Jáchymov (deutsch Sankt Joachimsthal) ist eine Stadt im Okres Karlovy Vary in Tschechien. Sie ist Namensgeber für den hier im frühen 16. Jahrhundert gemünzten Joachimsthaler Gulden, der später Taler genannt wurde.
Geschichte Die alte Bergstadt entwickelte sich nach dem Fund beträchtlicher Silbervorkommen im Jahr 1516 sprunghaft aus einer vor dem am Ort bestehenden bergmännischen Ansiedlung und stieg im 16. Jahrhundert zur bedeutendsten Bergstadt im gesamten Erzgebirge auf. Die hohen Profite aus dem Silberbergbau trugen dazu bei, dass sich in der Hochzeit des Bergbaus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein bedeutender Komplex einer im spätgotischen und Renaissancestil gehaltenen Stadtarchitektur herausbildete, der größtenteils bis in die Gegenwart erhalten ist.
In der Umgebung von Jáchymov existieren zudem Sachzeugen des Bergbau- und Hüttenwesens aus der Zeit des Silber- und Buntmetallbergbaus vom 16. bis ins 19. Jahrhundert sowie des Uranbergbaus im 20. Jahrhundert. Diese Sachzeugen sowie die 1992 erklärte Städtische Denkmalschutzzone sind Bestandteile der „Montanen Kulturlandschaft Jáchymov“. Sie gehört zur Montanregion Erzgebirge, die 2019 in die Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen wurde.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Bergbaus entdeckte radonhaltige Quellen begründeten einen bis in die Gegenwart bedeutenden Kurbetrieb sowie den Status der Stadt als ältestes Radiumsol-Heilbad der Welt.
Seit 1996 ist die Stadt Jáchymov Namensgeberin für das im dortigen Bergbaubezirk erstmals entdeckte Mineral Jáchymovit.
Geographie Lage und Umgebung Die Stadt liegt in Westböhmen am steilabfallenden Südhang des Erzgebirges, an der Staatsstraße Silnice I/25 vom Grenzübergang Oberwiesenthal–Gottesgab nach Schlackenwerth. Der Stadtkern erstreckt sich im tief eingeschnittenen Tal des Joachimsthaler Baches, wobei der nördliche Ortseingang auf etwa liegt. Der südliche Ortsausgang liegt bei lediglich
Stadtgliederung Die Stadt Jáchymov besteht aus den Ortsteilen Jáchymov (Sankt Joachimsthal), Mariánská (Mariasorg), Nové Město (Neustadt), Suchá (Dürnberg) und Vršek (Werlsberg).uir.cz Grundsiedlungseinheiten sind Jáchymov-Radium Palace, Jánský vrch, Klínovec (Sonnenwirbelhäuser), Mariánská, Můstek (Rauschererb), Nové Město, Panorama, Popov (Pfaffengrün), Suchá, Svornost (Einigkeit) und Vršek.uir.cz
Das Stadtgebiet gliedert sich in die Katastralbezirke Jáchymov und Popov u Jáchymova.uir.cz
Nachbarorte
Geschichte mini|Blick über den südlichen Teil des historischen Stadtkerns mini|Blick über den nördlichen Teil des historischen Stadtkerns mini|Pesttaler aus Joachimsthal von 1528 mini|Allerheiligenkirche mini|Kirche St. Joachim und St. Anna, erste lutherische Kirche Böhmens mini|Rathaus von 1782–1784 mini|Denkmal für die Opfer der Zwangsarbeit Kreuzweg zur Freiheit
16. Jahrhundert 1516 wurden beim Ort Conradsgrün, wo ein unbedeutender Bergbau betrieben wurde, große Silbervorkommen entdeckt. „Bevor ist um dieses Thal große Wildnis gewesen, darin die Meißner und Schlackenwerther gebaut. An dem Platze, wo jetzt der Predigtstuhl stehet, war ein Wiesenfleck, wo mancher Bär erschossen worden – Am Brodmarkte eine Mühle und wo die beiden Wasser zusammenfließen ein Hammer. Die Gegend der Wiese hieß Konradsgrün.“Bericht des Pastors Johannes Mathesius (1504–1565) in Umrisse einer Geschichte der böhmischen Bergwerke. Kaspar Maria Graf Sternberg, Verlag Haase, Prag 1837, S. 317 Daraufhin wurde der Ort 1517 in Anlehnung an die Bergstadt Sankt Annaberg in „Sankt Joachimsthal“ umbenannt. 1518 erschien in Leipzig die erste gedruckte eigene Bergordnung für Sankt Joachimsthal. 1520 erhielten die Grafen Schlick, deren Pfandbesitz Joachimsthal war, das Münzprivileg und Joachimsthal wurde vom böhmischen König Ludwig II. zur Freien Bergstadt erhoben.Johannes Mathesius: Sarepta oder Bergpostill/ Sampt der Joachimßthalischen kurtzen Chroniken. (Jahr 1520), Freyberg, 1679, (Digitalisat). Oberhalb der Stadt lag die Burg Freudenstein. Die vermutlich erstmals bereits 1519 geschlagenen Joachimstaler gaben später dem Taler und dem Dollar ihren Namen.Hugo Rokyta: Die böhmischen Länder. Handbuch der Denkmäler und Gedenkstätten europäischer Kulturbeziehungen in den böhmischen Ländern. Band 1: Böhmen. Vitalis, Prag, 2., überarbeitete und erweiterte Aufl. 1997, ISBN 80-85938-23-5, S. 102.
