Das Corps Guestphalia Halle ist eine 1840 an der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg gestiftete studentische Korporation im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV), dem sie seit dessen Konstituierung 1855 angehört. Seine Mitglieder werden als Hallenser Westfalen bezeichnet. Die Verbindung bekennt sich zu den Prinzipien der Mensur, der Couleur und des Lebensbundes. Innerhalb des KSCV ist sie dem sogenannten Grünen Kreis zugeordnet. Von 1958 bis 2006 hatte das Corps seinen Sitz in Münster, bevor es im Sommersemester 2006 nach Halle an der Saale zurückkehrte und seither wieder dem Hallenser Senioren-Convent (SC) angehört.

Bekannt ist das Corps insbesondere durch die Angabe des 8. September 1789 als Stiftungsdatum, auf dessen Grundlage es den Anspruch erhebt, das älteste deutsche Corps zu sein. Diese Datierung beruht auf einer 1926 im Hallenser SC genehmigten Rückdatierung. Sowohl hinsichtlich der historischen Begründung als auch in formaler Hinsicht erscheinen diese Vorgänge problematisch. Insbesondere fehlt sowohl ein überzeugendes Argument für die Wahl des Datums als auch belastbares Quellenmaterial, das eine institutionelle oder personelle Kontinuität zu einem 1789 oder 1790 entstandenen landsmannschaftlich organisierten Kränzchen hinreichend plausibel erscheinen lassen könnte. Gleichwohl wurde die Entscheidung des Hallenser SC trotz dieser Einwände und anhaltender innerverbandlicher Kontroversen auf Verbandsebene schließlich gebilligt.

Die Guestphalia war sowohl an der Jenenser Senioren-Convents-Deputiertenversammlung von 1848 als auch an der eigentlichen Gründung des KSCV 1855 beteiligt. Von Sommer 1867 bis zum Wintersemester 1867/68 war das Corps infolge von Ausschreitungen während der Feierlichkeiten anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg durch die Universitätsbehörden verboten. 1870 musste es infolge des Deutsch-Französischen Krieges suspendieren, da die Aktivitas geschlossen am Krieg teilnahm; nach Kriegsende kehrte kein Aktiver in das Corps zurück. Die Rekonstitution erfolgte im April 1874. Ende der 1870er Jahre schloss sich Guestphalia dem Grünen Kreis an.

1888 bezog die Verbindung ihr erstes eigenes Corpshaus, bevor sie 1911 in ein von ihr selbst errichtetes Gebäude übersiedelte. In den revolutionären Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg trat das Corps geschlossen Zeitfreiwilligenverbänden bei, um an der Niederschlagung der Arbeiteraufstände in Halle mitzuwirken. In den 1920er Jahren wurde Guestphalia Teil des völkisch-antisemitischen Hochschulrings Deutscher Art (HDA). 1933 begrüßte das Corps wie die übrigen Korporationen des Hallenser SC die nationalsozialistische Machtübernahme, unterlag jedoch bald erheblichen Restriktionen und suspendierte sich kurz nach der Auflösung des KSCV im Oktober 1935. Um einer drohenden Beschlagnahme zu entgehen, wurde das Corpshaus noch im selben Jahr veräußert. 1938 traten größere Teile des Philisteriums der Altherrenschaft der NS-Kameradschaft „Gustav Nachtigal“ bei, die jedoch 1944 durch den NSDStB aufgelöst wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligten sich wesentliche Teile der Westfalen-Altherrenschaft an der Konstitution der Saxonia Frankfurt in Frankfurt am Main. 1958 erfolgten die Loslösung und die eigenständige Rekonstitution in Münster, wo nacheinander unterschiedliche Mietobjekte bezogen wurden. Nach seiner Rückkehr an seinen ursprünglichen Standort in Halle Mitte der 2000er Jahre erwarb das Corps das 1935 veräußerte Corpshaus von neuem, nachdem ein Fristversäumnis die Einleitung eines Restitutions- oder Entschädigungsverfahrens verhindert hatte.

