Die Geschichte der Musik oder auch Musikgeschichte ist die Darstellung der historischen Entwicklung von Musik und musikalischen Phänomenen. Traditionell umfasst sie unter anderem die historische Entwicklung des Gesangs und der Melodie, des Rhythmus, der Musikinstrumente, des Zusammenklangs und der Mehrstimmigkeit, der Harmonik und die Entwicklung der Schriftlichkeit und Vervielfältigung (Musik als Zeichensystem und Notation). Außerdem entwickelte die Musik eine Vielfalt von Darstellungsarten, Stilen und Ästhetiken, die ebenfalls Gegenstände der Musikgeschichte darstellen.
Die allgemeine Musikgeschichte ist einer der Forschungsgegenstände der Historischen Musikwissenschaft.
Musikgeschichtsschreibung Im englischsprachigen Raum war in den letzten Jahrzehnten die Darstellung A history of western music von Donald Jay Grout/Claude V. Palisca „allgegenwärtig“,Susan McClary: The World According to Taruskin. In: Music & Letters, Aug. 2006, 87/3 (2006), S. 408–415, hier 408. Hier ist nur der Autorenname genannt. Siehe aber auch: Melanie Lowe: Teaching Music History Today. Making Tangible Connections to Here and Now. In: Journal of Music History Pedagogy, 1/1 (2010), ISSN 2155-109X, S. 45–59, hier 45. Außerdem wird der Titel als wahrscheinlich bestes Werk für Beginner bezeichnet, um über Barockmusik zu lernen in John H. Baron: Baroque Musik. A Research and Information Gauide. Garland Publishing, New York/London 1993, S. 14. die vielleicht renommierteste Darstellung der europäischen Musikgeschichte sind jedoch die entsprechenden Bände des Neuen Handbuchs der Musikwissenschaft, herausgegeben in den 1980er Jahren von Carl Dahlhaus, der auch den Band über das 19. Jahrhundert und Teile über das 18. Jahrhundert verfasste.In seiner Übersicht über die Literatur über Musik des 17. und 18. Jahrhunderts nennt John H. Baron stets die jeweiligen Bände des Neuen Handbuchs der Musikwissenschaft an erster Stelle, Dahlhaus nennt er den brilliantesten Musikwissenschaftler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, siehe John H. Baron: Baroque Musik. A Research and Information Gauide. Garland Publishing, New York/London 1993, S. 18 und S. 23. In Grundlagen der Musikgeschichte reflektierte er die dabei auftretenden Probleme und fasste die Musikkultur als „Struktur von Strukturen“ wie „Kategorie des Verstehens von Musik als Nachvollzug von musikalischer Logik einerseits und Einfühlung in die Individualität und Originalität des Komponisten andererseits, das bürgerliche Konzertwesen als Institutionalisierung des Autonomiegedankens und zugleich […] als Konsequenz aus dem Warencharakter der Musik“ und diversen anderen Aspekten.Carl Dahlhaus: Grundlagen der Musikgeschichte. Laaber 2017, Wiederveröffentlichung des gleichnamigen Titels von 1977, S. 177f. Auch nach Jahrzehnten erscheint dieses Konzept für das europäische 19. Jahrhundert „passgenau“, jedoch nicht auf jede Musik anwendbar.Nikolaus Urbanek: „Gedanken zur Strukturgeschichte“. In: Friedrich Geiger/Tobias Janz (Hrsg.): Carl Dahlhaus’ Grundlagen der Musikgeschichte. Eine Re-Lektüre. Fink, Paderborn 2016, S. 179–209, hier 208.
Ob Musikgeschichte als Geschichte von Stilen, Werken und Gattungen geschrieben werden kann, oder ob der Kontext, in dem Musik erklang, rekonstruiert werden soll, ist Thema des aktuellen Diskurses.Friedrich Geiger/Tobias Janz: Vorwort. In: Friedrich Geiger/Tobias Janz (Hrsg.): Carl Dahlhaus’ Grundlagen der Musikgeschichte. Eine Re-Lektüre. Fink, Paderborn 2016, S. 7–9, hier 7. Vorherrschendes Konzept ist die Historisierung, also das Verstehen aus der historischen Situation heraus, gepaart mit Misstrauen gegenüber „geschichtlichen Großerzählungen“ und dem Bemühen um Gegenwartsbezug.Friedrich Geiger/Tobias Janz: „Verlust der Geschichte?“ Zur Aktualität von Dahlhaus‘ Musikhistorik. In: Friedrich Geiger/Tobias Janz (Hrsg.): Carl Dahlhaus’ Grundlagen der Musikgeschichte. Eine Re-Lektüre. Fink, Paderborn 2016, S. 11–39, hier 34. Historisierung bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf später entwickelte Konzepte, die in Aspekten älterer Musik schon angelegt sind, in der damaligen Begrifflichkeit aber noch nicht dargestellt wurden.Friedrich Geiger/Tobias Janz: „Verlust der Geschichte?“ Zur Aktualität von Dahlhaus‘ Musikhistorik. In: Friedrich Geiger/Tobias Janz (Hrsg.): Carl Dahlhaus’ Grundlagen der Musikgeschichte. Eine Re-Lektüre. Fink, Paderborn 2016, S. 11–39, hier 36.
