Saint-Gervais-les-Bains ist eine französische Gemeinde mit Einwohnern (Stand: ) im Département Haute-Savoie in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Sie ist Hauptort des gleichnamigen Kantons Le Mont-Blanc und liegt an der Stelle, an der das Montjoie-Hochtal mit dem Fluss Bon Nant in das Tal der Arve mündet, zwischen den Städten Chamonix-Mont-Blanc und Genf (Schweiz).
Im Gemeindegebiet befindet sich ein wesentlicher Teil des Mont-Blanc-Massivs, welches von Saint-Gervais-les-Bains aus über die Zahnradbahn Tramway du Mont-Blanc bis auf Höhe erschlossen ist. Außerdem besitzt der Kurort Saint-Gervais-les-Bains ein Thermalbad und ist Teil des Wintersportgebiets Evasion Mont-Blanc. Dadurch ist der Ort heute vor allem vom Tourismus geprägt. __TOC__
Geographie Der Ortskern von Saint-Gervais-les-Bains liegt auf im Montjoie-Tal auf beiden Seiten einer Schlucht des Flusses Bon Nant, einem Nebenfluss der Arve. Zur Gemeinde gehören ebenfalls Saint-Nicolas de Véroce und ein Teil des Ortes Le Fayet. Saint-Nicolas de Véroce befindet sich talaufwärts und war bis zum 29. Dezember 1973 eine eigenständige Gemeinde. Le Fayet liegt einige hundert Meter tiefer im Tal der Arve und verfügt über Autobahnanschluss und SNCF-Bahnhof. Ein Teil von Le Fayet gehört bereits zur Nachbargemeinde Passy. Der Eingang zum Montjoie-Tal zwischen Le Fayet und Saint-Gervais-les-Bains zeichnet sich durch einen steilen Anstieg von mehreren hundert Metern aus, während das Hochtal oberhalb von Saint-Gervais-les-Bains nur noch sanft ansteigt. An seinen Flanken wird das Tal stark eingegrenzt durch den Mont d’Arbois im Westen und vor allem das Mont-Blanc-Massiv auf der Ostseite. Die Baumgrenze liegt bei etwa und variiert stark sowohl aufgrund der zerklüfteten Geographie als auch durch menschliche Einflüsse (Almen, Skipisten).
mini|Panorama des Montjoie-Tals von der Straße zum Mont Joly aus
Das Gemeindegebiet von Saint-Gervais-les-Bains umfasst außerdem den Gipfelbereich des Mont Blanc als eine Exklave in der Gemeinde Chamonix-Mont-Blanc. Der genaue Verlauf der Staatsgrenze zwischen Frankreich und Italien auf dem Mont-Blanc ist nicht völkerrechtlich festgelegt und ist Gegenstand einer Territorialstreitigkeit, d. h., es bestehen unterschiedliche Sichtweisen, ob nun die gesamte Gipfelregion oder nur eine durch den Gipfel getrennte französische Hälfte zu Saint-Gervais-les-Bains und damit Frankreich gehört.
Der Höhenunterschied auf dem Gemeindegebiet von Saint-Gervais-les-Bains, von (Le Fayet) bis (Gipfel des Mont Blanc) ist einzigartig unter den Gemeinden Frankreichs.
Struktur der Gemeinde Zu Saint-Gervais-les-Bains gehören neben dem eigentlichen Ortskern und den schon erwähnten Dörfern Le Fayet und Saint-Nicolas de Véroce auch zahlreiche Siedlungen und Gehöfte. Sowohl die schon im Mittelalter bestehende dezentrale Verteilung der Gehöfte als auch der Bau von Ferienwohnungen in Panoramalagen haben zu einer starken Zersiedelung des Gemeindegebiets beigetragen. Im Arvetal und auf der zum Arvetal hingewandten Flanke des Mont d’Arbois befinden sich der Ort Le Fayet und die Weiler Le Fayet d’en Haut, Le Freyney, Les Amerands, Champ-Long, Cupelin, La Cry. Im Talboden des Montjoie-Tals liegen Saint-Gervais-les-Bains, Les Praz, Bionnay und Le Gerdilot. An der Mont-Blanc-Flanke des Montjoie-Tals liegen Montivon, Bionnassay, La Gruvaz und Le Champel. An der Flanke des Mont d’Arbois liegen Le Neyret, Le Vernay, Orsin, Le Golet, Le Bettex, La Combe, Les Plans, Saint-Nicolas de Véroce, Véroce und Les Houchettes.
Nachbargemeinden von Saint-Gervais-les-Bains sind Passy, Les Contamines-Montjoie, Megève, Combloux, Demi-Quartier, Domancy, Les Houches und Chamonix-Mont-Blanc sowie auf italienischer Seite Courmayeur.
