Lesbos oder Lesvos () ist die drittgrößte Insel Griechenlands und mit einer Fläche von knapp 1636 km² die achtgrößte im Mittelmeer. Seit 2011 bildet die Insel den Regionalbezirk Lesbos () in der Region Nördliche Ägäis. Nach der Volkszählung von 2011 hatte die Insel 86.436 Einwohner. Seit 2019 ist die Insel in zwei Gemeinden untergliedert. In Mytilini, dem Handels- und Wirtschaftszentrum der Insel, leben 37.890 Einwohner. Hinzu kommen noch ca. 12.000 Menschen, die sich im Flüchtlingslager Moria aufhielten, bis es im September 2020 bei einem Großbrand fast vollständig zerstört wurde., deutschlandfunk.de, erschienen und abgerufen am 9. September 2020.
Name In der griechischen Mythologie ist der namensgebende Eponymos der Insel der Lapithe Lesbos, der Sohn des Lapithes, der Methymna heiratete, die der lesbischen Stadt Mithymna ihren Namen gab. Das Wort lesbisch, im Sinne von weiblich homosexuell, wird vom Namen der Insel abgeleitet, da die von dort stammende antike Dichterin Sappho in ihren Gedichten von der Liebe zu Frauen sang.
Im 18. und 19. Jahrhundert war die gesamte Insel im restlichen Europa allgemein als Mytilene (französisch Mytilène) bekannt; der damals übliche türkische Name lautete Midilli. In deutschsprachigen Publikationen und Zeitungen wurde bis weit nach der Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich der Name Metelin verwendet, abgeleitet von italienisch Metelino. Den Namen „Lesbos“ gebrauchte man im Deutschen vor dem 20. Jahrhundert vor allem dann, wenn von der antiken Geschichte der Insel die Rede war.
Geographie Lage Lesbos liegt in der nördlichen Ägäis und wird innerhalb der Nordostägäischen Inseln zu den Ostägäischen Inseln gezählt. Im Norden trennt der Golf von Edremit (Edremit Körfezi) die Insel von Kleinasien mit etwa neun Kilometern in kürzester Entfernung, im Osten die etwa 15 km breite Meerenge von Lesbos (). Die nächstgelegenen größeren Inseln sind Chios 48 km südlich, Psara 65 km südwestlich, Agios Efstratios 76 km westlich sowie Limnos 74 km nordwestlich.
Gestalt mini|Satellitenbild
Lesbos ist vulkanischen Ursprungs und erhebt sich an mehreren Stellen bis nahezu tausend Meter über dem Meer. Die 1635,998 km² große Insel wird durch zwei von Süden her tief ins Inselinnere reichende Einbuchtungen gegliedert. Ihre maximale Ausdehnung von etwas mehr als 70 km erreicht Lesbos gemessen vom Kap Agrilia () im Südosten bis zum Kap Saratsina () im Südwesten. Die längste Erstreckung in Nord-Süd-Richtung beträgt rund 45 km vom Kap Korakas () bis zum Kap Agios Fokas ().
Bergmassive dominieren die Insel. Der Lepetymnos () im Norden stellt mit 968 m den höchsten Gipfel der Insel dar, nahezu gleich hoch ist der Olymbos im Süden mit 967 m. Im westlichen weitläufigen Ordymnos-Massiv () erreicht der Profitis Ilias eine Höhe von 799 m, im Südosten ist die Kourteri () mit 527 m die höchste Erhebung auf der Amali-Halbinsel (). Fast die Hälfte der Insel ist hügeliges Land mit Oliven- und Obstbäumen sowie Wäldern, vorwiegend mediterraner Kiefern mit Eichen und Walnussbäumen. Sie bedecken etwa 20 % der Inselfläche. Das Berg- und Hügelland wird immer wieder von Ebenen unterbrochen, die knapp ein Drittel der Insel ausmachen. Die größten liegen an den beiden binnenseeartigen Golfen. Lesbos hat mehr als ein Dutzend ganzjährig Wasser führende Flüsse und Bäche, die größten entspringen am Olymbos im Osten der Insel, der Evergetoulas mündet in den Golf von Gera.