Die reiche Ausbeute machte die Grafen Schlick zu einem der reichsten Adelsgeschlechter Böhmens. Seit 1517 hatte Graf Stefan Schlick mit seinen Brüdern das Oberregiment über das „Thal“. Er war, seit der Schlacht von Mohács 1526 vermisst, nominell bis 1528 Herr von Joachimsthal. Nach Stephans Todeserklärung bewirkte König Ferdinand die Rücknahme des unter Vorbehalt des königlichen Münzregals gewährten Münzprivilegs. Die Schlicks münzten in der Folge nur noch als Verweser im Namen des Königs, der Joachimstaler wurde nach 1528 nicht mehr geprägt.
Der Münzmeister Utz Gebhard war von 1527 bis 1530 in Joachimsthal tätig. Seine bekannten talerförmigen Amulettmedaillen, die Pesttaler, wurden im Talergewicht geprägt. Auch Pesttaler-Teilstücke und Pesttaler im Mehrfachtalergewicht stammen von ihm.
1533 erreichte der Silberbergbau mit 241.875 Talern seine größte Ausbeute, im folgenden Jahr hatte die Stadt 18.200 Einwohner in 1200 Wohnhäusern und über 900 Bergwerke mit etwa 100 zugehörigen Gebäuden, in denen 9200 Bergleute arbeiteten. Im Zuge dieses schnellen Wachstums war es wiederholt zu Aufständen der Bergleute gekommen, so bereits – mit friedlichem Ausgang – 1517.Johannes Mathesius: Sarepta oder Bergpostill/ Sampt der Joachimßthalischen kurtzen Chroniken. (Jahr 1517), Freyberg, 1679, (digital.slub-dresden.de). Die Jahreszahl ist Gegenstand der Debatte, nach Mittenzwei soll sich der Aufstand bereits 1517 zugetragen haben. Ein weiterer folgte 1523.Johannes Mathesius: Sarepta oder Bergpostill/ Sampt der Joachimßthalischen kurtzen Chroniken. (Jahr 1523), Freyberg, 1679, (digital.slub-dresden.de). Als es zum Aufstand von Sankt Joachimsthal 1525 kam, boten die Schlicks 2500 Bewaffnete auf, um die Ordnung wiederherzustellen.
Seit 1523 hatten die Schlicks in Joachimsthal die Reformation eingeführt. Im Schmalkaldischen Krieg 1546–1547 standen sie daher auf protestantischer Seite gegen die Habsburger; Joachimsthal war zeitweilig von verbündeten sächsischen Truppen besetzt. Nach der kriegsentscheidenden Schlacht bei Mühlberg verloren die Schlicks Joachimsthal an die Habsburger.
Für das Jahr 1563 sind die stattlichen Zahlen von 109 Eheschließungen und 396 Kindstaufen vermerkt, dann begann mit der zunehmenden Erschöpfung der Silbervorkommen ein Niedergang der Stadt: 1584 waren nur noch 200 Bergleute im Silberbergbau beschäftigt, die Ausbeute betrug 1579 nur noch 6450 Taler.
17. Jahrhundert Von 1621 an unternahmen die habsburgischen Landesherren Versuche zur Rekatholisierung der Stadt.Lukáš M. Vytlačil: Příběh renesančního Jáchymova [The Story of renaissance Jáchymov]; Evangelicus 2017, Praha 2016, S. 42–45. (academia.edu) Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges konnte sich der protestantische Glaube halten. Im März 1650 befahlen Kaiser Ferdinand III. und dessen General Martin Maximilian von der Goltz die Verlegung des Dragonerregiments La Cron nach Joachimsthal. Gleichzeitig traf aus der böhmischen Hofkanzlei in Prag die schriftliche Aufforderung ein, dass die Bevölkerung entweder zum Katholizismus konvertieren oder das Land verlassen solle. Unter den Bewohnern brach die Angst aus, dass die Soldaten ihre Konversion militärisch erzwingen sollen. Als die Soldaten unter Oberst Jan van der Croon am 17. April 1650 eintrafen, war ein Großteil der Joachimsthaler Bewohner unter Mitnahme ihrer beweglichen Güter geflohen und hatte alle Lebensmittel aus dem Ort und der Umgebung weggeschafft. Die geflohenen protestantischen Bürger und Bergleute beharrten auf ihrer Religionsfreiheit und ließen sich von Rückkehraufforderungen nicht umstimmen. Sie siedelten sich vor allem im Kurfürstentum Sachsen rund um das nahegelegene Oberwiesenthal an.Jan Kilián: Feldzeugmeister Martin Maximilian von der Goltz (um 1593 – 1653): Ein Leben und eine Karriere im Dreißigjährigen Krieg. Schriften des Heeresgeschichtlichen Museums. Wien 2018, ISBN 978-3-902551-80-1. S. 162–167.
