Die Schönbuchbahn ist eine 17 Kilometer lange Nebenbahn in Baden-Württemberg, die von Böblingen nach Dettenhausen führt.
Die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen nahmen die Stichstrecke 1910 und 1911 in Betrieb. 1965 und 1966 stellte die Deutsche Bundesbahn (DB) den Personenverkehr ein, 1990 auf dem Großteil der Strecke auch den Güterverkehr. Sie wurde 1996 im Schienenpersonennahverkehr reaktiviert sowie 2016 bis 2018 elektrifiziert und abschnittsweise zweigleisig ausgebaut.
Die Strecke wird von der Württembergischen Eisenbahngesellschaft (WEG) betrieben, Eisenbahninfrastrukturunternehmen ist der nichtbundeseigene Zweckverband Schönbuchbahn (ZVS). Im Jahr 2013 wurde bei bis zu 8.000 Fahrgästen pro Tag eine Betriebsleistung von rund 400.000 Zugkilometern erbracht.
Geschichte Staatsbahnzeit Um die zwischen Stuttgart und Tübingen gelegene Schönbuchlichtung für den Schienenverkehr zu erschließen, planten die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen den Bau einer Nebenbahn vom Bahnhof Böblingen über Holzgerlingen und Weil im Schönbuch nach Dettenhausen. Nachdem 1909 mit dem Bau begonnen worden war, konnte die erste Teilstrecke von Böblingen bis Weil im Schönbuch am 16. Oktober 1910 in Betrieb genommen werden. Der zweite Abschnitt bis Dettenhausen folgte am 29. Juli 1911.
Im Keilbahnhof Schönaicher First – heute Haltepunkt Böblingen Zimmerschlag – zweigte zwischen 1922 und 1959 eine Stichstrecke nach Schönaich ab.
Im Zuge der Einschränkungen auf den Nebenstrecken der Deutschen Bundesbahn fuhren zwischen Böblingen und Dettenhausen ab 29. Mai 1965 keine reinen Personenzüge mehr, den überwiegenden Teil des Reiseverkehrs übernahmen Bahnbusse. Nur ein Güterzug mit Personenbeförderung (GmP) verkehrte noch bis Ende September 1966,Fakten zur Schönbuchbahn Böblingen-Dettenhausen – Ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Streckenreaktivierung auf vcd-bayern.de, abgerufen am 5. Januar 2020 wobei in jenem Jahr nur noch 90 Reisende täglich die Strecke nutzten. Danach fuhren nur noch reine Güterzüge, 1988 beantragte die Deutsche Bundesbahn schließlich die Streckenstilllegung. Nachdem der Landkreis Böblingen aber Interesse an der Übernahme der Strecke zeigte, verfolgte diese ihre Stilllegungsabsichten aber nicht weiter. Letztlich endete der Güterverkehr zwischen Schönaicher First und Dettenhausen dann zum 28. April 1990, wurde bis Schönaicher First aber bis in die 2000er Jahre aufrechterhalten. Der Abschnitt Schönaicher First–Dettenhausen wurde damals nicht entwidmet, sondern war fortan lediglich außer Betrieb.
Übernahme durch den Zweckverband Schönbuchbahn Die Bevölkerung entlang der Strecke wollte sich mit der Einstellung des Personenverkehrs und der drohenden Gesamtstilllegung nicht abfinden. Jedoch hatten die zahlreichen Aktionsgemeinschaften, Resolutionen und Beschlüsse der Gemeinderäte der Anliegergemeinden in den Jahren 1959 bis 1986 keinen Erfolg. Erst am 30. Mai 1988 kam neue Bewegung in die Angelegenheit. Der Landkreis Böblingen und der Landkreis Tübingen beauftragten die Württembergische Eisenbahngesellschaft mit der Erstellung eines Gutachtens über die Möglichkeiten einer Wiederaufnahme des Personenverkehrs auf der Schönbuchbahn. Dieses Gutachten vom September 1989 prognostizierte 2500 Fahrgäste täglich, 25 Prozent mehr als beim Omnibusverkehr.Beispiele die Wege zeigen – Die 17 Kilometer lange Schönbuchbahn von Böblingen nach Dettenhausen ist das Musterbeispiel für ein attraktives Bahnkonzept schlechthin. auf schnaittachtalbahn.de, abgerufen am 2. Januar 2020.
