mini|Rudolf Minger (ca. 1930) Rudolf «Ruedi» Minger (* 13. November 1881 in Mülchi; † 23. August 1955 in Schüpfen; heimatberechtigt in Mülchi und Schüpfen) war ein Schweizer Politiker, Landwirt und Offizier. Aufgewachsen im kleinen Dorf Mülchi im Limpachtal, arbeitete er nach der obligatorischen Schulzeit zunächst auf dem elterlichen Bauernhof, ab 1907 führte er einen eigenen Hof in Schüpfen. In der Schweizer Armee stieg er bis zum Obersten auf, politisch engagierte er sich zunächst in landwirtschaftlichen Genossenschaften auf lokaler und kantonaler Ebene. Unzufrieden mit der Schweizer Agrarpolitik während des Ersten Weltkriegs, distanzierte er sich zunehmend von den Freisinnigen. 1918 war er Mitbegründer der bernischen Bauern- und Bürgerpartei und führte diese sogleich zu grossen Wahlerfolgen.
Minger gehörte ab 1919 dem Nationalrat an, ab 1922 auch dem Grossen Rat des Kantons Bern. Dabei setzte er sich konsequent für die Interessen seines Berufsstandes ein. Um der neuen Partei eine breitere Machtbasis zu verschaffen, bezog er die Gewerbetreibenden ein, wodurch 1921 die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) entstand, eine mittelständische Wirtschaftspartei mit konservativer Grundhaltung und Vorläuferin der heutigen Schweizerischen Volkspartei. Nachdem Minger 1928 Nationalratspräsident gewesen war, wurde er Ende 1929 als erster Vertreter der BGB in den Bundesrat gewählt. Nach seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres 1930 übernahm er die Leitung des Militärdepartements.
Als Verteidigungsminister gelang es Minger, die Ausgaben für die Landesverteidigung sukzessive zu steigern, wobei er während der Weltwirtschaftskrise wiederholt den Arbeitsbeschaffungseffekt der Rüstungsausgaben betonte. Seine gemüthafte Volksverbundenheit machte ihn in weiten Bevölkerungskreisen beliebt. Diese Wertschätzung nutzte er dazu, die Milizarmee bis weit ins linke politische Lager hinein zu popularisieren. 1935 amtierte er als Bundespräsident. Nach elfjähriger Amtszeit trat er Ende 1940 zurück. Als Präsident verschiedener Verbände setzte er sich über ein Jahrzehnt lang weiterhin für die Interessen der Landwirtschaft ein.
Biografie
Herkunft, Beruf und Militär Minger kam im kleinen Dorf Mülchi im Limpachtal zur Welt, als jüngstes von drei Kindern und einziger Sohn einer angesehenen und wohlhabenden Bauernfamilie. Sein gleichnamiger Vater amtierte als Gemeindepräsident, seine Mutter hiess Anna Marie Moser.Graf: Das Bundesratslexikon. S. 331. Der stattliche Bauernhof der Mingers, zu dem eine nicht mehr in Betrieb befindliche Mühle gehörte, umfasste eine Fläche von 28 Jucharten (etwas mehr als zehn Hektaren), davon vier Jucharten Wald. Die Primarschule besuchte Minger in Mülchi, die Sekundarschule im Nachbarort Fraubrunnen. Er war ein intelligenter Schüler, weshalb die Eltern im Jahr 1897 beschlossen, ihn nach La Neuveville zu schicken. Dort absolvierte er ein Volontariat in der Amtsschreiberei, um einerseits weiter Französisch zu lernen und andererseits herauszufinden, ob ihm der Beruf des Notars liegen würde. Minger mochte Büroarbeit jedoch nicht, weshalb er 1898 nach Mülchi zurückkehrte, um auf dem elterlichen Bauernhof zu arbeiten. Den Beruf des Landwirts erlernte er überwiegend in der Praxis, daneben las er zahlreiche landwirtschaftliche Fachzeitschriften.