Geschichte Namensherkunft Der Ortsname leitet sich von dem Schutzheiligen Gervasius von Mailand ab. Bei Saint-Nicolas de Véroce bezieht sich der erste Namensteil auf Nikolaus von Myra und der zweite wird auf die Grün-Erle zurückgeführt,Webseite der Association Solé Pétuis, abgerufen am 19. September 2012
die an den Hängen des Mont d’Arbois reichlich wächst. Der Name des Ortsteils Le Fayet bedeutet Buche in der frankoprovenzalischen Dialektsprache.
Altertum Die Hochtäler Savoyens sind mindestens seit der Jungsteinzeit besiedelt. Zur Römerzeit bewohnte das keltische Volk der Ceutronen das Montjoie-Tal und wurde erst um 74 n. Chr. von den Römern unterworfen. Die Grenze zu den benachbarten Allobrogern verlief in der Nähe von Saint-Gervais-les-Bains.Artikel der Association Culture, Histoire et Patrimoine de Passy, abgerufen am 19. September 2012, und (zugehöriger Eintrag als Kulturdenkmal) beim Ministère de la Culture
Mittelalter mini|hochkant|Die Kirche von Saint-Gervais-les-Bains Im Montjoie-Tal entstanden im 10. Jahrhundert zwei große Pfarreien: Saint-Gervais und weiter talaufwärts Saint-Nicolas de Véroce. Zur letzteren gehörte ursprünglich das gesamte obere Montjoie-Tal. Die Gründung der Pfarreien Notre-Dame de la Gorge (14. Jahrhundert) und Les Contamines (18. Jahrhundert) reduzierten die Ausdehnung von Saint-Nicolas de Véroce auf das heutige Gebiet.
Im Mittelalter gehörte Saint-Gervais zur Provinz Faucigny. Das Château des Contamines und mehrere feste Häuser sicherten das Montjoie-Tal gegen die sich im Süden anschließende Provinz Savoyen ab. Von den festen Häusern in Saint-Gervais sind La Hautetour und La Comtesse noch erhalten.
Die Einwohner des Montjoie-Tals betrieben im Wesentlichen Landwirtschaft, und das Leben in Saint-Gervais organisierte sich dezentral in einem Dutzend kleinerer Weiler, wobei der Ortskern von Saint-Gervais auch nicht viel größer war als die umliegenden Weiler. Mit dem 1355 geschlossenen Vertrag von Paris fiel das Faucigny an die Grafen von Savoyen, und die Rolle der Verteidigung der Grenzen des Faucigny entfiel. In der Folgezeit gewann Saint-Gervais eine Bedeutung als Handelszentrum und veranstaltete von 1371 an einen der drei wichtigen Jahrmärkte der Region, neben Martigny und Sembrancher im Wallis. Der Handel betraf vor allem den Austausch regionaler Produkte sowie die Aufzucht von Vieh (Schafe und Ziegen).
Barockzeit Seit dem 16. Jahrhundert nahm die Bevölkerung weiter zu ohne dass jedoch das Nahrungsangebot mitwachsen konnte, und es setzten Auswanderungen ein. Aus dieser Zeit stammen die Kirchbauten, die von Architekten aus dem Valsesia durchgeführt und von einigen erfolgreichen Auswanderern finanziell unterstützt wurden.
mini|hochkant|Fresken in der Kirche von Saint-Nicolas de Véroce
Die Kirche von Saint-Gervais wurde 1698 als Saalkirche erbaut. Im Jahr 1792 zerstörte ein Blitz ihren Glockenturm, der erst 1819 wieder aufgebaut werden konnte.
Von 1726 bis 1729 ersetzte Saint-Nicolas de Véroce seine baufällig gewordene Kirche ebenfalls durch einen barocken Neubau.
Ihr Innenraum und die Fassade wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten reich verziert, bis hin zu einem klassizistischen Deckenfresko von 1856. Die Kirche wurde von 2003 bis 2008 grundlegend renoviert und Schäden an den Kunstwerken beseitigt.Mairie de Saint-Gervais, (PDF; 797 kB), Pressemitteilung, auf saintgervais.com Auch in den umliegenden Weilern werden teilweise Kapellen im Barockstil erbaut mit ihren eignen Altaraufsätzen.
Neuzeit Thermalbad mini|Thermalbad vor 1892 Die Entdeckung einer Thermalquelle im Jahr 1806 nutzte Saint-Gervais zügig aus, um ein Thermalbad einzurichten. Das Thermalwasser tritt unterhalb des Ortskerns in der Schlucht des Bon Nant mit einer konstanten Temperatur von 32 °C aus. Es ist stark mineralisiert und enthält Spurenelemente, Eisen, Schwefel, Natrium sowie natürliche radioaktive Bestandteile. Die Heilwirkung der Quelle richtet sich vor allem an Menschen mit Krankheiten im HNO Bereich, Hautkrankheiten oder Verbrennungen. Aufgrund seines Thermalbades ist Saint-Gervais autorisiert, den Zusatz -les-Bains () zu führen und änderte am 7. April 1867 seinen Namen in Saint-Gervais-les-Bains.