Daraufhin befürwortete im Herbst 1992 das Verkehrsministerium Baden-Württemberg die Wiederinbetriebnahme und stufte das Vorhaben als förderungswürdig ein. Als Träger eines künftigen Bahnbetriebs beschlossen die Landkreise Böblingen und Tübingen im Juli beziehungsweise Oktober 1993 die Reaktivierung der Strecke und gründeten hierzu am 21. Dezember 1993 den Zweckverband Schönbuchbahn (ZVS), an welchem der Landkreis Böblingen 80 Prozent und der Landkreis Tübingen 20 Prozent Anteil haben. Dieser kaufte am 28. Dezember 1993 die Strecke zum symbolischen Preis von einer D-Mark zuzüglich Mehrwertsteuer von der Deutschen Bundesbahn ab. Anschubmittel für unterlassene Instandsetzungen am Fahrweg und sonstige Starthilfen wurden nicht gewährt. Nach einer beschränkten Ausschreibung zum Bau und Betrieb der Bahn, zu der sechs Verkehrsunternehmen Angebote abgaben, darunter die Deutsche Bahn AG, erhielt die Württembergische Eisenbahn-Gesellschaft (WEG) am 6. Juli 1994 den Zuschlag. In der Ausschreibung waren 27 Zugpaare montags bis freitags, 14 an Samstagen und sechs an Sonn- und Feiertagen gefordert.
1995 begann die WEG mit dem umfassenden Ausbau der Streckeninfrastruktur, der 14,6 Millionen Euro kostete und mit Mitteln des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG) gefördert wurde. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:
Ertüchtigung des Gleiskörpers und Anhebung der Streckengeschwindigkeit von 50 auf 80 km/h Neubau von sechs Stationen für möglichst kurze Fußwege zum nächsten Haltepunkt, darunter Holzgerlingen Nord als Kreuzungsbahnhof mit Rückfallweichen Ertüchtigung von sechs vorhandenen Stationen Ausrüstung aller zwölf Stationen mit 76 Zentimeter hohen Bahnsteigen für stufenloses Einsteigen sowie neuen Wartehäuschen technische Sicherung von zwölf Bahnübergängen mit Schranken oder Ampelanlagen Rückbau von fünf Bahnübergängen von Fuß- und Radwegen zu Umlaufsperren Schließung von vier Bahnübergängen Bau einer Unterführung anstelle eines Bahnübergangs Sanierung beziehungsweise Neubau von sechs Brücken Herstellung von vier Gleisanschlüssen für den Güterverkehr Bau einer Fahrzeugunterstellhalle mit Werkstatt in Dettenhausen Einrichtung von Zugleitfunk Aufstellung von Fahrkartenautomaten
mini|Bei Wiedereröffnung im Jahr 1996 konnte der Böblinger Hausbahnsteig für die Schönbuchbahn nur partiell erhöht werden Im Rahmen der Wiedereröffnung wurden außerdem Park-and-ride-Anlagen gebaut. Lediglich im Bahnhof Böblingen konnte der von der Schönbuchbahn genutzte Hausbahnsteig (Gleis 1) nur partiell erhöht werden, so dass dort nur der erste Einstieg in Fahrtrichtung Dettenhausen barrierefrei war.
Wiedereröffnung Am 28. September 1996 konnte die Schönbuchbahn feierlich wiedereröffnet werden; aus technischen Gründen wurde der fahrplanmäßige Betrieb aber erst am 1. Dezember 1996 wieder aufgenommen. Die Reisezeit auf der Gesamtstrecke betrug damals 24 Minuten; es galt folgendes Fahrplanangebot:
Montag bis Freitag: 30-Minuten-Takt von 5:02 bis 22:02 Uhr, danach Stundentakt bis Betriebsschluss um 0:02 Uhr Samstag: Betriebsbeginn 7:02 Uhr, 30-Minuten-Takt von 8:02 bis 16:02 Uhr, danach Stundentakt bis Betriebsschluss um 0:02 Uhr Sonn- und Feiertage: Stundentakt von 8:02 bis 22:02 Uhr
Im Bahnhof Böblingen besteht seither Anschluss an die Stuttgarter S-Bahn, in Dettenhausen an Regionalbusse in Richtung Tübingen und Flughafen. Die Schönbuchbahn wurde im Zuge der Wiedereröffnung in den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) integriert und von diesem zunächst als Linie R72 bezeichnet. Hierbei wurde auch die Gemeinde Dettenhausen ins Tarifgebiet des VVS aufgenommen, obgleich im Landkreis Tübingen liegend.
Am ersten Werktag nach Wiedereröffnung, dem 2. Dezember 1996, wurden 3740 Fahrgäste gezählt. Zuvor waren auf der Busverbindung entlang der Strecke 2000 Fahrgäste pro Tag gezählt worden. Mitte 2000 wurden durchschnittlich 5500 Fahrgäste gezählt, die Züge waren oft überfüllt. Eine Verdichtung des Takts war auf der eingleisigen Strecke mit einer Ausweichstelle jedoch nicht möglich. So wurden 2001 die Bahnsteige verlängert, sodass auch dreiteilige Triebwagenzüge – hauptsächlich im Schülerverkehr – gefahren werden konnten, und die Wagenhalle in Dettenhausen vergrößert.