Von der Südküste her reichen zwei Meeresbuchten mit einer Wassertiefe je um rund 20 Meter weit in die Insel hinein. Der 43 km² große und etwa 6,5 km lange Golf von Gera () im Südosten ist über einen 200 bis 800 m breiten Kanal mit dem Meer verbunden. Der Golf von Kalloni () mit einer Oberfläche von 110 km² geht bis zu 21 km ins Inselinnere. Die übrige Küstenlinie ist durch zahlreiche kleinere Buchten gegliedert. An verschiedenen Stellen sind der Küste unbewohnte Inselchen vorgelagert. Die größte ist Megalonisi im äußersten Westen, ganz im Osten liegen die Tomaronisia. mini|Zwei versteinerte Baumstämme im Geopark Lesbos. Sie wurden dadurch erhalten, dass sie von vulkanischer Asche bedeckt wurden. Auf dem Weg zwischen Antissa und Sigri gibt es einen versteinerten Wald aus der Zeit von vor 23 Millionen Jahren. In West-Lesbos gibt es mehr als 30 ehemalige Lavadome, sogenannte Necks, und mehrere vulkanische Kalderen (Skoutari, Vatousa, Agra und Anemotia). Der Osten der Insel ist bewaldet und zum Großteil nicht vulkanisch. Nur bei Polichnitos gibt es deutliche Zeichen von aktivem Vulkanismus und die heißesten Quellen Griechenlands (70–85 °C).
Klima Starke ungleichmäßige räumliche und jahreszeitliche Niederschlagsverteilung und große Unterschiede zwischen Minimum und Maximum der Tagestemperaturen kennzeichnen das Klima der Insel. Lesbos liegt im Übergangsbereich des mediterranen Winterregenklimas zum kontinental geprägten Steppenklima Kleinasiens. Der semiaride Inselwesten wird durch eine etwa zehn Kilometer breite Übergangszone vom subhumiden Inselosten getrennt.
Die Aufzeichnungen der Wetterstation Mytilini im Inselosten weisen auf einen heißen und trockenen Sommer von April bis Oktober mit einer mittleren Temperatur von 26,2 °C und einen kühl-feuchten Winter von November bis März mit einer mittleren Temperatur von 10,5 °C hin. Im Zeitraum von 1955 bis 1997 lag die absolute Höchsttemperatur in Mytilini bei 40,4 °C, die Tiefsttemperatur bei −4,4 °C.
Während der heißen Zeit sind Regenfälle selten. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge liegt im Juli bei 2,7 mm und von Juni bis August bei insgesamt 14,7 mm. Die Niederschläge sind auf die nass-kalte Jahreszeit konzentriert, mit einem Spitzenwert von 152,7 mm im Dezember. Der durchschnittliche jährliche Niederschlag schwankt zwischen 725 mm im Osten und nur 414 mm im westlichen Teil der Insel. Die langfristigen Niederschlagsdaten für Mytilini zeigen eine Abnahme der Menge von etwa 35 % von 1980 bis 2000. Eine weitere Verringerung der mittleren jährlichen Niederschlagsmenge wird seit dem Jahr 2000 beobachtet. Im Zeitraum von 2000 bis 2008 hat sich im Vergleich zum Mittelwert von 1954 bis 1999 die Niederschlagsmenge nahezu halbiert. Dieser Trend wurde für alle Monate mit Ausnahme des Novembers festgestellt. Der Rückgang der Regentage beträgt etwa zwei Tage pro Monat. Dieser Rückgang der Niederschläge in Verbindung mit der Erhöhung der Lufttemperatur wurde bereits für andere Regionen des Mittelmeerraums nachgewiesen oder vorhergesagt.
Niederschlagsdaten von verschiedenen Standorten auf der Insel zeigen, dass der westliche Inselteil lediglich 65 % der Regenmenge gegenüber den übrigen Gebieten erhält. Die reduzierten Niederschläge in West-Lesbos sind hauptsächlich auf starke Winde in diesem Gebiet zurückzuführen. Die mittleren Geschwindigkeiten sind etwa doppelt so hoch wie in den östlichen und zentralen Inselgebieten.
Verwaltungsgliederung
Mit der Umsetzung der Gemeindereform nach dem Kapodistrias-Programm im Jahr 1997 war die Insel Lesbos in 13 Gemeinden mit insgesamt 73 Gemeindebezirken untergliedert. Zum 1. Januar 2011 führte das Kallikratis-Programm die ehemaligen Gemeinden der Insel zur neu geschaffenen Gemeinde Lesvos (Dimos Lesvou Δήμος Λέσβου) zusammen, Verwaltungssitz war Mytilini. Diese Gemeinde wurde 2019 in die beiden Gemeinden Mytilini und Dytiki Lesvos aufgetrennt.