19. Jahrhundert Im 19. Jahrhundert war die Stadt Sitz einer Bezirkshauptmannschaft, eines Bezirksgerichts und einer Berg- und Hüttenverwaltung. Der Bergbau wurde teils von staatseigenen, teils von privaten Firmen betrieben. Neben Silber (1885: 227 Zentner) wurden auch Nickel, Wismut und Pechblende gewonnen.
Die Förderung abbauwürdiger Erze war rückläufig. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Oberste Montanverwaltung in Wien die Absicht, Gruben und das zugehörige Hüttenwerk im Ort auch weiterhin in Betrieb zu halten, um der Bevölkerung Verdienstmöglichkeiten zu sichern. Die Bestrebungen gingen dahin, eine Verwertungsmöglichkeit für die bis dahin nur begleitend anfallende Pechblende zu finden. 1852 wurde der Chemiker und Montanwissenschaftler Adolf Patera beauftragt, Versuche zur Verbesserung bestehender Methoden zur Erzaufbereitung anzustellen und neue Verfahren zu entwickeln. Ein Ergebnis davon war die Möglichkeit der Gewinnung von Uranfarben aus Pechblende.
Patera erkannte, dass Uranverbindungen in der Glas- und Porzellanindustrie finanziell gewinnbringend verwendbar waren. Die Verbesserung des Herstellungsverfahrens durch seine Versuchsergebnisse leitete eine Wende ein. 1853 begann in der Grube Einigkeit der planmäßige Abbau von Uranerz für die Farbenherstellung.
Im Jahr 1856 wurde im Hüttenwerk eine Uranfarbenfabrik eingerichtet, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges der staatlichen Montanverwaltung in Wien unterstand. Diese versorgte die weltweite Glas- und Keramikindustrie mit zur Glasfärbung bzw. Bemalung und Beschriftung notwendigen braunschwarzfärbenden Uranverbindungen. Ab dem Jahr 1907 wurden aus den praktisch uranfreien Laugerzrückständen Radiumverbindungen für wissenschaftliche und medizinische Zwecke hergestellt.
In der k.k. Tabakfabrik waren 1000 Arbeiterinnen beschäftigt. Daneben gab es Handschuhmacherei, Korkstöpselfabrikation sowie Spitzenklöppelei. Am 31. März 1873 brannte die Stadt fast gänzlich ab.
Am 4. September 1898 gestattete Kaiser Franz Joseph der Stadt Joachimsthal, den Titel „Kaiserliche königliche freie Bergstadt Sanct Joachimsthal“ amtlich zu führen, was der Statthalter Karl Graf Coudenhove am 23. September 1898 bekannt gab.Landes-Gesetzblatt für das Königreich Böhmen 1898, S. 100 (alex.onb.ac.at).
Am 21. Dezember 1898 entdeckte Marie Curie zusammen mit ihrem Ehemann Pierre Curie im Joachimsthaler Uranerz das Element Radium, wofür sie 1903 den Nobelpreis erhielten.Joseph Braunbeck: Der strahlende Doppeladler: Nukleares aus Österreich-Ungarn. (books.google.com).
20. Jahrhundert mini|Werbung für Radiumbäder Bad Brambach und St. Johanimsthal Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Joachimsthal 1919 Teil der neu geschaffenen Tschechoslowakei. Im Oktober 1938 wurde der Ort von der Wehrmacht besetzt und anschließend als Teil des Sudetenlands entsprechend dem Münchner Abkommen in das Deutsche Reich eingegliedert. Unter dem amtlichen Ortsnamen „Radiumbad St. Joachimsthal“ gehörte die Stadt bis 1945 zum Landkreis Sankt Joachimsthal im Regierungsbezirk Eger im Reichsgau Sudetenland. Örtliches Uran wurde – neben jenem, welches deutsche Truppen 1940 bei der Besetzung Belgiens dort beschlagnahmt hatten (ursprünglich stammte dieser „belgische“ Vorrat aus Belgisch-Kongo) – mit dem Uranverein bei den erfolglosen Versuchen verwendet, eine „Uranmaschine“ bzw. später eine Atombombe zu bauen.
Am 1. Dezember 1930 hatte die Stadt Sankt Joachimsthal 7316 Einwohner (davon 445 Tschechen),Rudolf Hemmerle: Sudetenland Lexikon. Band 4, Seite 386. Adam Kraft Verlag, 1985. ISBN 3-8083-1163-0. am 17. Mai 1939 noch 6388 und am 22. Mai 1947 waren es 6806 Bewohner.
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