Während der Sommerferien 2003 wurde der Verkehr erstmals vorübergehend im Schienenersatzverkehr erbracht, um dringend notwendige Sanierungsarbeiten durchführen zu können. Bei der ersten Sanierung der Strecke wurden alte, noch brauchbare Schienen und Schwellen benutzt, die durch neues Material ersetzt wurden. Außerdem wurden mehrere Problemstellen im Unterbau, hauptsächlich an Bahndämmen und Brücken, beseitigt. Im Frühjahr 2003 wurden werktags 6800 Fahrgäste gezählt. Im April 2008 benutzten täglich über 7400 Fahrgäste die Schönbuchbahn.Sybille Schurr: Schönbuchbahn soll schneller werden, Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung. 29. Juli 2009.
2010 wurden im Nordabschnitt der Strecke 4200 Reisende pro Tag gezählt und bis 2025 ein Anstieg auf 6200 Fahrgäste pro Tag erwartet. Die Umsteigemöglichkeiten verbesserten sich in Böblingen ab Juni 2010 mit dem Anschluss an die S-Bahn S60 in Richtung Renningen.
Im Jahr 2011 wurden die Fahrkartenautomaten an den Stationen abgebaut und stattdessen neue in den Triebwagen installiert.
Elektrifizierung und partieller zweigleisiger Ausbau In den 2000er Jahren stiegen die Fahrgastzahlen auf der Strecke weiter. Im Jahr 2012 wurden an Werktagen schon über 10.000 Fahrgäste befördert. Deshalb wurde seit 2009 angestrebt, die Strecke mit 15 kV Wechselstrom zu elektrifizieren und zwecks Einrichtung eines 15-Minuten-Takts bis Holzgerlingen die Abschnitte Böblingen – Böblingen, Danziger Straße sowie Böblingen, Zimmerschlag – Holzgerlingen, Hülben zweigleisig auszubauen.Eisenbahn-Magazin 10/2009, S. 22. Auf dem Restabschnitt bis Dettenhausen sollte es beim 30-Minuten-Takt bleiben. Ebenso waren die Ertüchtigung für 100 km/h Höchstgeschwindigkeit, der Neubau der gesamten Signalanlagen sowie der Umbau aller Bahnsteige auf einheitlich 85 Meter Länge und 76 cm Höhe über Schienenoberkante vorgesehen.
Die Standardisierte Bewertung für den Ausbau ergab einen Nutzen-Kosten-Indikator von 1,42. Das Land Baden-Württemberg stellte damals Fördermittel in Höhe von 37,5 Millionen Euro in Aussicht, der Zweckverband Schönbuchbahn musste rund 38,5 Millionen Euro als Eigenanteil aufbringen. Am 9. März 2015 hatten der Verkehrsausschuss und am 10. März 2015 der Finanzausschuss des Kreistages dem Förderangebot des Landes zugestimmt.
Das Planfeststellungsverfahren geschah in vier Abschnitten: Neubau eines Betriebshofs mit Werkstatt und Stellwerk in Böblingen zwischen Bahnhof und Haltepunkt Danziger Straße. Umwandlung der Fahrzeughalle in Dettenhausen in eine reine Abstellhalle. Der Planfeststellungsbeschluss erging am 25. September 2015. Böblingen, Bahnhof bis Haltepunkt Zimmerschlag: Neubau eines zweiten Gleises vom Bahnhof Böblingen bis zum Streckenkilometer 1,55 und zweigleisiger Neubau des Haltepunkts Danziger Straße, Streckenkilometer 1,2 bis 1,3. Beseitigung des schienengleichen Bahnübergangs Herrenberger Straße in Böblingen. An dieser Stelle wurde die Straße unter der Bahntrasse durchgeführt. Haltepunkt Zimmerschlag bis Holzgerlingen, Bahnhof: Neubau eines zweiten Gleises zwischen Haltepunkt Zimmerschlag und Holzgerlingen Bahnhof und Neubau eines zweiten Bahnsteigs beim Haltepunkt Zimmerschlag. Aufgabe und Rückbau des Haltepunkts Holzgerlingen Nord, Ersatz durch den neuen Haltepunkt Holzgerlingen, Hülben circa 350 Meter weiter südlich. Rückbau des bestehenden Bahnsteigs im Bahnhof Holzgerlingen und Ersatz durch einen neuen Mittelbahnsteig. Beseitigung des schienengleichen Bahnübergangs Böblinger Straße in Holzgerlingen. Die Straße führt nun über die Bahntrasse. Der Planfeststellungsbeschluss zu den Abschnitten 2 und 3 erging am 16. Juni 2016. Holzgerlingen, Bahnhof bis Streckenende in Dettenhausen: Verlängerung der Bahnsteige, Verbesserungen der Gleislage und der Entwässerungsanlagen.