Die Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73 komponierte Johannes Brahms im Jahr 1877.

Entstehung Brahms begann im Sommer 1877 während eines Aufenthaltes in Pörtschach am Wörther See (Kärnten) mit der Arbeit an der Sinfonie. Am 17. September 1877 fuhr er nach Lichtental bei Baden-Baden, wo sich Clara Schumann aufhielt und wo er im vorangegangenen Sommer die Sinfonie Nr. 1 fertiggestellt hatte. Zu diesem Zeitpunkt stand das Konzept der Sinfonie, der erste Satz und Teile des letzten (wahrscheinlich auch der übrigen Sätze) waren aufgeschrieben und wurden engen Freunden am Klavier vorgespielt. Mitte Oktober war dann die Partitur fertig.Reinhold Brinkmann: Späte Idylle. Die zweite Symphonie von Johannes Brahms. (= Musik-Konzepte. Heft 70). edition text + kritik, München 1990, ISBN 3-88377-377-8. Während Brahms an seiner ersten Sinfonie viele Jahre arbeitete, wurde die zweite Sinfonie damit in relativ kurzer Zeit vollendet.Christian Martin Schmidt: Brahms Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. Kapitel III. Volkston und Naturidylle. Verlag C. H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-43304-9, S. 57–69.

Während der Arbeitsphase führte Brahms seine Freunde und den Verleger Simrock oft dadurch in die Irre, dass er das Werk als besonders traurig oder wehmütig bezeichnete. So schreibt er z. B. am 22. November 1877 an Simrock:

Die Uraufführung der Sinfonie fand in Wien am 30. Dezember 1877 unter der Leitung von Hans Richter statt und war sehr erfolgreich. Auch spätere Aufführungen wurden gut aufgenommen (mit Ausnahme der zweiten Aufführung am 10. Januar 1878 wegen schlecht spielender Bläser).Constantin Floros: Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73. In: Giselher Schubert, Constantin Floros, Christian Martin Schmidt: Johannes Brahms: Die Sinfonien. Einführung, Kommentar, Analyse. Schott-Verlag, Mainz 1998, ISBN 3-7957-8711-4, S. 77–138.Robert Pascall: Von der ernsthaften und monumentalen Pastorale. Symphonie D-Dur, op. 73. In Renate Ulm (Hrsg.): Johannes Brahms. Das Symphonische Werk. Entstehung, Deutung, Wirkung. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1996, ISBN 3-423-30569-X, S. 217–229.

Im August 1878 erschien die Partitur, die Orchesterstimmen und der vierhändige Klavierauszug bei Simrock. Brahms erhielt dafür 5000 Reichstaler.

Rezeption Die zweite Sinfonie wird oft als populärste Sinfonie von Brahms angesehen.Wolfram Steinbeck, Christoph von Blumröder: Die Symphonie im 19. und 20. Jahrhundert. Teil 1: Romantische und nationale Symphonik. In: Siegfried Mauser (Hrsg.): Handbuch der musikalischen Gattungen. Band 3.1. Laaber-Verlag, Laaber 2002, ISBN 3-89007-126-0, S. 199–201. Nach der sehr erfolgreichen Wiener Uraufführung konnte sie sich rasch durchsetzen. Fast überall, wo sie 1878 aufgeführt wurde, fand sie eine enthusiastische Aufnahme und bekam bis auf wenige Ausnahmen gute Kritiken. In den (zeitgenössischen und aktuellen) Kritiken und Besprechungen des Werkes werden oft folgende Aspekte hervorgehoben: die heitere, pastorale Grundstimmung des Werkes (jedoch weist das Werk auch melancholische Momente auf)Reinhold Brinkmann (1990, S. 75 ff.) weist auf mehrere melancholische Momente in der Sinfonie hin, z. B. im ersten Satz der erste Auftritt der Posaunen in Takt 33. Siehe auch beim zweiten Satz., Assoziationen zu „Naturidylle“, der starke Gegensatz zur 1. Sinfonie in Stimmung, Ausdruck und Erfassbarkeit.

Beispiel für eine positive zeitgenössische Kritik (Eduard Hanslick in der Neuen Freien Presse am 3. Januar 1878):

Beispiel für eine negative zeitgenössische Kritik (Illustrirtes Wiener Extrablatt, 1. Januar 1878):

Zur Musik Orchesterbesetzung: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, I. Violine, II. Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass.

Aufführungszeit: Carl Ferdinand Pohl berichtet von der Uraufführung am 29. Dezember 1877: „Zeitdauer der Sätze: 19, 11, 5, 8 Minuten“. Dies entspricht einer Aufführungsdauer von 43 Minuten. In aktuellen Einspielungen variiert die Aufführungszeit insbesondere in Abhängigkeit von der Wiederholung der Exposition im ersten Satz. Eine Übersicht zu den Satzdauern verschiedener Einspielungen bringt Reinhold Brinkmann. Danach hat keine der damals (1990) neueren Einspielungen die Tempo-Proportionen der Uraufführung. Die Streubreite der Tempi war insgesamt groß, wobei der erste und letzte Satz fast durchweg langsamer gespielt wurden als bei der Uraufführung.

