mini|hochkant=1.2|Frühes Logo der Askania Werke AG mini|hochkant=1.2|
Die Askania Werke AG war ein deutsches Unternehmen der feinmechanischen und optischen Industrie. Sie wurden im Jahr 1871 in Berlin als Bambergwerke in der Linienstraße 185 (nahe den Hackeschen Höfen) gegründet und 1921 in Askania-Werke AG umbenannt. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wurde in erheblichem Umfang Rüstungsproduktion betrieben. Betriebsstätten der Askania-Werke wurden nach Kriegsende nach und nach geschlossen und/oder gingen ab 1946 in verschiedene Volkseigene Betriebe und in Nachfolgeunternehmen in Berlin und Westdeutschland ein.
Im Jahr 2004 gründeten acht Aktionäre in Berlin die Askania AG neu. Seit 2006 werden in einer Manufaktur in Berlin Uhren hergestellt, die die Tradition der Produkte der ehemaligen Askania Werke aufgreifen. Die neue Askania AG ist seit 2004 Eigentümer dieser Wort-Bild-Marke für Luxusprodukte wie Uhren.Datenbankabfrage beim Deutschen Patent- und Markenamt mit der Wiedergabe der Marke: Askania. Abgerufen am 20. Oktober 2011. In der Berliner Uhlandstraße wurde 2013 ein Askania-Museum eingerichtet, in dem historische Instrumente, Präzisionsgeräte und Uhren gezeigt und den aktuellen Uhren gegenübergestellt werden. Der Umzug der Askania-Manufaktur und des Flagship-Stores in die Hackeschen Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, erfolgte 2007.
Geschichte
1871–1920 Im Jahr 1871 gründete Carl Bamberg – Sohn eines Uhrmachers und Protegé von Carl Zeiss – in der Linienstraße 185 in Berlin eine Manufaktur, die hochwertige nautische, geodätische, erdmagnetische und astronomische Präzisionsgeräte für Marine, Observatorien, Forschung und Expeditionen herstellte. Seine Firma trug den Namen Werkstatt für wissenschaftliche, spec. physicalische, nautische u. magnetische Präcisisonsinstrumente.
Für die Häfen in Cuxhaven (1874) und Hamburg (Kaiserkai, 1876) entwickelte Carl Bamberg Zeitbälle zur Synchronisierung der Deckwatches und Schiffschronometer. Bamberg stellte seine Produkte erstmals 1876 auf internationalen Messen in London und Philadelphia sowie 1879 auf der Großen Berliner Gewerbeausstellung aus.Gudrun Wolfschmidt: Navigare necesse est – Geschichte der Navigation. Ausstellungskatalog, Band 14: Nuncius Hamburgensis. Hamburg 2008, ISBN 978-3-8370-3260-4, S. 93–95. Sein Unternehmen erlebte dank herausragender Innovationen und verlässlicher Messtechnik ein schnelles Wachstum. Carl Bamberg verlegte die Werkszentrale 1888 in die Kaiserallee 39 (ab um 1980: Bundesallee 86–88) nach Friedenau. Die Firma arbeitete mit zahlreichen renommierten Kunden, wie Siemens & Halske oder Schottwerke Jena, sowie mit der Kaiserlichen Marine zusammen.
Carl Bamberg verstarb 1892 im Alter von 44 Jahren. Seine Witwe Emma Bamberg,Im Adressbuch 1900: Inhaber Frau Emma Bamberg geb. Roux, und später sein Sohn Paul Adolf Bamberg, der im Todesjahr noch minderjährig war, übernahmen die Leitung des feinmechanischen Betriebes. Im Jahr 1912 stieß der damals 25-jährige Max Hermann Roux (* 26. Oktober 1886 in Leipzig, † 1946),Biografie von Roux, Max, abgerufen am 30. Januar 2022. ein Vetter von Paul Adolf Bamberg, zum Werk. Max Roux heiratete am 19. Dezember 1913 Käte Wilhelmine Bolzendahl aus Rostock. Aus der Ehe stammten drei Kinder.
In Friedenau entwickelten und produzierten Carl Bambergs Werkstätten für Präzisions-Mechanik und Optik in der Zeit vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert diverse Serien von hochpräzisen wissenschaftlichen Apparaten wie Koordinaten-Messgeräte zum Ausmessen großformatiger fotografischer Glasnegative aus den Gebieten Physik, Astronomie und Geodäsie (namentlich der Spektrogrammetrie, Spektroskopie, Entfernungsmessung). Das Unternehmen stand damit hauptsächlich in Konkurrenz zu damaligen Firmen wie Carl Zeiss Jena oder Adam Hilger London und erlangte mit seinen Produkten internationales Ansehen im wissenschaftlichen Bereich.Ernst von Angerer und Georg Joos: Wissenschaftliche Photographie: Eine Einführung in Theorie u. Praxis, Kapitel VI, S. 159 ff.
