Als Hooligan (engl. „Rowdy“, „Rabauke“) wird im deutschen Sprachgebrauch eine Person bezeichnet, die vor allem im Rahmen bestimmter Großereignisse, wie beispielsweise bei Fußballspielen, durch aggressives Verhalten und Gewalt auffällt. Der Duden, der den Begriff 1991 aufnahm, definiert Hooligan als „meist im Gruppenverband auftretender Jugendlicher, dessen Verhalten von Randale und gewalttätigen Übergriffen bei öffentlichen Veranstaltungen (z. B. Fußballspielen) gekennzeichnet ist“. Verwendet wird auch das Kurzwort Hool insbesondere im Jargon sowie Hooliganismus für die Gesamtheit des Phänomens („Rowdytum“).Hooligan in duden.de, abgerufen am 28. Oktober 2014.Hooliganismus in duden.de, abgerufen am 28. Oktober 2014.
Definition Mit dem Begriff „Hooligans“ werden meist junge Männer bezeichnet, die sich in Gruppen im Umfeld von Fußballspielen oder anderen Großereignissen Schlägereien mit rivalisierenden Gruppen oder auch mit Sicherheitskräften wie der Polizei liefern. Diese können sich spontan beim Aufeinandertreffen der Gruppen bilden, finden teilweise aber auch organisiert an abgesprochenen Orten statt. Häufig gehen sie mit massiven Formen des Vandalismus sowie auch mit Gewalt gegen unbeteiligte Dritte einher. Die Beteiligten selbst betonen den Nervenkitzel und sehen ihr Verhalten eher als „Wettstreit unter harten Männern“ (Eckert, Steinmetz & Wetzstein, 2001). Zudem spiele das besondere Erleben in der Gruppe, das Zusammengehörigkeitsgefühl, gegenseitige Anerkennung und auch Machterleben eine Rolle. Historisch fanden bereits seit der Antike gewalttätige Ausschreitungen unter Zuschauern von Wettkämpfen statt, wobei diese in großen Gruppen organisiert waren und teilweise sogar erheblichen Einfluss auf Politik und weltliche Gewalt hatten. Dies schlug sich u. a. im Nika-Aufstand von 532 nieder, bei dem schließlich sogar ein Gegenkaiser ausgerufen wurde.
Im organisierten Fußball gab es sie bereits zu Anbeginn seiner Geschichte (Dunning, 1999; Frosdick & Marsh, 2005). Gelegentlich kommt es auch bei anderen Sportarten wie Eishockey, Rugby, Cricket oder American Football zu gewalttätigen Ausschreitungen im Publikum (Frosdick & Marsh, 2005), jedoch am häufigsten im Kontext des Kulturphänomens „Fußball“.Thomas Bliesener: Hooliganismus. In: Diskriminierung und Toleranz – Psychologische Grundlagen und Anwendungsperspektiven. Springer 2009, S. 319f. online in Google Bücher
Die Hooligan-Bewegung stammt ursprünglich aus England und hat sich schnell ausgebreitet. In den 1950er und 1960er Jahren war dieses Rowdytum in Großbritannien auch bei Tanzveranstaltungen in Großstädten weit verbreitet. Die ersten Fälle randalierender Hooligans gehen bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück. In der Fußball-Fankultur sind Hooligans von „normalen“ Fans, „Kutten“ und Ultras zu unterscheiden, da sie Gewalt „kultivieren“. Als Zwischenform wurde von Gunter A. Pilz die Bezeichnung Hooltras geprägt.Bernd Strauss (Hrsg.), Gunter A. Pilz: Sportzuschauer. Hogrefe 2012, S. 217. Der Begriff wird in der Fanszene jedoch abgelehnt.Ronny Blaschke: Ultras, Hooligans, Hooltras?, Spiegel Online vom 21. Juni 2007, abgerufen am 30. August 2018.
Etymologie Hooligan bzw. O’Hooligan ist ein irischer Nachname ( Ó hUallacháin, „Nachfahre des Uallachán“, Diminutiv zu uallach „launisch, reizbar, stolz, eitel“). Wie der Name zur Bezeichnung für Rowdys wurde, ist unklar. Häufig genannt wird eine fiktive irische Familie namens O’Hoolihan, die aufgrund ihrer Gewalttätigkeit Ende des 19. Jahrhunderts in einem Lied der britischen Music Halls erwähnt wurde sowie als ein Charakter in Cartoons auftauchte., Oxford dictionaries, abgerufen am 6. November 2014. 1898 wurde in einem Londoner Polizeibericht ein Ire namens Patrick Hoolihan (oder Hooligan) mit dem Spitznamen „Hooley“ als Randalierer und Anführer einer Jugendbande (O’Hooligan Boys) im Londoner Stadtteil Lambeth genannt.hooligan, Michael Quinion in World Wide Words, abgerufen am 7. November 2014.