Im Juli 1906 heiratete er im seeländischen Ort Schüpfen Sophie Minger, eine Cousine zweiten Grades (sie hatten denselben Urgrossvater). Drei Monate später erwarb er von Verwandten seiner Ehefrau den Bauernhof Herrschmatt in Schüpfen, den heutigen «Mingerhof». Dieser umfasste 88 Jucharten (31,68 Hektaren), davon 23 Jucharten Wald, was eine weit überdurchschnittlich grosse Betriebsfläche war. Das Paar zog im Frühjahr 1907 dorthin; zusammen hatten sie eine Tochter (Klara) und einen Sohn (Rudolf). Seinen Hof führte Minger allerdings nicht allein, sondern liess vieles durch Angestellte erledigen. Gemäss dem Biografen Konrad Stamm war er entgegen der später von ihm selbst kolportierten Legende sein Leben lang kein «einfacher Bauer», sondern ein «Subventionsjäger».
Als Zugezogenem blieben Minger in Schüpfen kommunale politische Ämter verwehrt. Nur in der örtlichen landwirtschaftlichen Genossenschaft konnte er sich profilieren. Seinen obligatorischen Militärdienst verstand er deshalb als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Kurz nach der Rekrutenschule wurde er im Dezember 1901 zum Korporal befördert. Zwei Jahre später folgte die Beförderung zum Leutnant bei den Füsilieren, Ende 1907 jene zum Oberleutnant. Nachdem er Ende 1911 Hauptmann geworden war, nahm er im September 1912 am Empfang des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Bern teil. Während des Ersten Weltkriegs leistete er 635 Diensttage im Aktivdienst. Im März 1918 wurde er zum Major ernannt, im Dezember 1923 zum Oberstleutnant und schliesslich im Dezember 1929 zum Obersten.
Bauernpolitik und Parteigründung mini|Minger spricht am Eidg. Hornusserfest 1930 Ab 1909 war Minger Präsident der landwirtschaftlichen Genossenschaft Schüpfen und ab 1911 Vorstandsmitglied des bernischen Genossenschaftsverbandes. Bisher waren die Bauern trotz diverser Meinungsverschiedenheiten politisch in die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) eingebunden gewesen. Mit steigenden Lebensmittelpreisen im Ersten Weltkrieg spitzte sich der Konflikt zwischen städtischer Bevölkerung und Bauern zu. Letztere galten zunehmend als Kriegsgewinnler, da man ihnen vorwarf, sie würden Lebensmittel horten und dadurch die Preise künstlich hochhalten. Um weitere Preissteigerungen zu unterbinden, setzte der Bundesrat Höchstpreise für Lebensmittel fest. Tatsächlich war es gelungen, die Produktion zu steigern, obwohl viele Bauern und Arbeitspferde zum Militärdienst eingezogen worden waren. Doch ein grosser Teil der Ernte ging in den kalten und regenreichen Sommern der Jahre 1916 und 1917 verloren, was zu einer prekären Versorgungslage führte.
Die zunehmend selbstbewusster auftretenden Landwirte fühlten sich von der FDP immer weniger verstanden. Während die Wirtschaftsliberalen weiterhin für Freihandel und offene Grenzen eintraten, um tiefe Lebensmittelpreise zu ermöglichen (in dieser Frage waren sie sich mit den Sozialdemokraten einig), forderten die Bauern geschützte Preise durch Zollschranken und Exportsubventionen. Im Rahmen von Veranstaltungen seiner berufsständischen Organisation hatte Minger bisher ausschliesslich zu wirtschaftlichen Themen referiert. Am 13. November 1916 äusserte er sich am Samenmarkt in Aarberg erstmals politisch und forderte eine bessere Interessenvertretung für die Bauern. Er bezeichnete die Freisinnigen als «Erzkapitalisten» und «habgierige Geldsäcke», während die führenden Sozialdemokraten für ihn nichts als «Parteibonzen» waren.