Auch für die Musikgeschichtsschreibung existiert nach wie vor eine westliche Dominanz als Erbe des Kolonialismus, das zeigt sich etwa darin, dass afrikanische Musik vorwiegend von westlichen Musikethnologen erforscht wird, während in einigen afrikanischen Ländern die westliche Musikgeschichte dominiert.Friedrich Geiger/Tobias Janz: „Verlust der Geschichte?“ Zur Aktualität von Dahlhaus‘ Musikhistorik. In: Friedrich Geiger/Tobias Janz (Hrsg.): Carl Dahlhaus’ Grundlagen der Musikgeschichte. Eine Re-Lektüre. Fink, Paderborn 2016, S. 11–39, hier 16.
Gliederung der europäischen Musikgeschichte
Die Konstruktion von Epochen soll eine sinnvolle Aufeinanderfolge ergeben, „auf bestimmte Ziele, weite Bögen oder herausfordernde Widersprüche gerichtet“ sein.Gernot Gruber: Kulturgeschichte der europäischen Musik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2020, ISBN 978-3-7618-2508-2 (Bärenreiter), ISBN 978-3-662-61629-1 (Metzler), S. 2. Jeder musikalische Epochenbegriff ist allerdings insofern problematisch, als er den Eindruck erwecken kann, verschiedene Stile hätten sich in der Geschichte unmittelbar und vollständig abgelöst. Es ergeben sich Abgrenzungsprobleme, denn es gab stets gleichzeitige stilistische Strömungen, die wenig gemeinsam hatten (oft auch einander widersprachen), fließende Übergänge und nur regional bedeutsame Stile. Dass Eigenschaften zur Charakterisierung einer Epoche benannt werden, die bereits vor Beginn und auch noch nach Ende des Epochen-Kerns existierten, muss aber nicht ihre Bedeutung für die Definition schmälern, da musikalische Epochen graduell und nicht plötzlich entstehen.John H. Baron: Baroque Musik. A Research and Information Gauide. Garland Publishing, New York/London 1993, S. xvii f.
Das Lexikon Die Musik in Geschichte und Gegenwart gliedert in seiner ersten Ausgabe nach Epochen, die Darstellung wurde auch separat als Epochen der Musikgeschichte in EinzeldarstellungenEpochen der Musikgeschichte in Einzeldarstellungen. Bärenreiter, Kassel 1974. veröffentlicht, dort mit den Kapiteln Ars antiqua, Ars nova, Humanismus, Renaissance, Barock, Klassik, Romantik und Neue Musik. Die heutige Musikwissenschaft distanziert sich vom Epochenbegriff, die aktuelle Reihe Bärenreiter Studienbücher Musik behält aus pragmatischen Gründen dennoch diese Gliederung bei.Bsp.: Melanie Unseld: Musikgeschichte „Klassik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2022. Lorenz Luyken: Musikgeschichte „Romantik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2023. Dem Begriff der „Epoche“ wird mitunter „period“Don Michael Randel (Hrsg.): The Harvard dictionary of music. 4. Auflage 2003, ISBN 0-674-01163-5, S. 183f. oder der „zeitliche Abschnitt“Melanie Unseld: Musikgeschichte „Klassik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2022, S. 7. vorgezogen, wobei unscharfe Grenzen und Überlappungen betont werden. Gernot Gruber setzt 2020 in den Kapitelüberschriften seiner Kulturgeschichte der europäischen Musik die „musikalische Klassik“ in Anführungszeichen, Frühbarock und Hochbarock nicht.Gernot Gruber: Kulturgeschichte der europäischen Musik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. E-Book-Version, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin 2020. Oft wird die Musikgeschichte aber einfach in Jahrhunderte gegliedert.Bspw. Richard Taruskin: Oxford History of Western Music. Oxford University Press, 2005.