Neben diesen Varianten scheint auch eine östliche (slawische) Herkunft möglich, da um 1900 der Begriff auch in Russland Verwendung fand. Erst seit den 1970er Jahren wurde der Begriff zunächst in England, seit Mitte der 1980er Jahre auch in Deutschland, im Kontext zur Fankultur im Fußball verwendet, während er vorher allgemein für Straßenkriminalität und Rowdytum stand.Thomas König: Fankultur. Eine soziologische Studie am Beispiel des Fußballfans. LIT Verlag Münster 2002, S. 69 online in Google Bücher
Auch in den USA war der Begriff geläufig; so war z. B. eine Bande von Italo-Amerikanern in Ocean Hill, einem Stadtteil in Brownsville (New York), in den 1930er Jahren als Ocean Hill Hooligans bekannt. In der deutschen Sprache soll das Wort „Hooligan“ erstmals 1906 von Arthur Pfungst verwendet worden sein.
In der ungarischen Sprache wird huligán (als Substantiv sowie auch als Adjektiv) als allgemeine, abwertende Bezeichnung für (zumeist junge, männliche) Personen verwendet, die sich nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechend verhalten.
Sozialstruktur und Organisation Das Phänomen des Hooliganismus wurde zunächst sozialstrukturell untersucht, wonach sich Jugendliche aus unteren sozialen Schichten früher und stärker an gleichaltrigen Gruppen orientieren. Demnach neigten sie, bedingt durch den erhöhten sozialen Druck, zu aggressiver Selbstbehauptung sowie kollektiver Abgrenzung zu anderen Gruppierungen. Für Jugendliche, deren familiäre Bindungen schwach oder gestört sind, biete sich der Anschluss an eine Fußball-Fangruppe zur Bildung einer kollektiven Identität an (Bohnsack, 1997; Dunnig, 1999; Pilz, 1996). Befunde empirischer Studien bestätigten solches aber nur teilweise; so gab es tatsächlich Hinweise auf schwierige Milieus (Armstrong 1998, Böttger 1998, Dunning 2000), jedoch wurden in anderen Studien auch eine Rekrutierung aus allen sozialen Schichten festgestellt (Pilz, 1995; Valk, 1995).Thomas Bliesener: Hooliganismus. In: Diskriminierung und Toleranz – Psychologische Grundlagen und Anwendungsperspektiven. Springer 2009, S. 325.
Seit Ende der 1970er Jahre kam es aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs in Großbritannien zu einer Neuorientierung dieser Subkultur. So bildeten sich etwa in London und Liverpool die sogenannten Casuals, die sich durch eher hochpreisige Kleidung sowie das Fehlen von Fanutensilien wie Fanschals auszeichnen und damit bis heute in der Szene prägend wirken. Diese grenzen sich unter anderem zur Skinheadbewegung ab und zeigen ein Bedürfnis nach medialer Präsenz. Organisatorisch bildeten sie sogenannte Firms oder Crews, in denen etwa 150 Mitglieder zum Kern gehörten sowie weitere 500 als Mitläufer gedeutet werden. Zu den medial bekanntesten zählten die Headhunters, Anhänger des FC Chelsea, sowie die Inter City Firm, Anhänger von West Ham United. Nach wissenschaftlichen Einschätzungen gebe es aber keine strenge Hierarchie, vielmehr fuße sie auf Erfahrung und sozialer Stellung durch „Kampferfahrung“.Thomas König: Fankultur. Eine soziologische Studie am Beispiel des Fußballfans. LIT Verlag Münster 2002, S. 72.
Hooligans und Rechtsextremismus In der britischen Hooliganszene wurden vor allem in den 1980er Jahren Kontakte zur National Front beobachtet (Harnischmacher, 2006). Andere Studien verneinen politische Motive eher (Lösel u. a., 2001), insbesondere, da Hooligans einen erhöhten Kontrolldruck seitens der Polizei befürchten und so ihre Tätigkeiten ungestört ausüben können. Zum Teil werden solche Kooperationen auch strikt abgelehnt. Zweckgemeinschaften würden jedoch mit rechtsextremen Skins und anderen neonazistischen Gruppen gebildet.Thomas Bliesener: Hooliganismus. In: Diskriminierung und Toleranz – Psychologische Grundlagen und Anwendungsperspektiven. Springer 2009, S. 323.