Dem Beispiel des Zürcherischen Landwirtschaftlichen Kantonalvereins folgend, gab Minger mit seiner Rede vom 24. November 1917 an der Delegiertenversammlung des bernischen Genossenschaftsverbandes im Bierhübeli-Saal in Bern den Anstoss zur Gründung der bernischen Bauern- und Bürgerpartei:
Im Dezember 1917 ernannten die bäuerlichen Mitglieder des Grossen Rates und die Vorstände der vier grössten genossenschaftlichen Verbände eine Kommission, die unter dem Vorsitz von Jakob Freiburghaus die Parteigründung vorbereitete. Diese erfolgte offiziell am 28. September 1918 in Bern, als die Delegierten die Statuten genehmigten und Minger zum Parteipräsidenten wählten. Zwei Wochen später nahmen Volk und Stände die Proporzinitiative mit deutlicher Mehrheit an, was sich für die neue Partei als vorteilhaft erweisen sollte. Nach dem Scheitern des Landesstreiks im November 1918 erlebte die Partei einen enormen Mitgliederzuwachs. 1919 wechselten zahlreiche Grossräte von den Freisinnigen zur Bauern- und Bürgerpartei, die dadurch zu einem bedeutenden Machtfaktor wurde. Sie gehörte zu den vehementesten Befürwortern der Schaffung bewaffneter Bürgerwehren gegen die Arbeiterschaft, an vielen Orten erfolgte die Gründung neuer Parteisektionen und lokaler Bürgerwehren parallel.
Kantons- und Bundespolitik Bei den Nationalratswahlen 1919, den ersten nach dem Proporzverfahren, errang die bernische Bauern- und Bürgerpartei auf Anhieb 16 der 32 Sitze, die dem Kanton Bern zustanden. Zusammen mit ähnlich ausgerichteten Gruppierungen in anderen Kantonen, die zusammen 14 Sitze errungen hatten, bildete sie im Parlament die viertstärkste Fraktion. Minger, der ebenfalls in den Nationalrat gewählt worden war, übernahm daraufhin den Vorsitz und war die unbestrittene Führungsfigur. Die Fraktion war zunächst die einzige landesweite Klammer, erst 1936 schlossen sich neun kantonale Parteien zu einer nationalen Partei zusammen. Minger wollte – im Gegensatz zur Bauernpartei im Kanton Zürich – auch die Gewerbetreibenden einbinden und die bernische Bauern- und Bürgerpartei in eine mittelständische Wirtschaftspartei mit konservativer Grundhaltung umwandeln. 1921 benannte sie sich deshalb in Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) um, wodurch sie ihre Machtbasis verbreitern konnte.Graf: Das Bundesratslexikon. S. 331–332.
1922 errang die BGB bei den Berner Grossratswahlen 103 von 224 Sitzen und stellte damit die klar stärkste Fraktion. Minger war einer der Gewählten und übernahm auch auf kantonaler Ebene das Amt des Fraktionspräsidenten. Im Grossen Rat gehörte er unter anderem der Wahlprüfungskommission und der Kommission für das Tierseuchengesetz an. Er befürwortete die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Arbeitsbeschaffung. Intensiv setzte er sich mit der Lötschbergbahn und mit den Kraftwerken Oberhasli auseinander. Seine einzige Motion betraf 1925 eine Revision des kantonalen Steuergesetzes, die er aber im selben Jahr zurückzog. Da er mit seinen anderen politischen Ämtern ausgelastet war, blieb seine Tätigkeit im Kantonsparlament relativ bescheiden.
Weitaus aktiver war Minger im Nationalrat, wo er zwei ständigen Kommissionen angehörte, ab 1919 der Geschäftsprüfungskommission und ab 1922 der Zolltarifkommission. Daneben war er Mitglied von 33 nichtständigen Kommissionen zur Vorbereitung nationalrätlicher Geschäfte, von denen er fünf präsidierte. Er interessierte sich besonders für die Mitarbeit in Kommissionen, für die er Sachkenntnisse besass, also in den Bereichen Landwirtschaft und Militär. Ein besonderes Anliegen war für ihn die Wertschätzung der Landwirtschaft als eine der Grundpfeiler des Staates, weshalb sie verstärkt gefördert werden müsse. Insbesondere forderte er die Einschränkung von Lebensmittelimporten bei gleichzeitiger Steigerung der Exporte. Ebenso sollten Subventionen, Monopole, Absatzgarantien und kostendeckende Preise für landwirtschaftliche Produkte die allgemeine Einkommenssituation der Landwirte verbessern. Minger betrachtete die Armee als Mittel zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Innern sowie als Schutz der Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz. Damit geriet er wiederholt in Konflikt mit den Sozialdemokraten, die in den Nachkriegsjahren für Abrüstung eintraten. Vor allem bei der Revision der Truppenordnung machte er sich einen Namen. Im Jahr 1928 amtierte Minger als Nationalratspräsident.Graf: Das Bundesratslexikon. S. 332.