Die Geschichte Madagaskars umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Madagaskar von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die geschichtlichen Aufzeichnungen über Madagaskar beginnen mit dem 7. Jahrhundert, damals errichteten die Araber erste Handelsstützpunkte an der Nordwestküste. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass die ersten madagassischen Siedler aus Südostasien kamen, was die ethnischen Eigenschaften, eine Mischung austronesischer Asiaten und afrikanischer, sowie später hinzugekommener arabischer, indischer und europäischer Einflüsse erklärt. Britische und französische Imperialisten lieferten sich vom 17. bis 19. Jahrhundert einen Wettlauf um Madagaskar, bis die Insel 1890 französische Kolonie wurde. Madagaskar errang 1960 seine Unabhängigkeit.

Der Name Madagaskar stammt von Marco Polo, dem italienischen Fernhändler, der eine afrikanische Insel mit unaussprechlichem Reichtum als Madeigascar beschrieb. Marco Polo hatte über die Existenz der Insel indirekt aus Erzählungen während seiner Reisen in Asien Kenntnis bekommen. Die meisten Gelehrten nehmen an, dass er wohl Mogadischu, den Hafen des heutigen Somalia beschrieben habe. Dennoch verwendeten die italienischen Kartographen der Renaissance den Namen Madagaskar für die Insel.

Frühgeschichte

mini|Karte der austronesischen Migration, deren westlichster Ausläufer Madagaskar war Nach der madegassischen Mythologie wurde die Insel zuerst durch ein hellhäutiges „Zwergenvolk“, die Vazimba, bewohnt. Auf der Insel, deren Einwohner den Ahnenkult praktizieren, werden die Vazimba als die ältesten Ahnen verehrt. Die Könige einiger madegassischer Fokos behaupten, in direkter Verwandtschaft mit den Vazimba zu stehen. Die Vazimba-Epoche wird zeitlich vor der Herrschaft des Ahnherrn der Merina-Dynastie, Andriamanelo, eingeordnet, der etwa von 1540 bis 1575 herrschte. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich um Imerina.

Gelegentlich finden sich Hinweise darauf, dass Menschen Madagaskar bereits zu Beginn des Holozäns betreten haben, wie dies eine Studie aus dem Jahr 2018 aufzeigt. So verweisen einzelne Schnittspuren an Knochen von Elefantenvögeln (Aepyornis und Mullerornis), deren Alter bei rund 10.500 Jahren vor heute liegt, auf menschliche Manipulation. Gefunden wurden sie an der Lokalität Ilaka, welche sich am Fluss Ihazofotsy im Isalo-Gebirge des süd-zentralen Madagaskars befindet.James Hansford, Patricia C. Wright, Armand Rasoamiaramanana, Ventura R. Pérez, Laurie R. Godfrey, David Errickson, Tim Thompson, Samuel T. Turvey: Early Holocene human presence in Madagascar evidenced by exploitation of avian megafauna. Science Advances 4 (9), 2018, S. eaat6925, doi:10.1126/sciadv.aat6925. Jüngere Belege, wie Schnittspuren an Lemurenknochen aus der Zeit um 400 v. Chr. – entdeckt an der Fundstätte Taolambiby im Südwesten – und weitere Belege (Ambolisatra und Lamboharana), denen ein Alter von 4000 Jahren zugemessen werden konnte, erweisen eine erhebliche Kontinuität. Die lokale Megafauna bestand, trotz Veränderungen der Landschaft durch menschliche Eingriffe (gezielte Feuer, ökologische Folgen der Viehhaltung, Jagd, Umwandlung der Landschaft durch Nutzpflanzen), bis zum Ende des 1. Jahrtausends n. Chr.

Lange gingen Archäologen von einer Besiedlung der Insel erst zwischen 300 v. und 500 n. Chr. aus.David A. Burney, Lida Pigott Burney, Laurie R. Godfrey, William L. Jungers, Steven M. Goodman, Henry T. Wright und A. J. Timothy Jull: A chronology for late prehistoric Madagascar. in: Journal of Human Evolution 47, 2004, S. 25–63, doi:10.1016/j.jhevol.2004.05.005.Steven M. Goodman und William L. Jungers: Extinct Madagascar. Picturing the island's past. University of Chicago Press, 2014, S. 1–206. Demnach waren die ersten Einwohner Madagaskars Seefahrer aus Südostasien, vermutlich Borneo oder Süd-Celebes in ihren Auslegerkanus. Diese ursprünglichen Madegassen besiedelten die Insel im Zuge der großen austronesischen Expansion, die zur Besiedlung des malaiischen Archipels, Neuseelands, Polynesiens und Mikronesiens führte. Ein Beleg für die Ankunft von Indonesiern, die die 400 km entfernte Ostküste Afrikas kolonisierten, ist hingegen nicht gefunden worden. Es scheint, dass die ersten Einwohner von Madagaskar über den Indischen Ozean aus Indonesien kamen: eine Reise von 5000 km, indem sie sich dem Wind und dem äquatorialen Ost-Weststrom anvertrauten. Zusammen mit Neuseeland bildete Madagaskar eine der letzten von Menschen besiedelten größeren Landflächen. Der Ethnologe Jared Diamond beschreibt die austronesische Expansion nach Madagaskar so:

