sehr emotionalen „Rettung der Ehre, des Glaubens und Bekenntnisses Herrn Dr. Martini Chemniti […] welcher von den Anhältern und Calvinisten gelästert, als wenn er vor seinem Ende von seiner Bekenntnis abgefallen wäre“ (Magdeburg 1592) und fand in den Kreisen der Braunschweiger Theologen weitgehende Unterstützung.

Inzwischen hatte sich die Lage durch den Tod Christians I. von Sachsen erneut geändert. Friedrich Wilhelm I. (Sachsen-Weimar) hatte die Amtsgeschäfte für den noch minderjährigen Christian II. von Sachsen übernommen und änderte die Religionspolitik wieder in die Bahnen des einstigen Kurfürsten August zurück. Dadurch verloren die calvinistischen Kräfte ihren Einfluss in der sächsischen Religionspolitik. Man griff rasch wieder auf Leyser zurück und machte ihm bereits im Oktober 1591 durch Georg Mylius den Vorschlag, in den kursächsischen Kirchendienst zurückzukehren. Der calvinistische Generalsuperintendent wurde abgesetzt und Leysers Schwager Augustin Cranach nach Braunschweig entsandt, um Leyser zur Rückkehr nach Wittenberg zu bewegen.

Jedoch verblieb Leyser weiter in Braunschweig, auch ein Angebot der Leipziger Generalsuperintendentur mit dem Pfarramt an der St. Nicolaikirche schlug er aus. Im Sommer 1592 begannen Verhandlungen mit den Vertretern Wittenbergs und Braunschweigs über eine Entlassung aus den Braunschweiger Diensten. Da die Braunschweiger Bürger im Abwandern Leysers eine Intrige seiner Gegner sahen, kam es zu Volksaufläufen. Im April 1593 einigte man sich darauf, dass Leyser für zwei Jahre nach Wittenberg gehen und nebenbei die Braunschweiger Superintendentur behalten sollte. Leyser musste geloben, im April 1595 nach Braunschweig zurückzukehren und einmal im Jahr das ganze Kirchenwesen zu visitieren. Um die Erfüllung dieser Vereinbarungen zu sichern, musste er seinen Hausrat in der Stadt belassen.