Die folgende Gliederung ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Allegro non troppo D-Dur, 3/4-Takt, 523 Takte mini|Erster Satz (Musopen Symphony Orchestra) rechts|500px|page=90

Der Satzbeginn kann insofern als Doppelthema verstanden werden, als Ober- und Unterstimme selbständig geführt sind. Cello und Kontrabass beginnen mit einem Pendelmotiv, auf dem nacheinander die Hörner und Holzbläser mit ihrer gesanglichen Melodie (Hauptthema, erstes Thema) einsetzen. Das Pendelmotiv läuft währenddessen in den Unterstimmen weiter, tritt aber auch in den Oberstimmen auf. Durch die Diatonik, die Instrumentierung, die Vortragsbezeichnungen piano und dolce bekommt der Satzanfang pastoralen Charakter. Sowohl Thema als auch Pendelmotiv sind für den weiteren Satzaufbau von Bedeutung, das Pendelmotiv sogar für die ganze Sinfonie. Auftritte des Pendelmotivs z. B. im zweiten Satz: Takt 45 ff., 55 f., 60 f.; zu Beginn des dritten Satzes, zu Beginn des vierten Satzes. Der Musikwissenschaftler Elmar Budde erkannte in dem Hauptmotiv eine frappierende typologische und melodische Ähnlichkeit mit Alberich Zwyssigs Vertonung des Marienlieds Milde Königin, gedenke (1841).Klaus Döge: „Also blus das Alphorn heut“. Volksmusik und Volkston im symphonischen Werk von Johannes Brahms. In: Renate Ulm (Hrsg.): Johannes Brahms. Das symphonische Werk. 2. Auflage. Bärenreiter, Kassel 200, ISBN 978-3-7618-2111-4, S. 104–108, hier S. 107.

Das Hauptthema klingt als „bedeutungsschwere viertaktige Folge“ von Pauke, Posaune und Basstuba, die dreimal wiederholt wird, aus. Pianissimo setzt dann in Takt 44 eine zum vorigen Geschehen kontrastierende, „aufblühende Achtelfiguration“ des Hauptthemas in den Streichern an, die wie ein Neuanfang wirkt. Die vorigen 43 Takte können gegenüber dem Themeneinsatz in Takt 44 als Einleitung wirken (z. B. Kelly Dean Hansen: Symphony No. 2 in D Major, op. 73. www.kellydeanhansen.com/opus73.html, Abruf 1. Oktober 2015.); Wolfram Steinbeck, Christoph von Blumröder 2002; Gerhardt von Westermann: Knaurs Konzertführer. Th. Knaur Nachf. Verlag, München 1951, S. 237–240.) Nach Reinhold Brinkmann (1990: 47) sprechen folgende Aspekte dagegen: a) die Takte 1–43 stellten das Basismaterial der ganzen Sinfonie vor, b) der formale Sinn von Takt 44 ff. sei nur als Steigerung von Takt 1 ff. begreifbar, c) Reprise und Coda beziehen sich auf Takt 1 ff., nicht auf Takt 44 ff., d) die „zentrale Polarität“ der Sinfonie werde in den ersten 43 Takten vorgestellt, e) die Wiederholung der Exposition beginnt mit Takt 1 und nicht mit Takt 44. Die Themenvariante wird dann von den Flöten übernommen, bis sich die Dynamik mit dem Pendelmotiv im Wechsel von Ober- und Unterstimme zum Forte steigert. Zudem findet eine Beschleunigung durch Phrasenverkürzung und motivische Verdichtung statt. Auffällig ist die scherzandoartige Achtel-Variante des Pendelmotivs ab Takt 66 mit dem Piano-Dialog von Holzbläsern (Staccato) und Violinen (Legato).