Gemeindebezirk griechischer Name Code Fläche (km²) Einwohner 2001 Einwohner 2011 Stadtbezirke / Ortsgemeinschaften(Δημοτική / Τοπική Κοινότητα) Lage Mytilini Δημοτική Ενότητα Μυτιλήνης 530101 108,222 36.196 37.890 Mytilini, Agia Marina, Alyfanda, Afalonas, Loutra, Moria, Pamfila, Panagiouda, Taxiarche 120x120px|ohne Agia Paraskevi Δημοτική Ενότητα Αγίας Παρασκευής 530102 118,491 2.628 2.497 Agia Paraskevi, Napi 120x120px|ohne Agiasos Δημοτική Ενότητα Αγιάσου 530103 79,769 2.587 2.373 Agiasos 120x120px|ohne Gera Δημοτική Ενότητα Γέρας 530104 86,743 6.985 6.101 Pappados, Mesagros, Paleokipos, Perama, Plakados, Skopelos 120x120px|ohne Eresos-Andissa Δημοτική Ενότητα Ερεσού-Αντίσσης 530105 292,814 5.530 5.269 Eresos, Andissa, Vatoussa, Mesotopos, Pterounda, Sigri, Chidira 120x120px|ohne Evergetoulas Δημοτική Ενότητα Ευεργέτουλα 530106 89,670 3.336 2.771 Sykoundos, Asomatos, Ippio, Kato Tritos, Keramia, Lambou Myli, Mychos 120x120px|ohne Kalloni Δημοτική Ενότητα Καλλονής 530107 242,277 8.194 8.504 Kalloni, Agra, Anemotia, Arisvi, Dafia, Keramio, Parakila, Skalochorio, Filia 120x120px|ohne Loutropoli Thermis Δημοτική Ενότητα Λουτροπόλεως Θερμής 530108 80,317 3.809 3.135 Loutropolis Thermis, Komi, Mistegna, Nees Kydonies, Pigi, Pyrgi Thermis 120x120px|ohne Mandamados Δημοτική Ενότητα Μανταμάδου 530109 122,515 3.210 2.447 Mandamados, Kapi, Klio, Pelopi 120x120px|ohne Mithymna Δημοτική Ενότητα Μήθυμνας 530110 50,351 2.433 2.255 Mithymna, Argennos, Lepetymnos, Sykaminea 120x120px|ohne Petra Δημοτική Ενότητα Πέτρας 530111 72,348 3.749 3.358 Petra, Lafionas, Skoutaros, Stypsi, Ypsilometopo 120x120px|ohne Plomari Δημοτική Ενότητα Πλωμαρίου 530112 121,934 6.698 5.602 Plomari, Akrasi, Ambeliko, Megalochori, Neochori, Paleochori, Plagia, Trygonas 120x120px|ohne Polichnitos Δημοτική Ενότητα Πολιχνίτου 530113 173,657 5.288 4.234 Polichnitos, Vasilika, Vrisa, Lisvori, Stavros 120x120px|ohne Gesamt 5301 1.639,108 90.643 86.436
Die größten Städte sind der Hauptort der Insel Mytilini sowie Kalloni, Mithymna, Plomari, Agiassos und Petra.
Geschichte Urgeschichte Auf Lesbos wurde die archäologische Forschung lange vernachlässigt, daher ist die vorschriftliche Geschichte vergleichsweise schlecht erforscht.Nigel Spencer: Early Lesbos between East and West: A 'Grey Area' of Aegean Archaeology, in: The Annual of the British School at Athens 90, Centenary Volume (1995) 269–306. Früheste Spuren menschlichen Lebens sind Steinartefakte von Rodafnidia () bei Lisvori. Die Abschläge in Levalloistechnik werden ins Mittelpaläolithikum datiert,Χ.Β. Χαρίσης, P. Durand, Μ. Αξιώτης, Τ.Β. Χαρίσης: Ίχνη παλαιολιθικής εγκατάστασης στη Λέσβο, in: Αρχαιολογία και Τέχνες 76 (2000) 83–87. nach jüngeren Forschungen dem Mittelpleistozän bzw. dem Acheuléen zugeordnet. Damit handelt es sich um die älteste Fundstätte Griechenlands.Nena Galanidou, Constantin Athanassas, James Cole, Giorgos Iliopoulos, Athanasios Katerinopoulos, Andreas Magganas, John McNabb: The Acheulian Site at Rodafnidia, Lisvori, on Lesbos, Greece: 2010–2012, in: Katerina Harvati, Mirjana Roksandic (Hrsg.): Paleoanthropology of the Balkans and Anatolia, Springer, 2016, S. 119–138, hier: S. 135 (academia.edu). Die Wasserstraße östlich der Insel ist 50 m tief, was während der Kaltzeiten, als der Meeresspiegel bis zu 130 m unter dem heutigen Niveau lag, dazu führte, dass menschliche und tierische Zuwanderung leicht möglich war. Die mittelpaläolithischen Funde wurden auf mindestens 258.000 ± 48.000 Jahre datiert, die Werkzeugtechnologie deutet auf ein noch deutlich höheres Alter, ähnlich wie Kaletepe Deresi 3 oder gar die Olduwai-Stätten.Vangelis Tourloukis, Katerina Harvati: The Palaeolithic record of Greece: A synthesis of the evidence and a research agenda for the future, in: Quaternary International, 9. Februar 2017, S. 1–18, hier: S. 2–4 (academia.edu).