Während des Ersten Weltkriegs war die Firma Lieferant für die Kaiserliche Marine. Das Produktionsprogramm des Jahres 1914 umfasste U-Boot-Kompasse, Entfernungsmesser, Visiereinrichtungen, Druckmesser mit Fernübertragung für Fesselballone, Kino-Filmkameras und geophysikalische Geräte.
Im Jahr 1919 fusionierten die Werkstätten mit dem feinmechanischen Unternehmen Otto Toepfer & Sohn aus Potsdam und verlegten den Firmensitz dorthin.Das Berliner Adressbuch 1925 weist noch die Wohnadresse von Emma Bamberg mit dem Zusatz vw Fabrikbesitzerin, nun Wannsee, Kleine Seestraße 12, aus.
1921–1933 mini|Aktie über 100 Mark der Askania Werke AG vom Oktober 1932 mini|links|Geschäftsanzeige Askania im Berliner Adressbuch 1925
Durch Zusammenschluss mit der Central-Werkstatt für Gasgeräte GmbH in Dessau entstand 1921 die Askania Werke AG. Der Name nahm Bezug auf das mittelalterliche Adelsgeschlecht der Askanier, die Brandenburg und Sachsen besiedelt hatten. Das Warenzeichen ‚Askania‘ wurde am 5. Juni 1928 beim Reichspatentamt angemeldet und zum 30. August 1929 unter der Nummer 407.205 erteilt.Vgl. Warenzeichenblatt 1929, S. 1937.
Die Askania-Werke mit Standorten in Berlin, abgerufen am 4. November 2012. (u. a. Weißensee, Mitte, Friedrichshagen, Mariendorf). Auch im Berliner Umland wurden Filialen gegründet. Sie alle entwickelten sich zum bedeutendsten deutschen Unternehmen für Luftfahrt- und Navigationsinstrumente. Am Ende der 1920er Jahre hatte die Askania AG neben Zweigstellen in Deutschland auch Niederlassungen in Paris, Houston und Chicago.Geschichte. askania.berlin; abgerufen am 21. April 2018.
Seit den 1920er Jahren baute die Firma auch Filmprojektoren (Askanino, 1926), Stereoskopie-Kameras (Askania Bi-Pack, 1932), Filmkameras (Askania Universal, 1923; Askania Z, 1931), die unter anderem bei den UFA-Dreharbeiten zum Film Der Blaue Engel mit Marlene Dietrich, beim Film Quax, der Bruchpilot oder bei Leni Riefenstahls Die weiße Hölle vom Piz Palü zum Einsatz kamen. Im Jahr 1935 wurde die erste tragbare Schulterkamera der Welt, die Askania Schulterkamera, vorgestellt.Askania. In: Lexikon der Filmbegriffe; abgerufen am 3. Dezember 2015. Während der Olympischen Sommerspiele 1936 wurden Zeitmessinstrumente und Filmkameras zum Aufzeichnen der Wettbewerbe eingesetzt.
Insbesondere die Schulterkamera wurde während des Zweiten Weltkriegs zur Frontberichterstattung und zu Filmaufnahmen für die Deutsche Wochenschau, unter anderem von Horst Grund, eingesetzt.
Die Nachtfluginstrumente, Bordinstrumente und Pilotenuhren halfen Pionieren der Luftfahrt, beispielsweise Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld bei seiner Atlantik-Erstüberquerung oder Elly Beinhorn, bei ihren Langstreckenflugrekorden. Askania-Bordinstrumente waren in zahlreichen Flugzeugen, unter anderem in denen der Lufthansa, eingebaut.
Rüstungsproduktion und Zweiter Weltkrieg mini|hochkant|Askania-Bordinstrumente in der Siebel Fh 104, ca. 1937
Die deutsche Wiederaufrüstung in der Zeit des Nationalsozialismus und ab 1935 führte zu großen Auftragsvolumina und die Spezialisierung für die Rüstungsindustrie, darunter beispielsweise auch Kreiselinstrumente für Schlachtschiffe und Flugzeuge der Heinkel-Werke. Gebaut wurden auch Zieloptiken für Flak-Geschütze und U-Boot-Periskope. Die Askania-Werke entwickelten das Flugleitsystem des deutschen V1-Marschflugkörpers sowie Komponenten für die V2-Rakete.Siehe auch: Filmdokument vom 1944. Während der NS-Zeit war Max Roux Wehrwirtschaftsführer und leitete bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Generaldirektor die Firma.