Das Seitenthema (zweites Thema) mit stimmführenden Bratschen und Celli in parallelen Terzen beginnt in der Dominantparallele fis-Moll, wechselt dann zwischen verschiedenen Tonarten. Das Thema ist ähnlich zum Lied Guten Abend, gut’ Nacht op. 49 Nr. 4 von Brahms aufgebaut.Dietmar Holland: Symphonie Nr. 2 D-dur op. 73. In: Attila Csampai, Dietmar Holland (Hrsg.): Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-8052-0450-7, S. 508–511. Während das Seitenthema kaum gegensätzlich zum Hauptthema wirkte, folgt nun eine „Kontrastpartie“ (Takt 118–155) im Forte mit markantem, punktiertem Rhythmus, dem Pendelmotiv in rhythmischer Umbildung (Takt 127 ff.) angereichert mit Synkopen, die sich in der etablierenden Sechzehntelbewegung bis zum Fortissimo steigern. Im „großen Esspressivo“ ab Takt 136 spielen Fagott und Bass mit den Violinen im Dialog ein vorwärtsdrängendes, weitgespanntes Dreinotenmotiv zu starken Synkopen der Bratschen, Hörner und Klarinetten. Die Schlussgruppe ab Takt 156 greift das Seitenthema mit Stimmführung in 2. Violine und Bratsche auf (nun in der Dominante A-Dur), begleitet von einer figurativen, aus dem Pendelmotiv abgeleiteten Gegenstimmen in den Flöten. Nach der Themenwiederholung mit veränderter Instrumentierung endet die Exposition in Takt 182 und wird wiederholt. Die Wiederholung wird in manchen Einspielungen nicht eingehalten. Elisabeth von Herzogenberg schrieb am 13. März 1878 in einem Brief an Brahms nach der Dresdener Aufführung der Sinfonie am 6. März 1878: „Herr H., Kritiker-Oberpriester in Dresden, begreift richtig wieder nicht, warum der erste Teil des Satzes der D-Dur wiederholt wird.“ (zitiert bei Constantin Floros 1998: 107).

Die Durchführung (Takt 183–301) lässt sich in fünf Abschnitte gliedern: Abschnitt 1 (Takt 183–203) greift das Hauptthema in F-Dur (Hörner) und in B-Dur (Flöten) auf. Abschnitt 2 (Takt 203–223): Fugato des Hauptthemas (mit Gegenstimme aus Staccato-Achteln) über die Figur aus Takt 6–8 vom Hauptthema, angereichert mit zwei Kontrapunkten. Brahms wechselt dabei (bis Takt 238 in Abschnitt 3) im Quintenzirkel abwärts (c-Moll, g-Moll, d-Moll, a-Moll, A-Dur, e-Moll, H-Dur). Abschnitt 3 (Takt 224–246): Engführung und Durchführung des Pendelmotivs. Abschnitt 4 (Takt 246–281): Passage mit Kombinationen des Pendelmotivs zusammen mit der Terz aufwärts (Kopf vom Hauptthema, Takt 1) im Fortissimo, der „aufblühenden Achtelfiguration“ aus Takt 44 im (Mezzo-) Forte) gefolgt vom abwärts sequenzierten Pendelmotiv im Piano. Beginn der Passage in Takt 246 von g-Moll aus, Wiederholung in Takt 258 von B-Dur aus. Abschnitt 5 (Takt 282–301): Herausstellung der Terz aufwärts vom Themenkopf (Takt 1) durch mehrmalige Wiederholung im Fortissimo. Chromatische Rückung von f nach fis mit folgendem D-Dur. Ab Takt 290 Rückführung zur Reprise mit der Terz vom Themenkopf und der „aufblühenden Achtelfiguration“ aus Takt 44.

Die Reprise (Takt 302–446) beginnt „ganz undramatisch“: Die Tonika D-Dur war bereits in Takt 290 angedeutet, direkt vor Repriseneintritt in Takt 301 verwendet Brahms die Moll-Subdominante g-Moll und weist ab Takt 302 Cello und Kontrabass das dominantische A als Liegeton zu. Das Hauptthema wird nun von der Oboe gespielt, angereichert mit der „aufblühenden Achtelfiguration“ als Kontrapunkt in der Bratsche. Daraus entwickelt sich eine die Hauptlinie umschlingende Achtelgirlande. Das ruhige Ausklingen des Hauptthemas entsprechend Takt 19 ist erweitert, bis nach Wechsel von verschiedenen Tonarten nur noch die Achtelgirlande übrig bleibt. Der Abschnitt endet als Akkordfolge in den Bläsern ähnlich wie am Ende vom Hauptsatz (Takt 33). Nach dem Seitenthema (Takt 350–385, Tonikaparallele h-Moll) und der Kontrastpartie (Takt 386–423) schließt die Reprise mit der Schlussgruppe (Takt 423–446) ähnlich wie in der Exposition.

Auch die Coda (Takt 447–523) lässt sich in fünf Abschnitte gliedern: einleitender Achttakter (Takt 447–454). die mit dem Pendelmotiv beginnende,„ungemein expressive Hornstelle mit ganz kühnen Ausweichungen“ (Takt 455–476). Hauptthema und Pendelmotiv in Streichern und Horn. Im Gegensatz zum Satzanfang sind nun die metrischen Schwankungen, die sich dort aus dem versetzten Einsatz von Pendelmotiv und Hauptthema ergaben, aufgehoben.