Quellen und Forschung Die Geschichte der Guestphalia Halle zählt – trotz oder möglicherweise doch gerade wegen ihrer herausragenden Stellung innerhalb des KSCV – zu den weniger gut erforschten Verbindungsgeschichten. Die 1989 veröffentlichte CorpschronikWestphalenverein e.V. Halle/Saale (Hrsg.): 200 Jahre Corps Guestphalia zu Münster. 1789–1989, Münster 1989. vermittelt, wie für derartige Werke oft typisch,Dietrich Heither, Michael Lemling: Die studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zum Faschismus. In: Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute, hrsg. v. Ludwig Elm u. a., Köln 1992, S. 92–156, hier: S. 92; und Jürgen Herrlein: Zur „Arierfrage“ in Studentenverbindungen. Die akademischen Korporationen und der Prozess der Ausgrenzung der Juden vor und während der NS-Zeit sowie die Verarbeitung dieses Vorgangs nach 1945, Baden-Baden 2015, S. 32f. ein apologetisch-verklärtes Selbst- und Geschichtsbild: Auffällig sind der weitgehende Verzicht auf Quellenarbeit, die fehlende Quellenkritik sowie eine lediglich oberflächliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Insbesondere die frühe Entwicklung des Corps wie auch seine Rolle in Weimarer Republik und Nationalsozialismus bleiben ohne kritische Untersuchung; letzteres erscheint vielmehr durch Opfer-Narrative überblendet und bleibt im Wesentlichen unerörtert.Jürgen Herrlein: Zur „Arierfrage“ in Studentenverbindungen. Die akademischen Korporationen und der Prozess der Ausgrenzung der Juden vor und während der NS-Zeit sowie die Verarbeitung dieses Vorgangs nach 1945, Baden-Baden 2015, S. 32f.; führt die Chronik des Corps in seiner Dissertation als Negativbeispiel einer Verbindungschronik an. Kritisch zu dem nicht von Elisabeth und Jürgen Kloosterhuis verfassten Hauptteil der Chronik auch Hans Peter Hümmer: Stammbuch Carl Davidis (Landsmannschaft Guestphalia Halle 1828–1830). In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 48 (2003) S. 153–80, hier: S. 178, Anm. 2; sowie Raimund Neuss: Besprechung. 200 Jahre Corps Guestphalia Halle. In: Studentenkurier, NF Nr. 9 (1990), S. 74f.

Da die Guestphalia offenkundig nur begrenztes Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zeigt, ja sich einer solchen sogar aktiv verweigert, hat sich die wissenschaftliche, quellenkritische Erforschung ihrer Geschichte weitgehend, wenn nicht gar völlig außerhalb der Verbindung selbst vollzogen.Auch in den bei der Rückdatierung maßgeblichen Denkschriften I und II von 1925[?] und 1928 zeigt sich nicht einmal in Ansätzen ein quellenbezogenes und quellenkritisches Vorgehen; Hans Peter Hümmer: Stammbuch Carl Davidis (Landsmannschaft Guestphalia Halle 1828–1830). In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 48 (2003) S. 153–80, hier: S. 178, Anm. 2; Kurt Rheindorf: Gutachten über die beiden Denkschriften der Guestphalia zu Halle betr. Ihre Geschichte und die Vordatierung des Stiftungstags [auch als Beilage zur Onolden-Zeitung, 1930], Frankfurt a. M. 1930. Die Guestphalia erschwert in diesem Kontext die Aufarbeitung ihrer Historie dadurch, dass sie den Zugang zu Dokumenten ihrer Frühgeschichte einschränkt und sich einer Offenlegung von noch vorhandenem Archivgut generell verweigert, was eine unabhängige und kritische Untersuchung ihrer Geschichte erheblich behindert.Problem bereits diskutiert in: Georg Meyer-Erlach. Nachwort zu: Julius Fomm. Das älteste Corps. In: Archiv für Studenten- und Hochschul-Geschichte (AStHG), Jg. 4, H. 12 (1934), S. 348f. Daran hat sich auch in jüngerer Zeit nichts geändert. Torsten Lehmann war es im Rahmen seiner Promotion zum corpsstudentischen Verbindungswesens im Halle der Kaiserzeit nicht einmal möglich, Einblicke in die ab 1889 erschienenen Semesterberichte des Corps zu erhalten; vgl. Torsten Lehmann: Die Hallenser Corps im Deutschen Kaiserreich. Eine Untersuchung zum studentischen Verbindungswesen von 1871 bis 1918, Halle a.S. 2007, S. 29. Die Geschichte der Guestphalia ist daher im Wesentlichen nur punktuell und insoweit erschlossen, wie sie die allgemeine Studentengeschichte der Hallenser Corps berührt oder aus Dokumenten außerhalb des Archivguts der Guestphalia erschlossen werden kann. In diesem Zusammenhang sei außerdem angemerkt, dass große Teile der Bestände der Universität Halle zu studentischen Korporationen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu DDR-Zeiten, aber auch schon zuvor offenbar vernichtet oder gestohlen worden sind.Vgl. Hans Peter Hümmer: Wer genehmigte die Vordatierung des Corps Guestphalia Halle von 1840 auf 1789. In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 49 (2004), S. 368–77, hier: S. 377, Anm. 17.