Die Askania-Werke hatten während des Zweiten Weltkriegs ein Zweigwerk in der Mariendorfer Ringstraße (im 21. Jahrhundert: Schindler Aufzüge AG). In Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade gab es zur Sicherung der Rüstungsproduktion zahlreiche Barackenlager für Zwangsarbeiter der Askania Werke. Die Zahl der Mitarbeiter (einschließlich der Zwangsarbeiter) stieg im Jahr 1940 auf rund 20.000 Beschäftigte an. Diese stammten aus den im Zweiten Weltkrieg besetzten westlichen Ländern wie Belgien, Frankreich und den Niederlanden, aber auch aus östlichen Gebieten wie Polen und später der Sowjetunion. Bei einem großen Luftangriff der Alliierten auf Berlin starben am 24. August 1943 in einem Lager in der Ringstraße mindestens 16 Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion.Tempelhof-Lagerstandorte Lager und Ausländerunterkünfte in Berlin-Tempelhof während des Zweiten Weltkriegs. Eine erste Zusammenstellung. (Stand: Frühling 2001) Bekannt ist auch, dass gegen Kriegsende Ende 1944 bis 1945 Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus Frankreich und den Ostgebieten in Lagern der Askania-Werke in der Rathausstraße und Ringstraße verhungert sind. Im Frühjahr 1944 wurden auf Befehl des Jägerstabes Teile der Produktionsanlagen zum Schutz vor Bombenangriffen unterirdisch in Schächte von Salzbergwerken südlich von Helmstedt verlagert. Häftlinge des ab März 1944 errichteten KZ Beendorf, einem AußenlagerKZ-Gedenkstätte Neuengamme Außenlagerliste des KZ Neuengamme, mussten sowohl die Erweiterungen der SchächteHelmstedt-Beendorf (Männerlager) (PDF; 723 kB) als auch die später nötige Zwangsarbeit zur Produktion u. a. von Autopiloten, Steuerungen und Ruderanlagen für das Flugzeug Messerschmitt Me 262 und die Raketen V1 und V2Helmstedt-Beendorf (Frauenlager) (PDF; 1,9 MB) leisten.
mini|links|Askania-Haus in Berlin-Weißensee
In den Askania-Werken Mariendorf und WeißenseeGeschichte waren illegale Betriebszellen der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation organisiert und aktiv, die Flugblätter herstellten und verteilten sowie Sabotage der Rüstungsproduktion betrieben. Außerdem versuchten sie, Lebensmittel und Kleidung an Zwangsarbeiter zu verteilen und Unterkünfte und Geld für Illegale bereitzustellen. Die Gruppe in den Askania-Werken umfasste in der Zeit von 1933 bis 1945 ca. 50 Männer und Frauen. Durch die Zerschlagung der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation im Juli 1944 wurden auch viele Angehörige dieser Betriebszellen verhaftet. Sechs von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, nur dem Werkzeugmacher Paul Hirsch gelang auf dem Weg zum Prozess vor dem Volksgerichtshof am 28. November 1944 die Flucht. Da er nicht in Berlin versteckt werden konnte, ging er Richtung Osten und übertrat die Kriegsfront. Er starb aufgrund von Erschöpfung durch seine Flucht aus Deutschland und den vorher während seiner Haft durch Folter erlittenen Verletzungen nach Kriegsende am 21. August 1945 in einem Lager in Kasachstan.
Die Fabrik unterhielt auf dem Betriebsgelände in Friedenau auch eine Betriebssportgemeinschaft.
mini|hochkant=1.5|Gedenktafel für die in der Großbeerenstraße 2 in Berlin-Mariendorf verstorbenen Zwangsarbeiter
Erst seit September 2014 erinnert eine Gedenktafel in der Großbeerenstraße 2 an die sieben Arbeiter bei Askania, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ihr Leben verloren: Paul Hirsch, Paul Junius, Karl Ladé, Kurt Rühlmann, Stanislaus Szczygielski, Hermann Wolff und Walter Zimmermann.
Entwicklung in der Nachkriegszeit mini|Askania Vertikalkreis; er war von 1927 bis 2007 in der Universitäts-Sternwarte München in Betrieb mini|hochkant|Marine-Kompass aus dem VEB Askania, 1950er Jahre
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Tod des bisherigen Generaldirektors Roux wurden die Askania-Werke aufgesplittet. Aus dem Zweigwerk in Teltow entstand im Januar 1946 die Askania-Feinmechanik und Optik GmbH Teltow, eine Tochtergesellschaft der Askania Werke AG Berlin-Friedenau. In den ersten Jahren wurden in dem Werk vor allem Reparationsaufträge für die Sowjetunion ausgeführt.