In Technologie und Landwirtschaft weisen die Madegassen viele gemeinsame Merkmale mit den Indonesiern auf. Die Methoden der Reisbearbeitung gleichen einander. Wie die Indonesier benutzen die Madegassen Auslegerkanus (Katamarane). Beide Kulturen praktizieren den Ahnenkult und glauben, dass Tote einen Einfluss auf die Lebenden haben. Anders als ihre Nachbarn auf dem afrikanischen Kontinent, die Rundhütten bevorzugen, leben die Madegassen in viereckigen Wohngebäuden. Sie verwendeten zum Eisenschmieden Zweiklappenbälge, eine malaysische Erfindung. Sie kleideten sich in aus Pflanzenfasern oder Raffiabast gesponnenes Tuch, nicht in Leder, Fell oder Wolle wie Afrikaner. Angehörige der Merina, des größten Foko in Madagaskar, gleichen den Indonesiern im Aussehen stark.

Die Errichtung von Siedlungen lässt sich erst ab dem 5. Jahrhundert sicher nachweisen, nämlich an der Fundstätte Lakaton'i Anja, einem Felsüberhang an der Nordspitze Madagaskars.Atholl Anderson: Was there mid Holocene habitation in Madagascar? A reconsideration of the OSL dates from Lakaton'i Anja, in: Antiquity 93, 368 (2019) 478–487. Die ältesten Spuren der Fundstätte im Montagne des Français, wo sich auch die zweite Fundstätte, nämlich der Felsüberhang Ambohiposa befindet, reichen wahrscheinlich bis etwa 2400 v. Chr. zurück. Wenn es dazu gekommen sein sollte, was sich als sehr wahrscheinlich erwies, dass Jägergruppen die Insel aufsuchten, dann kann es sich nur um sehr kleine und wohl auch seltene Besucher aus Ostafrika gehandelt haben.

Zu einer massiven Veränderung der Ökosysteme durch den Einsatz von Feuer kam es wohl erst um 1250 n. Chr.Anneli Ekblom, Paul Lane, Chantal Radimilahy, Jean-Aime Rakotoarisoa, Paul Sinclair, Malika Virah-Sawmy: Migration and Interaction between Madagascar and Eastern Africa, 500 BCE–1000 CE: An Archaeological Perspective, in: Gwyn Campbell (Hrsg.): Early Exchange between Africa and the Wider Indian Ocean World, Springer, 2016, S. 195–232.

Die Einwanderung von Bantugruppen mini|Illustration des frühen 15. Jahrhunderts zu Marco Polos Reisebericht, hier vor allem riesige Vögel.Dort heißt es: „Diconmi certi mercanti, che vi sono iti, che v'ha uccelli grifoni, e questi uccelli […] non sono così fatti come si dice di qua, cioè mezzo uccello e mezzo leone, ma sono fatti come aguglie e sono grandi […] che l'alie loro cuoprono venti passi, e le penne sono lunghe dodici passi“.

mini|Die erste Karte, die Madagaskar verzeichnete, entstand 1502, eine Kopie einer portugiesischen Karte

Die Bantu-Siedler überquerten vermutlich die Straße von Mosambik nach Madagaskar, etwa während oder kurz nach der Ankunft der Indonesier. Sie siedelten hauptsächlich im Süden und Südwesten der Insel. Obgleich die Mehrheit der Wörter in der madegassischen Sprache malaiisch-polynesischen Ursprungs ist, entstammen einige dem Bantu wie omby (Rind), ondry (Schaf) und andere. Einige Ethnologen sehen darin Belege, dass sich indonesische und Bantu-Siedler bald in der Inselgeschichte miteinander vermischten.