Die gebräuchlicheMelanie Unseld: Musikgeschichte „Klassik“. Bärenreiter, Kassel et al. 2022, Buchrückseite. Epochen-Einteilung der europäischen Musikgeschichte kommt mit ihrer Konvention der kurzen Bezeichnungen der „Kommunikation vieler Menschen, die ihre gemeinsame Geschichte auch gemeinsam haben und verstehen und also beschrieben haben wollen“ entgegen:Arnold Feil: Metzler Musik Chronik. 2., erweiterte Auflage, Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02109-0, S. 850. Prähistorische Musik Musik des Altertums Klassische Musik Mittelalter (ab der Hochgotik, etwa 13./14. Jahrhundert) Renaissance (15. bis 16. Jahrhundert) Barock (ca. 1600 bis 1750) Klassik (ca. 1720 bis 1830) Romantik (19. und frühes 20. Jahrhundert) Neue Musik, Moderne und Postmoderne Impressionismus (ca. 1890 bis 1920) Expressionismus (ca. 1906 bis 1930) Atonale Musik (ca. ab 1906) Zweite Wiener Schule Neoklassizismus Serielle Musik Aleatorik Musique concrète Klangflächenkomposition Polystilistik Minimal Music Post-Minimalismus Neue Einfachheit New complexity Musique spectrale Konzeptmusik
Jazz, Popularmusik Jazz (seit dem 19. Jahrhundert) Oldtime Jazz Klassischer Jazz Modern Jazz Free Jazz Fusion (Musik) Pop- und Rockmusik (mit Unterteilung nach Jahrzehnten)
Frühe Entwicklungen
Die anatomischen Voraussetzungen für einen differenzierten Gesang haben sich vermutlich vor rund zwei Millionen Jahren entwickelt, als sich mit Homo ergaster der aufrechte Gang durchsetzte. Infolgedessen sank der Kehlkopf. Gleichzeitig bildete sich durch die Umstellung der Nahrung hin zu mehr fleischlicher Kost der Kauapparat zurück, die Mundhöhle wurde größer und konnte ein größeres Spektrum an Lauten produzieren. Manche Wissenschaftler sehen die Ursprünge der Musik daher als eine kommunikative Anpassung an das Leben in größeren sozialen Gruppen. Andere wie Geoffrey F. Miller dagegen vermuten, dass es sich bei der Musikalität des Menschen um ein Merkmal handelt, das sich hauptsächlich durch sexuelle Selektion entwickelt hat. Neue Ansätze gehen davon aus, dass beide Faktoren eine Rolle gespielt haben.Steven Mithen: The singing Neanderthals – The origin of music, language, mind and body. London 2006, S. 178 f.Eine gute Übersicht bietet Gabor Paál: (Audio) SWR 2, Sendung vom 15. Dezember 2008 Die weltweit bislang ältesten aufgefundenen Musikinstrumente sind Flöten, die 40.000 Jahre alt sind. Zählt man die menschliche Stimme als Musikinstrument, sind diese sicherlich sehr viel früher zur Produktion von Musik eingesetzt worden.
Die Jungsteinzeit brachte die ersten irdenen Instrumente, unter denen sich Gefäßrasseln in Menschen- und Tierform befanden. In der Bronzezeit, als sich bereits Hochkulturen im vorderasiatischen Raum entwickelten, entstanden die ersten metallurgischen Arbeiten. Überreste von Metallschmuck an vergangenen Tierhörnern gehören dazu, ebenfalls bronzene Hörner in Tierhornform, die im nordischen Kreis gefundenen Luren. Jene waren stets paarig und in gleicher, manchmal sogar fester Stimmung, was sowohl der Klangverstärkung gedient haben kann als auch dem Akkordspiel. Andere Metallarbeiten waren Klapperbleche und Klangplatten.
Analog zur Bildung von Tonleitern unterschied der Musikhistoriker John Frederick Rowbotham in seiner History of music (1885–1887) die Entwicklungsstufen der archaischen Musik nach dem verwendeten Ambitus. So ist vor Terpandros, dem Schöpfer der griechischen Lyrik im 7. Jahrhundert, nur der Tonumfang eines Tetrachords, d. h. einer Quarte, zu finden, was Plutarch in seinem Dialog über Musik als Anzeichen älterer Kulturepochen bestätigte. Diese Einordnung ist jedoch nicht als allgemeingültig zu betrachten, da in der Musik anderer Ethnien, z. B. bei den indigenen Völkern Nordamerikas und Australien und Ozeaniens, auch Akkordzerlegungen über einen großen Tonraum hinweg vorkommen.Lach S. 5.
Ursprungsmythen Die meisten Völker der Welt verstehen die Entstehung der Musik als das Werk von Göttern und Geistern, übernatürlichen oder historisch nicht greifbaren Personen. Es existiert eine Vielzahl von Ursprungsmythen.