Bedeutende Forschungsbeiträge zu Einzelheiten der Geschichte der Guestphalia sind neben Torsten Lehmann,Torsten Lehmann: Die Hallenser Corps im Deutschen Kaiserreich. Eine Untersuchung zum studentischen Verbindungswesen von 1871 bis 1918, Halle a.S. 2007. Karl GosselKarl Gossel: Zur Vordatierung der Guestphalia zu Halle, I (= Corpsbericht der Borussia zu Halle, Jg. 1928, Nr. 2, April/Juni [masch.]), Berlin 1928; ders.: Zur Vordatierung der Guestphalia zu Halle, II (Sonderabdruck aus dem Corpsbericht der Borussia zu Halle, Jg. 1928, Nr. 3, April/Juni), Berlin 1928 [auch im Nachdruck mit weiteren Anmerkungen in der Onoldenzeitung (= Jg. 10, Nr. 2 (37), November 1928) erschienen]; ders.: Die Vordatierung der Guestphalia Halle nochmals vertagt (Sonderabdruck aus dem Corpsbericht der Borusia zu Halle, Jg. 1929/30), Hagenow i. M. 1929/30. und Martin DossmannMartin Dossmann: Mit den Farben Grün-Weiß-Schwarz. Zur Geschichte des Westphalenkartells. In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 66 (2021), S. 73–88. vor allem von Hans Peter HümmerHanns Peter Hümmer: Wer genehmigte die Vordatierung des Corps Guestphalia Halle von 1840 auf 1789. In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 49 (2004), S. 368–77. geleistet worden, wohingegen eine quellenkritische Gesamtdarstellung auch weiterhin fehlt.

Couleur, Sprüche und Wappen mini|240x240px|Das ältere Wappen der Guestphalia Halle vor dem Weltkriege mit dem Stiftungsdatum des 18. Juli 1840. Das Corps Guestphalia Halle führt die Farben „maigrün-weiß-schwarz“ mit silberner Perkussion. Die Mütze ist maigrün. Die Füchse tragen ein Fuchsenband in den Farben „maigrün-weiß-maigrün“, ebenfalls mit silberner Perkussion.Verband Alter Corpsstudenten (Hrsg.): Handbuch des Kösener Corpsstudenten, Bd. II, Würzburg 1985, S. 1/62. Während des Wintersemesters wird anstelle der üblichen maigrünen Mütze ein sogenanntes Wintertönnchen getragen. Dieses unterscheidet sich vom regulären Tönnchen durch einen mit Filz bezogenen maigrünen Deckel mit eingesticktem Zirkel sowie eine umlaufende Besatzung aus Hermelinfell. Inaktive und Alte Herren tragen grundsätzlich ein Tönnchen.Zum Themenkomplex des Pelztönnchens im Allgemeinen vgl. Thomas D. Lehmann: Pelztönnchen. In: Einst und Jetzt (EuJ), Bd. 55 (2010), S. 450–54. Die Wahlsprüche des Corps lauten: Neminem time, neminem laede! („Fürchte niemanden, verletze niemanden!“) sowie Gloria virtutis comes! („Der Ruhm ist der Begleiter der Tapferkeit!“)Verband Alter Corpsstudenten (Hrsg.): Handbuch des Kösener Corpsstudenten, Bd. II, Würzburg 1985, S. 1/62.