Katastrophe von 1892 mini|Thermalbad nach der Katastrophe 1892 In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1892 barst eine bis dahin unentdeckte Wasserblase im Tête-Rousse-Gletscher mit einem geschätzten Volumen von 100.000 Kubikmetern. Von der Bionnassay-Schlucht ergossen sich die Wasser- und Eismassen in den Bon Nant, wobei sie große Mengen Schlamm und Geröll aufnahmen und Teile des Weilers Bionnay zerstörten. Der Ortskern von Saint-Gervais-les-Bains lag in sicherer Distanz oberhalb des Bon Nant, jedoch riss die Schlammlawine das am Boden der Bon-Nant-Schlucht gelegene Thermalbad mit. Insgesamt fanden mindestens 160 Menschen den Tod. Viele wurden bis in den Genfersee gespült.Rätsel der Berge (1/4). In: Phoenix. 12. Januar 2014, 8:15 Uhr.
Das alte Thermalbad wurde 1892 an derselben Stelle wieder aufgebaut. Die wiederaufgebaute Kapelle Notre Dame du Torrent dient heute als Mahnmal. Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte man, durch den Bau eines Entwässerungstunnels unter dem Gletscher die Gefahr einer Wiederholung dieser Katastrophe zu bannen. Diese Maßnahme gelang jedoch nicht,Gianna-Carina Grün: Gigantische Wasserblase könnte Alpen-Gletscher sprengen. In: Zeit online. 11. September 2012, abgerufen am 16. September 2012. und im Jahr 2008 zeigten Sondierungen mit aktueller Technologie wieder das Vorhandensein einer Wasserblase in demselben Gletscher.Three-dimensional magnetic resonance imaging for groundwater—New Journal of Physics 13 (2011) 025022 (17pp); . Die von 2010 an durchgeführten regelmäßigen Entlastungsbohrungen im Gletschereis reduzieren die Wasserblase auf eine ungefährliche Größe.
Bahnverbindung von 1898 Das Gesetz vom 17. Juli 1879 (Freycinet-Plan) sah vor, das französische Eisenbahnnetz so zu erweitern, dass die Erschließung auch weniger entwickelter Gebiete dort wirtschaftliches Wachstum erzeugen sollte. Eine Eisenbahnlinie durch das Tal der Arve war explizit in diesem Gesetz benannt und wurde in den folgenden Jahren gebaut. Die Bahnstrecke La Roche-sur-Foron–Saint-Gervais-Le Fayet wurde im Jahr 1898 fertiggestellt und ist in Normalspur ausgeführt. Der Bahnhof von Saint-Gervais liegt auf im Ortsteil Le Fayet und heißt offiziell Saint-Gervais-Le Fayet. Die Eisenbahngesellschaft Paris-Lyon-Méditerranée (PLM, 1938 in der SNCF aufgegangen) betrieb diese Strecke. In Saint-Gervais-Le Fayet schließt sich die Bahnstrecke über Chamonix nach Vallorcine an, deren Teilstück Saint-Gervais-Le Fayet – Chamonix 1901 den Betrieb aufnahm. Sie wurde ebenfalls von der PLM eröffnet, ist in Meterspur ausgeführt, so dass Passagiere in Saint-Gervais-Le Fayet umsteigen müssen. Die Strecke besitzt einige technische Besonderheiten. Sie wurde von Beginn an elektrisch betrieben, hierbei erfolgte die Energieeinspeisung mittels Wasserkraftwerken entlang der Strecke und einer seitlich am Gleis geführten Stromschiene. Obwohl die Strecke eine große Steigung von bis zu 90 ‰ aufweist, funktioniert die Bahn nach dem Adhäsionsprinzip, d. h. ohne Verwendung von Zahnstangen. Im Jahr 1908 wurde das erste Teilstück des ebenfalls meterspurigen Tramway du Mont-Blanc eröffnet, eine Bergbahn mit Zahnstangenantrieb nach System Strub. Sie führt vom Bahnhof Le Fayet zum Ortskern von Saint-Gervais-les-Bains und dann weiter in das Mont-Blanc-Massiv bis auf Höhe. Der heutige Endbahnhof Nid d’Aigle (Adlernest), 500 Meter vom Bionnassay-Gletscher entfernt, eröffnete am 1. August 1913 und sollte ursprünglich nur ein Provisorium sein. Technische Hindernisse und der Erste Weltkrieg verhinderten jedoch den zügigen Weiterbau der Strecke auf noch größere Höhen. Der Tramway wurde gebaut und betrieben von einer eigens dafür gegründeten Gesellschaft, die 1964 mit der heutigen Compagnie du Mont-Blanc fusionierte, der Betreiberin der Liftanlagen im Tal von Chamonix.
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