Die Bantu brachten den Kürbisresonator-Musikbogen jejolava und mehrere Bechertrommeln mit, darunter die große Ritualtrommel bekiviro. Die mehrsaitige Bambusröhrenzither valiha, die für die madegassische Musik charakteristisch ist, stammt jedoch von den Malaiischen Inseln. Die Bantu führten auch ein für Ostafrika einmaliges Kulturmerkmal ein: den Viehbesitz. Besonders in den südlichen Savannen Madagaskars, in dem die afrikanischen Einflüsse am stärksten sind, werden Reichtum und sozialer Status am Besitz von Vieh gemessen; die Zahl der Zebus übersteigt die der Einwohner um das zwei- bis dreifache. Araber mini|Vase mit arabischen Schriftzügen vom Friedhof von Vohémar in der nordöstlichen Provinz Antsiranana Ob die mittelalterlichen arabischen Seefahrer und Geografen Madagaskar kannten, war lange Zeit umstritten. Durch die Ausgrabungen in Mahilaka konnte aber eine Handelsstadt mit Moscheen und Steingebäuden belegt werden, die vom 10. bis zum 15. Jahrhundert blühte. Die Stadt umfasste eine Fläche von 75 ha und war von einer Mauer umgeben. Während im Machtzentrum die Eisenverarbeitung und der Konsum von Haustieren dominierte, lebten Reisbauern in den peripheren Gebieten.Marie de Chantal Radimilahy: Mahilaka. An archaeological investigation of an early town in northwestern Madagascar, Diss. Uppsala 1998 Die der Südküste Ophirs (Afrika) gegenüber liegende Insel war als Phebol, Cernea, Menuthias, Medruthis, Sherbezat, Camarcada oder Mondinsel bekannt.

Anfang des 10. oder 11. Jahrhunderts verkehrten arabische und sansibarische Sklavenhändler entlang der afrikanischen Ostküste und ließen sich an der Westküste Madagaskars nieder. Ihre heutigen Nachkommen bilden die ethnische Gruppe der Antaimoro an der Südostküste nahe Manakara. Die arabischen Einwanderer bildeten verglichen mit den Indonesiern und den Bantu eine Minderheit. Die madegassischen Namen für Jahreszeiten, Monate, Tage und Münzen sind arabischer Herkunft, ebenso die Beschneidung, der gemeinsame Getreidevorrat und verschiedene Grußformen. Arabische Medizinmänner, Ombiasy genannt, etablierten sich als Richter in vielen madegassischen Königtümern. Arabische Einwanderer führten ein patriarchales Familien- und Clansystem ein. Zuvor hatten die Madegassen das polynesische matriarchale System praktiziert, in dem Rechte, Privilegien und Besitz den Männern und Frauen in je gleicher Weise zugeteilt waren.

Europäische Kolonialisierungsversuche (ab 1528), Piraterie Umlenkung des Gewürzhandels, Portugiesen, Engländer, Franzosen mini|Descrittione dell'Isola di S. Lorenzo [Madagascar], in: Tomaso Porcacchi Castilione: L'Isole piu famose del Mondo, Venedig 1576, S. 178–181, hier: S. 178 (Digitalisat)

Bis zum 15. Jahrhundert hatten die Europäer den Muslimen den Gewürzhandel abgerungen. Davor verlief er über den Nahen Osten direkt von Indien zum Mittelmeer. Nachdem ihre Frachtschiffe das Kap der guten Hoffnung umrundet hatten, verlief der Gewürzhandel von Indien direkt nach Portugal. Der portugiesische Seemann Diogo Dias setzte 1500 als erster Europäer seinen Fuß auf madegassischen Boden, als sein Schiff auf der Fahrt nach Indien vom Kurs abkam. 1528 erfolgte ein portugiesischer Ansiedlungsversuch, der jedoch scheiterte; die Siedler wurden niedergemacht.Pierre Van den Boogaerde: Shipwrecks of Madagascar, New York 2003, S. 3. Portugal konzentrierte sich weitgehend auf das nahe gelegene afrikanische Festland und gab Madagaskar um 1630 endgültig auf.

miniatur|Karte von Fort Dauphin um 1650 In den folgenden zweihundert Jahren strebten Engländer und Franzosen weniger nach der Herrschaft über die Insel, als vielmehr nach deren Ressourcen, ab dem 18. Jahrhundert vor allem für die Versorgung ihrer Plantagenkolonien. So suchten sie nach Sklaven für Mauritius, bzw. Réunion, importierten aber auch Reis und Rinder von Madagaskar, um die Arbeiter auf ihren Zuckerrohrplantagen versorgen zu können. Fieber, Dysenterie, die feindliche madegassische Bevölkerung und das harte trockene Klima Südmadagaskars setzen 1646 der zwei Jahre zuvor gegründeten englischen Ansiedlung bei Toliara ein Ende. Die Piraten William Courteen und Thomas Kynneston waren die führenden Köpfe dieses Besiedlungsversuchs.Baylus C. Brooks: Sailing East. West-Indian Pirates in Madagascar, Gainesville 2018, S. 138. Eine weitere Siedlung im Norden in Nosy Be wurde 1649 aufgegeben.