In Russland sind laut Beobachtern die Übergänge zwischen Rechtsextremen, Neonazis und Hooligans fließend. Die Hooligans werden vom Staat nicht bekämpft, weil sie loyal zum Kreml sind. Verschiedene behördliche Maßnahmen im Vorfeld der in Russland stattfindenden Fußball-WM 2018 wie verschärfte Strafen bei Ausschreitungen, Beleidigungen oder Propaganda im Stadion, verbesserten Identifikationsmöglichkeiten mittels spezieller Fan-ID und neuem Monitoringsystem sowie eines eingerichteten Offiziers für den Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus im russischen Fußballverband führten jedoch zu einem Rückgang rechter Symbole im russischen Fußball. Allerdings schließen Beobachter nicht aus, dass es sich hierbei nur um einen kurzzeitigen Effekt im bevorstehenden Rampenlicht des WM-Turniers handelte.Steter Tropfen gegen die Gewalt, WOZ Die Wochenzeitung, 14. Juni 2018.
Die bekannteste Hooligan-Gruppe aus Ungarn, die durch rassistische Sprechchöre und Affenlaute auffällt, ist die Carpathian Brigade.Tobias Utz: Hooligans aus Ungarn: Das ist die ultrarechte „Carpathian Brigade“
In Deutschland wurde in Sachsen-Anhalt 2008 erstmals eine rechtsextremistische Hooligan-Schlägertruppe, die Blue White Street Elite, durch das Innenministerium verboten. Die Gruppe klagte gegen das Verbot. Nach Rückverweisung durch das Bundesverfassungsgericht im Revisionsverfahren wurde das Verbot im zweiten Rechtsgang vom Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt im Jahr 2010 aufgehoben. Das OVG kam zu der Erkenntnis, dass die Gruppe keine Vereinigung im Sinne des Vereinsgesetzes sei und das Verbot daher rechtswidrig ist (Az. 3 K 380/10). In: stern.de. 21. Oktober 2010.
Nach den von der „HoGeSa“ („Hooligans gegen Salafisten“) organisierten Krawallen in Köln am 26. Oktober 2014 kündigte das Bundesamt für Verfassungsschutz an, zu prüfen, inwieweit Hooligans von extremistischen Gruppen instrumentalisiert werden. Gemäß dem ehemaligen Bundesverfassungsschutzpräsident Maaßen seien die auf Gewaltausübung und Alkoholkonsum fixierten Hooligans zum größten Teil politisch desinteressiert und bislang kein Beobachtungsobjekt für den Verfassungsschutz.Aktionen der Hooligans ruft Verfassungsschutz auf den Plan. AFP vom 28. Oktober 2014.
Gewalt- und Fanforscher wie etwa Gunter Pilz oder Robert ClausBuch 2020: Ihr Kampf Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert sehen dagegen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Hooliganismus und Rechtsextremismus. Beide speisten sich aus Gewaltaffinität und Sozialdarwinismus. Wenn das „Faustrecht herrscht, das Recht des Stärkeren“, seien andere Menschen abwertende, nationalistische Gedanken sehr nahe. Pilz sieht die neue Hooliganszene „ganz eindeutig rechts orientiert“ und sieht nach den Ausschreitungen in Chemnitz 2018 „eine Renaissance des Hooliganismus auf dem rechtsradikalen Flügel.“ Noch in den 1980er-Jahren seien unter den Hooligans nur wenige dem rechten Spektrum zuzuordnen gewesen. Heute seien die Gruppen „ausgesprochen gut organisiert und vernetzt“ und könnten „sich stabsmäßig vorbereiten und ausgesprochen schnell reagieren.“ Bedrohliche Verbindungen existierten mit der Türsteher- und der Kampfsportszene, zudem sei die Szene „stark von russischen Hooligans bestimmt, die die Kampfsportevents organisieren.“Interview: Christian Spiller "Hooligans verstehen sich als Vollstrecker des Volkswillens"; Zeit Online vom 28. August 2018.Thomas Dudek: Kampf, Sport, Szene; Spiegel Online vom 27. August 2018.Forscher: Chemnitz-Chaoten eindeutig rechts So sei die an den Krawallen beteiligte „Kaotic Chemnitz“ ähnlich wie die sogenannten NS-Boys aus dem Umfeld von „Hooligans-Nazis-Rassisten“ kurz HooNaRa entstanden und „war der Versuch mit einem politisch weniger verbrannten Namen wieder in die Fußballöffentlichkeit zu treten.“Wer sind die "Kaotic"-Hooligans?, detektor.fm vom 27. August 2018. Ähnliche Gruppierungen mit klar rechtsextremistischer Tendenz gibt es auch in anderen Städten wie etwa Dresden mit der Faust des Ostens.
Prävention und Strafverfolgung in Deutschland